Das Filmmuseum in Turin

Ein Streifzug durch das schönste Filmmuseum in Italien, das seit dem Juli 2000 in der prächtigen „Mole Antoniella“ untergebracht ist

Diskussion

Seit Juli 2000 beherbergt die "Mole Antoniella" in Turin das schönste Filmmuseum Italiens. Was Traum und was Wirklichkeit ist, lässt sich dort nicht immer trennscharf auseinanderhalten. Als eine Kathedrale der Träume bildet das Museum den Mythos des Kinos perfekt ab und dekonstruiert ihn gleichzeitig.


Die 167 Meter hohe "Mole Antoniella" gilt als Wahrzeichen der piemontesischen Hauptstadt Turin; seit Juli 2000 beheimatet sie das „Museo Nazionale del Cinema“. Der spitz zulaufende Kuppelbau, der ursprünglich als Synagoge geplant war, ist vom Fluss Po aus nicht sogleich sichtbar, wenn man von der Piazza Vittorio Veneto her kommt. Bevor das Museum öffnet, haben fliegende Händler auf dem Platz schon Billigimitate modischer Accessoires platziert. Drinnen ist alles echt. Der gläserne Aufzug, der die Museumsbesucher in wenigen Sekunden auf eine Aussichtsplattform in 85 Meter Höhe katapultiert, ist ein echter Blickfang. Wieder auf sicherem Boden, wartet der Rundgang durch die vielgerühmte Dauerausstellung zur Archäologie des Kinos.


Die Geräte sind ins beste Licht gesetzt

Hier findet man wunderbare Kabinette mit Schattentheatern, verschiedensten Exemplaren der Laterna magica, den fotografischen Vorläufer der frühen Filmprojektoren – sorgfältig mit dicken Vorhängen verkleidet, sichtgeschützt und so platziert, dass die Exponate im besten Licht stehen. Der Schweizer Bühnenbildner François Confino hat diese Apparate mit spektakulären optischen und akustischen Details atmosphärisch ansprechend platziert. Die Dauerausstellung beeindruckt durch prägnante Informationen und wahre Schätze zu den Segmenten Produktion, Regie, Drehbuch, Ausstattung, Musik oder Kostüm.

Stylisches Interieur: Das Filmmuseum in Turin
Stylisches Interieur: Das Filmmuseum in Turin

Die gelungene filmhistorische Propädeutik versammelt zahlreiche Objekte, die man in die Hand nehmen soll, weil sie zum Abspielen oder Verändern spezieller Bild- und Tonsequenzen einladen. Im Zentrum der "Mole Antoniella" dominiert abgedunkeltes Ambiente. Auf zwei Leinwänden lassen sich ganze Filme oder ausgewählte Sequenzen genießen. Rechterhand residiert – im Dunkel fast angsteinflößend – die überdimensionale Moloch-Skulptur aus Giovanni Pastrones Monumentalfilm „Cabiria“ (1914): eine dämonische Verführung aus Licht und Schatten, Traum und Wirklichkeit.


Nicht nur an die Vergangenheit erinnern

Die Stadt Turin, die von 1861 bis 1865 die Hauptstadt des Königreichs Italien war, spielte für die einheimische Kinematografie bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine Schlüsselrolle. 1906 wurde in der Stadt die Produktionsfirma Ambrosio Film gegründet, 1908 die Itala Film. Der weltweite Siegeszug italienischer Kostüm- und Monumentalfilme, ein Gegenpol zum theateraffinen französischen Film d’Art, startete mit „Die letzten Tage von Pompeji“ (1913), „Der Fall von Troja“ (1910) und „Cabiria“ (1914); lauter Erinnerungen an das in Vergessenheit geratene Goldene Stummfilmzeitalter.

„Das Museum hat nicht nur die Aufgabe der Konservierung; es soll als Gedächtnis des Films nicht nur an die Vergangenheit erinnern. Es muss vielmehr auch ein Zentrum der kulturellen Produktion werden, das die Gegenwart und die Zukunft im Blick hat“, beschrieb Alberto Barbera seine Vision, der von 2004 bis Ende 2017 das Museum als Direktor leitete. Barberas Fachkompetenz und internationale Reputation waren trotz der am Ende seiner Amtszeit aufgetretenen Unstimmigkeiten und finanziellen Defizite unumstritten. Zur Trägerschaft der Einrichtung zählen die Stadt und die Provinz Turin, die Region Piemont, die Compagnia di San Paolo, die Fondazione CRT, die Associazione Museo Nazionale del Cinema und die Verkehrsbetriebe GTT S.p.a.

Ein magischer Ort der Cinéphilie
Ein magischer Ort der Cinéphilie

Für Barbera war der Posten des Festivaldirektors in Venedig, wo er der Mostra seit 2012 zu einer spürbaren Renaissance verhalf, wohl attraktiver. Als Nachfolger sucht man bis heute eine Persönlichkeit mit administrativer Erfahrung. Immerhin konnte in diesem Jahr mit dem 67-jährigen Turiner Filmexperten Sergio Toffetti, der von 1991 bis 1998 die Filmabteilung des Museums verantwortete, ein neuer Präsident installiert werden. Bis zum 60-jährigen Jubiläum des Filmmuseums, das am 28. September 1958 gegründet wurde, wollte man die neue Leitung eigentlich installiert haben. Doch die aktuelle politisch-kulturelle Instabilität des Landes bestätigt einmal mehr das Klischee der „italienischen Affäre“: dass Veränderungen notwendig sind und anrüchige finanzielle Verteilungskämpfe nie verstummen.


Eine charismatische Sammlerin: Maria Adriana Prolo

Das dank der enormen Sammelleidenschaft der Filmhistorikerin Maria Adriana Prolo 1958 ursprünglich im Palazzo Chiablese eröffnete Museum verfügt über einen ungeheuren Fundus extrem gut erhaltener Originalgeräte, Dokumente und Publikationen. Die charismatische Prolo besaß gute Verbindungen zu industriellen Mäzenen und zur Filmkritik. Das Museum beherbergt über 1,8 Millionen Exponate, 37 000 Filmkopien und 42 000 Bücher. Große Bedeutung kommt auch der Forschung und der medienpädagogischen Arbeit zu. So wurden bei einer Auktion jüngst 126 Dokumente aus dem Nachlass von Orson Welles zur Aufbereitung und Auswertung erworben.

Nach einem umfangreichem Lifting und einer großen Digitalisierungsoffensive zählt das Filmmuseum Turin weltweit zur Spitze vergleichbarer Institute. Es bildet den Mythos der Traumfabrik perfekt ab und dekonstruiert ihn gleichzeitig, verleiht der eskapistischen Komponente der Kinematografie den passenden Ausdruck. Diese Kathedrale der Träume strahlt die Aura eines Gesamtkunstwerks aus; es vermittelt ein Gefühl für das „Cinema paradiso“ (Giuseppe Tornatore) wie für „I sognatori“ („Die Träumer“, Bernardo Bertolucci).

Die Fiktion von Alltag und der Welt der Illusionen spiegelt sich auch im „Caffè Torino“ wider, mit Tischchen und einer Leinwand, auf der italienische Filmklassiker laufen. In Turin (und Umgebung) spielen Filme wie „Bitterer Reis“ (Regie: Giuseppe de Santis), „Die Freundinnen“ von Michelangelo Antonioni oder Gianni Amelios „So haben wir gelacht“, ein realistisch-melancholischer Abgesang auf die Hoffnungen zweier sizilianischer Brüder, die in der Fiat-Metropole Ende der 1950er-Jahre ihr Glück suchen – und scheitern. Oder auch Davide Ferrarios „Dopo Mezzanotte“, dem Caligari-Filmpreisträger 2004, in dem der Nachtwächter des Museums sich Stummfilme anschaut und von einer vor der Polizei fliehenden Frau plötzlich aus der Welt der Träume in die Realität versetzt wird.


Das Kino als Geschichte der Welt

„Kino ist als Geschichte der Welt zu verstehen“, sagt Veronica Geraci, die Pressechefin des Museums. „Es ist ein Spiegel vom Strukturwandel der Welt. Und damit auch ein Schlüssel zu unserer Vergangenheit, zum Verstehen der Techniken, vom Werden und Vergehen. Es geht dem Museum trotz der populären Präsentation nicht nur um Amüsement.“

Zu diesem Selbstverständnis passt die aktuelle Sonderausstellung „Soundframes. Cinema e Musica in mostra“, hervorragend kuratiert von Grazia Paganelli, Stefano Boni und Maurizio Pisani. Die umfangreiche Multimedia-Schau wartet in neun gut gegliederten Sektionen mit 130 Filmsequenzen auf. Das breite Spektrum erzählt vom Verhältnis der Musik und der Kinobilder mittels stilprägender Klassiker. Die Konzeption geht chronologisch wie thematisch vor; sie reicht von der Stummfilm-Ära über die Einführung des Tonfilms („The Jazz Singer“, 1927) und das Musical bis in die Gegenwart. Erhellend: das dramaturgisch-strukturierende Element von Tanz und Gesang; eine den großen Komponisten gewidmete Abteilung mit dem Einfluss der Originalpartituren auf die Traumfabrik Hollywood; die Verbindungen zwischen der Nouvelle Vague und dem New Hollywood-Kino; sowie exemplarische Verweise auf Musikfilme, das Horrorgenre und Videoclips.


Suggestiv – verstörend - unterhaltend

Abschließend sind interaktive Installationen zu betreten. Dank einer vibrierenden „Tonleitung“ über Holz generiert Alfredo Di Gino Puccetti mit Füßen wahrnehmbare Emotionen. Der Gang durch ein Jahrhundert (Musik-)Filmgeschichte verläuft suggestiv, verstörend, unterhaltend. Man könnte mit Gene Kelly tanzen („Singin’ in the Rain“), mit Miles Davis’ coolem Soundtrack zu „Fahrstuhl zum Schafott“ mitfiebern und dabei Augen und Ohren öffnen. Man wolle „keine statische, sondern eine dynamische Ausstellung“, um nicht mit Objekten, sondern mit Sensationen zu neuen Ufern aufzubrechen, „zu einer Sprache, die viel tiefer sein kann“, hieß es bei Eröffnung der lebendig-sinnlichen Schau.

Der Zuspruch stieg in den vergangenen Jahren kontinuierlich an: 2017 verzeichnete das etwa 70 Mitarbeiter zählende Filmmuseum 720.000 Besucher und gehört damit zu den Topadressen in Italien.



Museo Nazionale del Cinema, Via Montebello, 20, Turin. Geöffnet: Mo/Mi/Do/Fr/So 9-20 Uhr, Sa 9-23 Uhr. Die Ausstellung „Soundframes. Cinema e Musica in mostra“ ist bis zum 9. Januar 2019 zu sehen.

Fotos: Museo Nazionale del Cinema

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