Auf meiner Haut

Nach einem realen Justizskandal zeichnet der Film die letzten Lebenstage eines jungen Italieners nach, der nach einem kleineren Drogendelikt in der Haft ums Leben kam

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Dies ist eine Geschichte mit einem vorhersehbar schlechten Ende, auch wenn man vom Fall des Stefano Cucchi noch nie gehört hat. Alles beginnt mit dem Bild einer Intensivstation im Krankenhaus. Ein Pfleger betritt das Zimmer eines Patienten, um eine routinemäßige Blutuntersuchung durchzuführen. Der Patient, ein junger Mann, der vom Pfleger mit Stefano angeredet wird, scheint zu schlafen, doch Sekunden später ist klar, dass Lebensgefahr droht. Über dramatische Szenen, die den Einsatz der Ärzte und Reanimierungsmaßnahmen zeigen, blendet der Ton weg und die Handlung zurück: "Sieben Tage vorher".

Stefano Cucchi schneidet ein größeres Stück Haschisch in seinem Appartment in kleine, verkaufsgerechte Stücke. Auf der Straße dreht er eine Runde um den Block, trifft Bekannte, Dealer, Kunden, seine ältere Schwester, die im Businessdress ihre Wohnung verlässt und offensichtlich ein ganz anderes Leben führt. Aus diesen Begegnungen erfährt man nebenbei, dass der 31-jährige Stefano offenbar eine Haftstrafe verbüßt hat, dass er von seiner Heroinabhängigkeit losgekommen ist und nur noch leichte Drogen wie Marihuana konsumiert, in der Firma seines Vaters angestellt ist und regelmäßig in einem Boxverein trainiert. Trotz mancher Rückschläge, auch selbstverschuldeter, scheint er sein Leben allmählich wieder in Griff zu bekommen.

Am frühen Abend geht besucht er seine Eltern zum Abendessen, bleibt aber nicht lang. Man sieht ihn später mit einem Freund in einem Auto sitzen, als ihm eine Routinekontrolle der Carabinieri zum Verhängnis wird. Nachdem die Polizisten kleinere Mengen Haschisch und Kokain bei ihm finden, wird er verhaftet.

Man unterstellt ihm, Teil eines größeren Dealerrings zu sein und mit Heroin zu handeln. Stefano leugnet. Nach mehreren Verhören, Schlafentzug, einer Durchsuchung der elterlichen Wohnung und anderen Schritten, die sämtliche nicht das von der Polizei gewünschte Ergebnis bringen, und nachdem man ihm mehrfach das gesetzlich verbürgte Recht auf Kontakt zu einem Anwalt verweigert hat, wird Stefano von drei Beamten brutal zusammengeschlagen.



Ein Großteil des Films konzentriert sich ganz auf Stefano. Man sieht ihn in langen Einstellungen auf den kargen Pritschen seiner Einzelzelle liegen und wimmern. Man sieht, wie ein Polizeiführer, der das Geschehen wohl erahnt, ihm seine Entlassung verspricht, im Gegenzug aber eine schuldentlastende Unterschrift will, die Stefano verweigert. Man sieht, wie er, kaum zurechnungsfähig vor Schmerzen, einer Haftrichterin vorgeführt wird, die den Angeklagten kaum anblickt, sondern in Routinen erstarrt den Anträgen der Staatsanwaltschaft folgt, während Stefanos Pflichtverteidiger überfordert im "Dienst nach Vorschrift" verharrt.

Man sieht allerdings auch, wie Stefano in einigen wenigen Momenten, wenn sich Chancen öffnen, diese nicht ergreift. Ein herbeigerufener Pfleger will ihn ärztlich untersuchen, doch Stefano verweigert die Zustimmung; zwei Polizisten zeigen angesichts von Stefanos mit Blutergüssen übersätem Körper humanes Verhalten – doch Stefano verweigert sich auch ihnen, vermutlich aus seinen schlechten Erfahrungen mit der Justiz, bis es zu spät ist.

Es bleibt unklar, warum Stefano von den Angriffen der Polizei schweigt, auch auf Nachfragen, und warum er konstant Hilfe ausschlägt. Spät im Film begründet er das mit der Tatsache, dass man ihm weiterhin den Kontakt zu seinem Anwalt verweigert. Als Zuschauer wünscht man hier wie in anderen Momenten das beherzte Eingreifen Dritter, auch gegen Stefanos Blindheit gegenüber dem Ernst der eigenen Lage. Weil das fehlt, scheint Stefano zumindest einen gewissen Anteil an dem Verlauf des Geschehens zu haben – auch wenn nichts das Verhalten der Beamten entschuldigen kann.

Inkomptenz, Gleichgültigkeit, Fehleinschätzungen und das Nichtkooperieren Stefanos kommen hier zusammen. Die Institutionen verstecken sich hinter Formalitäten. Am Ende ist ein Mensch tot.



Der von Alessio Cremonini inszenierte Film, dessen Drehbuch er zusammen mit Lisa Nur Sultan geschrieben hat, ist eine eindrückliche Rekonstruktion dieses rechtlich nicht abgeschlossenen Falls. In dokumentarischer Nüchternheit, die stellenweise einer journalistischen Reportage gleicht, schildert den Film den Fall chronologisch, ohne jedes Geheimnis aufdecken zu können. Eine Fahrt durch die Höllen der Bürokratie und einer Polizei, die an der Aufklärung einer Straftat in ihren eigenen Reihen als Letztes interessiert ist. Die Carabinieri werden vielmehr zum Werkzeug von Verbrechen und Rechtsbruch; in ihrem Inneren dominieren Gefolgschaft und eine Schweigegelübde, das der „Omertà“ der Mafia in nichts nachsteht.

Ohne das Opfer in jeder Hinsicht moralisch zu rechtfertigen, stellt sich der Film auf die Seite von Stefan Cucchi und lässt keinen Zweifel daran, wer hier Täter und wer Opfer ist.

Im Zentrum steht der von Alessandro Borghi herausragend gespielte Stefano. Sein lange stoisch nüchternes Gesicht verzerrt sich im Laufe des Films immer mehr, wenn die Schmerzen die Herrschaft über seinen Körper übernehmen. Wichtige Nebenfiguren sind Stefanos Angehörige, denen ein Besuch selbst nach dessen Tode verweigert wurde. Dass Wissen, dass dieser Fall in allen Einzelheiten aus dem wahren Leben gegriffen ist, macht ihn noch schockierender.

Im Jahr 2009 starben 172 Insassen italienischer Gefängnisse. Stefano Cucchi war einer von ihnen. Er wurde zum Symbol von Polizeigewalt und rechtsstaatlicher Verwahrlosung, von institutionellem Versagen und Verzweiflung inmitten eines reichen Wohlfahrtsstaates.


Anbieter/Fotos: Netflix

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