Die Zeit der Außenperspektive ist definitiv vorbei!

Ein Gespräch mit der Schauspielerin Susanne Wolff aus Anlass des Films „Styx“

Diskussion

In dem Drama „Styx“ (Hier geht es zur FILMDIENST-Kritik) will eine Notärztin ihren harten Alltag hinter sich lassen und bricht als Einhandseglerin zu einem Törn quer über die halbe Erdkugel auf. Sie will nach Ascension, einer paradiesischen Insel im Südatlantik. Doch dann begegnet sie einem havarierten Flüchtlingsschiff und sieht sich mit ertrinkenden Menschen konfrontiert. Ein Gespräch über eine herausfordernde Rolle und warum die Zeiten der Unschuld endgültig vergangen sind.


Bei der Lektüre der ersten Kritiken zu „Styx“ während der diesjährigen „Berlinale“ ist mir aufgefallen, dass der Film leicht als Allegorie missverstanden wird. Auf Youtube findet sich ein Gespräch mit Ihnen und dem Regisseur Wolfgang Fischer, in dem der Interviewer „Styx“ als bewegenden Film über „unseren Umgang mit Geflüchteten“ einführt. Sie wollten sich aber nicht so recht auf diese Lesart einlassen, die den Film allzu schnell in ein Statement verwandelt, sondern lieber über ihre Rolle und die Arbeit daran sprechen. Beginnen wir also mit dem Ausgangspunkt! Wie kamen Sie in diesen Film, an diese Rolle?

Susanne Wolff: Ganz klassisch. Man bekommt ein Drehbuch über die Agentur, das man liest. Dann ist man begeistert oder auch nicht. Ich habe in diesem Fall Rücksprache mit meiner Agentin gehalten. Dann folgt eine Begegnung mit dem Regisseur oder ein Casting, wo beide Seiten abklären, ob sie das Wagnis einer gemeinsamen Arbeit eingehen wollen. Ich kannte Wolfgang Fischer vorher nicht.


Worin lag der Reiz des Drehbuchs für Sie?

Wolff: Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man vom ersten Satz an eine Energie spürt, die klarmacht, dass es sich um eine außergewöhnliche Geschichte und ein außergewöhnliches Drehbuch handelt. Und um eine echte Herausforderung. Ich musste überhaupt nicht nachdenken; die Energie hat mich geradezu angesprungen. Das Buch hat meine Fantasie freigesetzt und den sofortigen Wunsch, das spielen zu wollen. Als „Reiz“, der vom Drehbuch ausging, lässt sich das aber nicht beschreiben.


Diese Rolle verlangt spezifische Qualifikationen. Man sollte seefest sein, die Abläufe des Einhandsegelns umsetzen können und zudem gewillt sein, die Drehzeit auf engstem Raum mit dem Team auf hoher See zu verbringen…

Wolff: Ich habe erst allmählich realisiert, als wir schon mitten in den Dreharbeiten steckten, wie das ist, auf engstem Raum zu leben und zu arbeiten und keinen Rückzugsraum zu haben. Meine Neigung zur Seekrankheit wollte ich durch Diäten und Achtsamkeit unter Kontrolle bringen; das hat aber nicht funktioniert, weil der Stress das im Gegenteil noch verstärkt hat. Auch mein junger Schauspielerkollege Gedion Oduor Wekesa war permanent seekrank. Damit muss man dann umgehen. Der Umstand, dass Rike als Notärztin und als Seglerin ein Profi ist, heißt aber nicht, dass dies zum Anforderungsprofil für die Besetzung der Rolle gehört. Wenn man genug Zeit bekommt, kann man das alles erlernen. Ich habe mich mit Feuerwehrmännern und einem Notarzt getroffen und viel geredet. Ein befreundeter Arzt hat mir das Intubieren gezeigt. Ich musste auch meine Segelfähigkeiten auffrischen, weil ich auf so einem großen Boot noch nicht gesegelt bin. Jedenfalls nicht alleine und nicht in dieser Konsequenz.



Der Film zeigt ausführlich, wie es ist, wenn man alleine auf hoher See segelt. Die Normalität als Glück und Abenteuer. Hier geht zunächst alles seinen Gang: am Tag und in der Nacht. Etwa, dass man nicht einfach ein paar Stunden schlafen kann. Und dann gibt es ja auch diese Szene des morgendlichen Bads im Ozean, die für mich der reine Horror wäre.

Wolff: Auf diese Szene sprechen viele Zuschauer an. Tatsächlich rekurriert sie auf viele Erzählungen in Biografien oder Autobiografien von Seglern. Wolfgang Fischer war davon sehr fasziniert und wollte diese Szene unbedingt, in der ein kleiner Mensch im großen Wasser sein Boot von außen anschaut. Es ist verbürgt, dass Segler das tun. Dass das das größte Glücksgefühl auslöst.


Aber Sie mussten ins Wasser springen...

Wolff: Ja – und ich habe es genossen!


Die Professionalität, der Mut zur Einsamkeit und die Wahl des Reiseziels im Südatlantik zeichnen eine ungewöhnliche Protagonistin…

Wolff: Das ist schon ein ungewöhnliches Ziel: Ascension, eine tropische Insel mitten zwischen Afrika und Südamerika. Rike hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon. Ich habe bisher noch nie von jemandem gehört, der zu dieser Insel segeln wollte. Da ist wohl eine große Sehnsucht im Spiel. Auch nach dieser Vegetation, die es sonst nirgendwo auf der Welt ein zweites Mal gibt, weil sie angelegt worden ist.


Ein künstliches Paradies. Wird die Körperlichkeit Ihres Schauspiels, das Händische, diese „Choreografie“ bei dem Segeltörn, vom Publikum überhaupt gewürdigt?

Wolff: Ja, es wird gewürdigt. Das hat mich sehr überrascht. Ich wurde wiederholt darauf angesprochen, warum der Film so spannend ist, obwohl es wenig Spektakuläres zu sehen gibt. Und wie wir das hinbekommen haben.



Sie haben ja gerade selbst erwähnt, dass Sie über einschlägige Segelerfahrungen verfügen.

Wolff: Ja schon, aber es war für mich auch ein Spiel, das Spiel einer Figur, ein Darstellen. Das bin nicht nur ich. Ich fand das interessant, kann es aber nur schwer beschreiben. Der Skipper der Yacht, der die ganze Zeit an Bord mit anwesend war, wollte mir helfen, wenn ich ungehalten war oder nervös wurde: „Susanne, ist doch alles in Ordnung. Du kannst doch segeln!“ Irgendwann hat mir das gereicht, und ich habe geantwortet: „Nein, das stimmt nicht! Ich bin hier eine Figur! Ich bin hier nicht nur Susanne, die segelt!“ Das war ein wichtiger Moment für mich: anzuerkennen, woher die Anspannung kommt.


Das heißt aber auch, dass das Publikum den Film als das sieht, was er auch oder zunächst einmal ist: ein richtiger Abenteuerfilm. Filmkritiker tun sich da schwerer, bei ihnen ist stets eine Neigung zur Abstraktion und zur forcierten Entzifferung mit im Spiel. Alles steht dann für etwas! Der Filmtitel, das Ziel des Segeltörns, der Name des Bootes „Asa Gray“, selbst der Name des Jungen (Kingsley), den Rike rettet, den man als Referenz zu „Schindlers Liste“ verstehen kann, auch der Vogel an Bord, der vielleicht die Nähe einer Küste impliziert. Und dann gibt es nicht zuletzt die Figur der Rike selbst, von der der Filmkritiker Drehli Robnik durchaus nicht ohne Ironie behauptet, in ihr schwinge als „good german mit Technikskills eine einstige maternalistische Willkommenskulturikone mit, die im Zivilberuf Physikerin war“.

Wolff (lacht): Donnerwetter!


Ich staune auch, aber vieles davon ist im Film ja tatsächlich so angelegt. Wenn man es etwas weniger spektakulär will, dann kann man festhalten: Kingsley hilft Rike aus der Hilflosigkeit wieder zurück in die Rolle, in der sie handeln kann. Als Notärztin versorgt sie ihn routiniert und professionell.

Wolff: Genau.



Forciert das sehr aufwändig konstruierte moralische Dilemma in „Styx“ nicht zu sehr die individuelle Dimension des Problems und vernachlässigt darüber die politische Dimension des Ganzen? Angesichts der Krise hat es in Europa ja recht komplexe Lernprozesse gegeben, die allerdings nicht von Solidarität, sondern von „Verhaltenslehren der Kälte“ (Helmut Lethen) zeugen. Es scheint mittlerweile ja „normal“, Schiffbrüchigen nicht oder nur langsam zu Hilfe zu eilen.

Wolff: Aber das ist ja nun gerade nicht normal, sondern eindeutig gegen das internationale Seerecht.


Diese Hilfe wird aber gewissermaßen nur noch als Service von Menschen betrieben, die dann dafür kriminalisiert werden. Wenn Rike als Europäerin am Ende einen Hilferuf in eigener Sache absetzt, ist die Küstenwache plötzlich zur Stelle.

Wolff: Das ist jetzt aber Ihre Interpretation! Der Film lässt an dieser Stelle die zeitlichen Abläufe bewusst offen. Ist es Rikes „SOS“-Ruf? Oder ist mittlerweile einfach genug Zeit vergangen, dass die Küsterwache eingreift? Man kann das in beide Richtungen interpretieren. Ich denke, dass das gewollt ist. Diese Idee des „SOS“ war eine relativ späte Idee von Wolfgang Fischer. Eine geniale Idee, wie ich finde.


Ich will nochmal auf den Filmtitel „Styx“ zu sprechen kommen. Das „Wasser des Grauens“ scheidet die Lebenden vom Totenreich. Auf welcher Seite befindet sich Rike?

Wolff: Ich würde sagen, auf beiden Seiten. Zunächst ist sie das Leben, dann der Hades. Erst durch ihre Anwesenheit, durch ihr Sichtbarwerden beginnen die Afrikaner von Bord zu springen.


Ich habe zur Vorbereitung dieses Gesprächs Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“ angeschaut. Einen Film, den ich – mit Verlaub – unerträglich larmoyant fand. Was überhaupt nichts mit Ihnen und Ihrem Spiel zu tun hat, weil Sie darin eine der wenigen Lebenden unter lauter Zombies sind. „Rückkehr nach Montauk“ handelt von einem existentiellen Dilemma: Was tut man im Leben und bedauert es irgendwann? Und was unterlässt man und bedauert es ebenfalls? Das sind vergleichsweise Luxusprobleme, aber trotzdem erstaunlich nah dran an „Styx“.

Wolff (lacht): Oh Gott, ich bin Schauspielerin! Ich spiele verschiedene Rollen, aber ich arbeite nicht an einem „Werk“. Ich habe das noch nie miteinander in Verbindung gebracht und finde das – auch mit Verlaub – nicht wirklich vergleichbar. Mir würde jetzt eher ein Satz einfallen wie der, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt. Die Zeit der Außenperspektiven scheint mir definitiv vorbei zu sein. Das steht jetzt unbezweifelbar da: dass das mit uns zu tun hat! Wir sind beteiligt! Die Zeit, als man sich auf ein Boot begab, um auszusteigen, um eine utopische Reise zu machen, diese Zeit scheint vorbei zu sein. Als ich den Film jetzt ein paar Mal gesehen habe, ist mir klar geworden, dass man nicht mehr reisen kann, wie man einmal gereist ist. Man kann nicht mehr aus dem System aussteigen, auch nicht für eine überschaubare Zeit. Und: Man ist nicht mehr schuldlos, nicht mehr ohne Schuld. Das ist vorbei. Man macht permanent Fehler und trifft falsche Entscheidungen.



Also schaut man lieber weg, sucht stattdessen nach sicheren Herkunftsländern und kooperiert mit der libyschen Küstenwache?

Wolff: Man kann Empathie ja nur erzielen, wenn man sich auf jemanden einlässt, oder? Was Sie als Lernprozesse bezeichnet haben: an Menschen in Seenot vorbeifahren, ohne zu helfen, Schiffe in Häfen einfahren lassen, aber die Menschen daran zu hindern, von Bord zu gehen, Grenzen zu schließen – das sind alles Strategien der Nicht-Berührung. Vielleicht wissen die Menschen ja intuitiv – und das wäre jetzt schon fast wieder positiv –, dass sie, sähen sie etwas, empathisch handeln würden. Daraus erwächst allerdings auch die Angst, dass die Verhältnisse ins Rutschen kommen könnten, in denen man bislang recht gut gelebt hat.


Kann „Styx“ einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten? Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was der Film diesbezüglich eigentlich anbietet.

Wolff: Was der Film nach meiner Beobachtung beim Publikum auslöst, ist dieser fast unscheinbar gesprochene Satz am Schluss: „You’re part of an investigation now!“ Das ist etwas, was die Leute berührt, was sie sehr aufbringt. Dass sie einer Figur folgen, die zu handeln und zu helfen versucht und dafür dann Teil einer Untersuchung wird. Dass das geht, wird als unmöglich wahrgenommen. Dabei ist es längst gang und gäbe…


Fotos: Zorro

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