Konrad Wolf. Alle Spielfilme 1955–1980

Freitag, 04.01.2019

Eine DVD-Box zum Werk des großen DEFA-Regisseurs

Diskussion

Das Werk des Regisseurs, von dem Klassiker wie „Solo Sunny“ und „Ich war neunzehn“ stammen, liegt nun als Gesamtedition mit 14 digital restaurierten Spielfilmen und zahlreichem Bonusmaterial vor.


Als Konrad Wolf im Frühjahr 1982 im Alter von nur 56 Jahren starb, lud die Ost-Berliner Zeitschrift „Film und Fernsehen“ einige Kollegen und Wegbegleiter ein, über ihn nachzudenken. „Er war groß, dunkel, schweigsam“, schrieb sein langjähriger Freund Wolfgang Kohlhaase, „viele hielten ihn für schwer zugänglich, aber fast alle nannten ihn Koni, selbst die, die ihn nicht näher kannten.“ Wolfs Regieassistentin Doris Borkmann erinnerte sich an seine „Gründlichkeit, seine Sensibilität gegen Unwahres, seinen Anspruch, seine Unzufriedenheit, wenn andere schon zufrieden waren“. Und der Schauspieler Herwart Grosse, den er unter anderem in Professor Mamlock (1961) besetzt hatte, schrieb: „Ich habe diesen Mann bewundert wegen seiner Ruhe, die er ausstrahlte, wegen seiner Besonnenheit und Beherrschtheit in allen Lagen, die immer von einem leisen, selbstironischen Humor umspielt war.“


„Überall Staunen über Widersprüchliches und Sinnloses“

Ein ganz wichtiger Satz aber kam von Peter Lilienthal, und es gehörte damals durchaus Zivilcourage dazu, ihn in einem Ost-Berliner Blatt zu drucken: „Es gibt Filme“, so Lilienthal, „die von der Macht angesteckt werden, von den Visionen der Herrschenden, infiziert von Ruhm, Sieg und Größe. Nicht die von Konrad Wolf. Überall Staunen über Widersprüchliches und Sinnloses, und über den plötzlichen Verrat der Hoffnung. Ein unzerstörbares Netz von Bedenken, die dem Leben selbst gelten, nicht den Mythen der Macht.“

Diesem Gedanken nachzugehen, erlaubt eine Edition, die bei Anbieter Icestorm erschienen ist: „Konrad Wolf. Alle Spielfilme 1955–80“, mit 14 digital restaurierten Spielfilmen und zahlreichem Bonusmaterial, darunter vielen Zeitzeugengesprächen, Wochenschauausschnitten und Porträtfilmen über Wolf von Gitta Nickel (1976) und Lew Hohmann (1985).


Konrad Wolf bei den Dreharbeiten (1955) Fotograf: Rudolf Meister (© DEFA Stiftung)
Konrad Wolf bei den Dreharbeiten (1955) Fotograf: Rudolf Meister (© DEFA Stiftung)

Konrad Wolf, geboren am 20. Oktober 1925 in Hechingen (Württemberg), war Sohn des jüdisch-kommunistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf. Nach einer behüteten frühen Kindheit folgte er dem Vater gemeinsam mit seiner Mutter Else und Bruder Markus (dem späteren Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes) ins Moskauer Exil. 1936 erhielt die Familie die sowjetische Staatsbürgerschaft; im selben Jahr wirkte er in einer kleinen Rolle in Gustav von Wangenheims Exilfilm „Kämpfer“ mit. 1942 meldete sich der 17-Jährige freiwillig zur Roten Armee. Im April und Mai 1945 nahm Konrad Wolf im Range eines Leutnants am Sturm auf Berlin teil. Nach der Befreiung wurde er kurzzeitig Mitarbeiter der „Berliner Zeitung“, dann Referent der Sowjetischen Militäradministration für Presse, Theater und Film in Sachsen-Anhalt und Mitarbeiter des Hauses der Kultur der Sowjetunion in Berlin. Zu jener Zeit entschied er sich, Regisseur zu werden. Für eine entsprechende Ausbildung, die in Deutschland nicht zu haben war, kehrte er noch einmal in die Sowjetunion zurück: Von 1949 bis 1955 studierte er am Moskauer WGIK, der legendären Filmhochschule, an der auch Pudowkin, Kuleshow und andere Meister unterrichteten. 1954/55 wurde er Regisseur der DEFA.


Künstlerische Wahrheitssuche

Als ersten Film inszenierte er ein musikalisches Lustspiel, das nun erstmalig auf DVD vorliegt: Einmal ist keinmal (1955), in dem ein junger westdeutscher Klavierspieler und Komponist Bekanntschaft mit dem Erzgebirge macht. Der farbenfrohe DDR-Heimatfilm mag als Hommage an einen der Lehrmeister Wolfs am WGIK, den sowjetischen Musical-Veteranen Grigori Alexandrow, begriffen werden, vielleicht auch als Annäherung an eine ihm fremde Landschaft und Mentalität, durch die der Hauptdarsteller, eine Art deutscher Harold Lloyd, naiv und tollpatschig stolpert. Aber an ein Lustspiel wagte sich Wolf niemals wieder, das war nicht sein Ding; schon sein nächster Film Genesung (1956) mit Wolfgang Kieling in der Hauptrolle entsprach viel mehr dem ernsthaften, grüblerischen, nach Schuld und Sühne in historischen Prozessen fragenden Künstler.

Für Konrad Wolf war der Begriff der künstlerischen Wahrheitssuche kein leeres Wort. Schon in seinem dritten Film Lissy (1957) versuchte er sich an der für ihn durchaus nicht einfachen Aufgabe, die Psyche deutscher Kleinbürger, die zu Mitläufern und Handlangern Hitlers wurden, auszuleuchten. Mit der Gestalt des arbeitslosen Angestellten und späteren SA-Sturmführers Fromeyer porträtierte der Regisseur einen Vertreter jener Millionen von Deutschen, die sich 1932/33 von der NSDAP einen Aufschwung der Wirtschaft und privaten Wohlstand erhofften. Auch Sterne (1959), Wolfs fünfter Film, machte einen deutschen Mitläufer zur zentralen Figur: den Unteroffizier Walter, der sich im Krieg vom Nihilisten zum kritisch Denkenden entwickelt. Mit solchen subtilen Einblicken in das Innenleben des NS-Reiches setzte Wolf nicht nur den DEFA-eigenen plakativen Propagandafilmen einen nachdenklichen Duktus entgegen, sondern auch jenen westdeutschen Kriegsfilmen á la 08/15 (1955) oder Der Stern von Afrika (1956), die zu jener Zeit die Wehrmacht zu entschulden suchten.


Ringen mit der politischen Zensur

Zugleich machte Wolf in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre erstmals Erfahrungen mit der politischen Zensur: Sein Gegenwartsfilm Sonnensucher (1958) über den schwierigen deutsch-sowjetischen Uranbergbau in der Wismut wurde zunächst von DDR-Behörden beargwöhnt, dann vom sowjetischen Außenministerium verboten. Der Film mit seinem nüchternen, harten und differenzierten Blick kam erst 1972 in die Kinos: viel zu spät, um dem DEFA-Gegenwartsschaffen die künstlerischen Impulse geben zu können, die durch ihn möglich gewesen wären.

Konrad Wolf fügte sich aus politischer Raison in solche Entscheidungen, unterlief sie aber zugleich mit einigen seiner folgenden Filme. Beispielsweise wurde die Adaption des Christa-Wolf-Romans Der geteilte Himmel (1964) zu einem sowohl politischen als auch künstlerischen Paukenschlag. Ästhetisch sichtlich von Alain Resnais und Letztes Jahr in Marienbad beeinflusst, griff Wolf auf moderne filmische Erzählweisen zurück, um Entfremdungserscheinungen innerhalb der DDR zu beschreiben: Er nutzte die Geschichte einer Liebe, um über Opportunismus und Bürokratismus, Heuchelei und Niedertracht auch in der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ zu reflektieren.

So wie er diesen Film durchzusetzen verstand, wandte er sich im Sommer 1966 vehement gegen das Verbot des Frank-Beyer-Films Spur der Steine. Seine Stimme wurde von der politischen Obrigkeit zwar zur Kenntnis genommen, aber abgewiesen. Konrad Wolf war bei dem Treffen einiger Freunde in der Wohnung Beyers dabei, als der Drehbuchautor von „Sterne“, Angel Wagenstein, äußerte: „Jetzt hilft es nur noch, auf den Alexanderplatz zu gehen und sich selbst zu verbrennen.“ Solche spektakulären öffentlichen Manifestationen freilich waren weder Beyers noch Wagensteins noch Wolfs Art – er bereitete, gemeinsam mit Wagenstein, stattdessen den Film Goya (1971) vor, in dem er zeigte, wie Künstler und Philosophen von der spanischen Inquisition gedemütigt werden: ein Sinnbild auch für die DDR.


bei den Dreharbeiten zu DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1973) Fotograf: Wolfgang Bangemann, Alexander Kühn (© DEFA Stiftung)
bei den Dreharbeiten zu DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1973) Fotograf: Wolfgang Bangemann, Alexander Kühn (© DEFA Stiftung)

Zwischen vielen Fronten

Konrad Wolf untersuchte in seinen Filmen immer wieder das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen. Nach den verbotenen „Sonnensuchern“ gelang ihm das wohl am eindringlichsten in Ich war neunzehn (1968), in dem er seine eigenen Erfahrungen vom Ende des Zweiten Weltkrieges verdichtete. Wie einst er selbst, redete nun auch Gregor Hecker, sein filmischer Alter ego, von einem klapprigen Lautsprecherwagen zu den deutschen Soldaten, forderte sie zum Niederlegen der Waffen auf. Wolf und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, mit dem er hier zum ersten Mal zusammenarbeitete, bauten den Film episodisch und fragmentarisch auf. Diese offene, lakonische Fabelstruktur erlaubte sowohl ein Nebeneinander von tragischen, lyrischen, sentimentalen und komischen Elementen als auch eine Vielzahl von Figuren, in denen sich ebenso viele Geisteshaltungen manifestierten. So läuft der Film nicht auf einen einzigen Höhepunkt zu, sondern besteht aus kleinen, in sich abgeschlossenen dramaturgischen Einheiten, die zusammengenommen ein um Wahrhaftigkeit bemühtes Bild der Zeit geben. Dabei wurde das in der DDR gepflegte Klischee vom strahlenden russischen Sieger ebenso wenig bedient wie das vom glücklichen deutschen Befreiten, der unversehens zum „Sieger der Geschichte“ mutiert.

Konrad Wolf verstand sich niemals nur als Filmemacher. Mit seinen Filmen, aber auch weit darüber hinaus machte er Politik. Schon ab 1959 fungierte er für sechs Jahre als Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in der DDR, 1965 wählte ihn die Akademie der Künste zu ihrem Präsidenten, ein Amt, das er bis zu seinem Tode innehatte. 1967 war er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Film- und Fernsehverbandes. In diesen Funktionen sah er sich stets zwischen vielen Fronten. Was bedeutete es, zugleich Künstler und Funktionär zu sein? Welchen Spagat musste er leisten, um die eigenen, oft dogmatischen Genossen von der Notwendigkeit kritischer, analytischer Kunst zu überzeugen?


Wachsender Skeptizismus

Wolf sah sich einer ständigen Berg- und Talfahrt zwischen Perioden des politischen Tauwetters, des vagen Liberalismus und Phasen der Eiszeit ausgesetzt. Zwar blieb er der sozialistischen Idee treu und vertrat sie nach außen hin ohne Wenn und Aber; aber wie sie praktisch ausgeführt wurde, sah er – man spürte es einem Film wie Solo Sunny (1980) an – zunehmend skeptisch. Noch immer hoffte er auf eine Besserung der Verhältnisse, aber immer mehr mischte sich in diese Hoffnung Mahnendes, Warnendes.

Eine Antwort auf die Frage, wie er die deutsche Einheit und deren Folgen verkraftet hätte, muss spekulativ bleiben. Hätte er sich als Filmemacher ein Schweigen auferlegt? Oder sich mit leiser oder kräftiger Stimme eingemischt? Das deutsche Kino der Nachwendezeit, so viel ist sicher, hätte ihn und seine Filme bitter nötig gehabt – so wie die von Fassbinder. Zwei deutsche Künstler, zu früh verstorben.



Die DVD-Box enthält folgende Filme:


Einmal ist keinmal (1955)

Genesung (1955)

Lissy (1957)

Sonnensucher (1958)

Sterne (1959)

Leute mit Flügeln (1960)

Professor Mamlock (1960/1961)

Der geteilte Himmel (1964)

Der kleine Prinz(1966/1972)

Ich war neunzehn (1967)

Goya (1971)

Der nackte Mann auf dem Sportplatz (1973)

Mama, ich lebe (1976)

Solo Sunny (1978/1979)

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