Us and Them

Das Regiedebüt der taiwanesischen Sängerin René Liu: Ein Mann, eine Frau, zwei Begegnungen im Abstand von zehn Jahren

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Die Vergangenheit war bunt, die Gegenwart ist schwarz-weiß. Die Frage ist, wie die Welt ihre Farben verloren hat. „Us and Them“, das Regiedebüt der taiwanesischen Sängerin und Schauspielerin René Liu, erzählt eine Geschichte von zwei Begegnungen. Die erste am Abend des chinesischen Neujahrs 2007, in einem Zug von Peking zurück in die Provinz. Xiao-xiao (Dongyu Zhou) hat Ärger mit einem Kontrolleur, der Student Jian-qing Lin (Boran Jing) steht ihr bei. Nach einem Halt auf freier Strecke stapfen sie gemeinsam durch ein verschneites Winterwunderland. Dass sie sich verlieben, scheint unvermeidlich.

Elf Jahre später treffen sich ihre Blicke in einem Flugzeug, diesmal über die unsichtbare Grenze zwischen Economy- und Business-Class hinweg. Die Maschine hebt nicht ab, ein Zufall verschlägt sie in dasselbe Hotelzimmer. Jian-qing ist mittlerweile verheiratet, die in Graustufen getünchten Bilder suggerieren kein glückliches Leben. Gemeinsam blicken sie auf das Jahrzehnt zurück, das sie auseinandergetrieben hat.

"Us and Them"
"Us and Them"

Ihre emotionalen Bedürfnisse sind dabei stark mit den materiellen verbunden. Das enge Hotelzimmer ist ein glattes Abbild jener Kämmerchen, die sie gemeinsam behausten, während sie in der 20-Millionen-Stadt Peking ihren Träumen hinterherjagten. Immer wieder fährt die Kamera durch die schmalen Gänge der Wohnkomplexe und präsentiert ihr Leben als Labyrinth ohne Ausgang. Als Kontrast eingestreute Panorama-Aufnahmen mit Postkartenschönheit betonen diese Enge zusätzlich. Jian-qing will eigentlich Videospiele programmieren, konsumiert sie aber meistens nur. Aus „Warcraft 3“ wird „Left 4 Dead“ wird „Battlefield“, während er doch immer der Gleiche bleibt. Für Freunde und Familie zuhause erfindet er große Erfolge;  ein Fall von „Life imitating art“: „Us and Them“ löste in China einen Skandal aus, weil die eindrucksvollen Einspielergebnisse möglicherweise geschönt wurden.

Xiao-xiao hingegen träumt von einem reichen Ehemann und jagt ärmlichen Bezirksbeamten nach, nur um sie doch irgendwann mit ihren Ehefrauen im Einkaufszentrum zu treffen. Beide halten sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser. Frust und Versagensängste, Alkohol und Gewalt schleichen sich in ihre Leben.


Innen die wahre Liebe, außen die falsche Welt. Für einen Moment.

Im Kino ist die Liebe oft ein Ausbruch. Tatsächlich gibt es eine bemerkenswerte Szene, die für große Gefühle ein großes Bild findet. Wieder ist es Neujahr, das erste nach der Begegnung im Zug. Die Schläge einer fernen Uhr künden den neuen Tag an, Jian-qing prophezeit: „Hört zu! Das ist der Countdown bis zum Ende unserer Armut. Das gute Leben liegt vor uns“. Sie zählen auf Null, fallen einander in die Arme, küssen sich wild und reißen sich die Kleider vom Körper. Die Kamera schwebt diskret davon, zur Zimmerdecke, und offenbart schließlich, dass es kein Dach mehr gibt, dass da nur Wände stehen. Die Wohnparzellen werden zum Diorama, zur Filmkulisse, das Publikum darf gottgleich in all die eng gestaffelten Zimmer und Leben hineinblicken. Innen die wahre Liebe, außen die falsche Welt. Für einen Moment.

Es wäre leicht, „Us and Them“ als konventionelles, rührseliges Melodram zu verkennen, gäbe es da nicht brechtianische Verfremdungseffekte dieser Art. Formalistische Einschübe zeigen Lius Bedürfnis, mit der Romanvorlage zu experimentieren und die simple Kernerzählung in Frage zu stellen.

"Us and Them"
"Us and Them"

Lange bleibt der Film dicht an den beiden Hauptfiguren und teilt Menschen in simple Kategorien: „Us and Them“. Doch eine positive Wendung entwickelt sich erst, als eine dritte Figur an Bedeutung gewinnt, wenn die Illusion der alles errettenden Zweierbeziehung erweitert wird. Einen emotionalen Höhepunkt der farblosen Gegenwarts-Erzählebene filmt die Regisseurin durch die Scheiben eines Autos, in denen die Verästelungen eines winterlich kahlen Baums gespiegelt werden. Sie legen sich über die Körper der Figuren, als Abbild der vielen Pfade, die sie hätten wählen können, wären da nicht die äußeren Zwänge.


Die Gefühle bleiben schwarz-weiß

Auch der dezente Sozialrealismus ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wo Figuren in Hollywood-Romanzen meist Berufe haben, die ausreichend Zeit für Privates lassen, stehen die prekären Lebensverhältnisse der Protagonisten hier immer wieder im Mittelpunkt. Als Straßenhändler muss Jian-qing mehrfach vor der Polizei fliehen und landet sogar für längere Zeit im Gefängnis. In jeden Austausch mischt sich ein Hauch von Transaktion, selbst die Liebe wird eine Ware.

Die vielen aufdringlichen Musikeinsätze und das überzuckerte Ende, das für jedes Problem einen sauberen Abschluss findet, könnte man kitschig nennen. Doch es bleibt immer eine Unsicherheit, weil jeder Endpunkt in genau jener Filmwelt gefunden wird, welche die Regisseurin zuvor eigentlich schon als Fassade enttarnt hat. Jian-qing verarbeitet seine Erfahrungen in einem Indie-Videospiel, und erst Verfremdung und Distanz erlauben ihm eine Erkenntnis über das Wesen seiner Liebe. Dass die ewig Sehnsüchtigen selbst in der letzten Einstellung nicht wirklich zusammengeführt werden, sondern nur virtuell, durch einen filmischen Trick, miteinander verbunden sind, unterhöhlt die anderen Überwältigungsmittel. Die Farben kehren irgendwann zurück – doch die Gefühle bleiben schwarz-weiß.

"Us and Them"
"Us and Them"

Anbieter/Fotos: Netflix

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