Ein Interview mit Ziad Doueiri

Zum Kinostart von „Der Affront“

Diskussion

Der 1963 geborene libanesische Filmemacher Ziad Doueiri ist keiner, der ein Blatt vor den Mund nimmt oder einer Konfrontation ausweicht. Das brachte ihm von muslimischer und palästinensischer Seite schon anlässlich seines Films „The Attack“ (2012) Feinde ein. Sein neuer Film „Der Affront erzählt von zwei Männern in Beirut, dem libanesischen Christen Toni und dem palästinensischen Flüchtling Yasser, die wegen einer Beleidigung vor Gericht landen. Ein Streit aus verletzter Ehre, der zu Demonstrationen und politischer Eskalation führt. Die Parabel über religiöse Eiferei und Fanatismus geht über die persönliche Ebene hinaus, zeigt die unbewältigten Traumata eines Landes und seiner Bewohner. Der palästinensische Schauspieler Kamel El Basha wurde 2017 in Venedig mit der „Coppa Volpi“ als bester Darsteller ausgezeichnet und der Film in diesem Jahr für den „Auslands-Oscar“ nominiert. Beim Filmfest München erhielt Doueiri den „Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke“ für seine „tiefe Menschlichkeit“ und gleichzeitig die Darstellung „bitterer Realität“.


Sie haben in USA studiert, mit Quentin Tarantino gearbeitet und leben derzeit in Paris. Was brachte Sie wieder in den Libanon?

Ziad Doueiri: Ich habe meine Herkunft nicht vergessen und kehre zu meinen Wurzeln zurück. Die Region, in der ich aufgewachsen bin, ist nicht nur reich an Konflikten, sondern auch reich an Kultur. Die Handlung meines Films von 1998 „Die Kinder von Beirut“ spielte auch schon im Libanon, zu Beginn des Bürgerkrieges. Ich kenne die Region gut und finde da interessante Themen wie Glaube, Justiz, Ehre. Dabei versuche ich immer so zu schreiben, dass auch der Rest der Welt versteht, um was es geht. Egal ob in Europa, Australien oder Amerika. Wir sind ein in sich gespaltenes Volk mit einer Geschichte, die mich inspiriert und immer wieder zurückholt. Beirut war einmal eine wunderschöne Stadt, aber leben möchte ich da heute nicht mehr.


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Wie kommt es, dass in „Der Affront“ eine spontane Beschimpfung so ausartet? Vor Gericht landet und zu Demonstrationen führt?

Ziad Doueiri: Die ersten fünf Minuten des Films beruhen auf einem persönlichen Erlebnis von vor drei Jahren. Beim Blumengießen beschwerte sich ein Palästinenser über Wasserspritzer. Ein Wort gab das andere und endete meinerseits in einer Beleidigung, die findet sich in dem Satz des Films „Ariel Sharon hätte euch alle auslöschen sollen“. Ich habe mich zwar entschuldigt, aber der Mann war sehr verletzt. Das war der Ausgangspunkt.

Dadurch, dass Sie sich auf das Massaker von palästinensischen und muslimischen Gruppen im christlichen Damour und die Traumata des christlichen Protagonisten konzentrieren, haben Sie die Palästinenser gegen sich aufgebracht. Kein Wort über das Massaker der phalangistischen Milizen in Sabra und Shatila.

Ziad Doueiri: Der Christ Toni hat Schreckliches gegen die Zivilbevölkerung in Damour erlebt, das er nicht vergessen kann. In Damour geschah das gleiche wie in den Palästinenser-Lagern Sabra oder Shatila. Frauen, Männer, Kinder und Alte wurden massakriert. Aber soll man Massaker numerisch gegeneinander aufrechnen? Gibt es gute und böse Massaker? Eine Latte anlegen, welches Leiden schlimmer ist? Diesen Wettlauf finde ich abscheulich.

Beide Männer fühlen sich als Opfer.

Ziad Doueiri: Das ist typisch! Der eine kann nicht ertragen, dass der andere auch leidet. Deshalb sprechen sie sich gegenseitig das Recht ab, Opfer zu sein. Alle sind verbohrt. Ich bin in einer linken, pro-palästinensischen und laizistischen Familie im muslimischen Viertel aufgewachsen. Christen sah ich als Feinde, als Kollaborateure Israels. Ein guter Christ war für uns ein toter Christ. Ich war der festen Überzeugung, nur wir Moslems hätten im Bürgerkrieg gelitten. Mit 18 bin ich in die USA gegangen, und als ich zurückkehrte und der Bürgerkrieg mit 150.000 Toten schon zehn Jahre vorbei war, habe ich realisiert, dass die Christen ähnliches durchgemacht hatten. Man muss miteinander reden. Als ich, der Sunnit, dann meine Ex-Frau Joelle Touma aus einer christlichen Familie traf, Ko-Autorin von „Der Affront“, habe ich auch die „Gegenseite“ kennen gelernt. Unsere Zusammenarbeit war toll: Ich schrieb die Dialoge für den rechten Christen und sie für den Palästinenser.

Kamel El Basha mit Christine Choueiri in "Der Affront"
Kamel El Basha mit Christine Choueiri in "Der Affront"

Am Ende gibt es zwischen den Männern so etwas wie eine kleine Annäherung, eine Änderung im Verhalten.

Ziad Doueiri: Aber sehr klein, sehr subtil. Es ist seltsam, egal in welchen Ländern der Film läuft. Frauen sehen das Ende positiver, sie konstatieren eine psychologische Veränderung, während die Männer pragmatisch sind. Wenn der Christ Toni dem Palästinenser Yasser die Zündung am Auto einstellt, beurteilen Frauen das als hoffnungsvolle Annäherung, Männer sehen darin nur einen Mechaniker, der seinen Job macht, egal ob Christ, Moslem oder Jude. Für mich blitzt da auch ein Moment der Humanität auf.

Wenn wir von Frauen sprechen. Wie ist deren Situation im Libanon?

Ziad Doueiri: Natürlich sind sie nicht so emanzipiert wie Schwedinnen oder Deutsche. Aber für die arabische Welt sind sie schon sehr emanzipiert und auch viel freier. Dank den Christen. Das Christentum beweist mehr Toleranz gegenüber Frauen als der Islam mit Burka und Schleier und religiösem Druck. Das mag nicht politisch korrekt sein, was ich sage, ist aber Fakt. Man kann Jesus Christus kritisieren, ohne dass der Vatikan zum Dschihad ruft oder eine Fatwa ausspricht. Wenn man den Propheten beleidigt oder sich abfällig äußert, den Koran nicht anerkennt, kann das tödliche Folgen nach sich ziehen.

Diamand Bou Abboud spielt in "Der Affront" eine engagierte Anwältin
Diamand Bou Abboud spielt in "Der Affront" eine engagierte Anwältin

Sie sind selbst Moslem und werden von Moslems angefeindet. Liegt das nur an Ihren Filmen?

Ziad Doueiri: Ich bin nicht gläubig. Die Ablehnung der Religion oder die Abwendung von ihr ist nach islamischem Recht ein Verbrechen. Also gelte ich als Apostat, einer der sich gegen die Gesellschaft stellt. Obgleich ich auf der Seite der Palästinenser stehe.

Und denen geht es schlecht im Libanon, sie dürfen nur bestimmte Berufe ausüben…

Ziad Doueiri: Das ist traurig, man sollte ihnen das Recht auf Arbeit und Eigentum geben, ihre beruflichen Chancen erhöhen. Fast alle leben von der Unterstützung durch die UNO. Für die Ausgrenzung gibt es politische und soziale Gründe. Da der Großteil der Palästinenser Moslems sind, würde das fragile Gleichgewicht im Libanon durcheinandergeraten. Das wäre in der Relation etwa so, als wenn Deutschland nicht nur eine Millionen Flüchtlinge aufgenommen hätte, sondern 20 Millionen. Ihr Land ist in einer schwierigen Situation, in zehn oder zwanzig Jahren werden Sie die Folgen spüren, werden die Probleme zunehmen. Wahrscheinlich dürfen Sie den folgenden Satz nicht drucken…

Wir haben Meinungs- und Pressefreiheit…

Ziad Doueiri : Für mich ist der Islam nicht sehr kompatibel mit westlichen Werten, ich sehe ihn als Gefahr für meine persönliche Freiheit.

Nimmt die Zensur im Libanon zu oder ab? Ihre Verfilmung „The Attack“ von Yasmina Kadras Bestseller „Die Attentäterin“ wurde verboten, „Der Affront“ dagegen durfte ins Kino.

Ziad Doueiri: In den 1970er-Jahren gab es nur wenig Zensur; für die Kultur in der Region war Beirut ein Eldorado mit seinen Freiheiten. Inzwischen hat die Zensur rapide zugenommen, verharrt jetzt aber auf einem Level. Ein Komitee aus Vertretern gesellschaftlicher Gruppen und der Regierung entscheidet, was in die Öffentlichkeit gelangen darf. Der Staat zeigt sich offener als einige radikale Gruppen oder der BDS, mit dem er sich aus Angst vor Unruhen nicht anlegen will (BDS heißt „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“ und ruft international zu Boykottaktionen gegen Israel auf; die 2005 von palästinensischen Organisationen gegründete Bewegung ist nicht nur in Deutschland umstritten; Anm. d. Red.). So gab es für den Kinostart von „The Attack“ erst grünes Licht, wegen massiver Intervention und Kritik durch den BDS wurde die Genehmigung aber zurückgezogen. In keinem Land der arabischen Liga war daraufhin der Film zu sehen. Meinem Film „Der Affront“ drohte das gleiche Schicksal, er war offiziell frei gegeben, der BDS initiierte eine neue Kampagne, doch die Regierung ließ sich diesmal nicht einschüchtern. Und der Film wurde auch in arabischen Ländern gezeigt, außer in Palästina. In Beirut waren die Kinos in den christlichen Vierteln immer ausverkauft, diskutierte ein offenes und tolerantes Publikum den Film, der auf Platz 1 im Box Office kletterte und für den „Auslands-Oscar“ nominiert war. In den muslimischen Vierteln blieben die Kinos aufgrund des Boykott-Aufrufs leer. Die Linken fanden den Film gefährlich und beschuldigten mich der Komplizenschaft und Kollaboration mit Israel.

Adel Karam als libanesischer Christ Toni in "Der Affront"
Adel Karam als libanesischer Christ Toni in "Der Affront"

Dieses Argument wurde schon gegen „The Attack“ formuliert: Die Geschichte mit einem größtenteils israelischen Cast über ein Selbstmordattentat in Tel Aviv und einen in Israel assimilierten arabischen Arzt, der erfährt, dass seine Frau die Täterin war, brachte Sie in Schwierigkeiten.

Ziad Doueiri: Meine Mutter riet mir, den Film woanders zu drehen, in Jordanien oder Tunesien. Aber ich wollte aus Gründen der Authentizität in Tel Aviv drehen. Das brachte den BDS zu wilden Protesten. Ansonsten konnte ich in den vergangenen Jahren in den Libanon ein- und ausreisen, ich verfüge neben dem libanesischen auch über einen US-Pass. Erst nach der Pressevorführung von „Der Affront“ wärmte ein Journalist die Geschichte meines Israel-Drehs wieder auf und machte Stimmung gegen mich. Im September vergangenen Jahres wurde ich sogar noch am Flughafen verhaftet. Man konfiszierte meine beiden Pässe, wegen meines Aufenthaltes in Israel: Der gilt als illegal, wie auch nach einem libanesischen Gesetz die Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen. Aber nach einem Abend hat mich das Militärtribunal wieder laufen lassen. Trotzdem ein ziemlicher Stress. Meinen nächsten Film drehe ich in den USA, nur ein kleiner Teil spielt in Syrien. Nach einem Originaldrehbuch geht es um den wachsenden Nationalismus, um einen Protagonisten der extremen Rechten. Aber es gibt eine starke Beziehung zum Mittleren Osten.

Glauben Sie an einen Frieden in dieser einem Pulverfass gleichenden Region?

Ziad Doueiri: Solange die Religion in den Köpfen hämmert, bin ich skeptisch. Sie ist die Ursache des Krieges, eine göttliche Ideologie kann man nicht so angreifen wie den Kampf Kommunismus gegen Kapitalismus. Die sind beide von Menschen geschaffen. Bei der Religion bezieht man sich auf ein höheres Gesetz, auf Gott. Das kompliziert alles, deshalb dauern religiöse Diktaturen auch länger. Im Libanon wollen wir keinen Krieg mehr, auch wenn um uns herum die Welt wie in Syrien, Jemen oder dem Irak brennt. Für eine dauerhafte friedliche Koexistenz im Libanon benötigen wir eine Aufarbeitung des Bürgerkrieges, da haben wir zu viel unter den Teppich gekehrt und mit Tabus belegt. Unser kleines Land mag zerrissen sein, aber wir haben es dennoch geschafft, uns gegen die Macht des Islamischen Staates, des IS, zu stemmen.

Haben Sie Angst vor der Zukunft? Wie schätzen Sie selbige im Mittleren Osten oder in Europa ein?

Ziad Doueiri: Eine Prognose abzugeben wäre gewagt. Ich bin kein Anthropologe und weiß nicht, ob es besser oder schlechter wird, in welche Richtung wir gehen. Aber ich bin auch kein Fatalist. Von diesem Lamentieren, die Welt würde immer schlechter, halte ich wenig. Ich kann Filme machen, das ist gut. Trotz allem will ich kämpfen und die Hoffnung nicht verlieren. Bis zum Moment der Apokalypse dürfen wir nicht aufgeben. Ich habe es geschafft, den politischen Konflikten zu entkommen, habe Kriege gekannt. Jetzt lebe ich ohne Krieg.



Fotos: Szenenbilder aus "Der Affront": © Alpenrepublik; Porträt v. Ziad Doueiri (oben): DR

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