Konfetti 23: Schatzinsel

Hommage an den französischen "Auteur" Guillaume Brac und dessen neuen Film „L’île au trésor“

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Guillaume Brac ist ein Auteur der freien Zeit, des Rumhängens, des Urlaubflirts. Seine Filme spielen in den Sommerferien oder in sommerferienartigen Situationen: Arbeit, Schule, Uni sind weit weg, so weit weg, dass man fast vergessen könnte, dass es diese Zwangssysteme überhaupt gibt. Stattdessen etablieren sich andere soziale Regelsysteme, andere Blickregime, andere Bildrhythmen. Nicht langfristiges Vorankommen, sondern kurzfristige Bedürfnisse und die Schönheiten des Moments bestimmen dieses Kino.

Vielleicht hat Brac, wiewohl seit geraumer Zeit ein Liebling der französischen Filmkritik, auch deshalb bislang nur einen „echten“ langen Spielfilm gedreht: „Tonnerre“ (2013). Eher scheint es ihn zu kurzen und mittellangen Formaten zu ziehen, die um ein, zwei Situationen herumgebaut und stets stark von den Darstellerinnen und Darstellern her gedacht sind: „Une monde sans femmes“ (2011), sein Durchbruchsfilm, ist nur gut 50 Minuten lang, „Contes de juillet“ (2017) dauert zwar knapp über eine Stunde, ist aber trotzdem nur ein (großartiges!) Pseudo-Feature, das aus zwei voneinander unabhängigen mittellangen Filmen besteht. Sein neuester Film „L’île au trésor“ wiederum ist zwar „abendfüllend“, aber nicht, wie die anderen, fiktional, sondern dokumentarisch.

Der Film beschreibt ein soziales Spektrum; im engeren Sinne ethnografisch ambitioniert ist er allerdings nicht. Genau wie sich Bracs fiktionale Arbeiten offensichtlich einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, einer unbedingten Aufmerksamkeit für soziale Situationen verdanken, mobilisiert der neue Film die narrativen Potentiale des Alltags und zeigt, dass die Versuche einiger Jugendlicher, sich an den Aufsehern vorbei ins Bad zu schleichen, als Ausgangspunkt gleich mehrerer tragikomischer Miniaturen dienen können.

"L'île du trésor"
"L'île au trésor"

Das Dokumentarische ist für Brac vielleicht in erster Linie eine weitere Möglichkeit, sich den – aus Sicht seines dem Ephemeren gewidmeten Kinos – totalitären Zurichtungen der Spielfilmform zu entziehen. „L’île au trésor“ ist in einem Naherholungsgebiet in der Umgebung von Paris gefilmt, das um einen natürlichen Teich herum entstanden ist (und das, glaube ich, auch schon der ersten Hälfte von „Contes de juillet“ als Schauplatz diente). Der Titel ergibt Sinn: Diese Freizeitoase auf einer früh im Film eingeblendeten Landkarte sieht tatsächlich aus wie eine blau-grüne Schatzinsel inmitten eines durchurbanisierten Niemandslandes. Der Film besteht aus Porträts von Besuchern und Zufallsbeobachtungen, locker hinter- oder fast eher nebeneinander aufgereiht. Wenn der Sommer zu Ende geht, ist auch der Film aus.

Unter den vielen kleinen Schönheiten des Films sei nur eine Einstellung herausgegriffen: Ein Mädchen, vielleicht acht Jahre, beim Ballspiel. Genauer gesagt: beim Völkerballspiel, also bei dem sadistischsten aller Ballspiele, bei dem es darum geht, die gegnerischen Spielerinnen und Spieler mit Ballwürfen am Körper zu treffen, regelrecht „abzuschießen“. Die von Martin Rit durchweg mit unaufdringlicher Eleganz geführte Kamera isoliert das Mädchen im Bild, die übrige Spielsituation bleibt unsichtbar, beziehungsweise lässt sich nur aus den Bewegungen und Blicken des Mädchens erahnen. Sie scheint die letzte „Überlebende“ ihres Teams zu sein. Das heißt, dass rund um sie die gegnerische Mannschaft platziert ist und versucht, auch noch sie außer Gefecht zu setzen.

Das Tolle an der Einstellung ist die unbedingte Euphorie des Mädchens, ihre totale Hingabe an das Spiel. Wild schreiend und lachend rennt sie hin und her, vor dem Ball flüchtend. Für ein, zwei Minuten fühlt sie sich wie das Zentrum der Welt. Und zwar, wie Bracs Film zeigt, zu Recht.


Fotos: Films du Losange

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