Brandspuren

Freitag, 22.11.2019

In der Ausstellung „Brandspuren“ präsentiert die Deutsche Kinemathek restaurierte historische Filmplakate und erlaubt seltene Einblicke in die deutsche Filmgeschichte und die Kunst der Restauration

Diskussion

Die Deutsche Kinemathek zeigt in der Ausstellung „Brandspuren“ (28.11.2019-31.5.2020) historische Filmplakate, die einen abenteuerlichen Weg hinter sich haben: Entstanden in den 1920er- und 1930er-Jahren, wurden sie im Zweiten Weltkrieg in einem Salzbergwerk eingelagert und erst nach gut 40 Jahren geborgen. Dank der Kunst der Restauration erstrahlen die stark angegriffenen Plakate nun wieder vielfältig und farbenfroh.


Als Mitarbeiter der Deutschen Kinemathek 1986 in das Salzbergwerk Grasleben einfuhren, schauten sie sich fragend um. Wo waren denn nun die Bestände des Reichsfilmarchivs, die in dem Bergwerk eingelagert worden waren? Sie standen auf ihnen! Unterirdische Salzlandschaften bedeckten das, was von den Beständen noch übrig war. Von ihrer Begehung brachten die Mitarbeiter einige Unterlagen mit ans Tageslicht – und etwa 70 brüchige Filmplakate, die mehr oder weniger zerstört waren.

Das, was da unter dem Salz lag, hatte nicht nur 40 Jahre überdauert, sondern auch einen Grubenbrand kurz nach Ende des Krieges sowie den Salzabbau, der in dem Bergwerk bis heute fortgeführt wird. Das eigentlich Erstaunliche an der Ausstellung „Brandspuren“, die die Deutsche Kinemathek am 28. November eröffnet, ist also, dass es überhaupt etwas auszustellen gibt. Der Weg dazu war indes lang.

"Pro Domo", D 1919, Regie: Paul von Woringen ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
"Pro Domo", D 1919, Regie: Paul von Woringen ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv

Ein kleiner Film in der Ausstellung vermittelt einen Eindruck von der Arbeit, die zu bewältigen war. Am Beispiel eines Plakates lässt sich die Restaurierung mitverfolgen. Auf einem großen Papierbogen werden die Einzelteile eines Plakats ausgebreitet. Die Faltkanten wurden durch die Flammen des Grubenbrandes angesengt. Schritt für Schritt folgt man die Arbeit der Restauratorin Christin Frischmuth, bis das gereinigte Plakat zur Stabilisierung auf einen Bogen aufgezogen wird. Bedenkt man die Historie der Plakate, kann man nicht umhin, von der lebendigen Farbigkeit der Abbildungen fasziniert zu sein.

Deutsche Plakatgeschichte und das Reichsfilmarchiv

Die restaurierten Plakate legen die Spur in die Vergangenheit frei. 1920, vor ziemlich genau 100 Jahren, regelte das Lichtspielgesetz der Weimarer Republik: „Die zur Vorführung von Bildstreifen gehörige Reklame [...] bedarf, soweit sie nicht bereits von der Prüfungsstelle genehmigt worden ist, der Genehmigung der Ortspolizeibehörde.“ Der Gesetzestext begründete eine einzigartige Plakatsammlung: In der Filmbildstelle Berlin, die für das gesamte Deutsche Reich außer Bayern, Württemberg, Baden und Hessen zuständig ist, werden im Zuge der Reklamezensur die Plakate zu allen Filmen, die in den Kinos des Deutschen Reichs laufen, besprochen, geprüft, gestempelt und abgelegt. Auf den in den Kinos ausgehängten Plakaten mussten diese Stempel der Plakatzensur reproduziert werden.

Jahre vor Gründung des Reichsfilmarchivs 1934 bestand also schon eine umfassende Sammlung deutscher Filmplakate. In einigen Fällen kann die Ausstellung Plakate und die begleitenden Zensurunterlagen der Reklamezensur zusammenführen und so einen Einblick in eine bislang wenig beachtete Zensurpraxis der Weimarer Republik geben.

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Die nächste Station der Plakate, Aushangfotos und begleitenden Papierbestände war das Reichsfilmarchiv. Obwohl das Reichsfilmarchiv laut Sammlungsauftrag nur Filme (in der Praxis vor allem Vorführkopien) aufbewahren sollte, begann die Filmbildstelle Berlin Ende der 1930er-Jahre, ihre Bestände an das Reichsfilmarchiv zu übergeben. Die Gründe dafür sind wie viele andere Details zur Arbeit des Reichsfilmarchivs nicht bekannt.

"A Question of Honor (Bahn frei!)", USA 1922, Regie: Edwin Carewe ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
"A Question of Honor (Bahn frei!)", USA 1922, Regie: Edwin Carewe ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv

Wie so oft führt die von den Kinemathek-Mitarbeitern Rolf Aurich und Georg Simbeni kuratierte Ausstellung hier Fäden zusammen, denen in den letzten Jahrzehnten nachgegangen worden war. Doch es bleiben zahlreiche lose Fäden: Die Geschichte des Filmplakats in Deutschland und die der Reklamezensur harren weiterer Bearbeitung, die Geschichte des Kunst- und Kulturgüterschutzes ebenso. Nur bezüglich des Reichsfilmarchivs zeichnet sich ein Silberstreif am Horizont ab: der Filmhistoriker Alexander Zöller sitzt derzeit an einer Dissertation zur Geschichte des ersten deutschen Filmarchivs.

Auslagerung und die Zeit im Salzbergwerk

Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg die Zerstörungen zu ernten begann, die es gesät hatte, wandten sich die Archive und Museen der Auslagerung ihrer Schätze zu. Bestände des Reichsfilmarchivs wurden aus den Filmlagern in Babelsberg zunächst ins besetzte Polen geschafft, dann wiederum nach Westen verlegt und gemeinsam mit den Beständen anderer Institutionen im Salzbergwerk in Grasleben eingelagert.

Salzbergwerke mit ihrer trockenen und warmen Luft galten als ebenso bombensichere wie nachhaltige Unterbringungsmöglichkeit. Die Reichsversicherungsanstalt verlegte nicht nur ihre Unterlagen in das Bergwerk, sondern auch eine ganze Reihe von Mitarbeitern, die unter Tage weiter Rentenbescheide ausstellten.

Die „Brandspuren“-Ausstellung arbeitet sich systematisch von der Geschichte der Plakatsammlung über die Geschichte des Reichsfilmarchivs, der Einlagerung und Bergung bis schlussendlich zu den Plakaten selbst vor. Jeder Schritt gibt einen Einblick in ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte. Von der Geschichte der Reklamezensur über die Geschichte der Filmarchivierung und dem Kulturgutschutz bis zu der von der Plakatkunst.

Vor allem zur Geschichte des Reichsfilmarchivs hat die Ausstellung Beachtliches zusammengetragen: Privatfilme des Archivleiters von den Bauarbeiten, Karten zur Verteilung von Filminstitutionen über Berlin hinaus sowie Porträts wichtiger Mitarbeiter.

"Der Streik der Diebe", Deutschland 1921, Regie: Alfred Abel ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
"Der Streik der Diebe", Deutschland 1921, Regie: Alfred Abel ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv

Nach Kriegsende standen schnell Sondereinheiten der US-Armee in dem Bergwerk, die über die Einlagerungen informiert worden waren. Die Recherchen zur Ausstellung zeigen, dass oft nur wenige Stunden oder Tage zwischen dem Eingang der Information und der Sicherung des Ortes durch US-Truppen vergingen. Es ist davon auszugehen, dass sich die USA vor allem für die ebenfalls in Grasleben eingelagerten Filmmaterialien zu deutschen Wochenschauen und den Aufnahmen der Propagandakompanien interessierten. Mit diesen ist vermutlich auch eine Inventarliste der eingelagerten Bestände des Reichsfilmarchivs verschwunden.

Während die Gemälde schon kurz nach Kriegsende wie geplant geborgen wurden, blieben die Filmbestände, die nicht von den US-Truppen abtransportiert wurden, im Salzbergwerk liegen. Mit der Auflösung des Reichsfilmarchivs nach dem Krieg waren die Materialien herrenlos geworden. Nur wenige wussten von der Einlagerung und was eingelagert worden war. Dass im Laufe der Jahre weltweit Filmplakate und Fotos auftauchten, die sich den eingelagerten Beständen zuordnen lassen, spricht dafür, dass immer wieder Dinge ihren Weg aus dem Bergwerk fanden.

Western, Melodramen, Krimis

Die Ausstellung macht die Arbeit sichtbar, die Museen wie die Deutsche Kinemathek leisten. Selten sind die überlieferten Objekte einfach so vorhanden und ausstellbar; fast immer ist es notwendig, die Objekte aufzubereiten, gegebenenfalls zu restaurieren und ihre Geschichte sowie den Entstehungskontext zu erforschen. Der Aufbau der Ausstellung zeichnet diesen Vorlauf nach. Erst im zweiten Raum dürfen die Plakate von den Wänden strahlen.

„Brandspuren“ präsentiert 24 Plakate zu 22 Filmen. Zu den ältesten Exponaten zählen ein Plakat über das dramatische Wildwestschauspiel in drei Akten, „Das höchste Gesetz der Natur“, sowie Otto Arpkes Plakat zu „Die am Wege sterben“, von dem nur das Plakat und ein Begleitheft überliefert sind. Der Familienvater, der durch den Absinth und den Reiz des Nachtlebens verfällt, werden durch einen giftgrünen Ton angedeutet. Oben links starrt der Familienvater düster auf die Flasche, rechts daneben lockt eine Tänzerin.

"Die Unehelichen", Deutschland 1926, Regie: Gerhard Lamprecht ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
"Die Unehelichen", Deutschland 1926, Regie: Gerhard Lamprecht ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv

Deutlich avancierter ist die Gestaltung von „Die närrische Fabrik“ von 1919. Der Film ist eine Folge der Joe-Deebs-Reihe, einer Anzahl halbkomödiantischer Kriminalfilme, die Regisseur und Produzent Joe May nach einigen ähnlich gelagerten Filmserien 1915 begonnen hatte. 1918 übergab er die Regie an den Schauspieler und Regisseur Harry Piel. Das Plakat zeigt eine grafisch reduzierte Fabrik vor nächtlichem Himmel, vor dem eine Lokomotive und ein Motorrad um die Wette brausen. In dem in Grautönen gehaltenen Plakat wurden einige rote Akzente gesetzt: beim Feuer der Lokomotive, am Motor des Motorrads und am Übergang der Lokomotive zum Kohlentender.

Farbenpracht und kreative Gestaltung

Die Plakate der späten 1920er- und 1930er-Jahre stechen in ihrer Farbigkeit und Gestaltung am meisten hervor. Das Plakat der Verwechslungskomödie Kyritz – Pyritz zeigt zwei Gruppen von je drei Männern übereinander. Im Film stehen zwischen den beiden Männergruppen, wie man sich unschwer denken kann, drei Frauen. Deutlich dramatischer geht es in den zwei Plakatvarianten zu Robert J. Flahertys Die Männer von Aran zu. Das Meer braust, Wolken türmen sich und im Vordergrund setzen sich Menschen von alledem ab. Das Motiv des Kampfs mit der Umwelt, das den Film über ein Fischerdorf an der unwirtlichen Westküste Irlands prägt, hat sich auf die Plakate übertragen.

Die Ausstellung „Brandspuren“ ist ein wunderbares Kabinettstück, das am Beispiel der Plakate aus dem Graslebener Salzbergwerk einen Einblick in zentrale Fragen des Museumsbetrieb gibt. Wie soll die Überlieferungsgeschichte in der Restaurierung sichtbar gehalten werden? Wie wurden Kunstwerke in der Vergangenheit vor Krieg und Katastrophen geschützt? Wie wird man dies in Zukunft tun? Die Ausstellung macht eine Arbeit zum Gegenstand einer Ausstellung, die üblicherweise hinter den Objekten zurücktritt und unsichtbar bleibt. So ist „Brandspuren“ eine kleine, aber eindrückliche Erinnerung an die schwierige Lage der Überlieferung von Kultur.

"Man of Aran (Die Männer von Aran)", Großbritannien 1934, Regie: Robert J. Flaherty ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
"Man of Aran (Die Männer von Aran)", Großbritannien 1934, Regie: Robert J. Flaherty ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv
Siberia (Sibirien am Vorabend der russischen Revolution) USA 1926, Regie: Victor Schertzinger Quelle: Deutsche Kinemathek – Grafikarchiv
"Siberia (Sibirien am Vorabend der russischen Revolution)", USA 1926, Regie: Victor Schertzinger. © Deutsche Kinemathek – Grafikarchiv


Hinweis:

Die Plakate der Ausstellung „Brandspuren“ sind auch online im Bereich „Sammlung digital“ der Deutschen Kinemathek recherchierbar:

https://www.deutsche-kinemathek.de/de/sammlungen-archive/sammlung-digital



Fotos ©Deutsche Kinemathek - Grafikarchiv (Bild oben aus "Loves of Carmen (Die Liebe vom Zigeuner stammt)", USA 1927, Regie: Raoul Walsh)

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