The Devil and Father Amorth

Regisseur William Friedkin, der einst mit „Der Exorzist“ (1973) Kinogeschichte schrieb, begleitet einen realen Exorzisten bei einem seiner Rituale

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„Dies ist ein echter Exorzismus. Er unterscheidet sich von all den Filmen. Das ist keine Fiktion“, behauptet Regisseur William Friedkin gegen Ende von „The Devil and Father Amorth“ mit einer Mischung aus religiöser Ergriffenheit und offener Sensationslust. Doch sein reißerisch-boulevardesker Dokumentarfilm zeigt vor allem, dass Inszenierung und Fiktion glaubwürdiger, vielleicht sogar wahrhaftiger sein können als manche Ansammlung von Dokumentar-Material. Verhandelt werden sollen Glaube und Zweifel, die Grenzen von Wissenschaft, Empirismus und Medizin. Tatsächlich verhandelt wird, für wie dumm der Regisseur sein Publikum eigentlich hält.

Über 40 Jahre, nachdem er mit dem Horrorfilm „Der Exorzist“ einen Kassenschlager gelandet und sich dauerhaft in die Kinogeschichte eingeschrieben hat, erhält Friedkin die Erlaubnis, den römisch-katholischen Priester und Exorzisten Gabriele Amorth bei einem seiner Rituale zu filmen. Bereits zum neunten Mal soll der siebenundvierzigjährigen Christina der Teufel ausgetrieben werden. Von der ohnehin nur etwas mehr als eine Stunde kurzen Laufzeit des Films werden über 20 Minuten für eine wirre Hinführung verwendet: Friedkin stellt sich vor die Drehorte seines Horror-Erfolgs und erinnert dabei ein bisschen an Alfred Hitchcocks berühmte Trailer. Die Reise nach und durch Italien wird in einigen Aufnahmen aus Autofenstern und drittklassigen Postkartenmotiven festgehalten. Roman- und Drehbuchautor William Peter Blatty darf konfuse Sätzchen sagen, außerdem werden die stark an das Dogma-95-Manifest gemahnenden Auflagen für den Dreh erörtert: Friedkin darf nicht mit Scheinwerfern oder einem großen Team teilhaben, sondern nur allein mit seiner Handkamera. Im Hintergrund dudeln alberne Gruselklänge aus der Geisterbahn.

Der eigentliche Exorzismus dauert etwa 15 Minuten und gleicht schlechter Performancekunst: Eine Frau zappelt und schreit, während ein älterer Herr Gebete aufsagt und ein Publikum (die Familie der Besessenen) merkwürdig teilnahmslos Löcher in die Luft starrt. Zwei kräftige Herren fixieren die epileptisch Zuckende, am Ende wird ihr ein Glas Wasser angeboten. Ihre Stimme klingt verzerrt und dämonisch, als hätte man ihre Tonspur verdoppelt und die Zweitspur zwei Oktaven tiefer gesetzt. In diesem Abschnitt kommentiert Friedkin kaum, er zeigt die Ereignisse in langen Einstellungen. Damit soll nicht nur Authentizität suggeriert, sondern auch der unmittelbare Effekt, den „Der Exorzist“ auf sein Publikum hatte, mit preisgünstigen technischen Mitteln reproduziert werden – was indes vor allem sehr langweilig wirkt und weniger glaubwürdig als die meisten „Creepypasta“-Videos auf YouTube.

Der Regisseur belästigt mit dem Material nicht nur den Zuschauer, sondern auch verschiedene Neurologen und Psychologen, die mit vorsichtigen und bisweilen diplomatischen Aussagen auf die Grenzen ihres wissenschaftlichen Felds verweisen und Diagnosen wie „Dissociative trance disorder“ stellen. Einmal wird ein rotierendes 3D-Modell des Gehirns eingeblendet.

Diese Sequenz zeigt, dass Friedkin nicht an einer soziologischen oder medizinischen Erforschung des Phänomens interessiert ist, sondern lediglich daran, seinen reißerischen Nonsens mit einem Anschein von Sachlichkeit zu verzieren. Worauf er hinauswill, bleibt unklar: Manchmal wirkt es, als würde er im nächsten Moment fordern, Krankenkassen hätten ihren Kunden den Exorzismus zu bezahlen. Immer wieder gleicht seine Argumentation der von Leugnern des Klimawandels oder der Evolutionstheorie. Meist gibt er einfach nur Allgemeinplätze oder bedeutungsschwangere Nichtigkeiten von sich wie: „Wenn es Engel gibt, muss es auch Teufel geben.“

In den Interviewsituationen ist der Regisseur selbst im Bild und tritt als kindlich faszinierter Wahrheitssucher auf. Diese pseudosokratischen Dialoge kommen im Ton von Moderationstexten aus Mystery-Serien wie „X-Factor: Das Unfassbare“ daher und schneiden stets dort zur nächsten Szene, wo es interessant wird. Psychologen der Columbia University etwa erwähnen den Placebo-Effekt und diskutieren den kulturellen Wahrheitsgehalt, den der Glaube der Anwesenden dem Ritual verleiht. Wo verlaufen die Demarkationslinien zwischen „suspension of disbelief“ und wirklichem Glauben? Was verbindet Religion und Kunst, wie unterscheiden sie sich in ihrem Versprechen auf Transzendenz? Amorth beschreibt „Der Exorzist“ als seinen Lieblingsfilm und erklärt, das Horrordrama hätte ihm sehr dabei geholfen, anderen Menschen den Nutzen seiner Arbeit zu vermitteln. Das kann man von „The Devil and Father Amorth“ und seiner billigen Effekthascherei, seiner wirren Strukturlosigkeit und inkonsistenten Argumentation nicht sagen.

Gegen Ende werden spätere Ereignisse, bei denen die Kamera zufällig nicht anwesend war, dramatisch nachgestellt. Es wird gezoomt und gewackelt, das Bild friert ein und Schreie gellen aus dem Off. Eine Albernheit, die wohl noch den überzeugtesten Atheisten zu einem augenrollenden „Oh Gott“ ermutigen wird.

Anbieter/Fotos: Netflix

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