Genau hinsehen

Ein Gespräch mit dem Dokumentaristen Filip Antoni Malinowski über seinen Film „Guardians of the Earth“, der die Verhandlungen der Weltklimakonferenz 2015 in Paris dokumentiert

Diskussion

Bei der Pariser Weltklimakonferenz „COP 21“ im Dezember 2015 ging es um nicht weniger als die Rettung der Erde; am Ende wurde tatsächlich ein Durchbruch erzielt. Die unterzeichnenden Staaten verpflichteten sich, die globale Erwärmung im 21. Jahrhundert auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. In „Guardians of the Earth“ versucht Filip Antoni Malinowski die Verhandlungen und das historische Resultat durchsichtig zu machen. Ein Gespräch über ein waghalsiges Unterfangen.


Sind die Protagonisten Superhelden wie in „Guardians of the Galaxy“?

Filip Antoni Malinowski: Es sind durchaus ,Superhelden‘, weil es Menschen sind, die sich teilweise seit 20 Jahren durch einem höchst bürokratischen Prozess quälen und Aktenkoffer voller Papier und Texte hinter sich herschleppen, für die sie die letzten Jahre gekämpft haben. Das sind unermüdliche Leute, die wirklich für das Überleben ihrer Länder oder bestimmter Landstriche kämpfen. Der Titel meines Films „Guardians of the Earth“ bezieht sich aber nicht auf die Marvel-Reihe „Guardians of the Galaxy“, sondern auf einen jungen Mann aus den USA, auf Xiuhtezcatl Martinez, der die ,Earth Guardians Foundation‘ gegründet hat, weil er sich um die Schäden sorgt, die der Klimawandel in den USA anrichtet. Er und die Foundation haben gegen die US-Regierung wegen Nichtbeachtung des Pariser Abkommens Klage eingereicht.



Welche der Figuren ist Ihnen am liebsten?

Malinowski: Saleemul Huq, ein Klimawissenschaftler aus Bangladesch. Er hat die erste Studie in seinem Heimatland veröffentlicht, was dort passiert, wenn der Meeresspiegel zwei Meter steigt. In Bangladesch wären dann 20 Millionen Menschen auf der Flucht. Saleemul Huq ist seit mehr als zwei Jahrzehnten bei den Verhandlungen um den Klimaschutz dabei. Er gehört allerdings nicht zu denjenigen, die verhandeln. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, die so genannten „least developed countries“, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind, hinsichtlich ihrer Strategie in den Verhandlungen zu beraten.


In einer Szene sind Aktivisten zu sehen, die abgeführt werden, weil sie gegen die Präsenz von Konzernen wie Coca Cola auf dem Konferenzgelände protestieren. Um welche Figuren handelt es sich hier?

Malinowski: Jeder ist ein „Guardian of the Earth“, wenn er sich dieses Themas annimmt. Es gibt ja viele Ebenen, auf denen der Kampf gegen den Klimawandel geführt wird. Aktivisten oder Bürgervertreter bilden dabei die „Ground Force“. Je mehr Menschen es gibt, die diese Rolle einnehmen, umso mehr ist die Politik gefragt, Maßnahmen zu ergreifen. Am Ende ist auch die Wirtschaft gezwungen, zu handeln. Es braucht also eine ganze Kette von Akteuren.



Warum lassen Sie den Film mit Aussagen von Donald Trump beginnen und enden?

Malinowski: Donald Trump steht für alle Politiker, die sich des Populismus bedienen. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte ist ebenfalls einer, der am liebsten aus dem Abkommen aussteigen würde, obwohl die Philippinen zu den zehn Ländern zählen, die am meisten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind. Doch die USA haben die größte Macht, dieses Abkommen zu gefährden, und sie besitzen eine starke Signalwirkung auf andere Länder und auf die Weltwirtschaft.


Wie waren die Dreharbeiten? War es möglich, dem dramaturgischen und ästhetischen Konzept zu folgen?

Malinowski: Wir hatten ein ästhetisches Programm. Doch dann sind wir auf einer Konferenz mit 35.000 Teilnehmern aufgeschlagen, unter denen sich unsere Figuren verflüchtigt haben, weil sie in einem der 200 Konferenzsäle verschwunden sind und dann rund um die Uhr gearbeitet haben. Wir mussten unsere ästhetischen Ansprüche etwa zurücknehmen und schauen, was wir überhaupt vor die Kamera bekommen; beispielsweise, wo wir überhaupt rein können. Es war ein wenig wie im Irrenhaus. Manche Teilnehmer sind etwa in Tränen ausgebrochen. Sie stiegen wie auf einer Arche Noah zu einem Podium empor, um die Welt anzuflehen, dass ihr Land verschont bleibe und Maßnahmen ergriffen werden, die dafür notwendig sind. Für uns war es am Wichtigsten, an echte Informationen zu gelangen. Die Veranstaltung ist zwar öffentlich, aber die Verhandlungen sind geheim. Wir haben versucht, mit verdeckter Kamera Mitschnitte solcher Verhandlungen zu drehen. Wir haben Aufnahmen gemacht, in denen Diplomaten Dinge fordern, die dazu führen würden, dass eine Milliarde Menschen, etwa in Afrika, an Hunger sterben. Ich habe mich gefragt, wie ein gebildeter Mensch, der auch schon lange bei diesen Verhandlungen dabei ist, solche Forderungen stellen kann? Diese Frage möchte ich auch den Zuschauern stellen.


Betrachten Sie den Film als Ecotainment?

Malinowski: Wir wollten vor allem genau hinsehen. Wie versuchen wir als globale Kultur, dieses massive Problem zu lösen, das uns in unserer Existenz gefährdet? Können wir es überhaupt lösen? Woran liegt es, dass wir nur so schleppend vorankommen? Wir wollten einen Film über die Verhandlungen machen. Wie funktioniert das? Welche Menschen sind das, die dort hingeschickt werden? Es sollte ein Film über den Kraftakt „COP 21“ in Paris werden, ob sich die Menschheit aufraffen kann und versucht, dieses Problem in den Griff zu kriegen.



Sie haben in Wien bei Harun Farocki studiert. Sehen Sie sich in dieser Tradition oder gehen Sie einen eigenen Weg?

Malinowski: Ich war in der Fotografie-Klasse in Wien und habe dann die letzten beiden Jahre bei Farocki fertig studiert, wobei ich da schon mit meinen Produktionen beschäftigt war. Ich schätze Harun Farocki und seinen essayistischen Zugang, auch seinen analytischen Blick. Farocki hätte allerdings einen beobachtenden Dokumentarfilm über die Absurditäten der Klimakonferenz gedreht. Etwa darüber, dass es ein Land wie Frankreich, das seine diplomatischen Fähigkeiten gerne zur Schau stellt, es nicht geschafft hat, Essen ohne Fleisch zur Verfügung zu stellen. Menschen aus der ganzen Welt sind nach Paris gekommen, um die ganze Zeit über irgendwelche Baguettes mit Hühnchen und anderem Fleisch zu essen. Es gab einfach nichts ohne Fleisch. Außerdem standen überall auf der Konferenz Automaten für Cola-Dosen herum; sogar das Grand Perrier-Wasser gab es in gekühlten Dosen. Schon darin konnte man sehen, welche „Limitierungen“ und „Engpässe“ es wirklich gibt.


Sie haben bestimmt viel Material gedreht, das sie nicht verwenden konnten. Gab es Protagonisten, die es nicht in den Film geschafft haben?

Malinowski: Wir haben mit den Vereinten Nationen ein Katz-und-Maus-Spiel gespielt. Sie hatten einerseits die Ambition, ein Filmteam zuzulassen. Alle hatten ja gehofft, dass es zu einem Abkommen kommt. Andererseits gab es ja bereits die Erfahrung mit der Klimakonferenz in Kopenhagen. Dort gab es massive Ausschreitungen; es wurde sogar der Ausnahmezustand verhängt; viele Aktivisten und Journalisten wurden verhaftet. Die Berichterstattung war sehr negativ. Das führte dazu, dass auch bei unserem Projekt die Gefahr gesehen wurde, dass wir die Arbeit der UN und die Verhandlungen in Frage stellen würden. Diese Sorgen haben sich dann darin gezeigt, wo wir drehen konnten und wo nicht. Wir wussten vorab nie, ob wir Zugang erhalten oder nicht drehen dürfen. Im Endeffekt mussten wir die Protagonisten aus diesem Ameisenhaufen herausfischen. Einige sind am Ende nicht in den Film gekommen. Viele Vertreter der Inselstaaten, etwa Makurita Baaro, die UN-Botschafterin von Kiribati. Das Eiland liegt im Pazifischen Ozean und gehört zu den Inseln, die auf jeden Fall überflutet werden. Baaro ist eine Frau mit traditionellen Tattoos an ihren Armen, die von ihrem Seevolk erzählen. Sie ist vor laufender Kamera in Tränen ausgebrochen, weil sie ihr Land nicht retten kann und weil sie die technokratische Kälte, in der verhandelt wird, nicht nachvollziehen kann.



War es eine Option, die Probleme, die während der Dreharbeiten auftauchen, in den Film zu integrieren?

Malinowski: Wir haben natürlich einen Plan B mitgedreht. Bei einem komplexen Film und einem so vielgestaltigen Thema wie dem Klimawandel muss vieles sehr stark simplifiziert werden. Unser Plan B sah so aus, dass die Stimme des Regisseurs im Film zu hören gewesen wäre, der diese Komplexität möglichst schnell und bündig zusammenfasst und dabei sympathisch wirkt. Ich finde das aber nicht gut, wenn aus dem Weltall plötzlich eine Stimme ertönt, die versucht, einem die Welt zu erklären...


Das wäre dann ein Guardian of the Galaxy...

Malinowski: Genau. Letztlich haben wir einige erklärende Texttafeln im Film verwendet, worüber sich die Fernsehpartner allerdings nicht besonders freuen.


Die prominenteste Person, die im Film vorkommt, ist vermutlich Arnold Schwarzenegger.

Malinowski: Es gibt viele Gründe, warum wir Schwarzenegger im Film haben. Er ist ein Dinosaurier. Er steht für das Fossile, die alte Generation, das alte Denken. Trotzdem engagiert er sich, was er ja auch schon als Gouverneur in Kalifornien getan hat. Er interessiert sich für die Konferenz. Reist dort hin, nimmt sich die Zeit. Es fasziniert mich, wie jemand aus einem anderen Zeitalter diesen geistigen Wandel schafft und sich dieser neuen Herausforderungen annimmt. Das hat uns beeindruckt. Außerdem braucht man in Filmen wie „Guardians of the Earth“ auch immer wieder Szenen, die einen zurückholen. Beispielsweise jene Szene mit dem afrikanischen Mann, der auf die Krankenstation kommt und mit einer französischen Krankenschwester spricht, weil ihm so schlecht ist. Die Kommunikationsprobleme der beiden und der Gesundheitszustand des Mannes, der auch den Stress zum Ausdruck bringt, unter dem er steht, sind gute Kommentare zu dem, was dort auf der Konferenz passiert. Solche Szenen sind wichtig, damit die Zuschauer aufatmen und auf einer anderen Ebene reflektieren können, was sie gerade auf der Konferenz gehört und gesehen haben.


Hier geht es zur Filmkritik "Guardians of the Earth"


Fotos: Real Fiction

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