Filmklassiker: „Leuchtturm des Chaos“ & „Der Havarist“

Zwei Filme von Wolf-Eckart Bühler über den Hollywood-Star Sterling Hayden als Doppel-DVD bei der "Edition Filmmuseum"

Diskussion

Anfang der 1980er-Jahre spürte der Filmkritiker Wolf-Eckart Bühler den untergetauchten US-Schauspieler und Schriftsteller Sterling Hayden auf einem Flussboot in Frankreich auf und verbrachte eine Woche mit ihm. Daraus entstanden zwei höchst unterschiedliche Filme, „Leuchtturm des Chaos“ (1983) und „Der Havarist“ (1984), die sich wechselseitig zum Porträt eines bekannten Unbekannten ergänzen.


Schon ihre Stimmen klingen wie aus verschiedenen Welten. Auf der einen Seite der laute, unbeherrschte Filmstar, auf der anderen der bedächtige Kritiker. Emotionales Chaos trifft geordnete Ausdruckslosigkeit. Anfang der 1980er-Jahre spürt der Filmkritiker Wolf-Eckart Bühler den US-Schauspieler Sterling Hayden in Frankreich auf. Der lebt zu diesem Zeitpunkt auf einem Flussboot nahe Besançon. Sie verbringen eine Woche miteinander. Hayden trinkt, raucht und redet, Bühler fragt, schweigt und filmt. Ergebnis dieses Treffens sind unter anderem zwei Filme, die in der „Edition Filmmuseum“ jetzt als Doppel-DVD erschienen sind: Der Dokumentarfilm „Leuchtturm des Chaos“ (1983) und der experimentelle Spielfilm „Der Havarist“ (1984). Beide Filme profitieren von Haydens ereignisreichem Leben, von seinen Abenteuern und Dämonen. Aber auch von dem seltsamen Zwiegespräch der Ungleichen, die lernen, durch die Stimme des anderen zu sprechen.

Sterling Haydens Biografie enthält genug Erlebnisse für drei. Mit 15 Jahren geht er zur See, umsegelt mehrfach die Welt, als 22-Jähriger befehligt er sein erstes Schiff. Als eine teure Jacht sinkt, wechselt er nach Hollywood – um das Geld zurückzuverdienen. Der gutaussehende blonde Hüne wird zum Star. Berühmt machen ihn seine Rollen als Herumtreiber Dix Handley in John Hustons „Asphalt Dschungel“ und als titelgebender Westernheld in „Johnny Guitar“ von Nicholas Ray. Im Zweiten Weltkrieg heuert er bei der Marine an und lässt sich zum Fallschirmjäger ausbilden. Die jugoslawischen Partisanen unter Führung von Tito beeindrucken ihn.


Hayden und das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“

1946 tritt er kurzzeitig der kommunistischen Partei bei, was ihm nach seiner Rückkehr in Hollywood zum Verhängnis wird. Um sich selbst vor McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe zu schützen, verrät er andere. Die Schuld wird ihn nie mehr loslassen. Seine weitere Karriere ist erfolgreich, er arbeitet mit Stanley Kubrick, später auch mit Francis Ford Coppola und Robert Altman zusammen. Inspiriert durch Robert Louis Stevenson wird er zum Autor. Er setzt sich gegen Atomkraft und für die Bürgerrechtsbewegung ein. Das Meer gibt er nie auf, er reist bis zuletzt. Seine Autobiografie trägt den Titel „Wanderer“.

Dieses Leben erzählt Bühler in „Leuchtturm des Chaos“ im nüchternen Voiceover nach. Dazwischen gibt es ausgedehnte Interviewsequenzen mit Hayden, die den eigentlichen Kern des Dokumentarfilms ausmachen. Die Fragen sind nie zu hören; manchmal scheint es, als gäbe es gar keinen Gesprächspartner, als rede der Schauspieler einfach ins Blaue hinein. Bühler bleibt unsichtbar, hinter der Kamera versteckt. Nur wenige Male spricht ihn Hayden direkt an, so wie er oft mit Menschen spricht, die gerade nicht im Bild sind. Seine weitläufigen Monologe sind eigentlich Dialoge mit Geistern. Alkohol, Nostalgie und Schuldgefühle beschwören sie herauf.



Gespräche über Einsamkeit und die Last des Lebens

Bühler lässt Hayden reden, reden, reden. Seine Stimme ist tief, die langen Pausen mögen dramatisch gemeint sein, wirken aber eher wie Gedankenlosigkeit. Irgendwann sind die zurechtgelegten Sätze aufgebraucht, doch die Leere will weiter gefüllt werden. Hayden öffnet sich, erzählt von seinem Kampf mit dem Alkoholismus, seiner Familie, von der Last, die seit den 1950er-Jahren auf ihm liegt. Von Einsamkeit und Selbstmordgedanken. Viele Sätze schließt ein fragendes „Hmm?“ ab, als wollte er sicher gehen, dass das Gegenüber aus Deutschland auch alles richtig verstanden hat.

Hayden liest vor, meistens seine eigenen Bücher; beim Wort „piss“ kichert er kindisch. Es ist ein wenig unangenehm, ihm zuzusehen, wie er sich abwechselnd überhöht und erniedrigt. Schmerzlich intim. Einmal blendet Bühler kornblumenblaue Flächen ein, die an die Zwischentitel (Tag 1, Tag 2, Epilog etc.) erinnern, als müsste selbst die Kamera blinzeln, weil der ungebrochene Blick schwerfällt. Doch Hayden scheint es so zu wollen, er inszeniert sich selbst.

„Ein Schauspieler hört auf, ein Schauspieler seiner selbst zu sein“, heißt es am Ende von „Der Havarist“, doch ganz scheint das nicht zuzutreffen. Eher ist das Gegenteil der Fall: Seine Erfahrung als Schauspieler ermöglicht es Hayden, sich selbst zu spielen; vor der Kamera nach außen zu kehren, was sonst verborgen liegt. Es könnte aber auch einfach der Alkohol sein.


Aus der Zeit gefallen

Bühler filmt ihn auf seinem chaotischen Kahn als Bild alternder Hemingway’scher Männlichkeit. Immer barfuß, die Haare und der dichte Bart schlohweiß. Erst wenn ihn die Kamera später in die nahe Stadt begleitet, wird deutlich, wie sehr er aus der Zeit gefallen ist. Wenn ihn schon die Zivilisation einer kleinen französischen Stadt so fremd wirken lässt, wie muss es dann erst in Hollywood gewesen sein?

Doch gerade der Umstand, dass die Kamera so permanent und unerbittlich starrt, bringt die menschlichsten Momente hervor. In der Ferne bellen Hunde. Hayden sucht nach ihnen, aber kann sie nicht sehen. Er lächelt jugendlich-verschmitzt. Oder im Epilog des Films: Hayden im Dunkel der untergehenden Sonne, kurz vor der Nacht, ziellos auf seinem Boot umhergehend. Dann ist das Licht ganz verschwunden, das Filmkorn tanzt im Schatten um seinen Körper, der plötzlich klein und zerbrechlich wirkt.

In solchen Momenten kommt Bühler dem Gefilmten sehr nahe. Sein Porträt ist zärtlich und voller wunderbarer und trauriger Bilder und Augenblicke. Nur einmal wird der Regisseur ein wenig übergriffig und benutzt seine Hauptfigur: Als es um Nixon, Reagan und Amerika geht. Es ist die längste Voiceover-Sequenz, die plötzlich viel mehr deutet und dichtet als zuvor. Dann ist der Schauspieler nur noch ein Symbol.


Die vielen Haydens in „Der Havarist“

Dieses Risiko besteht in „Der Havarist“ nicht. Der Spielfilm teilt sich viele Bilder mit „Leuchtturm des Chaos“; wieder ordnet Haydens Biografie das Geschehen. An die Stelle der Interviews treten dramatische Interpretationen seiner Texte, gesprochen von Darstellern wie Rüdiger Vogler, Burkhard Driest und Hannes Wader. Immer neue Schauspieler repräsentieren die vielen Leben und Versionen desselben Menschen. Man fühlt sich an Todd Haynes und seinen Film über Bob Dylan, „I’m Not There“, erinnert. Die Szenen sind verfremdet; es soll keine filmische Illusion entstehen. Kein Darsteller versucht, Hayden zu imitieren. Mehrfach werden Texttafeln eingeblendet; Hayden ist schließlich auch Literat, also wird die Sprache ins Bild gerückt.



Langsam lässt der Regisseur den in viele Darsteller aufgesplitteten Menschen zusammenwachsen. Die vielen Haydens dürfen jene Erwiderungen geben, die der echte Hayden damals wohl gegeben hätte. Der Film korrigiert – zumindest in der Fiktion – die Geschichte, kann durch das bessere Wissen des Zurückblickens die Treppenwitze zum richtigen Zeitpunkt erzählen. So werden etwa Joseph McCarthy und seine Bagage verwünscht. Später reisen die Dialoge durch Zeit und Raum, dann spricht einer der Haydens beim Psychotherapeuten mit dem Komitee für unamerikanische Umtriebe. Alles beginnt, in vielen Versionen zu existieren – Orte, Sätze, Menschen. Am Ende wieder Fotografien von Hayden. Stolz präsentiert Bühler sein mühsam zusammengesetztes Puzzle.

„Der Havarist“ folgt einem interessanten Konzept, wirkt aber wie eine nachträgliche Idee, wie ein Echo des großartigen „Leuchtturm“-Films. Ein neuer Einfallswinkel, durch welchen demselben Thema neue Facetten abgerungen werden.


Der Horizont hinter dem Horizont

Es lohnt sich, beide Filme zu sehen. Sie erzählen eindringlich von fehlgeleitetem Idealismus, der Poesie der Tat, von Krankheit, Altern, Schmerz, Selbstzweifel und der ewig unerfüllten Sehnsucht nach dem Horizont hinter dem Horizont. Sie lassen eine Karriere in neuen Tönen erstrahlen. Der hysterische Antikommunist Jack D. Ripper, den der Schauspieler in Kubricks „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben verkörperte, wirkt wie die schlimmste Version von Hayden, die Summe seiner Selbstverwünschungen. Und Roger Wade, der alkoholkranke Autor mit Schreib-Blockade in Robert Altmans „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, erscheint plötzlich als Mischung aus Performance und Hilferuf. Natürlich liegt darin etwas Voyeuristisches, aber es zeugt auch von der Kraft der Filme: Sie lassen einen berühmten, vermeintlich bekannten Menschen neu verstehen. Oder zum ersten Mal.


Editorische Notiz:

Leuchtturm des Chaos (Pharos of Chaos). Deutschland 1983. Regie: Wolf-Eckart Bühler, Manfred Blank. Mit Sterling Hayden. 114 Min.

Der Havarist. Deutschland 1984. Regie: Wolf-Eckart Bühler, nach der Autobiografie "Wanderer" von Sterling Hayden. 92 Min.

Die Doppel-DVD der "Edition Filmmuseum" (Nr. 113) enthält überdies die WDR-Produktion "Vor Anker, Land unter. Ein Film mit Sterling Hayden" (Deutschland 1982.  R: Wolf-Eckart Bühler, Manfred Blank. 42 Min.) sowie ein 16-seitiges Booklet mit Texten von Alf Mayer und Wolf-Eckhart Bühler.

Bezug:  Edition Filmmuseum Shop

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