Das Jahr der Frauen

Diskussion

Was hat sich im Jahr 1 nach dem #MeToo-Skandal in der deutschen Filmbranche getan? Wie steht es um die Filmförderung? Und wie wirkt sich der Erfolg der Streaming-Dienste auf die deutsche Filmbranche aus? Ein Rückblick auf filmpolitische Initiativen und Themen 2018.


Seit den ersten öffentlichen Missbrauchsvorwürfen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein im Oktober 2017 hat sich die Filmbranche grundlegend verändert, auch in Deutschland. Seitdem sind nicht nur etliche weitere Film- und Fernsehschaffende auch hierzulande belastet worden, es haben sich auch Widerstandsbewegungen wie #MeToo formiert und die Forderung nach mehr Gleichstellung in der Film- und TV-Branche hat viel Beachtung gefunden. 2018 zeigen sich erste greifbare Ergebnisse.

Im Oktober nahm in Berlin die Themis-Vertrauensstelle die Arbeit auf. Als überbetriebliche Anlaufstelle soll sie Opfer sexueller Belästigung und Gewalt beraten und zwischen Betroffenen und Arbeitgebern vermitteln. Außerdem will sie sich für Schutzmaßnahmen vor sexueller Belästigung in Film, Fernsehen, Theater und Musikwelt einsetzen. Gegründet wurde die Einrichtung von 17 Institutionen und Verbänden der Film-, TV- und Theaterbranche. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis, die für Gerechtigkeit steht. Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai lobte: „Das gibt es so noch nirgendwo auf der Welt.“


Konkrete Folgen von #MeToo

Konkrete Folgen zeitigte der #MeToo-Aufruhr auch bei der Filmherstellung. Die ARD-Anstalten und die Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen e.V. gaben im Juli bekannt, dass sie die gemeinsamen Leitlinien für Transparenz und Antikorruption aus dem Jahr 2013 um eine Passage gegen sexuelle Gewalt, Missbrauch und sexualisierte Belästigung erweitert haben. Eine entsprechende Klausel wird künftig in Produktionsverträge eingefügt.


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Nicht nur die Rahmenbedingungen haben sich verbessert, auch das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Sibylle Flöter vom Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater stellt fest, dass eine neue Generation von Schauspielern schon anders tickt: „Diese Generation praktiziert mehr Offenheit, wo früher vielleicht verschämt geschwiegen wurde.“ Über die sozialen Medien könne heute über alles auch eine Öffentlichkeit hergestellt werden: „Wenn die Opfer die Erfahrung machen, mit ihrem Gewalterlebnis nicht allein bleiben zu müssen, sondern im Netz einen Raum finden, ihre Wahrheit aussprechen zu können, und man ihnen mit Empathie zuhört, dann schwindet ein Teil ihres Gefühls der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins“, so Flöter. Das alles sei so vor Jahren und Jahrzehnten nicht denkbar gewesen.


Eine fundamentale Schieflage bleibt bestehen

In puncto Gleichstellung gibt es allerdings noch viel zu tun. So zog der 5. Diversitätsbericht des BVR – Bundesverband Regie, der im November 2018 veröffentlicht wurde: eine ernüchternde Bilanz. „Nur jeder fünfte Kinofilm (22 %) wurde 2017 von einer Frau inszeniert, bei der ARD führten in 19,8 % und beim ZDF lediglich in 16,9 % der gesamten Sendezeit Frauen die Regie. Ganze Sendeplätze blieben beim ZDF wie den privaten Sendern ohne Regisseurinnen.“ Im Vergleich zu 2016 sei bei der ARD und im Kinofilmbereich „eine enttäuschende Stagnation“ zu beobachten. Nur beim ZDF gebe es einen geringen Zuwachs von 2,5 Prozent.

Die Regiedebütantin Adina Pintilie trug den "Goldenen Bären" bei der Berlinale davon. © Richard Hübner
Die Regiedebütantin Adina Pintilie trug den "Goldenen Bären" bei der Berlinale davon. © Richard Hübner

„Die bisherigen Bemühungen, den Anteil der Frauen in der Regie zu erhöhen, haben allenfalls die Dimension von 'Babysteps'“, resümiert die Studienleiterin Prof. Elizabeth Prommer von der Universität Rostock. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten ihre Versprechungen zur Gleichstellung nicht eingelöst und seien das angekündigte Gender Monitoring bisher schuldig geblieben.

Kurz vor der Publikation des Berichts zog die MDR-Intendantin und ARD-Filmintendantin Karola Wille die Konsequenz aus der Schieflage und kündigte auf dem Festival Dok Leipzig (29.10.-4.11.) eine 40-Prozent-Quote für Regisseurinnen bei MDR-Produktionen an, die binnen drei Jahren erreicht werden soll. Das Festival selbst ging schon 2017 mit gutem Beispiel voran und legte für die folgende Ausgabe fest, dass 40 Prozent der gezeigten Beiträge von Regisseurinnen stammen mussten. Am Ende lag die Geschlechterrelation der Filme 2018 bei 50:50.


Strukturelle Änderungen in der Filmförderung

Auch im ohnehin üppigen Filmfördersystem gab es 2018 dank Frauenpower wichtige strukturelle Veränderungen. Der filmaffinen Kulturstaatsministerin Monika Grütters gelang es im Herbst, die Zuständigkeit für den German Motion Picture Fund (GMPF) vom Bundeswirtschaftsministerium in ihre Behörde zu verlegen. Dies sei ein „erfolgreicher erster Schritt, um die bestehenden Förderungen besser aufeinander abzustimmen“, sagte die CDU-Politikerin. So sei es auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD vorgesehen.

Der 2016 gegründete GMPF soll die Herstellung von Filmen und Serien finanziell unterstützen, die auf VoD-Plattformen oder im deutschen Fernsehen erstausgewertet werden. Hauptziel ist es, die Produktion international attraktiver Serien in Deutschland zu unterstützen. Ohne dieses neuartige Förderinstrument wäre es kaum möglich gewesen, national wie international erfolgreiche High-End-Serienprojekte wie „Babylon Berlin“, „Deutschland 86“, „You Are Wanted“ oder „Dark“ in Deutschland zu realisieren.

Grütters konnte auch 2018 wieder für eine Aufstockung der Bundesfilmförderung sorgen, wenn auch in geringem Ausmaß. Während ihrer Amtszeit wuchs der Etat des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) von 50 Millionen Euro im Jahr 2015 auf zuletzt 125 Millionen Euro. 2018 erreichte sie, dass der jährliche Etat der Bundesfilmförderung um fünf Millionen Euro auf 168 Millionen Euro stieg. Während die Mittel des DFFF und der kulturellen Förderung mit 125 Millionen Euro und 28 Millionen Euro stabil blieben, legte das Budget des GMPF um fünf auf 15 Millionen Euro zu.

Die aufwändige Serie "Das Boot" war für Sky ein Quotenerfolg
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Filmerbe und Kino-Zukunft

Nach jahrelangen Verhandlungen gelang im Oktober endlich ein Durchbruch bei den Bemühungen um den Erhalt des nationalen Filmerbes. Die Filmförderungsanstalt (FFA), die BKM und die Bundesländer schlossen eine Vereinbarung zur Digitalisierung von Kinofilmen. Ab 2019 stehen dafür für zunächst zehn Jahre jährlich bis zu 10 Millionen Euro zur Verfügung. Die Mittel werden von den drei Partnern zu jeweils einem Drittel aufgebracht. Die Digitalisierung von Filmen wird nach drei Maßgaben gefördert: Auswertungsinteresse, kuratorisches Interesse und konservatorische Notwendigkeit.

Nach der 2014 abgeschlossenen Kinodigitalisierung, die ebenfalls durch FFA, Bund und Länder gemeinsam mitfinanziert wurde, ist dies eine weitere wichtige kulturpolitische Zusammenarbeit der drei Partner zur Stärkung der Filmkultur in Deutschland. Die Koordination übernimmt das Land Berlin. Der Regierende Bürgermeister, Michael Müller, nannte esaußerordentlich wichtig, Filme als unersetzliches Gedächtnis der deutschen Geschichte und Kultur zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen, denn nur was öffentlich zugänglich ist, bleibt gegenwärtig.“ Die BKM unterstützt bereits seit 2012 Digitalisierungsprojekte von Einrichtungen des Kinematheksverbunds in erheblichem Umfang. Die FFA stellte 2012 zunächst eine Million Euro bereit, seit 2016 zwei Millionen und in diesem Jahr 3,3 Millionen für die Restaurierung und Digitalisierung von Filmen.

Einen mageren Start legte im November das mit hohen Erwartungen verknüpfte „Zukunftsprogramm Kino“ hin, das das schwarz-rote Regierungsbündnis in seinem Koalitionsvertrag fixiert hat. Das Programm soll vor allem den unter Druck stehenden Kinos im ländlichen Raum unter die Arme greifen. Es ist als gemeinsames Projekt von Bund, Ländern und der Kinobranche gedacht. Eigentlich sollte es erst 2020 starten. Doch dann stellte der Haushaltsausschuss des Bundestages als Einstieg für 2019 doch schon zwei Millionen Euro im BKM-Etat bereit. Die Branche hatte im Vorfeld ein jährliches Volumen von 30 Millionen Euro auf fünf Jahre auf den Wunschzettel geschrieben. Bleibt abzuwarten, was die Haushälter für den nächsten Etat genehmigen.

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Werden die Streamingdienste zu den Totengräbern des Kinos?

Auch 2018 redeten viele über Netflix, Amazon Prime & Co. Werden die Streamingdienste zu den Totengräbern des Kinos, wie manche Schwarzseher behaupten? Der Tod des Kinos war jeweils schon vorhergesagt worden, als Fernsehen, Video und Internet aufkamen. Auch wenn die Filmtheater hierzulande 2018 schmerzliche Rückgänge verkraften mussten, die USA und Großbritannien können glänzende Kinozahlen vorweisen.

Nach wie vor schwelt der Streit der Kinobranche mit dem US-Konzern Netflix wegen dessen grundsätzlicher Weigerung, seine Eigenproduktionen noch vor der Ausstrahlung auf der großen Leinwand zu zeigen. Kleinere Alibi-Starts herausragender Filme wie „Roma“, für den Regisseur Alfonso Cuarón bei den Filmfestspielen in Venedig den „Goldenen Löwen“ gewann, in ausgewählten Territorien dürfen als freundliches Signal an die Kinobranche gedeutet werden, lösen aber nicht das Problem. Und das besteht darin, dass Netflix mit seiner Marktmacht die herkömmliche Auswertungskette Kino, Fernsehen, DVD, Online untergräbt und damit das Überleben des Mediums Kino in Frage stellt.

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Ignorieren lassen sich die Streaming-Plattformen indes nicht mehr. Denn Video-on-Demand (VoD) hat in der Bundesrepublik die lineare TV-Nutzung bereits abgelöst. So ergab der jüngste Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten, dass bei den 14- bis 29-Jährigen bereits 56 Prozent des Bewegtbildkonsums auf VoD entfällt. Das lineare Fernsehen kommt dagegen nur noch auf 29 Prozent. Viele junge Leute nutzen im Pay-VoD vor allem Netflix und teilen sich dabei aus Kostengründen einen Account.


Streamingdienste gewinnen immer mehr Einfluss auf die Filmherstellung

Hierzulande dominieren derzeit Netflix und Amazon Prime Video: Zusammen bestreiten sie mehr als 60 Prozent des VoD-Marktes. Doch die beiden Giganten müssen sich auf neue starke Konkurrenten einstellen: 2019 wollen die Hollywood-Konzerne Disney und Warner mit eigenen Plattformen an den Start gehen, wobei sie ihre Kinohits wohl möglichst exklusiv selbst verbreiten wollen. Dazu drängt YouTube mit einem werbefinanzierten VoD-Angebot in Deutschland in das gleiche Marktsegment. Außerdem investieren inländische Wettbewerber wie ProSieben, RTL und die Deutsche Telekom kräftig in den Ausbau der eigenen Plattformen.

Auf jeden Fall gewinnen die Streamingdienste immer mehr Einfluss auf die Filmherstellung. Die zweite große Produzentenstudie der Hamburg Media School ergab gerade, dass der TV- und Kinoproduktionsmarkt in Deutschland durch den stark wachsenden Video-on-Demand-Markt und die veränderten Sehgewohnheiten „profunde Veränderungen“ erfährt. Der boomende Markt von Abonnement-VoD bescherte der deutschen Produktionswirtschaft bereits 2017 „ein zusätzliches Auftrags- und Lizenzvolumen von geschätzten 150 Millionen Euro“. Und 2018 hielt dieses Wachstum demnach an.


„Goldgräberstimmung“

Die Schauspielerin Christiane Paul sieht in den Streamingdiensten einen Gewinn für ihre Zunft. „Der ganze Markt globalisiert sich. Wir Schauspieler, aber auch deutsche Regisseure arbeiten dadurch viel häufiger in internationalen Serien“, sagte die Emmy-Preisträgerin. „Man kann viel absurdere Sachen machen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch nicht möglich wären.“ Für die 44-Jährige herrscht derzeit eine „regelrechte Goldgräberstimmung“ in der Branche, weil „durch die Streaming-Dienste wahnsinnig viel produziert wird“.

Eine wichtige filmpolitische Weichenstellung wurde im August bekannt: Erstmals in der Geschichte der „Berlinale“ bekommt das bedeutendste Filmfestival Deutschlands eine Doppelspitze. Wenn der seit 2001 amtierende Direktor Dieter Kosslick nach der 69. Ausgabe im Februar 2019 abtritt, folgen ihm für zunächst fünf Jahre Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als geschäftsführende Leiterin nach ("Der Cinephile und die Lobbyistin"). Chatrian war bisher Direktor des Filmfestivals von Locarno, Rissenbeek führte die Geschäfte von German Films, der Außenvertretung des deutschen Films. Man darf gespannt sein, wie sie das größte deutsche Filmfestival verändern werden.

Die Zukunft der Berlinale: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek
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Fotos: Universum, Sky, Lichter Filmfest, Netflix, Berlinale

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