Die letzte Vorstellung?

Die Programmkinos stehen vor großen Herausforderungen

Diskussion

In schwierigem Fahrwasser: Was wird aus den Programmkinos, wenn die Gründer bald in Rente gehen? Welche Anforderungen stellen sich heute an den potenziellen Kinoleiter-Nachwuchs? Das ist nicht die einzige große Herausforderung, der sich die Filmkunst-Theater in den nächsten Jahren stellen müssen. Eine Bestandsaufnahme.


Sigrid Limprecht macht sich Sorgen. Die Chefin des Kinos in der Brotfabrik in Bonn hat festgestellt, dass ein großer Teil der Betreiber von Programmkinos, die zumeist in den 1980er-Jahren gegründet wurden, in den nächsten Jahren ins Rentenalter kommen, aber häufig noch keine Regelungen für die Nachfolge getroffen haben und schon jetzt einen deutlichen Fachkräftemangel spüren. Wenn sich aber keine geeigneten Nachfolger finden, droht das Aus und damit ein erheblicher filmkultureller Flurschaden. Die Frage wird umso dringlicher, als die Arthouse-Kinos ohnehin vor einer Fülle von Schwierigkeiten stehen, um ihr Überleben zu sichern.

Was die personelle Zukunft angeht, sind viele Programmkino-Gründer in den Augen Limprechts zu sorglos. „Da hat so mancher gedacht, der Job macht Spaß, den mache ich ewig. Man hat damit gerechnet, die Interessenten werden schon kommen. Und Kandidaten hat man im engen, durchaus auch im familiären Umkreis gesucht.“ Dabei nehmen die Anforderungen an einen Programmkinoleiter zu, vor allem seit der Umstellung auf digitale Technik in allen Bereichen. „Daher müssen wir das Feld bei der Nachfolgersuche weit aufmachen. Wir brauchen heute Multitalente, die serviceorientiert arbeiten, Social-Media-affin sind und Ahnung vom Marketing haben.“ Bestimmte Arbeitsfelder gebe es schon nicht mehr. „Menschen, die am liebsten am Projektor herumbasteln und ab und zu eine geniale Programmidee beisteuern, haben heute praktisch keine Chance mehr. Von daher müssen wir die Stellenbeschreibungen präzisieren und den Anforderungen anpassen.“


Den Generationswechsel organisieren: An den Filmhochschulen fehlt ein Studienangebot zum Berufsfeld Kino

Rechtzeitig gehandelt hat die Geschäftsführung des Kinos Scala in Lüneburg. „Wir haben die Weichen für die Nachfolge gestellt, der Generationswechsel hat schon begonnen“, erklärt Elke Rickert, Mitglied im Leitungsteam. Sie hat das 4-Säle-Filmtheater im Jahr 2000 mit Ulla Brennecke und der heutigen Geschäftsführerin Ruth Rogée übernommen. „Frau Brennecke ist vor zwei Jahren aus Altersgründen ausgeschieden, Frau Rogée geht in zwei Jahren und ich werde noch ein paar Jahre im Job bleiben. Wir haben aber zwei junge Kollegen ins Leitungsteam aufgenommen, die im Kino quasi nachgewachsen sind und das Ganze später übernehmen werden.“ David Sprinz habe lange Zeit das Layout für das Programm erstellt und die Webseite betreut, Kevin Beck habe im Haus eine Ausbildung als Veranstaltungskaufmann absolviert. „Wir wollten rechtzeitig für den Wechsel vorsorgen und die beiden sorgfältig einarbeiten. Da sie das Haus inzwischen gut kennen, können wir sicher sein, dass sie unsere Arbeit gut fortführen. Das ist eine optimale Lösung.“

Für etliche andere Kinos gestaltet sich der Generationswechsel allerdings schwieriger, denn es gibt ein eklatantes Ausbildungsdefizit. „Uns fehlen fundierte Ausbildungsmöglichkeiten“, beklagt Limprecht. „Man kann sich zwar zum Verlagskaufmann ausbilden lassen, aber der deckt nur die verwaltungstechnische und kaufmännische Seite ab. Da lernt man nicht, Kino zu machen.“ Der Fernlehrgang "Kaufmann/Kauffrau Filmtheatermanagement" mache zwar sehr gute Angebote, sei aber im Kern nur eine Fortbildungsmaßnahme. Auch an den vielen Filmhochschulen fehle ein Studienangebot zum Berufsfeld Kino. Limprecht schlägt daher vor, einen Masterstudiengang einzurichten, der Kenntnisse in Kino und Auswertung kombiniert. „Dann bekämen wir endlich Personal auf einem anderen Niveau, und ich bin sicher, die Schule, die damit anfangen würde, hätte Zulauf ohne Ende.“ Im Wettbewerb um kompetente Fachleute konkurriere die Kinobranche jedoch mit Branchen, die höhere Löhne zahlen und familienfreundlichere Arbeitszeiten bieten. „Da gilt es einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten.“


„Wir müssen den Übertrag vom Inhalt zum Ort schaffen, das ist die Herausforderung“

Die Nachfolge-Regelung ist für viele Kinomacher oft auch Anlass zur Bestandsaufnahme und Standortbestimmung. „Will ich an der ursprünglichen Programmidee festhalten? Oder muss ich das Konzept ändern? Kann ich eventuell erweitern? Wie finanziere ich die nächste Generation der Digitalprojektoren?“ Mit solchen Fragen befasst sich auch Sigrid Limprecht. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass Programmkinos sich heute nicht mehr allein auf ein gutes Filmprogramm als Zugpferd verlassen können, sondern vielmehr als Ort von Filmerlebnissen überzeugen müssen. „Wir müssen den Übertrag vom Inhalt zum Ort schaffen, das ist die Herausforderung. Das Kino muss attraktiv sein, es muss so sein, dass die Besucher sich wohlfühlen und sagen, da gehe ich gern hin. Dies bringt allerdings hohe und konstante Investitionskosten mit sich, die allein durch den Ticketverkauf nicht zu realisieren sind.“

Wie man das tradierte Programmkinokonzept sinnvoll weiterentwickeln kann, zeigt das Kino im Kulturzentrum Linse in Weingarten. In der südschwäbischen Mittelstadt mit 24.000 Einwohnern ging 1979 aus einer „Studiofilmreihe im Welfentheater Weingarten“ das Programmkino d’Linse hervor. 1988 übernahm ein eingetragener Verein das alte Welfentheater. Im Jahr 2000 wurde das Haus zu einem Soziokulturellen Zentrum umgebaut, zum großen Saal mit 166 Sitzen kam ein kleiner Saal mit 99 Plätzen sowie ein erweiterter Gastronomiebereich im Foyer hinzu.

Warten auf die Zukunft: Kinositze im Scala Lüneburg © AG Kino
Warten auf die Zukunft: Kinositze im Programmkino Scala Lüneburg © AG Kino

Das heutige Kulturzentrum Linse e.V. bietet neben einer ambitionierten Filmauswahl ein breites Spektrum an Veranstaltungen, zum Beispiel Konzerte, Theateraufführungen, Multivisionsschauen und Lesungen. „Wir pflegen viele Partnerschaften, die attraktive Veranstaltungen ins Haus bringen, so etwa mit der Jazztime Ravensburg, die immer wieder hochkarätige Musiker wie zuletzt den Gitarristen Scott Henderson in die Region holt“, sagt Geschäftsführer Uli Hartmann. „Unsere Räumlichkeiten sind mit den Bühnen auch für ein vielfältiges Angebot sehr geeignet. Dazu kommt, dass die beiden Kinosäle so eingerahmt sind, dass in der Mitte die Gastronomie liegt. Vor und nach dem Film können sich die Besucher dort leicht treffen.“ Hartmann unterstreicht, dass sich die Linse noch immer als klassisches Programmkino versteht, bei dem die Vereinsmitglieder das Filmangebot jeweils für zwei Monate festlegen. Darüber hinaus sei die Einbettung in ein Kulturzentrum ein „Erfolgsmodell“: „Das höre ich von vielen Gästen, die gerne herkommen, weil sie sich einfach wohlfühlen. Die verabreden sich hier in der Gastronomie, selbst wenn sie keinen Film sehen wollen.“


Programmkinos leiden weniger unter digitaler Konkurrenz als andere Kinos

Unter wachsendem Druck stehen viele Kinos, nicht nur Programmkinos, derzeit vor allem durch die Expansion von Streamingdiensten wie Netflix, Amazon & Co. Sie haben Kulturpessimisten auf den Plan gerufen, die mal wieder das Ende des Kinos an die Wand malen. In der Tat setzen die VoD-Portale den Filmtheatern, die in diesem Jahr ohnehin schon unter der Fußball-WM und dem Endlossommer leiden, weiter zu. Kein Wunder, wenn die Besucherzahlen gerade einbrechen. Allerdings ergab die letzte Programmkino-Studie der Filmförderungsanstalt (FFA), dass die Streamingdienste dieser Kinoform 2016 offenbar wenig anhaben konnten. Demnach sank die Zahl der Kinobesucher in Deutschland insgesamt um 13 Prozent, während sie in den Programmkinos nur um 1,6 Prozent zurückging. Parallel dazu fiel der Umsatz bei den Programmkinos nur um 0,2 Prozent, währen er im Gesamtmarkt um 12,4 Prozent absackte.

Felix Bruder, Geschäftsführer des Branchenverbands AG Kino – Gilde e.V., hat dafür eine plausible Erklärung: „Das liegt eben auch daran, dass diese Kinos sich ein treues Publikum heranziehen. Das schafft man nur, wenn man ein gutes Programmprofil hat und viel in lokales Marketing investiert. Arthouse-Filme haben eben kein globales Marketingbudget, so dass Verleiher und Betreiber hier viel kreativer zusammenarbeiten müssen.“ Ausruhen können sich die Programmkinos auf diesen Resultaten allerdings nicht, dafür kann sich das Besucherverhalten zu schnell ändern.

Angeheizt wird die Diskussion über die Macht der Streamingdienste zuletzt dadurch, dass mit „Roma“ von Alfonso Cuarón erstmals eine Netflix-Produktion den „Goldenen Löwen“ in Venedig errungen hat. Damit zeigt sich immer deutlicher, dass Netflix & Co. als neue Produzenten, auch von Kinofilmen, aggressiv auf den Markt drängen, und somit das gesamte Geschäftsmodell der Kinoauswertung auf den Prüfstand kommt.

Aufpassen müssen die Programmkinomacher ohnehin, dass ihr Publikum nicht zu schnell altert und die junge Generation wegbleibt. Schon jetzt machen die sogenannten Best Ager, also Menschen ab 50 Jahren, die größte Besuchergruppe in ihren Häusern aus. Das Durchschnittsalter lag 2016 laut FFA bei 47,5 Jahren, während es im Gesamtkinomarkt nur 37,8 Jahre betrug. Deshalb suchen viele Programmkinomacher nach Möglichkeiten, junge Zuschauer anzusprechen und wieder ins Kino zurückzulocken. Wichtige Instrumente sind eine rege Nutzung der Social-Media-Kanäle, Smart Data und Event-Angebote, die auf das Gemeinschaftserlebnis abheben.

Gute Erfahrungen hat in dieser Hinsicht das Kölner Kino OFF Broadway mit seiner Programmreihe „Filmpsychologische Betrachtung“ gemacht. Jeden zweiten Sonntag im Monat stellt dort um 15.30 Uhr ein Psychologe einen Film vor, der anschließend analysiert und mit dem Publikum diskutiert wird. Für Geschäftsführer Christian Schmalz ist die Reihe nicht nur ein wichtiges Mittel zur Kundenbindung, weil „solche Veranstaltungen natürlich das Profil des Kinos prägen“. Gerade in letzter Zeit hat Schmalz eine erfreuliche Erkenntnis gewonnen. „Viele werden denken, dass das Publikum für solche Betrachtungen eher älter sei. Aber wir stellen ganz klar fest, dass immer mehr junge Leute dieses Angebot wahrnehmen.“ Schmalz erklärt sich das überraschende Phänomen so: „Die Filmkompetenz wird ein immer wichtigerer Faktor in der Gesellschaft. Viele junge Leute merken, dass sie bei unseren ‚Filmpsychologischen Betrachtungen‘ eine Kompetenz erwerben können, die sie so woanders nicht vermittelt bekommen.“


Bild: SCALA Lüneburg

Kommentar verfassen

Kommentieren