Der Film „Rafiki“ als „LGBT“-Politikum

In Cannes begeisterte „Rafiki“ die Weltöffentlichkeit, in Kenia wurde der Film postwendend verboten. Doch seine Regisseurin kämpft vor Gericht um eine Aufhebung des Verbots

Diskussion

Die Liebe zweier junger Frauen in Nairobi passt ihrer Umwelt nicht in den Kram. Doch ihre Zuneigung trotzt allem Widerstand. Das betörend optimistische Drama „Rafiki“ wurde in Kenia verboten. Doch seine Regisseurin Wanuri Kahiu streitet vor Gericht um eine Aufhebung des Verbots. Dabei geht es um die von der kenianischen Verfassung garantierte Meinungsfreiheit, mehr aber noch um das Recht, als Schwule und Lesben in Kenia leben zu dürfen.


Der „Fall Rafiki“ hat einen langen Vorlauf. Der Blick zurück lohnt sich, wenn man verstehen möchte, wie mutig und politisch geschickt die kenianische Regisseurin Wanuri Kahiu und der südafrikanische Produzent Steven Markovitz auf der Welle geritten sind, die das Verbot des Films in Kenia ausgelöst hat. Tatsächlich sind alle am Film Beteiligten von der Stoffentwicklung bis zum Vertrieb des Films in Kenia überaus strategisch vorgegangen, da sie geahnt hatten, dass ihr Projekt von der Zensurbehörde nicht einfach so durchgewunken würde.



Stoffentwicklung und Finanzierung von „Rafiki“ umfassten insgesamt acht Jahre. Während dieser Zeit entstand der Film „Stories of our lives“ (Kenia/Südafrika 2014), produziert vom kenianischen Künstlerkollektiv Nest Collective unter der Regie von Jim Chuchu; Markovitz war als Co-Produzent ebenfalls mit an Bord. „Stories of our lives“ erzählt von den erschütternden Lebenswirklichkeiten junger schwul-lesbischer Menschen in Kenia. Die fünf episodenartigen Geschichten beruhen auf Protokollen, die ursprünglich nur als Zeitdokumente aufgezeichnet wurden, ohne Ambition, daraus einen Film zu machen. Doch die Geschichten waren so bewegend, dass das Nest Collective zusammen mit Markovitz beschloss, auf Grundlage dieser Dokumente einen Spielfilm zu entwickeln.


Sorgfältig verwischte Spuren

Alle Spuren zu den Menschen, die dem Nest Collective ihre Erlebnisse anvertrauten, wurden zu deren Schutz sorgfältig verwischt. Sogar die Namen des Regisseurs und der Mitwirkenden wurden erst auf dem Toronto Filmfestival, wo der Film seine Weltpremiere feierte, bekanntgegeben. Im Abspann des Films wie auch im Festivalkatalog tauchen sie nicht auf; es wäre zu riskant gewesen, da niemand wusste, was dem Team bei seiner Rückkehr aus Toronto in Nairobi für Konsequenzen drohen würden.

Am Ende wurde nicht der Regisseur, sondern der ausführende kenianische Produzent George Gachara am 15. Oktober 2014 verhaftet und zur Kilimani Police Station gebracht. Gegen eine hohe Kaution wurde er wenig später freigelassen und vor Gericht geladen. „Der Film enthält Obszönitäten, explizite Szenen sexueller Aktivitäten und er bewirbt Homosexualität, die unseren nationalen Normen und Werten widerspricht“, hieß es in der Begründung des „Kenya Film Classification Board“ (KFCB).



Im März 2015 wurde die Anklage gegen Gachara zurückgezogen, doch der Film ist in Kenia nach wie vor verboten. Das „Nest Collective“ meint dazu: „Wie genau macht man das eigentlich, ‚Homosexualität bewerben‘? Indem man rosa Flugblätter an unschuldige Passanten verteilt? Ist Homosexualität also so etwas wie ein Tick oder Trend oder wie eine ansteckende Erkältung, die man sich im Bus von Mitreisenden holen kann? Es ist jedenfalls klar, dass das Board denkt, erwachsene Kenianer seinen unfähig, diesen Film zu sehen, ohne sich beim Betrachten in eine Horde wilder, obsessiver Homosexueller zu verwandeln.“


Die „Film Classification Guidelines“

Die rechtlichen Grundlagen des Verbots findet man in den „Film Classifaction Guidelines“ des „Kenya Film Classification Board“. Sie gewähren einen Einblick in die Logik der Verbotsbefürworter. Unter anderem werden darin „Filme, Poster oder Sendungen“ verboten, die „perverse oder sozial unakzeptierbare Sexualpraktiken wie Inzest, Pädophilie, Homosexualität oder jede Form von Pornografie zeigen, ermutigen, rechtfertigen oder glorifizieren“.

Diese „Guidelines“, die zuletzt 2012 überarbeitet wurden, gehören nach Ansicht von Wanuri Kahiu ideologisch zum Kolonialerbe, weil sie von einem unmündigen Publikum ausgehen – ein juristisches Überbleibsel aus der Zeit, als britische Behörden afrikanische Menschen wie Kinder behandelten: „Ich habe es satt, immer wieder gesagt zu bekommen, dass Kenia und die Kenianer für Filme wie ,Rafiki‘ noch nicht bereit seien. Zudem stehen die Verbote der Film Guidelines in Kontrast zu unserer jungen und progressiven Verfassung aus dem Jahr 2010, die ausdrücklich das Recht auf Meinungsfreiheit des Einzelnen garantiert.“



Politisch ging es bei „Rafiki“ darum, nach „Stories of our lives“ ein weiteres Exempel zu statuieren und gegebenenfalls vor Gericht zu gehen; noch mehr aber war es Kahius Anliegen, die Stimmung und Meinung im Land im Umgang mit LGBT-Themen (englisch für „Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender“) und Menschen zu verändern. Das war und ist mit Risiken verbunden, denn die christlich-fundamentalistischen Tendenzen verbreiten sich in Kenia wie in vielen anderen Ländern Afrikas ähnlich stark wie der Rechtspopulismus in Europa.

Diese Bewegungen finden allenthalben willfährige Akteure, die in Akten von Selbstjustiz alles und alle attackieren, die nicht in ihr extrem konservatives Weltbild passen – Schwule und Lesben stehen ganz oben auf der Liste der meistgehassten Feinde dieser zahlenmäßig starken, extrem konservativen gesellschaftlichen Gruppe.


Es ist mit allem zu rechnen

Wanuri Kahiu erinnert sich, wie sie vor allem ihre Hauptdarstellerinnen, aber auch das Team im Vorfeld der Dreharbeiten ausführlich instruierte: „Ich habe ihnen ganz klar gesagt, dass sie für ihre Mitarbeit am Film die aktive Unterstützung ihrer Familien brauchen, denn wir konnten die Auswirkungen nicht einschätzen. Ich habe meinem Team gesagt, dass alles Mögliche passieren kann, dass sich vielleicht einige ihrer Freunde von ihnen abwenden, dass sie mit Einsamkeit in Folge der gesellschaftlichen Ächtung bis hin zu handfesten Bedrohungen und Gewalt mit allem rechnen müssen.“

Der Südafrikaner Steven Markovitz war beeindruckt, wie mutig und entschlossen sich das Team um Wanuri Kahiu trotz der Risiken zusammengefunden hat, um mit „Rafiki“ einen Film zu drehen, der exemplarisch gegen Bevormundung von Lebensstilen, Lebensentwürfen und sexueller Identitätsbildung revoltiert. „Wir haben verstanden, dass wenn wir uns nicht zur Wehr setzen, hier alles beim Alten bleibt – und wir Kenianer weiterhin nur die Filme zu sehen bekommen, die wir verdienen.“

Der Mut wurde belohnt. „Rafiki“ wurde als erster kenianischer Film überhaupt zum Filmfestival nach Cannes eingeladen, in die Sektion „Un certain regard“. Das weckte die nationale Presse auf, die daraufhin „Rafiki“ wohlwollend zu bewerben begannen – lange vor der Weltpremiere, beflügelt vom nationalen Stolz auf die kenianische Präsenz an der Côte d’Azur.



Die positive Resonanz des Films auf dem Festival tat dann ein Übriges. Markovitz: „Es hätte kaum besser laufen können: Die internationale Aufmerksamkeit hat uns sehr geholfen und das kenianische Team geschützt.“ Wanuri Kahiu wurde bei ihrer Rückkehr am Flughafen von Nairobi wie eine Heldin des Freiheitskampfes von gleichgesinnten, vornehmlich jungen Menschen empfangen. Statt der gefürchteten Verhaftung also ein strahlender Triumphzug – vorbei an ihrem ärgsten Widersacher von der Zensurbehörde, der zufällig mit im selben Flugzeug saß und sich das Spektakel mit eigenen Augen ansehen konnte.


Wanuri Kahiu und ihre Anwältin

Wie „Stories of our lives“ wurde „Rafiki“ dann aber mit derselben Begründung, nämlich der Werbung für Homosexualität, verboten, doch Wanuri Kahius Rechtsanwältin Sofia Leteipan klagte erfolgreich gegen das Kenya Film Classification Board mit der Begründung, dass das Aufführungsverbot Kahius Karriere als Filmemacherin beschädigen würde. Denn nur wenn der Film im kenianischen Kino zu sehen wäre, könnte er für den Auslands-„Oscar“ nominiert werden.

Die mediale Strahlkraft des Cannes-Festivals bewirkte dann, dass Ende September 2018 das Vorführverbots des Films für sieben Tage ausgesetzt wurde. „Rafiki“ spielte in dieser Woche 33 000 US-Dollar ein und wurde mit 7000 verkauften Tickets der zweiterfolgreichste Film der kenianischen Kinogeschichte.

Steven Markovitz: „Was mich an dieser Geschichte am meisten fasziniert ist, ist der Umstand, dass Wanuri und ihre Darstellerinnen inzwischen für eine ganze Generation junger Kenianer zu echten ,fashion icons‘ geworden sind. Ich bin überzeugt, dass sich in Kenia ein gesellschaftlicher Wandel vollzieht.“

Wanuri Kahiu
Wanuri Kahiu

Wanuri Kahiu selbst ist am meisten davon beeindruckt, was sie nach dem Kinostart von befreundeten LGBT-Aktivisten im Land erfahren hat: eine sehr große Zahl junger Menschen hätte diese eine Woche, in der „Rafiki“ in den kenianischen Kinos zu sehen war, genutzt, um den Film zusammen mit ihren Eltern zu besuchen. Danach hätten viele den Mut gefunden, ihren Angehörigen zu erzählen, dass sie selbst auch schwul/lesbisch seien.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende; der Gerichtstermin steht noch aus. Die Rechtsanwältin Leteipan ist optimistisch: „Ich sehe diesen Fall als Gelegenheit für die Gerichte an, unserer Verfassung einen Sinn zu geben, sie progressiv zu interpretieren, mit Leben zu erfüllen und das gesetzlich verankerte Recht auf Meinungsfreiheit zu garantieren, was künstlerische Freiheit natürlich miteinschließt.“



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