„Unsere kleine Farm“ (1974-1983) gehört zu jenen US-Serien, die sich ins bundesdeutsche Fernsehgedächtnis eingebrannt haben. Nicht zuletzt Hauptdarsteller Michael Landon machte die Saga der Siedlerfamilie Ingalls zum Inbegriff des wohligen Familienfernsehens. Was das Publikum über Jahrzehnte an der Serie liebte, waren weniger die einzelnen Episoden; es war vielmehr ein Gefühl, ein Setting und eine Ausstrahlung. Grundlage der Serie waren die semi-autobiografischen Romane von Laura Ingalls Wilder mit Kindheitserinnerungen an das beschwerliche Leben der Siedler zwischen 1870 und 1890. Dass dieser Stoff nun neu aufgelegt wird, folgt einer nüchternen Datenanalyse. Während der Covid-Lockdowns wurde die alte Serie bei Netflix international massenhaft gestreamt. Das Update ist also auch eine Wette darauf, dass sich diese Sehnsucht serialisieren lässt.
Die Verheißung auf ein Stück Land
Showrunnerin Rebecca Sonnenshine erzählt in acht Folgen, wie die Ingalls die „Big Woods“-Wälder in Wisconsin verlassen und als Arbeitsmigranten Richtung Kansas ziehen, angelockt vom Versprechen auf freies Land. Reizvoll ist erneut die Erzählperspektive des Mädchens Laura (Alice Halsey), das später Schriftstellerin wird und die Welt der Erwachsenen mit neugierigem Blick beobachtet. Weil die Serie das Leben als Pionier im unerschlossenen Grenzland aus der Sicht der Kinder erlebbar macht, katapultiert sie auch die Zuschauer in eine andere Zeit, in der eine Pfefferminzstange aus dem Gemischtwarenladen noch ein Ereignis und Weihnachten ein Wunder war.
Die Westernstadt Independence, in der die Familie schließlich landet, wirkt wie aus dem Bilderbuch. Doch die Idylle hat Risse. Im Laden wird Mutter Caroline (Crosby Fitzgerald) gewarnt, dass es hier „Männer und Wölfe“ gäbe, die es auf Mädchen abgesehen hätten. „Wir brauchen ein weiteres Gewehr und einen weiteren Hund“, lautet das lakonische Fazit der Eltern. Beide Bedrohungen löst die Serie prompt ein. In einer der intensivsten Szenen der ersten Folgen bedroht nachts ein Wolfsrudel auf freiem Feld die Töchter, bis Caroline mit dem Gewehr zur Rettung eilt. Das Land zieht auch zweifelhafte Gestalten an: strauchelnde, versehrte, vom Bürgerkrieg gezeichnete Männer wie den whiskeyseligen Eigenbrötler John Edwards (Warren Christie). Die Gemeinde begegnet mit Skepsis, ehe sein Verschwinden Charles Ingalls (Luke Bracey) und dessen Angehörige zu einer Suchaktion zwingt. Spätestens wenn ein Malaria-Ausbruch die Region befällt, wird die Zerreißprobe existenziell.
Die moralischen Koordinaten werden verschoben
Die Serie bürstet den US-amerikanischen Mythos jedoch gegen den Strich. Die Ingalls schaffen es in der Wildnis nicht allein; sie brauchen die Gemeinschaft, und ausgerechnet an einem Ort namens Independence. Zugleich wird der Stoff einer behutsamen Revision unterzogen. Wo die Osage in der Originalserie nahezu nur im Pilotfilm eine Rolle spielten, bekommen sie hier eine eigene Perspektive. Laura findet die Puppe eines Osage-Mädchens und schließt Freundschaft mit ihm. Die Erzählung wechselt in den Haushalt einer Osage-Familie, an deren Tisch über die Landaufteilung und den Konflikt mit den weißen Siedlern gesprochen wird. Dass die geplante Farm der Ingalls‘ auf Osage-Land liegt, verschiebt die moralischen Koordinaten der Vorlage, ohne die Familie zu Bösewichten zu stempeln.
Wenn Laura und ihre Schwester Mary (Skywalker Hughes) die Vorurteile der Mutter gegenüber den Ureinwohnern hinterfragen, wirkt das nicht aufgesetzt, sondern wird aus der Kinderperspektive folgerichtig entwickelt. Auch sonst holt die Serie Figuren aus dem Hintergrund, die in der ursprünglichen Fassung kaum mehr als Randnotizen waren, allen voran den afroamerikanischen Arzt Dr. Tann (Jocko Sims), der jetzt eine eigene Geschichte erhält. Die Figuren der Neuauflage tragen allesamt schwer an ihren Gefühlen; das Melodram beschwört eine mythische Siedlerwelt – und bricht sie im selben Atemzug.
Romantisierung des einfachen Landlebens
Inszenatorisch ist das über weite Strecken sehr überzeugend. Die Kamera rückt die weiten Prärielandschaften ins Zentrum, taucht die Gesichter in sanftes Licht und zelebriert eine Ästhetik, die man heute „Cottagecore“ nennt und das einfache Landleben mit Brotbacken, Einmachen und handgenähten Quilts romantisiert. Dazu gehören auch dampfendes Maisbrot frisch aus dem Ofen, Gläser voller Bonbons, eingemachte Vorräte für den Winter. Diese Ästhetik ist Ausdruck einer nostalgischen Sehnsucht nach überschaubaren Zeiten. Abseits von Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Dauerbeschleunigung entwirft die Serie eine beherrschbare, sinnlich-greifbare, handhabbare Welt, die auch die Familienunterhaltung nicht überfordert und erst recht nicht zu hoffnungsloser Zerstreuung verleitet. In Zeiten von Klimawandel und Kriegen liegt darin ein Versprechen.
Man kann diese heimelige Machart auf amüsante Weise als rückwärtsgewandt interpretieren und darin ein Symptom erblicken. Die neue Version von „Unsere kleine Farm“ zeugt vom kulturellen Shift der zweiten Amtszeit von Donald Trump, von einer Abkehr herausfordernder Formate hin zum guten alten Kabelfernsehen, im besten wie im ambivalentesten Sinne. Von ihren Topoi her ist „Unsere kleine Farm“ eine gemütlichere Variante dessen, was „Yellowstone" und sein Ableger „1923" als harten Frontier-Stoff durchdeklinieren, gewissermaßen „Yellowstone“ light fürs Familienpublikum. Gewalt- oder Sexdarstellungen haben darin keinen Platz. In der Westernstadt findet sich dementsprechend kein Western-übliches Bordell oder ähnliche Etablissements. Auch wenn die Erzählung in der Mitte der Staffel ein paar Längen hat und sich in Alltagsvignetten erschöpft, tut das dem Suchtfaktor des Melodrams erstaunlich wenig Abbruch.
Am Ende steht eine Wohlfühlerzählung, die das Original zeitgemäß aktualisiert, ohne dessen Grundstruktur hinter sich zu lassen: ein Amerika der Härten und zugleich ein Idyll, in dem die Siedler aber nicht mehr allein die Guten sind. Dass eine solche Inszenierung heute wieder Millionen erreicht, sagt mehr über die Gegenwart als über die Prärie des 19. Jahrhunderts.