Filmbücher: Auslese

Lesetipps für Cineasten im Spätsommer

Diskussion

Herausragende neue Bücher rund um Film und Filmschaffende: Zu den empfehlenswerten Neuveröffentlichungen des Spätsommers gehören Werke zum US-Kino der 1980er-Jahre, zu Filmkritiker Peter W. Jansen, über die „Arisierung“ der österreichischen Filmwirtschaft, über DEFA-Regisseur Siegfried Kühn und zu Schauspieler Peter Lorre.


(Foto oben: Aus "Die fabelhaften Baker Boys", 1989; zum Buch "The Real Eighties"; © Twentieth Century Fox)



The Real Eighties

Mehr als Buddy-Komödien, Schmachtfetzen und Geballere

Ist es eine Frage des Alters? „Die Achtziger, was war da noch mal?“, fragt sich Bert Rebhandl, Jahrgang 1964, in seinem Beitrag zu „Zeit der Zärtlichkeit“ von James L. Brooks. Das scheint, trotz des Kontextes, in dem sie steht, keine rhetorische Frage zu sein, denn Rebhandl weiter: „Man riskiert nicht zu viel mit der Behauptung, dass vielen Cinephilen die Siebzigerjahre deutlich näher sind als die beiden darauffolgenden Dekaden.“ Das mag so sein oder auch nicht. Auch die Herausgeber der Publikation zur Filmreihe „The Real Eighties: Amerikanisches Kino der Achtzigerjahre. Ein Lexikon“ eröffnen ihr Vorwort mit einem vergleichbaren Hammersatz: „Alles Übel entspringt den Achtzigerjahren.“ „Übel“ wie der Neoliberalismus der Reagan-Ära, der Siegeszug des Blockbuster-Kinos, ein Kino der Oberflächen mit Anleihen bei Werbe- und Musik-Clips, das Ende von New Hollywood und der Aufbruchsbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre – kurzum: auch filmhistorisch erscheinen die 1980er des amerikanischen Kinos eine Verfallsgeschichte, zumeist.

Diese Einschätzung scheint nun allerdings entschieden eine der Perspektive und vielleicht auch des Alters: Wer um 1975 begonnen hat, in der BRD mehr als nur regelmäßig ins Kino zu gehen und trotz oder wegen „Der weiße Hai“ kein sonderliches Interesse am Blockbuster-Kino entwickelte, „Star Wars“ ignorierte und nur jeden zehnten Spielberg-Film schaute, dem bot insbesondere das US-Kino hinreichend und kontinuierlich Stoff, um nach dem misslichen Ausklang des Neuen deutschen Films um 1983 und des nachdrücklich in Misskredit geratenen Autorenfilms, also trotz Katerstimmung, gut durchs Jahrzehnt zu kommen: mit Walter Hill, John Carpenter, Michael Cimino, Brian DePalma, William Friedkin, Martin Scorsese, Alan Rudolph, Kathryn Bigelow, Sidney Lumet, Robert Altman, Jonathan Demme, James Foley, Tim Hunter, Spike Lee, John Hughes oder den Zucker Brothers.

Das Schöne und Distinktive daran war zudem, dass in einer gewissen Szene von ZeitgenossInnen eine ganze Reihe dieser US-Filme den Reiz des Illegitimen besaßen: Wenn man in eine Nachmittags- oder Spätvorstellung von „Rambo“, „Straßen in Flammen“, „Ferris macht blau“, „Blutmond“ oder „Das Messer am Ufer“ ging, war man unter sich, weil die Studenten-Freunde lieber auf den neuen Wenders, den neuen Jarmusch oder den neuen Rohmer warteten. Das US-Kino der 1980er-Jahre, um das es hier geht, hatte etwas von „guilty pleasure“ und B-Movie-Flair.

Schon allein deshalb ist es mehr als spannend, dass die Kuratoren der im Österreichischen Filmmuseum gezeigten Reihe mit dem Gedanken spielen, hier ein alternatives Koordinatensystem des US-Kinos jenseits des Mainstreams der Kassenschlager aus der Perspektive zumeist jüngerer AutorInnen anbieten zu wollen. Also nicht die Leuchttürme, sondern den Normalbetrieb, allerdings aus deutschsprachiger Perspektive von Nachgeborenen und an einem „unreinen“ Realismus der Filme interessiert. „The Real Eighties“. Real, weil es nicht um Fantasy- und Period-Movies geht, sondern um Filme, die (auf welche Art auch immer vermittelt) von amerikanischen Lebensrealitäten handeln. Es wird hier also ein bunter Strauß aus mal längeren, mal kürzeren, mal eher feuilletonistischen, mal wissenschaftlichen, mal nerdigen Texten geboten, die eine spannende und vielfach verwobene Passage durch die Achtziger in lexikalischer Form – von „Body Double“ bis „Working Girl“ – erlauben.

Inhaltlich gibt es Texte zu einzelnen Filmen, zu einzelnen Regisseuren, zu Schwerpunkten wie „Country“, „Klassenverhältnisse“, „Teen Movies“, und auch technische Neuerungen wie Home Video kommen in den Blick. Die meisten der Texte wurden für diese Publikation produziert, ergänzt um ein paar ältere Texte, die explizit als eine Hommage an die affirmativ-impressionistische Fantum-Haltung und -Schreibe des längst verblichenen „steadycam“-Magazins gedacht sind, für die Ekkehard Knörer einmal die treffende Formulierung „präpotente Subjektivierungsemphase“ vorgeschlagen hat.

Weshalb sich unter den BeiträgerInnen auch Michael Althen, Hans Schifferle, Brigitte Desalm und Fritz Göttler finden. Und weil das ganze Projekt der „Real Eighties“ mit seiner erklärten produktiven Disparatheit unterschiedlicher Schreibweisen und persönlicher Idiosynkrasien wirbt, sei erlaubt, aus der Vielzahl der durchweg lesenswerten Beiträge drei persönliche Favoriten hervorzuheben, was natürlich auch mit den verhandelten Filmen zu tun hat: „Colors“ von Diedrich Diederichsen, „Leben und Sterben in L.A.“ von Sulgi Lie und Olaf Möllers Eintrag zu Tony Scott, der allerdings die Achtzigerjahre weit hinter sich lassen muss, um auf den Punkt zu kommen. Hier gäbe es tatsächlich etwas nachzuholen, denn dessen super-schicker Zeitgeist-Werbefilm fürs Militärische wurde 1986 und bis heute boykottiert. Auch wegen der Filmmusik, aber nicht nur. Ulrich Kriest

Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky (Hg.) The Real Eighties: Amerikanisches Kino der Achtzigerjahre: Ein Lexikon. Wien: Synema Publikationen 2018, 217 S., 22,00 EUR.



Peter W. Jansen. Publizist und Filmkritiker

Ästhetik politisch sehen

Sollte einst die Geschichte der Filmkritik in der Bundesrepublik vermessen werden, gebührt Peter W. Jansen (1930–2008) ein Ehrenplatz. Im Laufe seines fast fünf Jahrzehnte langen Kritikerlebens war er in allen klassischen Medien präsent, von der Tageszeitung über den Rundfunk bis hin zum Fernsehen. Die legendäre, in blaue Umschläge gekleidete „Reihe Film“ des Hanser Verlages, die er zwischen 1974 und 1992 gemeinsam mit Wolfram Schütte herausgab und die sich dem Werk einzelner Regisseure, aber auch den Kinematografien einiger Länder (Schweiz, DDR) widmete, brachte es auf immerhin 45 Bände; bis heute gilt sie als Musterbeispiel politisch-ästhetischer Analytik. Wer Peter W. Jansens Stimme hören möchte, kann das noch immer in den ersten Ausgaben der leider unvollendeten CD-Reihe „Jansens Kino“, einer auf hundert Features angelegten Folge von Filmfeuilletons quer durch alle Jahrzehnte der Filmgeschichte.

Und doch: Als ich ihn im Sommer 2008, wenige Monate vor seinem Tod, in seinem Haus in Gernsbach bei Baden-Baden für ein „Filmdienst“-Interview besuchte und ihn danach fragte, ob er sein Leben als erfüllt betrachte, schüttelte er, schon von schwerer Krankheit gezeichnet, den Kopf. Mit großer Sorge erfülle es ihn, so sagte er beim Abschied, dass die Liebe zur Filmgeschichte im Verschwinden begriffen sei. Jüngere Zuschauer seien fast nur noch an tagesaktueller Unterhaltung interessiert, stellten zunehmend weniger Fragen nach dem Woher des Kinos, seiner Kunst, seiner Schönheit. Das spiegle sich auch in den Medien wider, am Desinteresse an Wissensvermittlung über filmische Wurzeln und Verschleifungen, Ästhetiken und Ideale. Und es gäbe zu viele junge Kollegen, die sich diesem Diktat beugten, lieber Inhalte nacherzählten und zum verlängerten Arm der Werbung würden anstatt zum offenen, mutigen, kritischen Wegbegleiter der Künstler.

Mit seinen kulturpessimistischen Prognosen hatte Jansen ja nicht ganz Unrecht. Insofern sind seine Kritiken, gerade auch diejenigen, die für den Band „Film & Schrift“ ausgewählt wurden, Musterbeispiele für kluge, weltläufige, das Realitätsfeld des Kinos und der Gesellschaft ausschreitende Filmpublizistik: „Ich habe mich“, so Jansen, „immer als politischer Kritiker verstanden, weil ich die Ästhetik politisch sah. Und zu verstehen versuchte, was ein Film bei welchen Zuschauern in Bewegung setzen könnte und wodurch.“ Zu lesen sind eine Reihe von Rezensionen zu westdeutschen Filmen von den 1970er- bis zu den 1990er-Jahren, etwa zu Arbeiten von Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Lilienthal, Nikolaus Schilling, Theodor Kotulla, Werner Schroeter, Wim Wenders. Natürlich zu Rainer Werner Fassbinder. Dazu die großen Autorenfilmer aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von Bresson und Bergman bis Szabo, Malle und Tarkowski. Ein schöner Text über Thomas Braschs „Engel aus Eisen“: „Die kurze Stunde der Anarchie“. Aber auch eine Annäherung an Russ Meyer: „Der Doppelagent von Tittfield“.

Geordnet wurden die Kritiken nicht nach zeitlicher Abfolge, sondern in philosophisch grundierten Themenkomplexen, etwa „Die Wirklichkeit der Bilder“, „Schule des Sehens“ oder „Die Welt aus Wille und Verstellung“. Ein solches Sprachspiel hätte Jansen, dessen Nachlass in der Stiftung Deutsche Kinemathek aufbewahrt und geordnet wird, sicher gut gefallen. Jansens nach wie vor aktueller Aufsatz „Für eine andere Filmförderung“ vom Mai 2006 eröffnet den Band, in den Wolfgang Jacobsen und Anna Bitter mit zwei profunden Texten zu Leben und Werk des Porträtierten einführen. – Wie in allen Ausgaben der Reihe „Film & Schrift“ fehlt leider auch diesmal wieder ein Personen- und Filmtitelregister am Ende des Bandes. Das ist schade, denn es schränkt die verdienstvollen Bücher in ihrer Funktion als Nachschlagwerke doch erheblich ein. Ralf Schenk

Peter W. Jansen. Publizist und Filmkritiker. Hg.: Wolfgang Aurich, Wolfgang Jacobsen. Film & Schrift Band 21. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag München 2018, 448 S., 34 EUR



Filmkalender 2019

Eine perfekte Jahresbegleiterin für Filmfans: Audrey Hepburn, wie sie vergnügt auf der Vespa durch Rom düst (als Prinzessin auf Abwegen in William Wylers „Ein Herz und eine Krone“, 1953). Am 4. Mai 2019 wäre der Hollywood-Star 90 Jahre alt geworden und ziert aus diesem Anlass den neuen Filmkalender des Schüren-Verlags, der sich wie gewohnt dadurch auszeichnet, für jeden Tag des Jahres einen Überblick über Geburtstage und Jubiläen aus der Filmbranche zu bieten. Neben diesem Gedenk-„Who’s Who“ und einem Serviceteil mit Adressen aus der deutschen Filmkultur-Szene und einem Überblick über die Filmfestivals bietet das Bändchen auch wieder einige ausführliche Artikel zu wichtigen Jubiläen. So wird z.B. anlässlich des 40. Jahrestags seiner Kino-Premiere Ridley Scotts wegweisender SciFi-Horror „Alien“ gewürdigt; ein Text erinnert anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der „Oscar“-Verleihung an die Geschichte der glamourösen Trophäe, und anlässlich des 50. Leinwandgeburtstags von „Midnight Cowboy“ und „Easy Rider“ schaut ein weiterer Artikel zurück auf „Gegenkultur und Subkultur“ im amerikanischen Kino. Und auch die „Matrix“ ist mittlerweile Filmgeschichte: zwanzig Jahre nach der Uraufführung 1999 wird ein Resümee dazu gezogen, wie Cyberpunk und virtuelle Realitäten ihren Weg ins Kino gefunden haben. An Geburtstagskindern des jahres 2019 feiert der neue Schüren-Kalender in Form von Porträts u.a. Schauspielerin Cate Blanchett, Regisseur Alexander Jodorowsky, Produzent Bernd Eichinger und Komiker-Legende Heinz Erhardt. Felicitas Kleiner

Filmkalender 2019. Schüren Verlag, 208 S., 9,90 EUR



Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938–1945

Über die „Arisierung“ der österreichischen Filmwirtschaft

Womöglich führt der Untertitel des Buches etwas in die Irre: „Kino in Österreich 1938–1945“ befasst sich nicht mit den nach der deutschen Besetzung in Wien gedrehten Spielfilmen und Wochenschauen, die sind schon andernorts ausführlich analysiert. Hier geht es vielmehr und erstmals um die teils existentiellen Umbrüche in der österreichischen Filmtheaterwirtschaft nach der Okkupation, um die sogenannte „Arisierung“ eines großen Teils der Wiener Kinos, die veränderte Struktur und Organisation der Kino- und Filmwirtschaft im besetzten Österreich.

Klaus Christian Vögl, Mitarbeiter der Wirtschaftskammer Wien, war 1981 als Geschäftsführer der Fachgruppe der Lichtspieltheater bei der Übernahme alter Akten und Bestände auf einen Stahlschrank gestoßen, der keiner aktuellen Verwendung diente und mitsamt Inhalt entsorgt werden sollte. Bei der Durchsicht wurde schnell klar, dass das darin enthaltene Material keineswegs der Vernichtung preisgegeben werden durfte, handelte es sich doch um „fein säuberlich in Stahlschienen aufgehängte, alphabetisch sortierte und einheitlich gestaltete orangefarbene Kino-Akten aus der Zeit der Reichsfilmkammer in Österreich von 1938 bis 1945 sowie (...) um die ,Nachfolge-Akten‘ der Jahre von 1945 bis zum Ende der siebziger Jahre“. Ein einzigartiger Bestand von rund 20 000 Seiten, der nun, zusammen mit kritisch rezipierten Zeitzeugen-Interviews, als Grundlage dieses Buches diente.

Dabei schlägt Vögl große Bögen. Er skizziert zunächst die Entwicklung der Kinowirtschaft in Österreich bis 1933 und beschreibt die film- und kinowirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Nazi-Deutschland und Österreich zwischen 1933 und 1938: eine durchaus nicht unwichtige Ouvertüre für das, was unmittelbar nach dem Einmarsch einsetzen sollte. Nach grundlegenden Kapiteln zum NS-Staat und dessen Verhältnis zu Film und Kino einschließlich der entsprechenden Gesetzgebung wird es dann konkret: Was geschah nach dem „Anschluss“? Welche Konsequenzen für die Besitzverhältnisse der Film- und Kinowirtschaft in Österreich hatte der Einmarsch? Wie wurden die Rassengesetzgebungen durchgepeitscht? Welche Personen profitierten von der Vertreibung jüdischer Eigentümer, welche zum Teil neu geschaffenen Behörden und Dienststellen waren beteiligt? Wie wurden die „Sonderfälle“ jüdischer „Mischlinge“ geregelt?

Ein weiteres umfangreiches Kapitel widmet sich der Kinobetriebsführung, dem Jugendschutzrecht, dem Personal, der Zensur, den Filmbezugsbedingungen, der Werbung. Vögl spart keine Ebene der praktischen Kinoarbeit aus, spürt den Untiefen der NS-Politik noch im letzten scheinbar unpolitischen Winkel des laufenden Kinobetriebs nach.

Schließlich geht es ihm darum, was nach 1945 geschah – auch das nicht unbedingt ein rühmliches Kapitel der österreichischen Kinogeschichte: das fehlende Schuldbewusstsein, das tendenzielle Versagen gegenüber den Opfern und das Entgegenkommen gegenüber den Tätern auf gesetzlicher und administrativer Ebene. Zum Resümee des Bandes gehören Sätze wie diese: „Die völlige Umwälzung vor allem der Wiener Kinolandschaft durch die ,Arisierung‘ der jüdischen Kinos wirkt bis heute fort. Jüdische Unternehmer haben in der österreichischen Kinowirtschaft nach 1945 nicht mehr in maßgeblicher Weise Fuß fassen können. Dies war (...) auch auf eine engherzige einschlägige österreichische Gesetzgebung des Jahres 1945 zurückzuführen, die gewiss keinen positiven Höhepunkt in der Geschichte unserer Legistik und Rechtskultur bildet – von ethischen Aspekten ganz zu schweigen.“

Neben fast hundert Seiten Fußnoten findet sich im Anhang eine Chronik der laufenden Ereignisse, in der unter anderem zu lesen ist, dass am 26.10.1939 die Bezeichnung „Kino“ für „unerwünscht“ erklärt und durch „Filmtheater“ ersetzt wurde, dass im Juni 1940 die „Arisierung“ der Wiener Kinos beendet war, dass sich am 31.12.1940 sämtliche US-Verleiher aus der „Ostmark“ zurückzogen und dass am 5.11.1943 gedruckte Filmplakate aus Rohstoffmangel untersagt wurden. Ein für die Kinogeschichte Österreichs im „Dritten Reich“ universelles Kompendium, dem man kleine Fehler („,Jud Süss‘ mit Veit Harlan in der Titelrolle“, S. 359) durchaus nachsieht. Ralf Schenk

Klaus Christian Vögl: Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938–1945. Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2018, 448 S., 60,00 EUR




Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt

Das Leben von DEFA-Regisseur Siegfried Kühn als Montage aus Fiktion und Wirklichkeit

Siegfried Kühn, 1935 in Breslau geboren und ab Ende der 1960er-Jahre Spielfilmregisseur in Babelsberg, gehörte zu denjenigen DEFA-Regisseuren, auf deren jeweils neuesten Film man stets mit Interesse wartete. Er bevorzugte Helden, die neben der Spur waren, Unangepasste, sogenannte Außenseiter, gern skurrile Figuren, auf jeden Fall starke Charaktere, die sich an der Gesellschaft rieben und umgekehrt. Unvergessen bleiben sein Schrankenwärter Platow in „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ (1973), der sich den Herausforderungen der neuen elektronischen Technik stellt, oder der Opernregisseur in „Don Juan, Karl-Liebknecht-Str. 79“ (1979), der wie sein Bühnenheld von seinen Amouren fast verschlungen wird. Kühns DEFA-Filme sahen auch ästhetisch immer anders aus als die meisten anderen Arbeiten aus dem Babelsberger Studio: experimenteller in der Dramaturgie, exzentrischer in der Schauspielerführung, mit streitbaren Regieeinfällen.

Nach dem Ende der DEFA gelang es Kühn trotz mehrerer Anläufe nie wieder, einen Film zu inszenieren; nun, nach langer Pause, legt er sein erstes Buch vor, eine Biografie als „Montage aus Fiktion und Wirklichkeit“. Es sind teils stark verfremdete Geschichten aus dem eigenen Leben, der Kindheit in Schlesien und in Berlin, der Zeit als Lehrling in einem Bergwerk, vom Filmstudium in Moskau und schließlich von der Arbeit bei der DEFA und vom nahezu beständigen Streit mit den bürokratischen Filminstanzen der DDR. Ein autobiografisches Buch, das zugleich von Sagen und Legenden durchwebt ist. Den stärksten Eindruck hinterlassen die Kapitel der Kindheit und Jugend, da gewinnt das Buch gleichsam Grass’sches Format, erinnert an die erzählerische Opulenz der „Blechtrommel“ mit ihren Bilderwelten zwischen Paradiesgärten und Höllenschlünden. So wird das Motiv des Bergwerks als Lebensquelle und Todesort ungemein faszinierend aufgeblättert: Kühn beweist hier große literarische Kraft. Die Erzählungen aus der späteren Filmzeit stecken dann voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, wobei einigen seiner Filme breiter Raum gewidmet wird, andere, auch wichtige, leider gar nicht vorkommen. – Bleibt zu konstatieren, dass die eigentliche Autobiografie des Regisseurs noch aussteht. Nach dieser frei fabulierten, in Zeit und Raum mäandernden „Erdorgel“ ist freilich zu vermuten, dass Siegfried Kühn darauf gar keine Lust hat. Ralf Schenk

Siegfried Kühn: Die Erdorgel oder Wunderbare abgründige Welt. Verlag Neues Leben Berlin 2018, 224 S., 19,99 EUR




Das Gesicht hinter der Maske. Hommage an den Schauspieler Peter Lorre

Verschiedene Facetten eines Darstellers mit chamäleonartiger Anpassungsfähigkeit

Peter Lorre ist seit „M“ (Fritz Lang, 1931) eine Ikone unserer Medienkultur. „Ich und meine Freundinnen haben gestern Abend Peter Lorre gesehen. Den Filmschauspieler. In Person. Er hat eine Zeitung gekauft. Er ist toll!“ So heißt es bei J.D. Salinger in „Der Fänger im Roggen“.

Der Film „The Face Behind the Mask“ (von Robert Florey, 1941) ist der Namensgeber dieses Buches. Lorre ist ein Maskenträger von Format. Gerd Gemünden befasst sich mit Lorres Rollen im Exil nach der Machtübernahme der Nazis. Er spürt dieser Wandlungsfähigkeit des Maskenträgers unter dem Anpassungsdruck des deutschen Schauspielers in einer anderen Kultur nach: „Das Spiel mit der Identität beschränkt sich dabei jedoch nicht auf die Rollen, in die man schlüpfen muss: Das Starsystem verlangt von seinen Akteuren die aktive Mitarbeit an einem Image (…). Was sich damit ändert, ist die ‚Authentizität‘ des Schauspielers, das Gesicht hinter der Maske, das ‚wahre‘ Leben des Stars, dessen Biografie und Vergangenheit in Einklang gebracht werden müssen mit seiner kommerziellen Verwertbarkeit.“ Und Peter Nau, in seinem Text über die Hitchcock-Filme Lorres, notiert: „Wenn er den Überlegenen spielt, kräuseln und entkräuseln sich seine Lippen in einer Art von Grimassen des Lächelns.“ Die chamäleonartige Anpassungsfähigkeit Lorres führte ihn zu einer erfolgreichen Hollywoodkarriere, während Superstars wie Kortner oder Bassermann sich im Exil kaum über Wasser halten konnten.

Christoph Fuchs hat umfangreich über die Entstehungsgeschichte von Lorres einziger Regiearbeit „Der Verlorene“ von 1951 geforscht. Der Film gilt heute als einer der wichtigsten Trümmerfilme überhaupt, aber war ein einziges ökonomisches Desaster. Auch Harun Farocki hat sich mit dem Film in einer Doku befasst. In seinem Nachlass sind noch hochinteressante Unterlagen aufgetaucht. So zum Beispiel ein Interview mit Gisela Trowe, die in ihrer dramatischen Szene mit Lorre das Wort „Totmacher“ geprägt hat: „Ich weiß, dass es nicht im Buch stand. Ob der Lorre das bei diesen Vorbesprechungen genannt hatte, oder ob ich es aus Angst gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß, es wurde nachher nur gesagt, Totmacher ist ein neues Wort, das haben wir erfunden.“

Ein weiterer Text befasst sich mit dem komischen Talent von Peter Lorre (Stefanie Mathilde Frank: Lustiger Lorre). An dem groteskkomischen Genie Lorres rutscht dieser Text etwas betulich vorbei. Ergänzt wird der Band durch eine solide Biografie und Filmografie. Thomas Brandlmeier

Frederik Lang, Brigitte Mayr, Michael Omasta (Hg.): Das Gesicht hinter der Maske. Hommage an den Schauspieler Peter Lorre. Wien (Synema) 2018. 88 Seiten, zahlreiche Abb. 12,50 EUR.


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