Picnic at Hanging Rock

Serien-Adaption von Joan Lindsays Roman

Diskussion

Der Gothic Horror lässt schon gleich zu Beginn atmosphärisch grüßen, wenn Mrs. Hester Appleyard (Natalie Dormer) das leerstehende Herrenhaus in Augenschein nimmt, das bald ihr Domizil und ihre Mädchenschule werden soll: Das stolze Anwesen wirkt un-heimelig und einschüchternd – worin ihm die neue Hausherrin in nichts nachsteht. Eine interessante Verschiebung: Eigentlich ist es im Roman „Picnic at Hanging Rock“ (1967) von Joan Lindsay, auf den die neue Serienadaption zurückgreift und den auch bereits Peter Weir 1975 als grandiosen Spielfilm adaptiert hatte, ja die Natur in Gestalt der mysteriösen Felsenformation des Titels, in der das Übernatürlich-Unheimliche verortet ist. In der neuen Serie legt der Einstieg nahe, zunächst das Unheimliche in der sogenannten Zivilisation zu sehen, genauer: in der australischen (Kolonial-)Gesellschaft an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der die Geschichte verortet ist. Und das heißt im Kontext eines Stoffes, der in einem Mädcheninternat spielt und bei dem es fast nur um Frauen geht: das Unheimliche der geschlechtsspezifischen „Zurichtung“ und des restriktiven Frauenbildes, an dem sich Schülerinnen wie Lehrerinnen abarbeiten müssen.

Peter Weirs Interpretation des Romans gilt bis heute als einer der wichtigsten australischen Filme aller Zeiten. Die Serie scheint sich indes mehr an der Vorlage selbst als an diesem Erfolgsfilm zu orientieren. Auch deutet sich an, dass jenes Kapitel, das in Joan Lindsays Roman auf den (weisen) Rat der Lektorin hin nicht in die Veröffentlichung aufgenommen wurde, sondern später gesondert publiziert wurde („The Secret of Hanging Rock“) und das Rätsel um den „Hanging Rock“ lüftete, in die Serie mit einfließt. Was ihr nicht unbedingt guttut. Während die Geschichte um einige Schülerinnen des Mädcheninternats von Mrs. Appleyard, die im Jahr 1900 während eines Picknicks an dem legendenumwobenen Felsen spurlos verschwinden, bei Weir zwischen Unheimlichkeit und sinnlicher Ausbruchs- und Befreiungsfantasie kunstvoll in der Schwebe gehalten wird, bürsten die Macher der Serie den Stoff stärker in Richtung Schauerromantik beziehungsweise Fantastik und gestalten ihn handfester, sowohl was die zu lösenden Rätsel als auch was die emanzipatorischen Ansätze betrifft.

Das besitzt nicht den geheimnisvollen Zauber, den Weirs Adaption verströmte, hat aber eigene Meriten. Die sechs Episoden nutzen vor allem die Möglichkeit, mehr Zeit und Spielraum zum Ausbau ihrer Charaktere zu haben. Wovon nicht nur die gestrenge Mrs. Appleyard profitiert, die hinter ihrer Fassade unberührbarer Wohlanständigkeit einen Abgrund bitterer, demütigender Erfahrungen mitschleppt, aus dem sie sich hochgekämpft hat, sondern auch die Schülerinnen: Deren Persönlichkeiten und unterschiedliche familiäre und soziale Hintergründe werden viel stärker herausgearbeitet, als das auf Spielfilmlänge möglich ist. Wobei der Serie ein durchaus fesselndes Gesellschaftsporträt gelingt, das die diversen durch Geschlechts-, Klassen- und Rassenzugehörigkeit bestimmten Spielregeln lustvoll ausmalt und damit jede Menge Reibungsfläche bietet für die menschlichen Ambitionen, Träume und Leidenschaften, die hinter hohen Krägen eingeklemmt sind und ins Freie streben.

Filmdetails
Kommentar verfassen

Kommentieren