Ein Gespräch mit Agnès Jaoui

Zum Kinostart von „Champagner und Macarons“

Diskussion

Der deutsche Titel ihres neuen Films „Champagner und Macarons“ klingt luftig-genießerisch; tatsächlich geht es der französischen Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Agnès Jaoui aber wie in all ihren Werken um Substanzielles: Im Mikrokosmos eines Festes werden Konfliktlinien der französischen Gesellschaft abgeschritten. Im Interview erzählt die 1964 geborene Künstlerin von der Entwicklung des Stoffs zusammen mit ihrem langjährigen Kollegen Jean-Pierre Bacri und über die Zusammenführung der Themen im Film.


Sie haben seit Alain Resnais’ „Smoking / No Smoking“, seit 1993, bereits zahlreiche Drehbücher gemeinsam mit Jean-Pierre Bacri geschrieben. Wie arbeiten Sie zusammen?

Agnès Jaoui: Wir treffen uns jeden Nachmittag (bis auf das Wochenende) von drei Uhr bis sieben Uhr, wir sprechen darüber, was wir in unseren Schreibblocks mit dem Kuli an Ideen notiert haben. Wir arbeiten nämlich nicht am Computer. Und dann versuchen wir herauszufinden, welchen Dingen wir uns widmen wollen, welche Themen wir verfolgen, welche Charaktere wir einführen und dann vielleicht auch selber spielen wollen, welche Art von Film es werden soll. Das Wichtigste ist aber immer das Thema, das, was wir aussagen wollen, die Worte, die Sätze. Was wollen wir sagen? Nach einer Weile, nach sechs oder sieben Monaten, fühlen wir uns sicherer, was die Charaktere und die Handlungsführung anbelangt. Was bleibt im Script, wie soll die Geschichte enden? Und dann feilen wir an den Dialogen. So machen wir das immer.

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Ihre Zusammenarbeit hat sich also in den letzten 25 Jahren nicht geändert?

Jaoui: Nein. Wir haben die Zeit angehalten.

Ihr neuer Film hat mehr als zwölf Hauptfiguren, mehrere Handlungsstränge, aber nur einen Ort, die Geschichte trägt sich in nur wenigen Stunden zu. Wie schwierig war es beim Schreiben, diese Prämissen unter einen Hut zu bringen?

Jaoui: Ja – das sind die Einschränkungen, die Einheit von Ort und Zeit. Wir mögen aber diese Bedingungen und sind daran gewöhnt: So haben wir auch schon für das Theater geschrieben. Die Schwierigkeit ist dabei, nicht den Überblick und die anfängliche Idee aus den Augen zu verlieren. Viele Zuschauer haben mir auch berichtet, dass der Film beim zweiten Sehen besser wird. Man kann den Figuren besser folgen, man entdeckt mehr und mehr von den Einzelheiten, die man vorher übersehen hatte. Die große Schwierigkeit ist, das alles nicht aus den Augen zu verlieren.



Noch einmal nachgehakt: Wie schwierig war das bei der Einheit von Ort und Zeit?

Jaoui: Das war sehr angenehm, weil man sich herausgefordert fühlt, präzise zu schreiben. Man weiß, dass die Feier langsam anfängt, immer mehr Menschen hinzukommen, die Handlung sich verzweigt – bis zum Ende. Das ist eine sehr offensichtliche Struktur. Manchmal gibt es auch eine Rückblende, wenn Gäste sich zum ersten Mal treffen. So zeigen wir ihre kurze Vorgeschichte und kreieren so etwas wie die Vergangenheit des Charakters. Dabei bleibt aber auch immer viel der Imagination des Zuschauers überlassen. Wir erklären nicht alles.

Wie haben Sie dann die Schauspieler gefunden? Ich frage, weil es sehr viel bekannte, aber auch junge und neue Gesichter in Ihrem Film gibt.

Jaoui: Es sind aber alles Schauspieler, die wir gut kennen. Sarah Suco hat meine Tochter in „Madame Aurora und der Duft von Frühling gespielt. Wir lieben und bewundern sie sehr. Kévin Azaïs hat mit Jean-Pierre bereits in „Das Leben ist ein Fest“ zusammengearbeitet. Wir fanden seine Leistung in „Liebe auf den ersten Schlag“ atemberaubend. Nina Meurisse war bereits in „Unter dem Regenbogen“ meine Film-Tochter. Es waren also alles Schauspieler, die ich gut kenne, die mich nicht enttäuschen. Es sind wunderbare Menschen.

Wie würden Sie den Charakter von Castro beschreiben, den Jean-Pierre Bacri spielt?

Jaoui: Castro ist der zentrale Charakter, ein exzentrischer Mann, der vielleicht mal Ideale hatte (schließlich ist er nicht dumm), doch dann dem Lebensstil von Berühmtheit und Reichtum erlegen ist. Seine Einstellung hat sich ganz langsam, aber doch sehr stark über die Jahre hinweg gewandelt. Es ist schwer, in diesem Beruf des Moderators, der so sehr in der Öffentlichkeit steht, derselbe zu bleiben. Heutzutage ist es allerdings so, dass sie immer mehr an Einfluss verlieren, wegen des Internets, wegen der vielen Fernsehprogramme, wegen der Bezahlsender. Das ist schon interessant: Um berühmt zu werden, bedarf es heute nicht mehr viel, das hat sich rapide geändert. Die Macht, die diese Menschen aber mal hatten, und das damit verbundene Image waren schon unglaublich. Castro leidet sichtlich unter dem Verlust von Macht und Einfluss.



Eines der wichtigen Themen Ihres Films ist die Problematisierung des Älterwerdens, wiederum festgemacht an der Figur des Castro. Am Schluss scheint er aber doch seinen Frieden mit dem Alter gemacht zu haben.

Jaoui: Nun – ich stelle mir die Frage selber auch. Ich bin selbst erstaunt, dass auch mir das Alter „passiert“ ist. Es war wie ein Schock. Man lebt ja als junger Mensch immer in der Illusion, dass es einen selber nicht trifft. Und dann lassen einen die anderen immer spüren, wie alt man geworden ist, besonders meine Kinder weisen immer wieder darauf hin. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Alter nicht sonderlich geschätzt wird – das ist schon verrückt. Die Alten werden trotz ihrer Weisheit und Erfahrung zur Seite geschoben, und gerade die Medien verzichten auf all das, was anders ist. Der Kampf um Respekt und Selbstbestimmung bleibt groß. Wir müssen uns bemerkbar machen, wir sind noch immer da! Ich kümmere mich nicht mehr darum, wie eine perfekte junge Frau auszusehen. Ich habe meine Falten, ich habe meine Wehwehchen. Aber ich versichere Ihnen: Im Herzen bin ich noch jung.

In Ihrem Film geht es auch um Klassengegensätze. Da sind die bürgerlichen Gäste aus dem Medienbereich, aber auch Bedienstete wie die Kellnerin und der Chauffeur. Das hat mich sofort an „Die Spielregel“ von Jean Renoir erinnert.

Jaoui: Das ist ein Meisterwerk, einer meiner Lieblingsfilme. Ich habe ihn auch der Crew gezeigt, und „Unvollendete Partitur für ein mechanisches Klavier“ von Nikita Michalkov sowie „Eine Hochzeit“ von Robert Altman. Das sind drei meiner Lieblingsfilme, und sie alle spielen während einer Feier. „Die Spielregel“ spielt vor dem Zweiten Weltkrieg. Und es ist sehr interessant, dass wir jetzt auch in unruhigen Zeiten leben. Das ist für mich die Verbindung.

Wo wir gerade von anderen Filmen sprechen: Anfang dieses Jahres lief „Das Leben ist ein Fest“ von Olivier Nakache und Eric Toledano in den deutschen Kinos, übrigens auch mit Jean-Pierre Bacri.

Jaoui: Das ist reiner Zufall. Jean-Pierre arbeitet auch für andere. Wir kommen ja vom Theater, wir schreiben auch für das Theater, und da ging es uns nicht immer um „große“ Rollen, sondern viele gleichberechtigte Parts. Wir hatten unser Script aber schon fertig geschrieben, als Nakache und Toledano Jean-Pierre die Hauptrolle in ihrem Film anboten. Als ich sah, dass es auch in dem Film um eine Feier ging, war ich zunächst ein wenig besorgt. Aber beide Filme unterscheiden sich doch sehr, sowohl von der Handlung als auch von den Themen. Aber dieser Zufall ist schon eigenartig.

Das Aufkommen der neuen Medien hat vieles verändert, die Art des Schreibens auch, die Dramaturgie eines Drehbuchs


Es geht in Ihrem Film nicht nur um Klassenunterschiede, sondern auch um Generationskonflikte. Ich erinnere mich noch sehr gut an den YouTuber Biggie Star, dargestellt von Mister V.

Jaoui: Ja, Sie haben recht. Es geht dabei auch um den Gegensatz Provinz gegen Großstadt, also Paris. Dieser Gegensatz ist in Frankreich sehr viel stärker ausgeprägt als in Deutschland. In Frankreich gibt es in der Provinz immer noch ein großes Gefühl der Ausgrenzung, ein Gefühl, dass die Pariser sehr auf den Rest des Landes hinabschauen. Das trifft natürlich auch die jungen Leute, die sehr viel mehr im Internet unterwegs sind und für diese Arroganz kein Verständnis haben. Ich habe zur Vorbereitung soziologische Abhandlungen gelesen und dabei Interessantes gefunden: Zum ersten Mal in der Geschichte lernt die junge Generation nicht mehr von ihren Eltern. Sie informiert sich anders. Dadurch entsteht eine große Kluft. Und: Die Jugend bekommt Macht, weil sie auch zum Ziel der Industrie wird, Dinge zu konsumieren. Das ist eine neue Kraft, dieses Gefühl, anders zu sein. Den Älteren hingegen fehlt der Zugang zu dieser Art Selbstdarstellung, auf YouTube zum Beispiel, und diesen Mangel nehmen sie auch wahr.

In dem Zusammenhang fällt mir noch die Kellnerin ein, die am laufenden Band Selfies mit den prominenten Gästen macht.

Jaoui: In den letzten Jahren gab es schon viele Filme, die sich mit diesem Phänomen beschäftigten. Das Aufkommen dieser neuen Medien hat vieles verändert, die Art des Schreibens auch, die Dramaturgie eines Drehbuchs zum Bespiel. Jedermann kann nun berühmt werden oder zumindest so tun, als wäre er berühmt. Jedermann kann sein Leben inszenieren. Jeder kann seine besten Momente im Netz veröffentlichen. Jemand ist prominent und wird dadurch erst zu jemand Bedeutendem. Das macht den ganz großen, großen Unterschied zu früher aus.



Ist das auch der Grund, warum der Film im französischen Original „Place Publique“ heißt?

Jaoui: Genau. Auch wenn dies ein privates Fest ist, wird alles öffentlich. Wenn etwas nicht gepostet wird, ist es auch nicht passiert. Man muss auf Instagram sein, und diese Site auch ständig mit Inhalten füttern. Das ist schon eigenartig, sehr bizarr, wie sich das alles innerhalb kurzer Zeit geändert hat.

Interessant ist auch der Charakter von Pavel, der Ausländer ist und nur schlecht französisch spricht, sich aber weigert, eine Petition für Flüchtlinge zu unterschreiben.

Jaoui: Ja – ich wollte mich auch mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt auch arme Menschen, und man vermeidet immer gerne, sie wahrzunehmen. Es gibt viele Immigranten – wie sollen wir mit ihnen umgehen? Sollen wir großzügig sein oder nicht? Das ist, wie Sie selbst wissen, im Moment das beherrschende Thema. Pavel ist eigentlich ein netter Kerl, der aber abwehrend reagiert. Wenn du in einem vollen Bus sitzt, möchtest du nicht, dass noch mehr Menschen einsteigen. Man fühlt so etwas wie Gefahr: „Nein! Nein! Es gibt keinen Platz mehr!“ Das ist menschlich, aber auch überraschend und widersprüchlich. Ich habe einen neuen Film als Schauspielerin gemacht, „Les bonnes intentions“ von Gilles Legrand (er kommt im November in Frankreich ins Kino), in dem ich als Lehrerin auch mit Flüchtlingen zu tun habe. Das war dieselbe Situation wie in diesem Film, dieses Thema war uns sehr wichtig.

Sie hatten bereits die Kluft zwischen Provinz und Paris angesprochen. Ich würde darauf gerne noch einmal zurückkommen, weil es diesen beängstigenden Charakter von Delavenne, des wütenden Nachbarn mit dem Gewehr, gibt.

Jaoui: Wir haben die letzte Fassung des Drehbuchs während der letzten Wahl geschrieben, noch bevor Macron in der ersten Runde war. Marine Le Pen war sehr stark, sehr machtbewusst im Fernsehen. Muss man nicht mit den Menschen reden, die sie gewählt haben? Ich weiß, dass ich sehr privilegiert bin. Doch man muss auch die Menschen, die sich zurückgelassen fühlen, überzeugen, dass Le Pen eine schreckliche Wahl gewesen wäre. Aber wir sehen diese Menschen nie, sie gehen nicht ins Kino, ich kann sie nicht erreichen. Wenn ich aber zu Menschen spreche, die schon überzeugt sind, hilft das nicht. Vor zwei Jahren war in Israel jeder davon überzeugt, dass Netanjahu nicht wieder gewählt würde. Die Israelis waren wirklich davon überzeugt. Die, die ihn nicht gewählt hatten, waren richtig schockiert. Sie hatten nicht realisiert, dass es andere Menschen mit anderen Ansichten gibt, von denen man aber nichts weiß. Sie werden nicht wahrgenommen und bemerken auch diese Nichtbeachtung. Auch in Europa funktioniert die Demokratie nicht mehr so wie früher. Darum ging es mir: Was können wir tun, um den Rechtspopulismus und den Nationalismus einzudämmen? Können wir das überhaupt? Delavenne verkörpert diejenigen, die sich nicht repräsentiert fühlen. Darum lehnt er auch die Pariser so hartnäckig ab.

Auch in Europa funktioniert die Demokratie nicht mehr so wie früher. Darum ging es mir: Was können wir tun, um den Rechtspopulismus und den Nationalismus einzudämmen?


War es von Beginn an klar, dass Sie eine der Hauptrollen spielen würden?

Jaoui: Ja. Es war von vornherein klar, dass wir nicht nur das Drehbuch schreiben, sondern auch in dem Film mitspielen würden. Jean-Pierre und ich sind in erster Linie Schauspieler. Darum haben wir uns von vornherein auch die Rollen auf den Leib geschrieben.

Wie haben Sie denn die vielen Jobs an diesem Film – Autorin, Regisseurin, Hauptdarstellerin – unter einen Hut bekommen? Wie ist es überhaupt, sich selbst zu inszenieren?

Jaoui: Ach, das ist gar nicht so schwer. Ich schreibe ja zuerst den Part so, dass er mir ähnlich ist. Das ist keine Kreation im eigentlichen Sinn. Und dann ist Jean-Pierre Bacri da, um mich während des Spiels zu beobachten. Wir proben vorher auch, ich ein wenig mehr als die anderen. Das ist aber alles keine Belastung. Ich fühle mich glücklich während des Drehs.

Könnten Sie abschließend noch etwas zur Musik sagen? Da gibt es zum einen die Gruppe „Le Quintet Oficial“, zum anderen singt Jean-Pierre Bacri ein Chanson.

Jaoui: Ich liebe Musik, so wie ich das Kino liebe. Wenn ich dann beides miteinander verbinden kann, ist das für mich eine Belohnung. Ich wusste von Beginn an, dass in diesem Film Musik sein sollte, zumal auch getanzt wird. Ich würde auch gerne einmal ein Musical inszenieren – auch wenn es sehr schwer ist, so etwas gut hinzukriegen. Vor fünf Jahren hörte ich das Lied „Les Feuilles Mortes“, und es war so wunderschön. Das wollte ich unbedingt in einem meiner Filme haben, auch wenn ich damals noch nicht wusste, wie. Ein Wunsch, der also schon lange zurückliegt und jetzt endlich in Erfüllung gegangen ist. Aber in jedem meiner Filme gibt es einen Moment, in dem jemand ein Lied singt.


Fotos: © Guy Ferrandis/SBS Films

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