Mit dem Werk muss gerungen werden

Der Dokumentarist Jörg Adolph versteht sich als Freund und Komplize seiner Protagonisten.

Diskussion

In den Filmen des Dokumentaristen Jörg Adolph geht es häufig um kreative Menschen oder Situationen, die sich vorab nicht planen oder beherrschen lassen. In „direct cinema“-Manier folgt er den Protagonisten ohne gängelnde Kommentierung bei ihrem Tun. Aktuell erzählt er in „Elternschule“ (Kinostart: 11. Oktober) mit großer Klarheit und viel Witz von Menschen, die renitenten Kindern und ihren überforderten Eltern aus der Sackgasse helfen.


Wir leben in einer „Epoche des Willens und der Perfektionierung des Machens“ (Carl Friedrich von Weizsäcker). Alles soll verfügbar und machbar sein. Dennoch entziehen sich wesentliche Momente unseres Tuns simpler Verfügbarkeit. So lässt sich die Inspiration eines Künstlers nicht beliebig herbeikommandieren, und auch ein perfekt trainierter Sportler benötigt beim Wettbewerb das Glück des Augenblicks. Wir können vieles machen, doch immer bleibt die Frage bestehen: ist das Gemachte auch gelungen? Was ist der Anteil einer Steigerung des Machens am Gelingen?

Der Dokumentarist Jörg Adolph, 1967 in Herford geboren, erforscht das Spannungsfeld zwischen Machen und Gelingen in der Manier des „direct cinema“, eines dokumentarischen Stils, der ohne Kommentar, ohne Interviews oder Statements auskommt. Die auf der Leinwand ausbereiteten Geschehnisse sollen aus sich evident sein, sie sollen sich selbst erklären, ohne gängelnde Einordnungen oder Kommentare. Adolph beherrscht diesen Stil meisterlich, den Dokumentaristen wie D.A. Pennebaker, Jean Rouch oder Frederick Wiseman exemplarisch ausgeprägt haben.

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In seinem ersten abendfüllenden Film, der 2000 als Abschlussarbeit an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film entstand, begleitet Adolph zwei junge Tischtennisspieler, die sich mit großem Talent und Eifer den Weg in die erste Liga bahnen. Der Filmtitel bezieht sich auf den kleinen weißen Ball, um den sich alles dreht und der sich der Kontrolle entziehen will: „Klein, schnell und außer Kontrolle“. Adolphs jüngster Film „Elternschule“, den er zusammen mit Ralf Bücheler realisierte (Kinostart: 11. Oktober), handelt davon, wie Kinder „außer Kontrolle“ geraten können. Wir begegnen Eltern, die in einer erzieherischen Sackgasse stecken. Sie müssen erleben, wie sich ihre Kinder in „Quälgeister“ verwandeln, und suchen Hilfe an der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Die minutiösen Schilderungen der Therapiemaßnahmen bezeugen packend, wie es gelingen kann, diese Kinder aus ihrem selbstzerstörerischen Tyrannenmodus zu befreien.

„Elternschule“
„Elternschule“

Adolph hat Hochleistungssportler und Therapeuten, vor allem aber Kunstschaffende zu Protagonisten seiner Filme gemacht. Der Dramaturgie ihrer oft sehr langwierigen Arbeitsprozesse folgend, begleitet er sie geduldig und hautnah mit der Kamera: die Musiker der Weilheimer Band „The Notwist“ bei der Produktion des Albums „Neon Golden“ („On/Off the Record“, 2002); den Schriftsteller John von Düffel bei der Arbeit an seinem Roman („Houwelandt – Ein Roman entsteht“, 2005); Christian Stückl als Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele 2010 („Die große Passion“, 2010); den Kunstbuchverleger Gerhard Steidl bei den Reisen zu seinen „Schützlingen“ Martin Parr, Joel Sternfeld, Robert Frank, Ed Ruscha, Günter Grass („How to Make a Book with Steidl“, 2011).


Im Fokus: Menschen mit einer großen Leidenschaft

Adolph interessiert sich für Menschen, die sich mit besonderer Hingabe und Leidenschaft einer Aufgabe widmen. Dort, wo diese Leidenschaft obsessive Züge annimmt, schaut er besonders genau hin. Ihn reizen Protagonisten, die Spiegel und Ansporn seiner eigenen Leidenschaft als Filmemacher sein können. So stürzt er sich auch mit Langstreckenschwimmern in die widerspenstigen Fluten des Ärmelkanals, wo man gegen die Wellenberge bis zur völligen Erschöpfung ankämpfen muss („Kanalschwimmer“, 2004). Der Entstehungsprozess künstlerischer Arbeiten aber ist Adolphs Lieblings-Szenario. Hier begibt er sich an einen dramatischen Schauplatz, auf dem der Künstler gegen zwei Dinge ankämpfen muss. Zuerst gegen den Kunstbetrieb, den nur die Verwertbarkeit der Arbeit interessiert. In „Die große Passion“ wird „der Krieg zwischen Verwaltung und Künstler“ einmal zum „wohl unumgänglichen Naturgesetz“ erklärt. Zweitens ist der schöpferische Prozess selbst eine äußerst fragile Sache. Wie befeuert man ihn? Was tun, wenn die Inspiration ausbleibt, wenn die Erfindungskraft nachlässt, wenn die stimmige Form einfach nicht zu finden ist? Mit dem Werk muss gerungen werden.

Im Studio bei den „Notwist“-Aufnahmen registriert Adolph solche Momente des Ringens in all seinen Zerfaserungen von der Niedergeschlagenheit über das Warten auf einen zündenden Einfall. Es ist nur eine kleine Instrumentalpassage, an der die Musiker aber unendlich feilen, weil irgendetwas noch nicht stimmt; also gibt es einen immer neuen Versuch, ein neues Arrangement, eine andere Instrumentierung. Mit der Zeit gewinnt man den Eindruck, dass hier mit größter Detailversessenheit eher an einem Stück experimenteller Kammermusik gearbeitet wird denn an einem Popsong. Adolph filmt diese Arbeit im Studio niemals auch nur ansatzweise so, wie es ein PR-Film tun würde. Er sucht keinen gefälligen, leicht wiedererkennbaren Song aus, um dem Zuschauer Appetit auf das Album zu machen. Es geht ihm vielmehr darum, tief in den Arbeits- und Formungsprozess einzutauchen und den Zuschauer so an den intensivsten Momenten des schöpferischen Prozesses teilhaben zu lassen.

„On/Off the Record“
„On/Off the Record“

Bei dem Verleger Steidl in Göttingen stehen die berühmtesten Fotokünstler der Gegenwart Schlange, um ihre Werke an seiner Druckmaschine fertigen zu lassen. Steidl ist kein Verleger, gegen den die Künstler ankämpfen müssten, um ihren Intentionen Geltung zu verschaffen. Er ist Vertrauter, Freund und Komplize „seiner“ Künstler und weiß bisweilen über deren Absichten besser Bescheid als sie selbst. Seine Hauptbeschäftigung scheint das Reisen zu sein. Er will mit den Fotografen jede Nuance der Buchproduktion besprechen, besucht Sternfeld in New York, Robert Frank in Soho und Jeff Wall in Vancouver, er visitiert auch Günter Grass, der unter seiner gestrengen Aufsicht das Coverbild seines Romans neu mit dem Tuschpinsel zeichnet.

„Wir durften“, erzählt Jörg Adolph von diesem Film, „mit kleinem Budget von 3sat und unterstützt vom Film-Fernseh-Fonds Bayern ein Jahr lang Gerhard Steidl bei der Arbeit begleiten und dabei sein, als ebenso schöne wie wichtige Bücher gemacht wurden. Wir haben Steidls überladene Koffer von Flughafen zu Flughafen und in die Ateliers von Fotokünstlern geschleppt, um dann leise und beiläufig die Gespräche zu filmen.“


„Elternschule“ macht den Therapieprozess durchsichtig

Das „leise und beiläufig“ charakterisiert die Arbeitsweise Adolphs sehr treffend. Wenn er mit minimalem Team am Ort des Geschehens auftaucht, wird er nicht zum Störfaktor, nicht zum Wichtigtuer-Regisseur, der verlangt: „…und nun wiederholen sie einmal das Gesagte noch nachdrücklicher und fotogener für die Kamera!“ Seine Protagonisten wissen, dass er die Nähe, die sie zulassen, nicht gegen sie verwenden wird.

Eindrucksvoll zeigt sich das in der Klinik von „Elternschule“, wo nicht nur die Ärzte und Pflegekräfte, sondern gerade auch die schwer geplagten Eltern ein Dabeisein der Kamera zulassen, das den Therapieprozess im detaillierten Verlauf durchsichtig und verständlich machen kann. Für die Künstler, denen er sich an die Fersen heftet, wird er – ähnlich wie Steidl – zum Vertrauten und Komplizen, der über größtes Einfühlungsvermögen verfügt und seine Achtsamkeit auf die entscheidenden Dinge richtet. Im 144-minütigen Oberammergau-Film registriert Adolph genau, wie Spielleiter Christian Stückl in jeder Phase des konfliktreichen Passionsspiel-Unterfangs darum besorgt ist, dass diese Jesus-Passion auch passioniert gespielt wird, dass sich auch nach den ersten erfolgreichen Aufführungen keine nachlässige Darstellerroutine einschleift.

Eine wunderbare Szene hinter der Bühne bezeugt, wie Stückls Ermahnungen Früchte tragen. Da probt der Jesus-Darsteller noch einmal die Szene, in der er die Hohen Priester beschuldigt, aus dem Tempel eine Räuberhöhle gemacht zu haben. Weil die Beschuldigten gerade anderweitig beschäftigt sind, Kicker spielen oder sich auf der Toilette frisch machen, übernimmt ein kleiner blonder Junge den hohepriesterlichen Part und ruft mit mächtigem Pathos aus: „Wer bist du, dass du es wagst, die Priester mit einer solchen Rede zu schmähen!“ Der Elan, mit dem der Junge auftritt, signalisiert: in 10 Jahren, bei den nächsten Passionsspielen werde ich bereit sein, die Jesusrolle zu übernehmen!

„Die große Passion“
„Die große Passion“

Beim „direct cinema“ kommt der Arbeit am Schneidetisch größte Bedeutung zu. Eine riesige Menge von Aufnahmematerial muss gesichtet, ausgewählt, „destilliert“ und erzählerisch verdichtet werden. Die vielfach preisgekrönten Filme Jörg Adolphs, bei denen meist Anja Pohl die Montage besorgt, packen und begeistern, weil sie Spannung, Klarheit und erzählerischen Witz in eine schöne Balance bringen. Sie lassen einzelne Personen in ihrer individuellen Charakteristik, aber auch in ihrem gesellschaftlichen Kontext hervortreten. Sie öffnen den Blick auf die Welt, schärfen die Wahrnehmung, vermitteln ein feinnerviges Gespür für schöpferische Prozesse, für das Gelingen eines Kunstwerks, einer sportlichen Ambition, einer therapeutischen Bemühung.

Der jüngste Film, an dem Jörg Adolph derzeit arbeitet, widmet sich dem Förster Peter Wohlleben und dessen Sachbuch-Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“.


Fotos: Zorro („Elternschule“), Film Kino Text („On/Off the Record“), DocCollection („Die große Passion“, Porträt Jörg Adolph © Anja Pohl)

Jörg Adolph
Jörg Adolph

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