Die Kostümbilderin Barbara Baum

Eine Ausstellung im Deutschen Filmmuseum würdigt das Schaffen der Künstlerin

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Wie man mit Kleidern Leute macht: Die Kostümbildnerin Barbara Baum hat mit ihren Arbeiten, unter anderem für Rainer Werner Fassbinder, deutsche Filmgeschichte geschrieben. Eine Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt würdigt ihr Schaffen und gibt sinnliche Einblicke in ihr Werk.


Ihr Name sagt nur Insidern etwas. Dabei ist Barbara Baum eine der gefragtesten Kostümbildnerinnen Deutschlands. Das Schicksal der Anonymität teilt sie mit zahlreichen Kollegen und anderen Gewerken in der Filmproduktion. Regisseure, Drehbuchautoren, Kameramänner, gelegentlich vielleicht auch noch Komponisten werden in Besprechungen namentlich erwähnt und als Künstler bewertet. Die Kategorie "Kostümbild" rangiert meistens nur unter ferner liefen.


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„In England wird das ganz anders wahrgenommen. Doch wenn man in Deutschland von einem Film die Rede ist, wird selten von den Kostümen gesprochen“, bedauert Barbara Baum. Die am 7. Mai 1944 geborene Künstlerin absolvierte in der DDR eine Schneiderlehre und besuchte danach, familiär vorbelastet – der Vater war Architekt, förderte das Mal- und Zeichentalent, eine Tante war Stoffdesignerin – , in Berlin die Textil- und Modeschule, gefolgt von der Meisterschule für Kunsthandwerk. Schon während dieser Ausbildung faszinierte die Autodidaktin bereits die Welt der Mode. So nähte sie Kleider für den Freundeskreis. Als Sprungbrett bezeichnet Baum die Arbeit in der Kostümabteilung des Senders Freies Berlin (SFB). Für mehr als 70 Filme hat sie in ihrer über 40-jährigen Berufslaufbahn und internationalen Karriere alles gegeben.



„Ich denke immer in Stoffen. Bei außergewöhnlichen Stoffen bekomme ich sogar Gänsehaut“

Mit der aktuellen Sonderausstellung „Hautnah – Die Filmkostüme von Barbara Baum“ setzt das Frankfurter Filmmuseum seine jahrzehntelange Tradition mit der Würdigung vielfach unterschätzter Filmschaffender fort. Was die Kuratoren Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian in akribischer Kleinarbeit zusammengestellt haben und liebevoll präsentieren, verdient höchstes Lob! Hier kann man wirklich von einem Blick hinter die Kulissen, ins Herz der Traumfabrik Film sprechen. Der konzentrierte Blick zurück macht die große Leidenschaft der Handwerkerin und Künstlerin Barbara Baum erst so richtig verständlich und begreifbar: Ihre Stoffe – Wolle, Leinen, Seide, Spitze, Tüll, Brokat, Chiffon – verleihen dem Gesamtkunstwerk Film besonders in seinen historischen Ausprägungen eine unverwechselbare Handschrift, schaffen eine Augenweide.

Die über 50 Originalkostüme sind auf dem knappen Platz im dritten Stockwerk des Museums sehr dicht gestellt, was für den Betrachter zwar den Vergleich der Exponate erleichtert, den optischen Genuss jedoch schmälert. Zahlreiche, auch sehr persönliche Dokumente aus Baums privatem Archiv erlauben einen fulminanten Überblick über ihr Schaffen – von der Drehbuchlektüre, dem historischen Quellenstudium, ersten Entwürfen, der Anprobe mit den Schauspielern und deren überschwänglichen Danksagungen.

„Ich denke immer in Stoffen. Bei außergewöhnlichen Stoffen bekomme ich sogar Gänsehaut. Die Entscheidung für diesen oder jenen ganz bestimmten Stoff ist für mich dann meist schon das halbe Kostüm“, erklärt Baum. In Frankfurt wird dieses Verständnis auch für blinde und sehbehinderte Besucher erfahrbar. Sogenannte taktile Stationen ermöglichen die Tast-Begegnung und das Lesen von Baums Hinweisen zu Form und Schnitt der verwendeten Materialien.


Stilsicherheit in der sozialgeschichtlichen und ästhetischen Verankerung der Figuren

Ihre Bewährungsprobe, ein Glücksfall, wie Barbara Baum sagt, erlebte sie 1968 beim Neuen Deutschen Film. Dem Regisseur Peter Fleischmann gelang mit dem im Landkreis Landshut gedrehten Film „Jagdszenen aus Niederbayern“ eine beklemmende Momentaufnahme der ländlichen Bundesrepublik. Seine subkutane Psychologie der Figuren, eine Reaktion auf die weitgehend heile Welt vieler Heimatfilme der 1950er- und 1960er-Jahre, wirkt nicht zuletzt durch Baums Ausstattung und der aus dem Arbeits- und Lebensalltag stammenden Kleidung der Landbevölkerung. „Der Dekor und die Kostüme waren genau auf meiner Linie. Es war fast wie im Dokumentarfilm – die Präzision, da kam es ja auf jedes Detail an. Ich war auf dem Dorf mit den Bauern befreundet, ich hab' denen Sachen weggenommen. Wenn sie in die Kirche gingen, haben sie sich ihr Kirchkleid bei mir wieder abgeholt“, erinnert sich die Künstlerin.

BERLIN ALEXANDERPLATZ (BRD 1980). Barbara Sukowa im "Mieze"-Kostüm
BERLIN ALEXANDERPLATZ (1980). Barbara Sukowa im "Mieze"-Kostüm

Die intuitive Begabung, die Vergangenheit, das Universelle einer Geschichte, ein Zeitporträt auf den Punkt herauszuarbeiten, begleitete Baums weiteren Berufsweg. Rainer Werner Fassbinder schätzte ihr Talent, ihr kompromissloses Arbeitsethos. Nachdem sie das Enfant terrible in Reinhard Hauffs Räuberporträt „Mathias Kneißl“ ausstaffiert hatte, versicherte Fassbinder sich ihre Dienste – von „Fontane Effi Briest“, „Nora Helmer“, „Die Ehe der Maria Braun“, „Berlin Alexanderplatz“, „Lili Marleen“, „Lola“, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ bis zu „Querelle – Ein Pakt mit dem Teufel“.

Es ist diese faszinierende Detailbesessenheit, die Stilsicherheit in der sozialgeschichtlichen und ästhetischen Verankerung der Figuren, die Baums Arbeiten immer wieder auszeichnen. Sie vermitteln wie nebenbei eine Orientierung in Zeit und Raum. Denn in den historischen Transformationsprozessen, im Strukturwandel der Gesellschaft soll sich die Fragilität, die Flucht in das Vergessen, das Wegschauen hautnah widerspiegeln.

Aus Baums Vorgaben konnten die Schauspieler ihre Identität, die Gestaltung der Charaktere, die Glaubwürdigkeit von Gesten und Mimik visuell-emotional steigern. Eine Perfektion, die Barbara Baum an ihrem großen Vorbild, dem für Luchino Visconti arbeitenden Piero Tosi, über alles schätzt. Auch ein Hauch von Zauber, von Verzauberung, die Lust an der Metamorphose spielt immer eine große Rolle. Hier könnte man eine ganze Geschichte von der Verführung, der Macht und Ohnmacht der Frauen, der Unheimlichkeit des Blicks erzählen.

Auffällig, wie fein, zierlich und eng die Kleider auf den Puppenständern sind. Diese extreme Körperbetontheit wird durch die Kameraeinstellungen in vielen Fällen kaschiert, fast auf ein Normalmaß für das flüchtige Auge reduziert. Eine gute Gelegenheit, diese Wahrnehmung im Film zu überprüfen, ermöglichen die qualitativ hochwertigen digitalen Leinwände, die hinter den Kostümgruppen kurze Sequenzen aus den jeweiligen Werken präsentieren.


Zwischen luxuriöser Verschwendung und betonter Schlichtheit

Verschwenderischen Glamour zelebriert das Abendkleid in Goldlamé von Rosel Zech aus „Die Sehnsucht der Veronika Voss. Das elegante braune Samtkostüm der Schygulla in „Fontane Effi Briest“ lässt die einschnürende Belastung für seine Trägerin förmlich spüren. Welche Lebensfreude versprüht dagegen das ausschweifend-prunkvolle Hochzeits- und Krönungskleid von Catherine Zeta-Jones aus „Katharina die Große“! Und völlig zurecht verweist die Kostümbildnerin auf ein häufig vergessenes Phänomen: „Das Silberlamé-Kleid von Hanna Schygulla in „Lili Marleen“ ist über die Jahre viel dunkler geworden, was der Aufbewahrung und dem Alterungsprozess des Stoffes geschuldet ist.“

LILI MARLEEN (BRD 1980). Hanna Schygulla im Silberlamé-Kleid
LILI MARLEEN (BRD 1980). Hanna Schygulla im Silberlamé-Kleid

Trotz dieser Vergänglichkeit besticht immer wieder die Leichtigkeit, das Fallen der Stoffe, die Balance zwischen luxuriöser Verschwendung und betonter Schlichtheit. Für die Männer sichtbar an einem fast unscheinbaren, aber funktional akzentuierten grauen Anzug für Mario Adorf in „Lola“ oder für Fassbinder in „Berlin Alexanderplatz“. Herrschaftliche Noblesse strahlt Burt Lancasters Schlafgewand des Industriellen in „Väter & Söhne“ oder Armin Mueller-Stahls Kammgarn-Frack für „Die Buddenbrooks“ aus.


„Sie macht nicht nur Kostüme, sie inszeniert sie!“

Mitten im Ausstellungsraum steht ein großer Ateliertisch, in dessen Vitrineneinlassungen originale Entwürfe, Szenenfotos, Drehbuchseiten mit Anmerkungen, Rechnungen, Zeitungsartikel, Produktionsnotizen und die für das Drehen wichtigen Polaroid-Anschlussfotos zu finden sind. Dazu kann man auf Monitoren in Interviewausschnitten einen Eindruck von der Arbeitsweise der Künstlerin gewinnen: von „Väter & Söhne“, „Brennendes Geheimnis“, den Fassbinder-Filmen „Die Ehe der Maria Braun“, „Berlin Alexanderplatz“, Vorschlägen zu den „Lili Marleen“-Szenen im Sportpalast 1942 etwa.

So zeichnet die Zusammenarbeit mit Heinrich Breloer („Die Buddenbrooks“, „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“) eine gegenseitige Wertschätzung und Respekt aus. „Barbara macht nicht nur Kostüme, sie inszeniert sie“, sagte Breloer einmal. Für ihre außergewöhnlichen Leistungen erfuhr Barbara Baum zuletzt 2015 mit der Verleihung einer „Ehren-Lola“ beim Deutschen Filmpreis eine späte Ehrung.

Ausstellungshinweis: Hautnah. Die Filmkostüme von Barbara Baum. Deutsches Filmmuseum Frankfurt. Bis 10. März 2019. Geöffnet: Di 10-18, Mi 10-20, Do bis So 10-18. Weitere Informationen: hautnah.deutsches-filmmuseum.de


Fotos: oben: LOLA. Figurine für ein Sommerkleid von Barbara Sukowa. © Deutsches Filminstitut & Filmmuseum / Archiv Barbara Baum / Entwurf: Barbara Baum. Dauerleihgabe der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für Kunst und Kulturpflege. Andere Fotos: © Deutsches Filminstitut & Filmmuseum / Archiv Barbara Baum


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