In memoriam: Günter Stahnke

Nachruf auf den früheren DEFA-Regisseur (10.10.1928 – 11.11.2018)

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Am 11. November ist der frühere DEFA-Regisseur Günter Stahnke verstorben. Wie Frank Beyer fiel er Mitte der 1960er-Jahre der kulturpolitischen Eiszeit in der DDR zum Opfer. Erst nach der Wende entdeckte man ihn als einen der interessantesten und experimentierfreudigsten DEFA-Regisseure in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.


Als in der Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED und der kulturpolitischen Eiszeit 1965/66 zwölf DEFA-Filme verboten wurden, mussten zwei DEFA-Regisseure das Studio verlassen: Frank Beyer und Günter Stahnke. Doch während Beyers Film Spur der Steine und dessen Schicksal später vielfach thematisiert wurden, darunter in Romanen und Erzählungen von Thomas Brasch und Jurek Becker, blieb der „Fall Stahnke“ eher im Schatten – bis zum Herbst 1989. Im Zuge der Rehabilitierung verbotener Filme nach dem Sturz von Honecker kam endlich auch Stahnkes Frühwerk wieder zur Geltung. Seit der Aufführung seiner Arbeiten „Fetzers Flucht“ (1962), Monolog für einen Taxifahrer (1962) und Der Frühling braucht Zeit (1965) zählte er plötzlich zu den interessantesten und experimentierfreudigsten DEFA-Regisseuren in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre. Wer war Günter Stahnke?

Stahnke kam als Seiteneinsteiger zur DEFA. Er begann als Schauspieler, schrieb dann Theater- und Filmkritiken. Konrad Wolf lud ihn als Assistent zur DEFA ein. Als der Regisseur des Kinderfilms Peter und das Einmaleins mit der Sieben“ (1961) nicht mehr weiterwusste, sprang er ein und rettete dem Studio eine Planposition. Auch der erste komplett eigene Film war ein Kinderfilm: „Vom König Midas“ (1962), eine Filmoper fürs jüngste Publikum; die Vorlage stammte von Günter Kunert. Bereits hier wurde der Vorwurf des Formalismus laut. Die Hauptverwaltung Film zögerte die Abnahme hinaus, beließ das ungeliebte Kind im Zwischenreich zwischen Zulassung und Verbot.

Kunert und Stahnke setzten ihre Zusammenarbeit fort. Die Filmoper Fetzers Flucht“, mit der Musik von Kurt Schwaen, wurde zwar ausgestrahlt. Doch Lotte Ulbricht, die Ehefrau des ersten Mannes im Staate, fühlte sich von den gekippten Bildern, den Körperteilen in Großaufnahme, der Einstellung einer aufgeschnittenen Hirnschale persönlich beleidigt. Kritiker wurden angewiesen, den Film als dekadent zu brandmarken. „Fernsehkunst für wen?“, fragte der Rezensent der „Berliner Zeitung“ und entdeckte in der deutsch-deutschen Fluchtgeschichte Mystizismus, Symbolismus und Anarchismus: „Wer für den Bildschirm schreibt, wendet sich doch nicht an eine Handvoll blasierter Feinschmecker, denen jedes Formspiel eine Offenbarung ist.“ Stahnkes und Kunerts Folgefilm Monolog für einen Taxifahrer, fest terminiert fürs Weihnachtsprogramm 1962, wurde daraufhin abgesetzt: eine Studie über soziale Entfremdung, mit einem leisen, zweifelnden inneren Monolog und extremen Blickwinkeln.

Anfang März 1963 bekam Hans Rodenberg, der Stellvertretende Minister für Kultur der DDR, das nächste Drehbuch von Kunert und Stahnke zu lesen. Diesmal war es eine Satire frei nach Mark Twains „Ein Yankee an König Artus' Hof“, die den Stoff bis in die Gegenwart fortschrieb, ein Zerrspiegel des American Way of Life. Doch Rodenberg hatte für den galligen Witz keinen Sinn, er entdeckte Pornografie, Sadismus, naturalistische Banalität: „Es ist physisch widerlich, dieses Buch zu lesen“, schrieb er an DEFA-Direktor Jochen Mückenberger. Und: „Ich weise Sie an, die Arbeit an diesem Stoff abzubrechen.“ Zugleich fordert er, dass die DEFA die Kooperation zwischen Kunert und Stahnke sofort einzustellen habe und „keinen weiteren gemeinsamen Stoff innerhalb des Spielfilmstudios“ zulassen solle.

Fürs Fernsehen drehte Stahnke dann die Spielfilmteile des dokumentarischen Reports „Revolution am Telefon“ (1964), über Stauffenberg und den 20. Juli 1944, in expressionistischer Manier, mit langen Schatten und Wänden, die die Figuren zu erdrücken drohten. Stahnke legte damals ein enormes Tempo vor; als nächstes plante er eine Adaption von Anna Seghers’ Roman „Die Entscheidung“. Da erhielt er den Parteiauftrag, Der Frühling braucht Zeit zu inszenieren. Das Drehbuch basierte auf Materialien der Parteikontrollkommission, es ging um falsche Entscheidungen in einem Großbetrieb, mangelnde fachliche Qualitäten der Leitung, einen Unfall, der einem parteilosen Ingenieur in die Schuhe geschoben wird. Ein spröder Stoff, aufbereitet wie ein existentialistischer Krimi, einsame Menschen in totalen Einstellungen, erdrückende Verhältnisse. Deutlich angelehnt an den tschechischen Film Der Angeklagte von Elmar Klos und Jan Kadar, einen Meilenstein des Kinos im Prager Frühling.

Noch im Dezember 1965 uraufgeführt, verschwand „Der Frühling braucht Zeit“ nach wenigen Tagen aus dem Kino – für 24 Jahre. Stahnke wurde aus der DEFA entlassen. Er fand Unterschlupf zunächst am Metropol-Theater, dann bei der Heiteren Dramatik des DDR-Fernsehens. Zwischen „Telegenerell“ (1969) und „Klein, aber Charlotte“ (1990) drehte er hier mehr als vierzig Fernsehfilme und Serien, Possen, Lustspiele, Komödien, auf Weisung von „oben“ aber nichts Ernstes mehr. Alle Fernsehkomödianten der DDR spielten bei ihm: Rolf Herricht, Gerd E. Schäfer und Herbert Köfer, Helga Göring und Fred Delmare, Helga Hahnemann und immer wieder seine Frau Helga Piur. Aber erst im Herbst 1989, als die Archive der verbotenen DDR-Filme geöffnet werden durften, lernten viele Zuschauer den „anderen“ Stahnke kennen.


Fotos: DEFA-Stiftung/Karin Blasig


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