Hofer Filmtage: Notizen

Spannende Beobachtungen zum neuen deutschen Filmschaffen

Diskussion

Vom 23. bis 28. Oktober gab es im oberfränkischen Hof wieder filmische Entdeckungen zu machen: Die Internationalen Hofer Filmtage fanden bereits zum 52. Mal statt. Erste Notizen zu deutschen Filmentdeckungen.


Der blaue Manfred und die rote Rosine waren einst sehr gut befreundet, haben sich dann aber aus den Augen verloren, weil ihnen persönliche Idiosynkrasien, das soziale Umfeld und bestimmte kulturelle Präferenzen in die Quere kamen. Als sie einander von Ferne beim Näherkommen erkennen, erinnern sie ihre gemeinsame Geschichte aus beständig wechselnden Perspektiven. Am Schluss ist klar: Das wird nichts mehr!

Gerade einmal 4 Minuten lang ist „Der blaue Manfred geht spazieren“ von Daniel von Bothmer, aber derart pointiert und mit knochentrockenem Humor versehen, dass er als „future classic“ in Erinnerung bleiben wird.


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Dass sich in lange währenden Kinder- und Jugendfreundschaften mit den Jahren oder wenn die Liebe oder auch böse Zwillingsbrüder mit von der Partie sind, echtes Konfliktpotential ansammeln kann, ist Thema von „Kahlschlag“, den Max Gleschinski inszeniert hat. Obwohl etwas zu lang geraten und vielleicht auch etwas zu sehr auf pathetische Rockmusik vertrauend, basteln Gleschinski und sein Team an einem verwegenen Parkour aus Gegenwartshandlung(en) und Rückblenden, indem Liebe und Freundschaft durch ein paar durchtriebene Intrigen und erstaunlichen Irrwitz in Hass und explizite Gewalt umschlagen. Auch dafür, dass „Kahlschlag“ in Mecklenburg-Vorpommern ohne Infrastruktur und ohne die Finanzkraft eines Fernsehsenders von einem Team ohne Filmstudium-Hintergrund realisiert wurde, gab es den diesjährigen „Förderpreis Neues Deutsches Kino“.

Filmemachen als Abenteuer und Pendant zum Garagenrock, basierend auf Enthusiasmus und einer Idee von Genrekino. Und weil Meck-Pom eben nicht sonderlich groß ist und sich die Kreativen dort alle kennen, wundert es nicht, dass in einem Film, der unter der Hand auch von Heimatverbundenheit „trotz alledem“ erzählt, eben auch „Monchi“, der Sänger von Feine Sahne Fischfilet, ins Bild passt.

"Kahlschlag"
"Kahlschlag"


Wo „Kahlschlag“ dem Affen Zucker gibt und über die Stränge schlägt, widmet sich „Atlas“ von David Nawrath der stimmigen Umsetzung eines bis in feinste Nuancen ausgetüftelten Drehbuchs. Das kommt allerdings nicht um einen konstitutiven Zufall herum. Walter, ein in die Jahre gekommener Ex-Gewichtheber, arbeitet seit Jahrzehnten als Möbelpacker bei Zwangsräumungen. Der verschlossene Mann trägt ein dunkles Geheimnis mit sich, das schichtweise zum Vorschein kommt, als sich sein Chef mit einem skrupellosen Familienclan einlässt. Als ein Mieter sich weigert, mit seiner kleinen Familie aus einem Objekt auszuziehen, eskaliert die Situation. Problematisch wird es, als Walter in dem renitenten Mieter seinen vor Jahrzehnten zurückgelassenen Sohn Jan erkennt und diesen vor den Clan-Gangstern retten will.

Nawrath entwirft ein enges Geflecht an unterschiedlichsten Familienkonstellationen und widersprüchlichen Männer-Bildern, quer durch die Kulturen. Durch Missverständnisse und merkwürdige männliche Verschlossenheiten schifft der Film geradewegs auf eine Tragödie zu, die nur deshalb unterbleibt, weil es am Ende heißen soll: „Ja, Familie, ja!“

„Atlas“ erzählt seine dunkle, gewalttätige, fast schicksalhafte Geschichte von Schuld und Sühne in einer Manier, die an die Romane von Clemens Meyer denken lässt. Dazu passt das erratische Spiel von Rainer Bock, dessen Potenzial mit sprachlos machender Wucht abgerufen wird. Hier hat einer vor 30 Jahren mit seinem Leben abgeschlossen und lebte dahin, bis er seine Chance zur Wiedergutmachung erkennt. Als die junge Ehefrau Julia ihm unterstellt, er sei „ein guter Mensch“, bestreitet er dies mit einer Körpersprache, die überzeugend darlegt, dass er dafür Gründe hat.

"Atlas"
"Atlas"


Als Heinz Badewitz, Festivalgründer und jahrzehntelanger Festivalleiter, im Frühjahr 2016 überraschend starb, gehörte Alfred Holighaus neben Linda Söffker und dem aktuellen künstlerischen Leiter des Festivals, Thorsten Schaumann, zum Leitungstrio, das das legendäre Festival („Hof-Home of Films“) am Laufen hielt. Holighaus, heute Präsident der SPIO, war mit Badewitz eng befreundet und seit Jahrzehnten Stammgast im herbstlichen Oberfranken. Nicht nur, aber sicher auch für dieses Engagement erhält der ehemalige Filmkritiker, Festivalkurator und Filmfunktionär Holighaus den diesjährigen „Filmpreis der Stadt Hof“.


Fotos: © Internationale Hofer Filmtage

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