Filmklassiker: Die Jacques-Becker-Edition

Eine Box mit vier Filmen des französischen Regisseurs

Diskussion

King Vidor hatte ihn im Hollywood der späten 1920er-Jahre für das junge Medium Film entflammt und Jean Renoir wurde ihm lebenslang ein wichtiger Mentor: Jacques Becker (1906 – 1960). In seiner kurzen, aber wirkungsmächtigen Karriere stieg der französische Regisseur nach 1945 selbst zu einer stilprägenden Figur des europäischen Nachkriegskinos auf. Arthaus widmet dem früh Verstorbenen eine Box mit vier Filmklassikern auf DVD/BD.


„Man müsste die Geschichte des Sehens zeigen, das sich mit dem Kino, das die Dinge zeigt, entwickelt hat. Und die Geschichte der Blindheit, die daraus entstanden ist“, heißt es einmal gewohnt polemisch in Jean-Luc Godards höchst subjektiven „Histoire(s) du cinéma - Geschichte(n) des Kinos“: Seinem 260-minütigen, überaus artifiziellen Versuch als cineastischer Filmemacher par excellence , die Macht, Magie und Bedeutung des Kinos im 20. Jahrhundert irgendwie in überzeitliche Worte zu fassen. Denn in der Meinung Godards haben dem Film schon seit den frühen 1990ern alle anderen Medien stetig das Wasser abgegraben – und der Tod des Kinos stehe unmittelbar bevor. Kurz gesagt herrsche scheinbar kinomatografischer Analphabetismus allerorts, so lautet eine seiner Thesen aus diesem sperrigen Mammutwerk zur Kinogeschichtsschreibung.

Und so überrascht es dann auch nicht, dass er im selben Werk an anderer Stelle Michel Piccoli mit bitterem Ton verkünden lässt, dass „nichts von dem, was gefeiert werden soll, den Menschen noch bekannt ist: Sie kennen Jacques Becker nicht mehr, aber Boris Becker. Das Kino ist vergessen: Den Menschen ist das Sehen und Hören vergangen.“ Wer ist also nun dieser ominöse Jacques Becker? Und was kennzeichnet seine künstlerische Handschrift?

Im Gegensatz zu seinem Heimatland, wo ihn die Autorenfilmer-Ikone Truffaut als den „reflektiertesten Filmemacher seiner Generation“ pries, und einigen Nachbarstaaten, die ihn regelmäßig mit Retrospektiven ehren (wie zuletzt beispielsweise 2016 in San Sebastián), ist das filmemacherische Oeuvre des früh verstorbenen Franzosen (1906 – 1960) hierzulande weiterhin noch relativ unbekannt. Er gilt als zwar in speziellen Kinoforen wie an manchen Filmhochschulen durchaus als „Kinemathekenliebling“, als einer, dessen Filme man einmal gesehen haben muss: Erst recht für all diejenigen, die sich selbst mit der Sprache des Mediums Film außerordentlich viel beschäftigen.

Trotzdem laufen all seine Meisterwerke, wie etwa das allegorisch-kunstseidene Melodram „Goldhelm“, das 1952 unter dem starken Einfluss Jean Renoirs entstanden ist, oder sein melancholischer Film noir-Klassiker „Wenn es Nacht wird in Paris“ (1954) als auch seine letzten Arbeiten wie das bemerkenswerte Ausbrecherdrama in Realzeit „Das Loch“ (1960) nur selten im Fernsehen, geschweige denn auf einem großen deutschen Filmfestival, was schlichtweg schade ist und obendrein seine Stellung als weiterhin etwas abseits stehender Monolith im Kanon der internationalen Filmgeschichte nur allzu deutlich unterstreicht.

"Goldhelm"
"Goldhelm"

Einer in Bild- und Tonqualität ausgezeichneten Heimkino-Edition von Arthaus (wahlweise als BD oder DVD) ist es nun zu verdanken, dass man sich vier von Beckers zentralen Werken von Neuem oder überhaupt zum ersten Mal ansehen kann. Dabei sind natürlich alle drei genannten Jacques-Becker-Klassiker („Goldhelm“, „Wenn es Nacht wird in Paris“, „Das Loch“) mit der ersten Riege französischer Schauspielkunst in den Hauptrollen vereint: Simone Signoret, Serge Reggiani, Jean Gabin, Jeanne Moreau oder Lino Ventura im Cast sprechen quasi für sich und zugleich für die frühe Anerkennung des Franzosen im Umfeld der „Cahiers du cinéma“-Kritiker wie Godard, Truffaut, Rivette oder Rohmer, die zeitgleich zu Beckers Filmen ihre ersten „Kino-Hefte“ publizierten und kurz darauf selbst überaus ruhmreich ins Regiefach wechselten.

Trotz einigen Misserfolgs an den Kinokassen lobten die damaligen Pariser Jungkritiker gerade Beckers puristischen, manchmal regelrecht semidokumentarischen Regiestil in den höchsten Tönen, der sich auch bei einer Neusichtung als relativ zeitlos erweist: Seine Art des Kinos begeistert durch konkrete Gesten, durch einnehmende Blicke, exzellente Lichtstimmungen und karge Lyrik in den Dialogzeilen. In seinem Schaffen vereint sich überaus gekonnt das klassische Erzählen französischer Prägung im Sinne einer „comédie humaine“, mit zahlreichen neorealistischen Einflüssen sowie den Aufbrüchen der Nouvelle Vague-Generation, die Paare, junges Leben und vor allem auch den gemeinsamen Beziehungsalltag in den Fokus rückten: Fern von Studios, künstlichem Licht und vielerlei Kinokonventionen.

Ergänzt wird diese auch im Bonusmaterial überzeugende Mini-Werksausgabe, die unter anderem Interviews mit Jeanne Moreau, Philippe Leroy, dem Filmemacher selbst sowie dessen ebenfalls Regie-führenden Sohn Jean Becker enthält, zusätzlich durch sein 1951 realisiertes, sehr pariserisch inszeniertes Lustspiel „Edouard und Caroline“, das eine echte Entdeckung darstellt. So unverblümt höhnisch im Tonfall, so zankend-wankend im einen und wundersam liebend im anderen Fall hat man wirklich selten ein junges Paar (Daniel Gélin und Anne Vernon) auf der Kinoleinwand der 1950er Jahre erlebt.

"Eduard und Caroline"
"Edouard und Caroline"

Auch mit diesem eher unbekannten Frühwerk hat Jacques Becker einen speziellen Regiecoup gelandet, indem er jene fröhlich-verschmitzte Ehekrachgeschichte, die zwischen der Pariser Oberschicht und der legendären Bohème-Szene der Stadt angesiedelt ist, lediglich auf einen einzigen Abend konzentriert und parallel in zwei Wohnungen spielen lässt, ehe sich alle Turbulenzen in einem bezaubernden Versöhnungsmoment am frühen Morgen auflösen.

Wenn er insgesamt auch nur 13 Filme hinterlassen hatte und vielleicht nicht jedem Kinogänger auf Anhieb bekannt sein sollte, so tritt doch gerade diese Neuedition den Beweis an, dass Jacques Becker zweifelsohne zu den wegweisenden Regisseuren nach 1945 gehörte: Als mutiger Kinoerneuerer und Geburtshelfer für viele „Neue Wellen“ im europäischen Nachkriegskino. Denn was hier oft vermeintlich alltäglich erzählt und minimalistisch inszeniert wird, möglichweise auch staubtrocken daherkommen mag, ist in Wahrheit große Leinwandkunst, die es mit den deutlich bekannteren Gesamtwerken von Robert Bresson, Henri-Georges Clouzot oder Jean-Pierre Melville ohne weiteres aufnehmen kann.


Anbieter/Fotos: Arthaus ( 4 DVDs oder 4 BDs im Schuber)


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