Weekend (2011)

Drama | Großbritannien 2011 | 93 Minuten

Regie: Andrew Haigh

Zwei grundverschiedene Männer lernen sich in Nottingham kennen und lieben. Während eines Wochenendes reden und streiten sie sich über ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben als Homosexueller und vom Glück. Eine wehmütige und zärtliche Liebesgeschichte, in der die Kamera das Paar ohne Scheu und ohne ihm aufdringlich auf den Leib zu rücken beobachtet. So hat die Beschreibung der homosexuellen Beziehung nichts Voyeuristisches und findet auf authentische, zugleich intensive und zurückhaltende Weise zu allgemein gültigen Aussagen über das Leben und die Liebe. (O.m.d.U.) - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
WEEKEND
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2011
Produktionsfirma
The Bureau/Glendale Picture Compan/Synchronicity Films
Regie
Andrew Haigh
Buch
Andrew Haigh
Kamera
Urszula Pontikos
Musik
James Barker
Schnitt
Andrew Haigh
Darsteller
Tom Cullen (Russell) · Chris New (Glen) · Jonathan Race (Jamie) · Laura Freeman (Jill) · Loretto Murray (Cathy)
Länge
93 Minuten
Kinostart
20.10.2011
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Pro-Fun (16:9, 1.85:1, DD2.0 engl.)
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Diskussion
Mit Jean-Luc Godards gleichnamigem Film (fd 15 922) hat Andrew Haighs „Weekend“ außer der überschaubaren Zeitspanne, die er beschreibt, inhaltlich kaum etwas gemein. Trotzdem führt die Spur nicht in die Irre. Es weht ein Hauch von Nouvelle Vague durch den Spielfilm, in dem zwei Liebende ein Wochenende lang miteinander schlafen und reden, reden, reden. Aber anders als etwa bei Godard oder Eric Rohmer sind die Liebenden, die hier über sich und die Welt philosophieren, zwei Männer. Eine „amour fou“ ist es nicht gerade, trotzdem steht ihre Liebe unter keinem guten Stern; denn kaum haben sich Russell und Glen in einer Disco in Nottingham gegenseitig aufgegabelt und miteinander Russells Plattenbauwohnung die Nacht verbracht, erfährt Russell, dass Glen schon am anderen Tag nach Amerika ziehen wird, um Kunst zu studieren. An einer Beziehung, behauptet Glen, sei er sowieso nicht mehr interessiert, seit sein langjähriger Lebensgefährte ihn verlassen hat. Die beiden streiten sich über ihre unterschiedlichen Vorstellungen von einem Leben als Homosexueller und vom Glück. Russell hofft auf die große Liebe, an die Glen schon lange nicht mehr glaubt. Wenn Männer heiraten, ist das für ihn nur der verzweifelte Versuch, sich anzupassen, wohingegen Russell dies als eine mutige, selbstbewusste Handlung versteht. Russell macht aus seinem Schwulsein kein Geheimnis, aber er erzählt auch nicht jedem davon. Glen dagegen gibt sich als Schwulenaktivist. Während Russell viel Zeit mit seinem besten Freund Jamie, mit dem er im Kinderheim aufgewachsen ist, und dessen Familie verbringt, hasst Glen die heterosexuell dominierte Gesellschaft, von der er sich als Mensch und Künstler ausgegrenzt fühlt. Alles, sagt er, würden sich die Heteros anschauen, Bilder vom Krieg, Bilder von toten Kindern, aber bloß keine Bilder von schwulem Sex. Haigh selbst hat darauf in seinem Regiedebüt „Greek Pete“ (2009) wenig Rücksicht genommen. In expliziten Bildern schilderte er darin den Alltag eines Strichers und wandte sich damit einem der beiden traditionell großen Themen des Queer-Cinemas zu. Das andere, das Coming-Out, berührt er nun in „Weekend“ nur am Rand, als er Russell und Glen im Gespräch den Moment durchspielen lässt, in dem Russell seinem Vater eröffnete, dass er schwul sei. Ansonsten aber setzt „Weekend“ die Entwicklung des „Schwulenfilms“ der letzten Jahre fort, sich nicht länger auf diese beiden Erzählungen beschränken zu lassen. Das Etikett des „Schwulenfilms“, das Filme über schwule Beziehungen in einen Szene-Zusammenhang sperrt, in dem schwule Filmemacher für ein schwules Publikum Filme über Schwule drehen, erscheint deshalb immer fragwürdiger. „Weekend“ ist ein Film, der wahrscheinlich wieder primär Homosexuelle ins Kino locken wird, obwohl er durchaus ein breiteres Publikum verdient hätte. Das nicht in erster Linie, weil Haigh die Sexszenen diesmal ungleich zurückhaltender inszeniert als in seinem Debüt, sondern vor allem weil er eine schöne, wehmütige und zärtliche Liebesgeschichte erzählt. Die Kamera beobachtet das Paar ohne Scheu, aber auch ohne ihm aufdringlich auf den Leib zu rücken. Immer wieder geraten Alltagsgegenstände, Möbel oder Vorhänge zwischen den Blick der Kamera und die Protagonisten. Wie ein unsichtbarer Beobachter schaut und hört die Kamera ihnen zu, wenn sie Sex haben, miteinander reden, flüstern und sich noch im Halbschlaf einige Worte zulallen. Das hat nichts Voyeuristisches, sondern wirkt ganz selbstverständlich. Die Kamera ist mit dabei, als ginge es ihr nur um das Geschehen; sie nimmt auf, registriert, stellt nicht aus. Gelingen kann das wahrscheinlich nur, weil Tom Cullen und Chris New genauso spielen: intensiv, zurückhaltend, authentisch. Es stimmt schon, was Glen gegen Ende des kleinen Low-Budget-Films sagt: Wir sind hier nicht in „Notting Hill“ (fd 33 730). In „Weekend“ geht alles ein bisschen ruhiger, ungeschminkter und unaufgeregter zu. Aber das hängt vermutlich damit zusammen, dass das Leben von Russell und Glen mit unserem eigenen, egal ob schwul, lesbisch, hetero oder sonst was, Leben deutlich mehr zu tun hat als das von Anna Scott und William Thacker.
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