Das Messer am Ufer

Mittwoch, 03.04.2019

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Jetzt in einer aufwändigen Mediabook-Edition neu erschienen: Crispin Glovers Thriller-Drama "Das Messer am Ufer" ("River's Edge") um eine Jungs-Clique, die durch einen Mord auf eine harte Bewährungsprobe gestellt wird.

Das Kino der 1980er Jahre hat den Jugendlichen eine Menge zugemutet. Jenseits der puren ausgelassene Überdrehtheit eines Michael J.Fox in „Zurück in die Zukunft“ war da vor allem das Rebellentum des „Brat Packs“ um Ally Sheedy, Emilio Estevez, Matt Dillon, Nicolas Cage und Sean Penn sowie der Horror von Freddy, Jason und Co. Erwachsenwerden schien in den USA dieser Zeit eine besondere Prüfung zu sein. Das, was wir heute unter „Teen(age) Angst“ kennen, wurde kreiert und geriet zur Gefühlslage einer ganzen Generation: „Smells like Teen Spirit“ wurde zu ihrer Apotheose. Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, der Mitte der 1980er Jahre um die 16 und Punker war, beschreibt in seinem Essay im Booklet zu „Das Messer am Ufer“ seine prägenden Erfahrungen mit diesem kleinen, aber nicht minder wichtigen, weil stilbildenden „Teen-Angst“-Film von Tim Hunter. Er ist im Kern zwar auch eine Analyse des Films, aber besonders als Beschreibung einer (seiner) Befindlichkeiten währen des Erwachsenwerdens bemerkenswert. Wenig interessant für einen Leser, der den Autor nicht kennt? Auch wenn er im Bestücken des DVD/BD-Bonusmaterial von Genrefilmen produktiv ist wie kaum ein anderer?! Doch! Denn in Kombination mit dem Audiokommentar des Regisseurs zum Film ist der Erfahrungsbericht eine erstaunlich stimmige, weil sinnliche Kombination. Da ist einerseits der Regisseur in den USA, der Film, Drehbuch, Machart und Rezeption recht nüchtern und plastisch analysiert. Und da ist einer aus der Zielgruppe, in Deutschland, der emotional seine Gefühle preisgibt, die ihn noch heute bewegen und ihn einst definierten.

„Das Messer am Ufer“ ist ein mutiger, düstere Independent Film, mit einer vor allem aus heutiger Sicht bemerkenswerten Besetzung; ein Film, dessen Bedeutung man abseits des heftigen Crimeplots vielleicht nur noch schwer dekodieren kann, wenn man in den 1980er Jahren nicht groß geworden ist. Doch das Mediabooks-Bonusmaterial des kleinen deutschen Labels camera obscura hilft diesmal ganz besonders, in seiner eigentümlichen Kombination einen Film zu verstehen, der mehr ist als „nur“ die Aufarbeitung eines Mordfalls nach „wahren Begebenheiten“. Jörg Gerle



Filmkritik zu "Das Messer am Ufer" (1986)

Der Alltag einer Gruppe amerikanischer Jugendlicher, geprägt von Biertrinken, Haschischrauchen und den Streitereien mit den Eltern, wird um eine schreckliche Sensation bereichert. Samson, ein 17jähriger Schüler, gesteht seinen Freunden gleichmütig, seine Freundin umgebracht zu haben. Alles Denken und Handeln der Clique dreht sich fortan um die Entscheidung, entweder den Freund der Polizei auszuliefern oder die Tat zu verschleiern. Lane, Wortführer der Gruppe, der sich mit Aufputschmitteln einen gleichbleibenden Zustand der Agilität zu verschaffen versucht, will den Freund bedingungslos schützen, während der besonnenere Matt, der mit seiner Mutter in einer Dauerfehde lebt, sich seiner Reaktionen nicht sicher ist. Er ist es schließlich, der Samson verrät und damit beinahe eine weitere Katastrophe heraufbeschwört. Sein kleiner Bruder Tim, der dem Verhalten der Großen nacheifert, kann den Verrat nicht verwinden und will den Bruder erschießen. Doch dazu kommt es ebensowenig wie zu Samsons Festnahme. Lane hat Samson für eine Nacht bei Feck untergebracht, einem desillusionierten Säufer, der bei einem Motorradunfall ein Bein verlor und vor Jahren ebenfalls seine Freundin erschossen hat - ohne einsichtiges Motiv, einfach so, aus Liebe, wie er sagt. Feck und Samson, dem ein gleiches Schicksal vorbestimmt zu sein scheint, kommen sich näher. In der Nacht suchen sie den Tatort am Flußufer auf, erzählen und trinken, dann erschießt Feck den Jungen.


Was Tim Hunter mitunter zu genüßlich und quälerisch zelebriert, ist die Desillusionierung des "amerikanischen Traums". Ein schäbiger, konturloser Ort, der überall in den USA sein könnte, zerrüttete Familien, in denen sich die Mütter mit den Kindern um die letzte Haschisch-Zigarette streiten, kleine Kinder, die ein Milieu der Gleichgültigkeit und des herzlosen Nebeneinanders in sich aufsaugen, Jugendliche, die ihre Chancen - so sie je welche hatten - bereits vertan haben. Ein Schreckensort des Zerfalls und der Auflösung, dem niemand entfliehen kann, in dem alle Energien fürs nackte Überleben benötigt werden, wo Realitätsflucht als einziger Ausweg erscheint und ritualisierte Freundschaften eine nur brüchige Verbindung zum Mitmenschen sind. "Erlösung" scheint nur aus dem Lauf der Pistole kommen zu können. Wer sich auf dieses morbide Szenario einläßt, vermag eine interessante Replik auf gescheiterte Hoffnungen und zerplatzte Träume der Vergangenheit zu erkennen, einen Film, der bei aller Bitterkeit zugleich ein Menetekel sein will. Das Scheitern der Elterngeneration und der ohne Vorbilder und Ideale Heranwachsenden wird in der Figur des Feck (Dennis Hopper) personalisiert. In der Diele seines heruntergekommenen Hauses steht noch das abgewrackte "Easy Rider"-Motorrad, aber die Zeit der Träumereien ist endgültig vorbei, die Lebensentwürfe der 60er und 70er Jahre haben wenig gefruchtet; nun gilt es, die bitteren Früchte zu ernten. Ein resignativer Film, der einiges über die amerikanische Vergangenheit aussagt und dessen einziger Hoffnungsschimmer in einer Liebesnacht unter dem Sternendach besteht. Rückbesinnung auf Liebe und Einfachheit? Hans Messias

(Erstmals erschienen in Filmdienst Heft 6/1987)




Fotos: © Camera Obscura


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