Autokraten und das Kino: Eine Liebesgeschichte

Montag, 06.08.2018

Eine Analyse über das innige Verhältnis von Film und Herrschaft

Diskussion

Politisch nährt das Erstarken autoritärer Herrschertypen à la Putin, Trump und Erdoğan derzeit viele Sorgen um die Stabilität von Demokratien. Auch das Kino hat über Alleinherrscher viel zu erzählen. Es pflegt eine spannungsvolle Liebesbeziehung zu den „Großen Männern“ – und die Autokraten erwidern diese Liebe.


Der 2011 verstorbene nordkoreanische Despot Kim Jong-il liebte das Kino. Er schrieb über „Die Kunst des Kinos“ nicht nur mehrere Abhandlungen, sondern besaß auch eine Privatsammlung von mehr als 20.000 Filmen. Ende der 1970er-Jahre ließ er den südkoreanischen Regisseur Shin Sang-ok entführen und zwang ihn, mehrere Filme zu drehen, darunter auch die kommunistische Godzilla-Variation „Pulgasari“ (1985). Kim war mit seiner Liebe nicht allein. Mit Saddam Hussein teilte er sich einen Lieblingsfilm: „Der Pate“ (1972) von Francis Ford Coppola. Mao Zedong erklärte Bruce Lee zum Helden und ließ sich von einer Vorführung von „Todesgrüße aus Shanghai“ (1972) zu Tränen rühren. Muammar al-Gaddafi soll für das Science-Fiction-Abenteuer „Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension“ (1984) einen eigenen Fernsehsender ins Leben gerufen haben.

Jedes Haus des russischen Diktators Josef Stalin verfügte über einen eigenen Vorführraum. Stalin verstand sich nicht nur als Filmliebhaber, sondern auch als Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, oberster Kritiker und Zensor. An ausgedehnten Filmabenden ließ er sich die Produkte der sowjetischen Filmindustrie vorführen, aber auch Klassiker und zeitgenössisches Weltkino. Er liebte Tarzan, Western und Gangsterfilme. Lenin nannte das Kino „die wichtigste Kunstform“, was in seinen Augen allerdings kein künstlerisches, sondern ein rein funktionales Urteil darstellte.

Diese Einschätzung darf man getrost in Frage stellen. Richtig ist: Autokraten lieben das Kino, und es war nur selten die Liebe zu einem bloßen Werkzeug. Unbestreitbar benutzten die Alleinherrscher die bestimmende Kunstform des 20. Jahrhunderts als wirkmächtiges Instrument, als Machtapparat – zur Propaganda, zur Mobilmachung oder als Motor ihrer Revolutionen. Doch ihr Umgang mit dem Filmmedium verrät auch eine andere Seite und verweist auf eine besondere Beziehung zwischen Autokraten und Kino.

Al Pacino als Spiegelbild für Saddam Hussein
Al Pacino als Spiegelbild für Saddam Hussein

Kaum ein autokratischer Herrscher hat je das Kino verboten – am allerwenigsten sich selbst. In seinen letzten Jahren war das Kino für Stalin ein Zufluchtsort, dem er sogar Handlungsdirektiven für den politischen Alltag entnahm. Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore spricht von einer „cinematocracy“, einer Herrschaft durch das Kino. Diese Beschreibung trifft nicht nur auf Stalins Regime zu. Der selbsternannte „Mann aus Stahl“ erkannte sich in den Westernhelden wieder, die

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