Eigensinnige Filme

Ein Bericht über die Jahrestagung „Dokumentar-Film-Kultur“ in Köln

Diskussion

Das dokumentarische Filmschaffen steht vor grundlegenden Änderungen. Das betrifft sowohl Produktion wie Vertrieb, aber noch mehr das Selbstverständnis der Filmemacher. Eine Tagung in Köln suchte nach Wegen, wie sich die Ansprüche auf Autonomie und Wahrhaftigkeit mit den sich rapide verändernden Strukturen zusammenbringen lassen.


Manchmal bricht die Wirklichkeit mit brutaler Macht in die Formen ihrer Reflektion ein. So auch bei der Jahrestagung der Dokumentarfilminitiative NW, die sich unter tatkräftiger Beteiligung der Filmemacher über die Zukunft des Autorenfilms in der Ära fortgeschrittener Digitalisierung Gedanken machte. Der Ort der Tagung, die Kölner Hochschule für Medien KHM, wurde dabei unversehens von einer Zone des Austauschs zu einer der Trauer. Denn der am 19. September im Hambacher Forst von einer Hängebrücke in den Tod gestürzte Steffen Meyn war seit drei Jahren Student der Filmhochschule und hatte sich mit seinem vielseitigen Engagement große Popularität erworben. Als viele sichtlich unter Schock stehende Studierende und Lehrende aus den Ferien zu einer improvisierten Trauerfeier im Hof der KHM zusammenkamen, mischten sie sich mit den anwesenden Tagungsteilnehmern.

Meyn war seit über einem Jahr kontinuierlich im Hambacher Forst präsent, um neben einem Twitter-Blog auch eine Langzeitdokumentation über die Anti-Braunkohle-Aktivisten zu drehen und den Wald in einem Virtual-Reality-Projekt für die Nachwelt festzuhalten. So darf man den in den Medien meist als „Journalist“ oder „Blogger“ bezeichneten jungen Mann wohl zu Recht auch einen Dokumentarfilmer nennen. Seine Unternehmungen im Hambacher Forst hätten gut zum Anliegen und dem Programm der Tagung mit dem Titel „Eigensinnige Filme“ gepasst.


Ein Epitaph des Hambacher Forsts in 360-Grad-Bildern

Und das nicht nur, weil ein Workshop der Frage nachging, wie weit neben anderen neuen Formaten auch Virtual-Reality-Projekte im Dokumentarfilm Sinn machen. Meyns Versuch, dem zum baldigen Tod verdammten Wald in bewegten 360-Grad-Bildern ein filmisches Weiterleben und Andenken zu sichern, zählte dabei zu den sinnvolleren Anwendungen dieser Technik. Es wäre in jedem Fall angemessener als die in Köln vorgestellten Virtual-Reality-Projekte „Inside Auschwitz“ oder „Berlin Paris Terror“ gewesen, die den Immersionseffekt von VR für die nachgestellte Realität des Vernichtungslagers oder der Anschläge von Paris und Berlin sensationalistisch nutzen.

Generell hat die Virtual- Reality-Technologie mit ihren aufwändigen und starren Dreh-Anordnungen im eher improvisationsfreudigen dokumentarischen Filmschaffen wohl nur am Rande Platz. Viel entscheidender ist hingegen die Frage nach den Umbrüchen und Verschiebungen im Rezeptionsverhalten, die aus einem gemeinschaftlich anwesenden Publikum atomisierte User macht und am Ende Kinosaal und Fernsehen tendenziell durch das Netz ersetzt. Diese Umbrüche werden in absehbarer Zeit enorme Auswirkungen auf die Medienlandschaft und ihre finanzielle Grundierung haben. Offen – und hoffentlich noch zu gestalten – ist, wie diese im Konkreten aussehen.

Plakat der Tagung "Dokumentar-Film-Kultur"
Plakat der Tagung "Dokumentar-Film-Kultur"


Für die Dokumentarfilmer ist die Möglichkeit enormer Reichweite im Netz eher eine wohlfeile Verheißung; in der Praxis gehen ihre eher randständigen Filme in den algorithmisch sortierten Weiten des Internet bislang eher unter. Außerdem hat wohl kaum jemand die Geduld, sich einen im Kino abendfüllenden Film auf dem Handyscreen bis zum Ende anzuschauen. Deshalb müssen sich die Formate und Formen stark verändern. Die prekäre materielle Basis des dokumentarischen Filmschaffens verschärft sich dadurch noch weiter, da die einschlägigen Sendeplätze bei den Fernsehsendern bereits jetzt schon stark schrumpfen. Bislang gibt es weder ein Modell noch eine Aussicht darauf, wie sich online Einkünfte generieren lassen, die über ein paar Cent hinausgehen.


Das Fernsehen ist nicht mehr der Gatekeeper

Inhaltlich hat der Abschied schon begonnen. Die Zeiten, in denen sich Dokumentarfilmer gegenseitig vor allem in Klagen über die Missstände bei den Sendern definierten, scheinen endgültig vorbei zu sein; jetzt steht eher die autonome Umsetzung des Wunsches nach künstlerischem Ausdruck (und nichtdestotrotz der Wunsch nach politischer Einmischung in die Gestaltung der Veränderungen) auf dem Programm. Das Fernsehen verliert dabei im Bewusstsein der Filmemacher seine Monopolstellung als Gatekeeper.

Auch die Grenzen zwischen professionellem Filmemachen und Amateuren werden neu gesetzt. Das legen jedenfalls die Statements dreier Filmemacherinnen nahe, die sich und ihre Arbeit in Köln in einem Workshop präsentierten. Ulrike Franke („Göttliche Lage“, „Losers and Winners“) war dabei noch die „arrivierteste“ Filmschaffende, die mit Filmförderung und Fernsehen schon zusammengearbeitet hat, auch wenn ihre jüngsten Projekte außerhalb des Fördersystems im Theaterkontext entstanden.

Sandra Trostel hat ihr plattformübergreifendes digitales Doku-Science-Fiction-Projekt „All Creatures Are Welcome“ hingegen nur mit Hilfe von über tausend Crowd-Funding-Spendern und tatkräftiger Unterstützung aus der Hacker-Szene realisiert. Und Sabine Herpich stemmte ihre drei bisherigen Dokumentarfilme mit Hilfe ihres Brotberufs im Berliner Kinokollektiv fsk und dem dazugehörigen Peripher-Verleih. Ihren jüngsten Film „David“ über einen Berliner Bildhauer hat sie über Vimeo kostenlos auf ihrer Homepage ins Netz gestellt, wo sie sich eine Weile auch provokativ als „Hobbyfilmerin“ bezeichnete.

Steht im Netz: "David" von Sabine Herpich
Steht im Netz: "David" von Sabine Herpich

Der Wunsch nach dokumentarischer Autarkie

Voraussetzung für eine solche dokumentarische Autarkie ist die kostengünstige Verfügbarkeit digitaler Produktionsmittel, wo nur noch die Postproduktion als (überschaubarer) externer Kostenfaktor übrigbleibt. Die Motivation für ein solches Filmschaffen erwächst aus der Unlust junger Filmschaffender, ihre Energien im Hickhack mit Redaktionen und bürokratischen Hindernissen zu vergeuden. Wie auf der Tagung immer wieder zu hören war, entspricht auch die derzeit übliche Praxis, beim Beantragen von Filmfördermitteln pro forma ein Pseudo-Drehbuch vorzulegen, nicht mehr dem Selbstverständnis der jungen FilmemacherInnen – und erst recht nicht ihrem Anspruch auf Wahrhaftigkeit.

Diese Abstinenz ist eine interessante Entwicklung, die an den ersten Teil der in diesem Jahr erstmals zweigeteilten Jahrestagung anknüpfte. Im April hatte man sich dem Aufschwung kollektiven Arbeitens im Bereich des Dokumentarfilms gewidmet, der als Antwort auf verschärfte Konkurrenz und Individualisierung in der Branche gedeutet wurde. „neopan kollektiv“, ,,Filmkooperative Petrolio“ oder „Dokomotive“ heißen die jungen, oft aus Filmschulen hervorgehenden Produktions- und Vertriebsgemeinschaften; etwas gediegener sind die selbstverwaltete Filmschule „filmArche“ oder die Filmpublizisten von „Revolver“. Dabei gehen die aktuellen Netzwerke bei aller Wertschätzung der Tradition deutlich prosaischer ans Thema der Kollektivität heran als ihre historischen Vorläufer in den 1960er- und 1970er-Jahren. Statt dem emphatisch beschworenen „gemeinsamen Leben und Arbeiten“ geht es pragmatisch um die Bündelung von Synergien gegen die zunehmend schwierigen Bedingungen am Markt oder die Sicherung eines Mindestmaßes an auktorialer Autonomie und kreativer Kontinuität.

Dennoch haben aber auch die Kooperativen noch nicht den Weg zum richtigen Gelderwerb gefunden; auch hier finanzieren viele ihre Autorenschaft durch Brotjobs, oft innerhalb der Branche. Offensichtlich wird die künstlerische Arbeit nicht ausreichend gewürdigt. Einhelligkeit herrscht zumindest darüber, dass das vorhandene Modell der Filmförderung für den Dokumentarfilm ausgedient hat und dringend revolutioniert werden muss.

Die Ansichten über mögliche Optionen gehen allerdings weit auseinander. Saskia Walker von „Revolver“ hatte schon auf der Frühjahrstagung angeregt, zur Schaffung kreativer Freiräume statt auf Änderungen der Förderlandschaft lieber auf die Durchsetzung eines bedingungslosen Grundeinkommens zu setzen. Sandra Trostel propagierte eine öffentliche Vollförderung von Dokumentarfilmen, die anschließend kostenlos in ein ebenfalls öffentliches Netz eingestellt werden. Ein anderer Vorschlag ist die Idee, statt der Förderung einzelner Projekte Arbeitsstipendien an Filmemacher zu vergeben und die Filme dann in ebenfalls öffentlich geförderten Werkstätten zu realisieren. Aber auch die Kultur-Flatrate kam wieder zu Ehren.


Ins Handeln kommen

Einig waren sich die in Köln anwesenden Filmschaffenden auch bei dem Wunsch, die schon oft geäußerte Kritik aus dem Erörterungsmodus endlich in gebündelte politische Aktionen umzuwandeln. An Petra L. Schmitz, die Leiterin der Dokumentarfilminitiative, erging der Auftrag, in näherer Zukunft, aber auf jeden Fall vor der nächsten Jahrestagung, ein breit aufgestelltes Treffen möglichst aller mit dem Dokumentarfilm befassten Akteure in Nordrhein-Westfalen zu organisieren.


Eine Zusammenfassung aller Referate während der Tagung "Eigensinnige Filme" findet sich auf der Website der dokumentarfilminitiative NW.

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