Zur Eröffnung der 69. Berlinale

Kuschelige Töne und viele Küsschen am Beginn der Filmfestspiele. Das Private, das politisch sein soll, sieht anders aus

Diskussion

Ist denn noch Weihnachten? Nicht nur die Bäume am Potsdamer Platz sind noch mit weihnachtlichen Lichtern geschmückt, auch der Berlinale-Eröffnungsfilm von Lone Scherfig zog gekonnt alle Register eines typischen Feel-Good-Weihnachtsfilms – und wirkte damit als Entrée in ein Festival, in dem „das Private politisch“ sein soll, etwas allzu nett.


„Fake it till you make it“, heißt es im Englischen; die Suggestion kann der Realität auf die Sprünge helfen, und das gilt auch fürs Kino. Darum ging es schon im vorletzten Film der dänischen Regisseurin Lone Scherfig. In „Ihre beste Stunde“ (2016) obliegt es der von Gemma Arterton gespielten Protagonistin, zusammen mit einem Drehbuchautor einen Propaganda-Film zu entwerfen, der den Durchhaltewillen der Briten während des Zweiten Weltkriegs im Kampf gegen die Nazis stärken soll. „Der Film muss einen Krieg gewinnen“, heißt es dort einmal.

Auch in Scherfigs jüngstem Werk „The Kindness of Strangers“, mit dem die 69. „Berlinale“ eröffnet wurde, spielt die Kraft der Suggestion eine Rolle. Für viele Figuren des Films sind die Geschichten, die sie sich und anderen vorflunkern, ein Mittel, um mit der Realität besser klarzukommen. So spricht die Hauptfigur (Zoe Kazan) mit ihren Kindern statt von einer Flucht vom „Urlaub“ in New York, um der Situation etwas von ihrer Bedrohlichkeit zu nehmen.


Eine Familie auf Herbergssuche

Einen Krieg muss „The Kindness of Strangers“ nicht gewinnen; wohl aber soll er das Festivalpublikum für sich einnehmen und Lust aufs Kino machen, das in den kommenden zehn Tagen in Berlin in seiner ganzen Vielfalt gefeiert wird. Der Film geht diese Aufgabe an, indem er sich im kalten Februar wie eine warme Decke um die Schultern der Zuschauer legt. Eigentlich ist es ein echter Weihnachtsfilm, rund um eine kleine heilige Familie, die keine Herberge im von Schneeflocken durchwehten New York findet, inklusive eines Engels in Gestalt einer gütigen Krankenschwester und anderer Zeitgenossen, die durch die wundersame Verflechtung ihrer windschiefen Lebenswege schlussendlich das Heil finden.

Zoe Kazan und Tahar Rahim in "The Kindness of Strangers"
Zoe Kazan und Tahar Rahim in "The Kindness of Strangers"

Warme Decken, in denen man sich verkriecht, haben es aber auch an sich, dass sie einlullend wirken. Das kann man „The Kindness of Strangers“ durchaus vorwerfen, dass er stromlinienförmiges, süßes Feel-Good-Kino ist, alles andere als ein Film, der in irgendeiner Weise aufrüttelt oder herausfordert. Das diesjährige „Motto“ der Berlinale, dass „das Private politisch ist“, sieht man diesem Film an keiner Stelle an. Sein Blick weitet sich nie von den persönlichen Miseren der Figuren zu den Strukturen, die dahinter stecken; stattdessen wird ein Hohelied auf die individuelle Menschlichkeit angestimmt. Was für das Genre völlig okay ist und nicht zuletzt dank charismatischer Darsteller auch sympathisch vermittelt wird, aber für einen „Berlinale“-Eröffnungsfilm doch arg weichgespült daherkommt.


Licht am Ende des Tunnels

Dabei sind die Themen, die „The Kingness of Strangers" aufgreift, durchaus harter Stoff: Zoe Kazan spielt die Frau eines Polizisten, die mit ihren beiden kleinen Söhnen eines Nachts klammheimlich das Haus der Familie verlässt, um von ihrem prügelnden Ehemann loszukommen. Ohne Kreditkarte oder mit mehr, als was sie am Leib tragen, stranden die drei in New York. Es folgt eines Odyssee durch Manhattan, immer auf der Suche nach Orten, wo man sich aufwärmen, etwas zu essen und im besten Fall einen Platz zum Schlafen ergattern kann, in ständiger Angst vor dem Ehemann, der bald erfährt, wohin seine Familie geflohen ist – bis sich das Blatt durch die Begegnung mit einer Krankenschwester (Andrea Riseborough) und einem gerade zum Manager eines russischen Restaurants aufgestiegenen Ex-Häftling (Tahar Rahim) wendet.

Die Inszenierung präsentiert dies jedoch im milden Tonfall eines modernen Märchens. Die Filmmusik konterkariert den New Yorker Winter mit dem Versprechen von Wärme und Harmonie; und Manhattan scheint aus der Perspektive der Elenden und Gestrandeten als magischer Ort. In der Pressekonferenz betonte Lone Scherfig, dass es ihr „gerade in unserer Zeit“ wichtig sei, „zu sagen: Ja, die Welt ist komplizierter geworden, aber es gibt Licht am Ende des Tunnels“. Und sollte das Licht einmal nicht von selbst da sein, muss man es halt mit dem Affektapparat Kino entzünden: Fake it till you make it!


Frauen im Fokus

Bei der Eröffnungsgala der 69. „Berlinale“ scherzte Lone Scherfig, die in Berlin im Jahr 2001 mit „Italienisch für Anfänger“ ihren Durchbruch erlebte, bestens gelaunt mit der Moderatorin Anke Engelke. Dass nicht nur Scherfig, sondern auch sechs weitere Regisseurinnen um den „Goldenen Bären“ konkurrieren und damit die Frauenquote im Wettbewerb bei rund 40 Prozent liegt, war eines der großen Themen des Abends. Neben den verbalen Verbeugungen vor dem scheidenden Festivaldirektor Dieter Kosslick ging es immer wieder darum, die Rolle der Frauen zu betonen, die der aktuelle Jahrgang prominent in den Fokus rücke – sei es in Gestalt der Jury-Präsidentin Juliette Binoche, der „Ehrenbär“-Preisträgerin Charlotte Rampling, in der Retrospektive oder in Gestalt all der Filmemacherinnen, die in den nächsten Tagen quer durch die Sektionen ihre neuen Werke vorstellen.

Entscheidet über die "Bären": die Internationale Jury unter Vorsitz von Juliette Binoche
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Einige werden sicher Beiträge liefern, die weniger kuschelig sind als „The Kindness of Strangers“. Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, erinnerte in ihrer Rede an die Künstlerin Renée Sintenis, deren im Jahr 1962 gestaltete Skulptur des „Berliner Bären“ bis heute als Vorlage für die „Bären“-Statueten des Festivals dient, und zitierte die Bildhauerin mit dem Satz, dass „jede Macht korrumpiert. Der geistige Mensch lebt immer in der Opposition.“ Etwas mehr Opposition und Widerständigkeit gegenüber der Macht des Kinos als Suggestionsmaschine sollte in den kommenden Festivaltagen schon drin sein.

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