Zwischen Romantik und Neo-Feminismus

Im Porträt: Schauspielerin Alicia Vikander

Diskussion

Die 1988 geborene Schwedin Alicia Vikander gehört spätestens seit „Tomb Raider“ zur A-Liga junger weiblicher Stars in Hollywood. Wie bei vielen ihrer Kolleginnen ist ihre Karriere ein Balanceakt zwischen verschiedenen Images von Weiblichkeit. Bekannt wurde sie vor allem als romantische Heldin, setzt in ihrer Rollenwahl jedoch auch deutliche Signale gegen das klassische Frauenbild.


Für Hollywood ist sie das exotische Mädchen aus Schweden, „the Swedish girl“, wie sie auch in Anspielung auf „The Danish Girl“ (2015), der ihr einen „Oscar“ als beste Nebendarstellerin einbrachte, genannt wird – auch wenn mit dem „Danish Girl“ im Titel eigentlich nicht ihre Figur gemeint ist, sondern die von Eddie Redmayne gespielte Hauptfigur. „Ich habe deinen Namen vermasselt“, gestand Moderator Jimmy Kimmel im Februar 2016 der Schauspielerin Alicia Vikander, als sie in seine Show kam. John Travolta müsse sie in wenigen Tagen bei der „Oscar“-Verleihung ankündigen. „Gott steh ihm bei, das wird eine Katastrophe!“ Dann ließ er sie ihren Namen aussprechen: Ali-t-sia Vikánder.

Das aufgeräumte Talkshow-Geplauder, das noch weitere Belanglosigkeiten wie das alltägliche Pulli-mit-Jeans-Outfit der seit 2012 von „Elle“ und „Vogue“ beobachteten Stilikone zum Thema machte, offenbart eine bemerkenswerte Unsicherheit, wie der in Hollywood aufstrebenden, bald dreißigjährigen Schauspielerin aus dem Ausland zu begegnen sei – bei anderen Gelegenheiten durfte Alicia Vikander über ihre Fremdsprachenkenntnisse sprechen. Die Tatsache, dass sie als Schwedin nahezu akzentfrei englisch spricht, ruft immer wieder Staunen hervor, jede noch so kleine Unsicherheit im Ausdruck wird breitgetreten, und sie wird dafür bewundert, dass sie für ihre erste internationale Rolle in „Die Königin und der Leibarzt(2012, Regie: Nikolaj Arcel) eigens Dänisch lernte.

Das Mädchen aus Schweden

Es fällt aber auch auf, dass Vikander in der Öffentlichkeit selbst wenig preisgibt. Das Narrativ ihres Lebens ist das vom ehrgeizigen Mädchen, das mit sechzehn das Elternhaus verließ, um sich an der Royal Swedish Ballet School zur klassischen Tänzerin ausbilden zu lassen. Ihre Mutter ist die Theaterschauspielerin Maria Fahl Vikander, die sie vor dem Schauspielberuf gewarnt habe. Mit ihrem Vater, einem Psychiater, berät sie sich, wenn sie ein Rollenangebot hat, schickt ihm das Drehbuch, damit er es beurteilen kann. Der Einfluss der Eltern auf ihren Werdegang ist dankbar aufgegriffenes Futter für die Berichterstattung. Vikander selbst befördert ihr Image als Mädchen aus Schweden, man könnte auch sagen, aus der Provinz, das sich im glamourösen Hollywood verloren fühlt. Im Nachklapp zur „Oscar“-Verleihung erklärt sie in einem Interview: „Als Jugendliche blätterte ich durch die Magazine und dachte, dass Hollywood eine Welt aus Luxus und Schönheit sei. Heute würde ich gerne allen jungen Mädchen laut zurufen, dass Hollywood nur eine Illusion ist.“

Alicia Vikander mit James McAvoy in "Grenzenlos"
Alicia Vikander mit James McAvoy in "Grenzenlos"

Die letzte große Nachricht war den Medien Vikanders Hochzeit mit Schauspiel-Kollege Michael Fassbender wert – die beiden sollen sich am Set zu „The Light Between Oceans“ (2016, Regie: Derek Cianfrance) kennen und lieben gelernt haben. Die Schwedin und der Deutsch-Ire, jubelten die deutschen Boulevardblätter.

Alicia Vikander hat seit ihrer Auszeichnung mit dem European Shooting Star Award, den sie für ihr Kinodebüt „Die innere Schönheit des Universums“ auf der Berlinale 2011 erhielt, einen mustergültigen Aufstieg hingelegt. Das öffentliche Bild der 1988 in Göteborg geborenen Schwedin bleibt indes oberflächlich – es wird vor allem von den Frauenzeitschriften genährt; Vikander selbst scheint lieber hinter ihren Rolen zu verschwinden. Sie hat sich aus den sozialen Kanälen zurückgezogen: auf Instagram zu posten sei zu stressig – gleiches erzählen ihre Altersgenossinnen Saoirse Ronan und Kristen Stewart. Auch in Interviews beantwortet Alicia Vikander meist nur Fragen zu ihrer jeweils neuen Rolle.

Seit letztem Jahr unterhält Alicia Vikander eine eigene Produktionsfirma, die Londoner Vikarious Productions. Mit ihr will sie Filme finanzieren, die weibliche Rollen ins Zentrum setzen; den Beginn machte das Krebsdrama „Euphoria(2017) mit Alicia Vikander und Eva Green als Schwesternpaar. Es ist der erste englischsprachige Film der schwedischen Regisseurin Lisa Langseth, die 2010 Vikanders Karriere mit „Die innere Schönheit des Universums angestoßen hatte.

Langseth hatte Vikander damals in einem Rollentypus inszeniert, den sie seitdem nur noch selten spielt: als „girl next door“ mit schlecht sitzenden Jeans, ungekämmtem Haar und auf der Straße schlafend, weil sie der Freund hinausgeworfen hatte. Was als Sozialdrama beginnt, endet als grausames Aufstiegsmärchen: Mit der einfachen Konzerthaus-Angestellten in Probezeit beginnt ihr Vorgesetzter, der Hausdirigent, eine Affäre. In Aussicht auf einen besseren Job und ein kultiviertes Leben lässt sie sich mit ihm ein; als sie verstoßen wird, nimmt die Proletarierin tödliche Rache.

Der Vikander-Typ

Der schwedischen Regisseurin hielt Vikander die Treue und spielte bislang in jedem ihrer Filme mit; die drei sozialrealistischen Dramen – neben „Die innere Schönheit des Universumssind dies noch das Psychodrama „Hotell“ (2013) und eben „Euphoria“ –sind jedoch die einzigen Inszenierungen geblieben, die Vikander in einer lebensnahen, zeitgenössischen Umgebung zeigen. Ihre klassische Schönheit prädestinierte Vikander nicht zuletzt für ein anderes Genre: die „Period Romance“. Ihre runde Stirn, die „olivfarbene Haut“ (wie ihr die amerikanische „Vogue“ bescheinigte), lange hellbraune Haare und ein schmaler Körper, der noch die Adoleszenz in sich trägt, lassen sie ätherisch, der Welt entrückt und doch auch sehr physisch wirken.

"Euphoria"
"Euphoria"

Zahlreiche Period Pictures rücken dies ins Licht: „Die Königin und der Leibarzt“, „Testament of Youth“, „The Danish Girl“, „The Light Between Oceans“ und „Tulpenfieber“. Vikander spielt darin ganz ohne ironische Brechungen leidenschaftlich Liebende, die sozusagen „Role Models“ alter Werte sind: Ihre Figuren sind demjenigen, dem sie ihr Herz schenken, treu und bewahren sich für ihn auf; sie sind sinnlich, dabei aber auch aufrecht, klug, bescheiden und moralisch integer – ein Typus, der ein bisschen an jene Figuren erinnert, die lange vor ihr ihre Landsmännin Ingrid Bergman in Hollywood verkörpert hat. Wie diese füllt Vikander ihre Rollen eher introvertiert und überlegt aus: Ihre Figuren wirken nicht verträumt oder schwärmerisch, sie scheinen stets zu wissen, was sie tun, und dies in ehrlicher Verbundenheit zum Geliebten. Die Liebende des Vikander-Typs ist ein Solitär, der in sich ruht, der entbehrungsreich und, wenn es sein muss, auch keusch leben kann – und sich die Eigenständigkeit der romantischen Idealistin bewahrt, für die, wenn sich der großen Liebe die Widrigkeiten der Umstände entgegenstellen, noch die edle Entsagung bleibt: in „Tulpenfieber“ endet ihre Figur im Kloster.

Wim Wenders hat diesen klassischen Liebeskodex, der sich mit Vikander verbindet, akzentuiert, indem er sie jetzt in seinem romantischen Thriller „Grenzenlos“ als vergeblich auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten wartende Biomathematikerin inszeniert. Er idealisiert das Bild der Vikander dabei noch mehr, als dies bisherige Filme taten: Bei ihm ist sie eine unscheinbare, auf ihre Arbeit konzentrierte Akademikerin mit Brille, die in stiller Zuwendung vollends aufgegangen ist, zu ihrer Wissenschaft und zum Mann, den sie aus der Ferne liebt. Vikander ist bei Wenders wie aus Zeit und Welt gefallen, wenn sie in Tiefseemontur auf den Meeresgrund hinabtaucht und dort absolute Lautlosigkeit und Einsamkeit vorfindet.

"Grenzenlos"
"Grenzenlos"

Jungschauspielerin in Hollywood

Hollywood liebt es, wenn junge Schauspielerinnen wie Vikander den romantischen Sehnsuchtshorizont der Traumfabrik bedienen können. So ergeht es zum Beispiel auch der bereits dreimal für den „Oscar“ nominierten Irin Saoirse Ronan, die noch vor Vikander („Anna Karenina“, 2012) mit Joe Wright in „Abbitte (2007) zusammenarbeitete und in Greta Gerwigs „Lady Birdden Weg des American Independent einschlägt, als Darstellerin für Außenseiterfiguren eines zeitgenössischen Amerikas. Zwischendurch drehte Ronan eine Verfilmung von Tschechows „Die Möwe“ und das Period Picture „Maria Stuart“(R: Josie Rourke) – ohne das Historiengenre kommen junge Schauspielerinnen in Hollywood anscheinend nicht voran.

Es ist aber auch entscheidend, mit wem man sich umgibt. Bis zu „Tomb Raider“, der ersten tragenden Hauptrolle Vikanders, war es für ihr Image auch wichtig, für wen sie den Sidekick abgab – oder die „Supporting Role“, für die sie zum Beispiel an der Seite von Eddie Redmayne mit „The Danish Girlden „Oscar“ erhielt. Es gilt: Mads Mikkelsen, Christoph Waltz, Eddie Redmayne und Michael Fassbender – sie alle haben Vikanders romantischen Ruf begründet.

Die Kämpferin

Vikander hat sich allerdings nie ganz widerstandslos ins Image der romantischen Heldin ergeben – und sich früh ein zweites Standbein mit Actionthrillern geschaffen, in denen sie sich aus ihrer Zuschreibung für Liebesrollen buchstäblich hinauskämpft. Bereits 2013 wirkte sie im Politthriller „Inside WikiLeaks“ mit (Regie: Bill Condon) und spielte später im Matt-Damon-Actionknaller „Jason Bourne“ (2016, Regie: Paul Greengrass). Außerdem, für sie ungewöhnlich, weil es eine Komödie ist, in der Agenten-Persiflage „Codename U.N.C.L.E.“ (2015, Regie: Guy Ritchie). „Tomb Raider“, in dem sie die Actionheldin Lara Croft mit vollem physischen Einsatz spielt, bildet hier den vorläufigen Höhepunkt.

"Tomb Raider"
"Tomb Raider"

Alex Garland muss sehr hellsichtig gewesen sein, als er 2014 mit Vikander „Ex Machinadrehte. In seinem dystopischen Sci-Fi-Märchen ist sie als Roboter mit überragender künstlicher Intelligenz zu sehen. Er lässt sie kluge Gespräche führen, sich scheinbar in den angereisten Programmierer verlieben. In Actionszenen sehen wir Vikander, wie sie als energetische Maschinen-Frau ihren Schöpfer im Zweikampf besiegt und den Programmierer ungerührt zurücklässt. Dies mit einem transparenten CGI-Körper, der ausstellt, was er zugleich verneint: die physische Präsenz einer rein Geist gewordenen Vikander. Ein Figurenhybrid, das den ganzen Widerspruch der kraftvollen und doch zarten Schauspielerin enthält. Wenn sie am Ende im romantischen Spitzenkleid in die Welt der Menschen eintritt, wirkt das wie eine ironische Brechung ihres Images: Der Roboter hat sich in die von Hollywood beanspruchte Alicia Vikander gewandelt – und sie gibt ihrer Imago ein subtiles und aufgeklärtes Bewusstsein.

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