Kaputte Geschichte(n)

Eine Ausstellung zum Schaffen von Filmemacher Alex van Warmerdam im „EYE“-Filmmuseum

Diskussion

Ist Alex van Warmerdam museumsreif? Das Amsterdamer Filmmuseum EYE präsentiert gegenwärtig unter dem Titel „L‘histoire kaputt“ eine defragmentierte und re-arrangierte Filmografie des niederländischen Regisseurs. Die vom Film- und Theatermacher, Maler und Dichter selbst kuratierten Installationen eröffnen tatsächlich neue Perspektiven, da beispielsweise die Unterseite von Requisiten eigenhändige Zeichnungen van Warmerdams enthüllen. Das fasziniert und weckt eine Neugierde, welche die Ausstellung allerdings nicht ganz befriedigen kann.


Dem 1952 in Haarlem geborenen Filmemacher Alex van Warmerdam, der an der Rietveld Academie in Amsterdam Grafik-Design studierte und anschließend Theater machte, gelang 1986 mit seinem Kinodebüt „Abel“ eine Komödie, die Vergleiche mit Jacques Tati provozierte. Die Stadt in „Abel“, in dem sich ein 31-jähriger Spätentwickler allen Bemühungen seiner gutbürgerlichen Eltern widersetzt, ihn in ein „normales“ Leben zu locken, wirkte wie eine bunte Pappkulisse; die Blicke des Protagonisten durchs Fernglas, von der Wohnung der Eltern zum Zimmer der Geliebten (und zurück), erinnerten an die Naivität früher Stummfilme. Warmerdams Vorliebe für eingeschränkte Sets verriet deutlich seine Theaterherkunft; „Abel“ wirkte wie aus dem Puppenhaus und war ohne viele Worte verständlich. Trotzdem dauerte es zehn Jahre, bis der Film einen deutschen Verleih fand.


„Ich finde einen geraden Weg viel schöner als einen krummen.“

Mit „De Noorderlingen“ (1992) erreichte das Multitalent in den 1990er-Jahren seine größte Popularität. Warmerdam gewann dafür 1993 den europäischen Filmpreis (bis 1997 noch „Felix“ genannt) als bester Nachwuchsregisseur. Die skurrile Komödie mit heftigen Einschlägen des (Un-)Menschlichen zeigt das Leben einer verträumten Mustersiedlung irgendwo in den Dünen. Hinter den gardinenlosen Fensterreihen findet sich alles, was die Niederländer angeblich ausmacht: Heilige und Eifersüchtige, Lüsterne und Prüde, Religiöse und Rasende, erzählt aus dem Blickwinkel eines neugierigen Metzgersohnes.

„De Noorderlingen“ ist einer der Filme, die in Kurzfassung an mehreren Stellen der Ausstellung „L’histoire kaputt“ projiziert werden. Er steht prototypisch für das Kunstverständnis seines Schöpfers: „Das Draußen ist für mich eine kontrollierte Realität. Der Polder ist an sich schon geschaffene Landschaft. Die Niederlande sind eine künstliche Landschaft. Der Grand Canyon beeindruckt kurz, und dann fährt man weiter. Erst wenn in der Wildnis eine Siedlung auftaucht, ein Graben, ein Pfahl, dann wird es interessant.“ So wirken die reduzierten Settings des Filmemachers bis ins Absurde vertraut und verstärken in ihrer geradlinigen Nüchternheit die extremen Handlungen seiner Figuren. „Die Polderlandschaft und Mondriaan, das hängt zusammen. Ich finde einen geraden Weg viel schöner als einen krummen.“


Die Installation: Wasserleichen & Kindheitserinnerungen

Klar, aufgeräumt und gradlinig eröffnet sich auch die Ausstellung „L‘histoire kaputt“ im projektionsfreundlichen Halbdunkel. Eine große, breitformatige Zeichnung zweier Männer auf einem Floß reiht sich ein in die laufenden Bilder von Warmerdams Filmen „De Noorderlingen“,De Jurk“ ("Das geheimnisvolle Kleid", 1996), „Kleine Teun“ ("Little Tony", 1998), „Borgman“ (2013) und „Schneider vs. Bax“ (2015). Alle diese Geschichten von ins Psychopathologische tendierenden Verklemmungen und mörderischen Obsessionen packen den Betrachter direkt. Noch bevor der Blick nach einem Mehr sucht. Und nur wenig „mehr“ findet, was allerdings typisch „warmerdamsch“ ist: Ein großer Wassertank lässt durch Blickluken die angedeutete Wasserleiche einer Frau sehen. Anstelle des Kopfes blättert eine Zeitschrift immer neue Gesichter hinzu.

Ausstellungsansicht "L'histoire kaputt"; Foto © Hans Wilschut
Ausstellungsansicht "L'histoire kaputt"; Foto © Hans Wilschut

Das Herz der Ausstellung bildet ein langer, begehbarer Bretterverschlag. Neugierde und Spannung steigen, während man sich in die Warteschlange einreiht, denn dieses Objekt soll einzeln erlebt werden. Zu Recht! Der Gang durch eine Folge immer kleiner werdender Türen funktioniert schon als Inszenierung mit direkter körperlicher Reaktion. Dieses ungewöhnliche Entrée mündet in ein kleines Zimmer wie aus einem Warmerdam-Film. Mit Tisch und Schreibmaschine, Regal und ein paar Details. Die sommerlich zirpende Soundkulisse verstärkt die leicht angespannte Neugierde. Aber auch das kleine Zimmerchen mit der Schlafpritsche nebenan ist auf den ersten Blick nur irritierend gewöhnlich. Bis der Blick erwidert wird: Über Spiegel im Boden sieht man die Zeichnungen unter dem Bett, den Stühlen und Regalen. Gespenstisch und reizvoll sind darauf graue, streng triste Gesichter zu sehen. Erinnerungen an eine unfreie Kindheit, die Warmerdam nach eigenen Angaben in seiner künstlerischen Arbeit wiederbelebt? Oder Verwandte der vielen (Wasser-)Leichen aus seinen Filmen? Auf jeden Fall bespielt Warmerdam hier ganz praktisch und effektiv die Emotionen seines Publikums.


Lust am Makabren

Tatsächlich werden die oft kriminell sexuellen Obsessionen beim harmlos aussehenden Niederländer gerne mörderisch. Nähert man sich Warmerdams Selbstverständnis über seine aktuelle Ausstellung, scheint dies der Hauptaspekt seines Werkes zu sein. Die projizierten Kurzversionen seiner Filme wirken in sich schlüssig – und mächtig frauenfeindlich. „Das geheimnisvolle Kleid“ („De Jurk“, 1996), die Lebensgeschichte eines (Kleid-)Stoffes, fängt auch in der Kompilation mit dem Designer an, der eine Frau zum Sex mit einem riesigen Eber zwingen will, und endet mit einer Vergewaltigung sowie einem letzten Stofffetzen; die Filmausschnitte machen die sexualisierte Gewalt, anders als im Film, plötzlich zum Hauptthema. Wie beim anderen großen „van“ des europäischen Films, Lars von Trier, ließe sich hier aufgeregt diskutieren, ob das nun frauenfeindlich ist oder „nur“ eine dementsprechende Welt abbildet.

Doch der Gesamtzusammenhang mit Rahmenprogramm und online durch Filmvorführungen reduziert das vermeintlich Misogyne auf eine geschlechtsneutrale Lust am Makabren. Im bösen, mysteriösen „Borgman“ (2013) irritiert ein als Gärtner getarnter flämischer Lustgott, der mit seinen Trieben eine Familie aufmischt. Denkwürdig bleiben die von zwei Killern kopfüber in Beton-Eimern versenkten Leichen – seltsame Unterwasser-Pflanzen. Der Schilfsee-Thriller „Schneider vs. Bax“ (2015) ist eine lustvolle Parodie der Killerkomödie inmitten der holländischen Polderlandschaft. Das Aquarium aus „Ober“ (ohne den von van Warmerdam gespielten Kellner) erinnert in der Ausstellung an eine dementsprechende Filmszene – das konventionellste Schaustück der Präsentation.

© Hans Wilschut
© Hans Wilschut


Museumsreif?

„L’ histoire kaputt“, das „eigenwillige Solo“ des auf Fotos so typisch niederländisch „normaal“ und unauffällig wirkenden Mannes, regt zwar mit reizvollen Blicken hinter die Gegenstände die Fantasie des Besuchers an. Das Filmmuseum EYE räumte van Warmerdam viel Raum ein – den der Künstler aber primär nur als Leerraum nutzt. Lediglich eine Handvoll der Zeichnungen des überaus kreativen Niederländers sind hier zu sehen. Und wenn, dann als Projektion! Der niederländische Katalog zur Ausstellung, der sich vor allem mit Interpretationen seiner Filme beschäftigt, enthält dagegen eine Vielzahl von Motiven, die man teilweise in den Filmen wiedersieht. Die Plakate seiner Filme, aber auch die Werbetafeln seiner Theatertruppe hängen im Foyer des EYE.

Sonst ist in „L’histoire kaputt“ kein Theater zu sehen; dabei war van Warmerdam 1974 Mitbegründer der Theatergesellschaft „Hauser Orkater“. Beim Nachfolger „De Mexicaanse Hond“ ist van Warmerdam zusammen mit seinem Bruder Marc van Warmerdam noch immer aktiv, zuletzt mit den Stücken „Kleine Teun“ oder „Adel Blank“ (verfilmt als „Die letzten Tage der Emma Blank“). So drängt sich am Ende des Rundgangs durch die Ausstellung die Frage nach der Präsentationsform auf: Ist die Demontage des Filmischen, die Reduktion von Filmen auf Ausschnitte ausgerechnet für ein Filmmuseum ein lohnenswerter Ansatz? Vor allem, wenn ein Videokanal wie YouTube mit unzähligen Clips und Ausschnitten die fortwährende Zerstückelung filmischer Werke zum Programm erhoben hat?


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"L’histoire kaputt"

Bis zum 2. September im Amsterdamer Filmmuseum EYE


Der Katalog (herausgegeben von De Gids, Uitgeverij Nieuw Amsterdam, Eye Filmmuseum, 19,99 EUR) mit Illustrationen und Stills ist nur auf Niederländisch erhältlich. Wer dessen mächtig ist, kann am Angebot mehrerer Medienpartner mit Podcasts, Artikelserien und Warmerdam-Porträts durch andere Künstler partizipieren.

Während der Ausstellung sind acht Filme von Alex van Warmerdam im EYE zu sehen, teilweise auch online.

Ab Ende August wird eine neue Schnittversion des düsteren Märchens „Grimm“ (2003) gezeigt. Am 29. August gibt es einen Abend mit Alex van Warmerdam. Sein Bruder, der Komponist Vincent van Warmerdam, begleitet am 2. September eine Vorführung von „De Noorderlingen“.



Zum "EYE"-Filmmuseum:

Das neue EYE mit seiner atemberaubend ikonischen Architektur direkt gegenüber dem Hauptbahnhof Centraal Station löste das alte Filmmuseum im Vondelpark ab. EYE liegt am nördlichen Ufer des Stromes IJ, der niederländisch exakt so klingt wie das englische „Eye“ (Auge). Der Ort bietet über Kinos, Dauer- und Wechselausstellungen, Museumsshop sowie Restaurant eine überwältigende Vielfalt von (Aus-)Blicken in Filmgeschichten und -details, wie auch über die Stadt Amsterdam.

Als Spielstätte präsentiert EYE noch bis zum 27. August die Virtual Reality-Installation „Carne y Arena (Virtually Present, PhysicallyInvisible) des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu. Für den Besuch ist eine Reservierung notwendig.

Fotos: Startseite: Artwork zur Ausstellung "L'histoire kaputt". Oben: Szenenbild aus "Grimm". Unten: EYE Filmmuseum. © EYE Filmmuseum

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