Robby Müller

Zum Tod des niederländischen Kameramanns

Diskussion

Die Kunst des am 4. April 1940 in Willemstad, Curacao (Niederländische Antillen) geborenen Kameramanns Robby Müller hat von den späten 1960er- bis in die 2000er-Jahre das Werk bedeutender Regisseure (mit-)geprägt: Jim Jarmuschs „Down by Law“, Barbet Schroeders „Barfly“, Lars von Triers „Breaking the Waves“, Michael Winterbottoms „24 Hours Party People“ vor allem aber die Filme von Wim Wenders. Als „Meister des Lichts“ würdigte ihn 2017 eine Ausstellung im Berliner Musuem für Film und Fernsehen. Am 3. Juli ist Robby Müller in Amsterdam verstorben. Erinnerungen und Rückblicke.


Der Kameramann. Director of Photography. Der Zuschauer im Kino schaut immer mit dem Auge der Kamera. Wer beobachtet die Tragödien, die Dramen, die Komödien, die auf der Leinwand zu sehen sind? Wer sieht das alles, was sich da abspielt? Wer weiß, was da passiert? Wessen Blick ist das? Die Kamera weiß mehr. Die Kamera weiß alles. Sie ist immer dabei. Sie ist bei den Tätern und bei den Opfern. Sie ist drinnen und draußen; oben und unten. Sie ist überall. Damals, 1968, war Wim Wenders 22 Jahre alt und Filmstudent. Er hatte einen „Scheißjob“ als Kleindarsteller in einem Film von George Moorse bekommen. Wegen seiner langen Haare. Er spielte einen studentischen Rädelsführer. Drei Tage Dreh. Er hatte viel Zeit zu beobachten, was da passiert. Da war der coole Kameramann Gerard Vandenberg. Aber dessen Assistent war noch viel cooler. Wenders sah ihn bei der komplizierten Arbeit, mit der rechten Hand die Schärfe zu ziehen. Seine linke Hand war in der Hosentasche, wo er sich einhändig eine Zigarette rollte und sie dann mit der linken Hand ansteckte. Da wusste Wenders: Mit diesem Mann kann man alles machen.

Mit diesem Mann machte er seinen ersten Film und danach zehn Jahre lang jeden Film. Er konnte sich das Filmemachen nicht ohne ihn vorstellen. So hat das begonnen: die filmische Gemeinsamkeit von Wim Wenders und Robby Müller. Von Alabama über Paris, Texas, bis ans Ende der Welt.

Zehn Jahre später blickt ein junger Filmemacher von der anderen Seite des Atlantiks sehnsüchtig auf das Kino von Wim Wenders, und besonders die Kameraarbeit von Robby Müller fasziniert ihn. Er hat schon einen ersten Film gedreht, den er Wim Wenders zeigt. Der ist von dem Film sehr angetan und empfiehlt dem amerikanischen Regisseur, ihn auf das Rotterdamer Filmfestival zu schicken. Da könne er auch Robby Müller treffen. Aber wie? Ganz einfach, meint Wim Wenders, alle Filmemacher treffen sich auf einem Boot, und da gibt es eine Bar. Am Ende der Bar, neben einer Peanut Machine, da hat Robby Müller seinen Stammplatz. Kaum in Rotterdam angekommen, besteigt der junge Filmemacher das Boot, findet Robby Müller am Ende der Bar neben der Peanut Machine, setzt sich neben ihn, sagt ihm, dass er seine Filme bewundere. Er hört nicht mehr auf zu reden. Die beiden werden dann sehr schnell Freunde und drehen in den nächsten zehn Jahren gemeinsam fünf großartige Filme.

So hat sie begonnen: die filmische Gemeinsamkeit von Jim Jarmusch und Robby Müller. „Down by Law“, „Ghost Dog“, „Coffee and Cigarettes“... Was diese künstlerischen Symbiosen auszeichnet, war 2017 in der Ausstellung im Berliner Museum für Film und Fernsehen zu sehen: „ROBBY MÜLLER. Master of Light“. In drei großen Räumen flimmerten auf großen Leinwänden Szenen aus Filmen, die Robby Müller mit Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier drehte. (Und, etwas am Rand, auch Beispiele von Robby Müllers Arbeit mit Peter Handke, Peter Bogdanovich und Barbet Schroeder.) Videotagebücher aus Robby Müllers persönlichem Archiv dokumentierten das Leben dieses Augenmenschen, der stets mindestens drei Kameras bei sich hatte und ständig filmte und fotografierte.

"Down by Law"
"Down by Law"

Ein Gefühl für den richtigen Moment

Der erste Helicopter-Shot in „Alice in den Städten“. Wim Wenders und Robby Müller fliegen im Hubschrauber, unten schauen Rüdiger Vogler und die neunjährige Yella Rottländer aus dem Zugfenster. Der Regisseur und sein Kameramann sitzen zum ersten Mal in einem Hubschrauber, alles vibriert und wackelt, Robby Müller filmt aus der Hand den falschen Zug, doch dann kommt der richtige. „Jetzt haben wir sie“, sagt er, und Wim Wenders sagt dem Piloten, dass er abschwenken könne. Später haben die beiden noch einige Helicopter-Shots gemacht, die perfekt choreografierte Einstellung auf Gleise und Züge in „Falsche Bewegung“, die legendäre Eröffnungssequenz von „Paris, Texas“, diese Kamerafahrt über die Wüste und die Entdeckung des einsamen Manns mit der roten Mütze. Das war meisterhafte Kameraarbeit.

Der Helicopter-Shot in „Alice in den Städten“ war nicht meisterhaft, aber er war mutig, atmete den Reiz des Experiments und zeigte die Lust dieses Kameramanns, etwas auszuprobieren, das man später perfektionieren kann. Diese Neugier, gepaart mit Geduld, war es auch, die Jim Jarmusch faszinierte. Warten können und ein Gefühl entwickeln für den richtigen Moment. Was ist, wenn im Drehbuch „Sunny Day“ steht, und am Drehort ist es wolkig und regnerisch? Robbys Vorschlag: Lass’ uns doch überlegen, vielleicht sind die Wolken und der Regen gut für die Geschichte. Sich nicht mit dem Naheliegenden zufrieden geben, ist eine andere Besonderheit in Robby Müllers Blick auf die Welt. Großartige, unglaublich schöne Landschaften bergen die Gefahr, dass sie an Postkarten erinnern. Doch da drüben, ein kleiner Baum und ein Felsen, eher etwas Trauriges und Unscheinbares, aber voller emotionaler Qualitäten. Always keep your eyes open: Das hat Jim Jarmusch von Robby Müller gelernt.

Noch etwas hat Jarmusch an Robby Müller gefallen: die Einfachheit. „Er wollte nicht zu viele Noten spielen. Wie Miles Davis.“ Wenig Tiefenschärfe, keine Zooms, kaum Schwenks, selten Close-ups, keine Kamera-Akrobatik, dafür lange Einstellungen, das richtige Licht für die Totalen. Die lange Kamerafahrt, mit der „Down by Law“ beginnt, an den Häusern vorbei über die Straßen, ist in der Ausstellung auf drei Leinwänden simultan zu sehen. Die bestechende Szenerie fällt geradezu ins Auge, diese Schwarz-weiß-Fotografie mit den verschiedenen Grau-Schattierungen, die ein Gefühl für die unglaubliche Landschaft des Bayou Country vermittelt.

"Alice in den Städten"
"Alice in den Städten"

Schwarz-weiß ist wie ein Gedicht, sagt Robby Müller.

Überflüssige Worte gibt es nicht. Wenn man mit Farbfilm arbeitet, hebt man Exotisches hervor. Man achtet zu viel auf die Umgebung. Bei „Down by Law“ hat er sehr wenig Licht verwendet und sogar die Straßenlaternen zur Ausleuchtung benutzt. Wegen des geringen zusätzlichen Lichts sieht man die Laternen. So wirkt in der Autofahrt mit Tom Waits jede Laterne auf die Szene. Beim Ausbruch aus dem Gefängnis fliehen Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni durch die dunkle Kanalisation und sind nur durch das Licht erkennbar, das im Wasser reflektiert. A propos Master of Light: Da hatte Jim Jarmusch eine interessante Beobachtung gemacht. Wenn Robby Müller in ein Hotelzimmer kommt, verändert er das Licht. Er nimmt die Lampe vom Nachttisch und stellt sie auf den Boden, andere Lampen stellt er höher. Er hat eine sehr feinfühlige Beziehung zum Licht und wie es zu seiner Stimmung passt. Die beiden haben bei den Dreharbeiten nie darüber geredet, wie eine Szene ausgeleuchtet werden soll – sie haben über das Gefühl geredet, das sie herstellen wollen. Robby Müller ist auch eher ein Maler als ein Fotograf, resümiert Jim Jarmusch.

Es war nicht das Kino und es waren keinen anderen Filme, die Robby Müllers Kamerablick inspirierten, er hatte es offenbar geradezu vermieden, vor Beginn von Dreharbeiten ins Kino zu gehen. Die Bilder von „Im Lauf der Zeit“ sind von den Fotografien Walker Evans geprägt, Einstellungen in „Der amerikanische Freund“ erinnern (vielleicht manchmal zu deutlich) an Bilder von Edward Hopper, etwa an sein 1942 entstandenes Ölgemälde „Nighthawks“. Müllers Regisseure haben sehr von dessen Interesse an neuen Techniken der Fotografie profitiert. Er war einer der ersten, der digitale Kameras benutzte. Obwohl er wie kein anderer das natürliche Licht für seine Fotografie nutzte, experimentierte er mit Neonlicht, mit dem er zum Beispiel in „Der amerikanische Freund“ ganz besondere Farbeffekte erzielte.

"Der amerikanische Freund"
"Der amerikanische Freund"

Dokumentarisches Feeling

Kein Wunder, dass Robby Müller nichts mit dem Manifest zu tun hatte, das dänische Regisseure (u.a. Lars von Trier und Thomas Vinterberg) 1995 zum 100. Geburtstag des Kinos verfassten. Eine Art Keuschheitsgelübde für Filmemacher zum Zweck der größeren Wahrhaftigkeit von Kinofilmen, das u.a. vorschrieb, nur an Originalschauplätzen zu drehen, nur Handkameras zu benutzen, nur in Farbe ohne spezielles Licht zu drehen, keine optischen Tricks einzusetzen. Aber Müller verstand dieses Manifest, denn so hatte er begonnen. Er hatte kein Problem damit, einen ganzen Film mit einer Lampe zu drehen, oder auch ganz ohne Licht. Und so akzeptierte er 1996 das Angebot von Lars von Trier, „Breaking The Waves“ zu fotografieren. Müller hielt sich lustvoll an von Triers Vorgaben, war neugierig, was dabei herauskommt, wenn man nicht richtig ausleuchtet und keine präzisen Bildkompositionen planen kann, welche neue Qualität unscharfe Bilder, grobe Körnung, verwaschene Farben und verwackelte Kamerabewegungen herstellen.

Lars von Trier gefiel Müllers dokumentarisches Feeling, auch dass er sich auf dem Set ganz unauffällig verhielt. Vier Jahre später realisierte er einen zweiten Film mit ihm, „Dancer in the Dark“, der vollständig mit digitalen Handkameras gedreht wurde. Von Trier: „Bei diesem Film war ich gemein zu ihm, als ich ABBA-Musik einspielte, was für Robby Müller unerträglich war.“

"Breaking the Waves"
"Breaking the Waves"

Unterwegs sein ist Robby Müller in die Wiege gelegt. Er wurde in Curacao auf den niederländischen Antillen geboren. Der Vater war Ingenieur einer Ölfirma, und die ganze Familie folgte ihm in die verschiedensten Orte bis nach Indonesien. Robby wechselte innerhalb weniger Monate mehrmals die Schule. Er musste lernen, schnell Beziehungen aufzubauen und Freunde zu finden. Im Alter von 13 Jahren kam er nach Amsterdam. 1962 begann er sein Studium an der Nederlandse Filmacademie. Unterwegs sein – das ist eine erregende Art zu Leben. Man muss wach sein, aufmerksam seiner Umgebung gegenüber, die Augen offen halten. Unterwegs sein ist voller Überraschungen, bringt unerwartete Begegnungen, birgt auch Gefahren, erfordert Intuition. Unterwegs sein ist das Gegenteil von Stillstand.

Unterwegs sein, to move, Movie, Road Movie.Man kann nur spekulieren, wie groß der Anteil Robby Müllers daran war, dass aus Wim Wenders’ Film „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ein (das erste?) deutsches Road Movie wurde. „Wir haben das Road Movie erfunden“, sagt Wenders. „Wir haben gelernt, beim Reisen kann man Filme machen.“ Ein Glück, dass er Robby Müller hatte, der wusste, wie man in Autos, Zügen, Hubschraubern, auf Schiffen dreht. Wo man wie die Kamera positioniert. „Wir haben in jedem Auto alles ausprobiert, was man machen kann. Es gibt bis heute keine Autoeinstellung, die nicht schon von uns gedreht wurde“, erinnert sich Wim Wenders ganz unbescheiden. Robby Müllers Bilder in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ haben das Road Movie in Gang gesetzt. Die Sequenzen mit dem Bus, der durch das Burgenland fährt, am Tag und in der Nacht, Arthur Brauss sitzt auf der Rückbank. Durch das hintere Fenster sieht man die Landschaft und den Himmel in den verschiedensten Farbtönungen, je nach der Tages-und Nachtzeit. Nach dieser Ouvertüre machten sich Wenders und Müller auf den Weg und realisierten die Road-Movie-Trilogie „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“ und „Im Lauf der Zeit“. Später ging es weiter – bis ans Ende der Welt.


Fotos: Startseite/oben: ais "Paris, Texas", © Wim Wenders Stiftung. Weitere Bilder: © Studiocanal ("Down by Law", "Alice in den Städten", "Breaking the Waves")

(Eine erste Fassung des Texts erschien 2017 anlässlich der Ausstellung „Master of Light“ im Museum für Film und Fernsehen Berlin).

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