„Lang lebe die Königin“

Mittwoch, 24.04.2019

Nachruf auf die Schauspielerin Hannelore Elsner (26.7.1942-21.4.2019), die im Alter von 76 Jahren gestorben ist

Diskussion

So wie in Mein letzter Film – von Oliver Hirschbiegel 2002 gedreht – sah sie sich am liebsten, ganz allein in eine aufmerksame Kamera hinein spielend. Eine denkwürdige One-Woman-Show: Hundert Prozent Hannelore Elsner von der ersten bis zur letzten Minute. Sie legt die Lebensbeichte einer fiktiven Schauspielerin ab und ist doch ganz sie selbst. „Natürlich hab ich versucht, mich selbst zu spielen, aber ich bin gescheitert. Die Rolle war zu schwer“, räumte sie gewohnt selbstironisch ein. Dabei hatte der Schriftsteller Bodo Kirchhoff den umfangreichen Monolog nur für sie geschrieben. Und sie genießt im Film sichtlich jede Minute davon: räkelt sich aufmerksamkeitsheischend in die Kamera, wendet sich kokettierend wieder ab, um dann kleine Bonmots wie vergiftete Pfeile in den Zuschauerraum zu schleudern. Und zelebriert die makellose Schönheit und die mondäne Eleganz einer „Königin“.

Es kränkte sie, dass ihr eine entsprechende Anerkennung von der deutschen Filmkritik oft versagt blieb, ebenso wie es sie immer weiter anspornte, selbst im späten Leuchten ihrer Karriere, seit ihrer allseits als meisterlich gelobten „Tour de Force“ als Die Unberührbare in Oskar Roehlers gleichnamigem Film über dessen Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, die sich an der brüchigen Grenze zum Wahnsinn befindet.

Breites Spektrum an Rollen

In der Erinnerung wird dieser Film aus dem Jahr 2000 zu Elsners Vermächtnis. Zu Recht wird er als der emotionale und künstlerische Höhepunkt ihres Lebens gelten. Ihr Lebenswerk umfasst mit über 200 Kino- und Fernsehfilmen jedoch ein sehr viel breiteres Spektrum an Rollen und bildet auch diverse Schwankungen der bundesdeutschen Filmgeschichte ab.

"Die Unberührbare"
"Die Unberührbare"

Anfangs verkörperte Hannelore Elsner das in den letzten Zügen des Abstiegs befindliche „Opas Kino“, etwa 1959 mit Freddy unter fremden Sternen – darein fällt Elsners erster Auftritt als „Starlet“ – oder neben Hans-Joachim Kulenkampff als Internatsleiter, der auf seine frechen Schülerinnen aufpassen muss, in Immer die Mädchen (ebenfalls 1959). Es folgten „Lümmel-Filme“ und andere angesagte Filmkomödien, bei denen man sich stets auf die frechen, aufmüpfigen und erotischen Auftritte von Jungstar Hannelore verlassen konnte, die sich zwischendurch auch mal auf Willy Millowitschs Komödiantenbühne zu „Tante Jutta aus Kalkutta“ in Köln verdrückte.

Selbst im besten Film dieser Periode, Will Trempers Flughafendrama Die endlose Nacht (1962) verkörpert Hannelore Elsner eine attraktive, aber erfolglose Jungschauspielerin, die am Ende ein paar dubiosen Figuren als erotisches „Frischfleisch“ mitgegeben wird, weil sie keine Bleibe hat. Sie wird quasi „abgeführt“, doch in ihren Augen blitzt es, so als wüsste sie schon, wie sie sich auch aus dieser misslichen Situation lösen kann.

Die Kamera liebte sie

Diese besondere Präsenz noch in den geringfügigsten Rollen, dieser ästhetische „Mehrwert“ charakterisiert die Persönlichkeit der Schauspielerin mehr als die Geschichten der von ihr verkörperten Figuren. Der Auftritt der knapp 17-Jährigen enthielt schon das Versprechen künftiger glanzvoller Rollen. Das muss Edgar Reitz als erster erkannt haben, als er ihr 1973 in Die Reise nach Wien an der Seite von Elke Sommer eine denkwürdige Hauptrolle als junge Frau in der „Stunde Null“ anbot. Auch der ungarische Meisterregisseur István Szabó gehörte mit seinem Ärztinnenmelodram Der grüne Vogel (1980) zu den frühen Entdeckern der besonderen Fähigkeiten von Hannelore Elsner.

"Die endlose Nacht"
"Die endlose Nacht"

Zu dieser Zeit war sie eigentlich schon „abgetaucht“ in den Untiefen von Fernsehrollen in „Tatort“-Krimis und der „Schwarzwaldklinik“. Bis sie ab 1994 als „Die Kommissarin“ Lea Sommer leger in Pumps und mit schalkhafter Präsenz eine Kultserie dominierte. 66 Folgen lang endlich eine weibliche Ermittlerin, mit der man sich identifizieren konnte. Das Publikum war ihr freilich immer treu. Und die Kamera hat sie stets „geliebt“, wie man sagt, wenn man das größte Rätsel der Schauspielkunst nicht so richtig zu beschreiben vermag. Das zeigte sich besonders bei den Frauenporträts in den Filmen von Rudolf Thome, der so etwas wie ein Seelenverwandter der Elsner im Regiestuhl ist. Etwa in Frau fährt, Mann schläft, in dem Hannelore Elsner der Brüchigkeit des Glücks einer Ehe philosophische Dimensionen zu entlocken vermag. Vielleicht ist es diese besondere Komplexität, die die feministische Chronistin Alice Schwarzer dazu veranlasste, ihr in ihrer Sammlung von Frauenporträts „Vorbilder und Idole“ 2003 ein eigenes Kapitel zu widmen.

Sagenhafte Spätkarriere

Hannelore Elsners sagenhafte Spätkarriere brachte Filmpreise und Ehrungen mit sich. Aber auch dazu hatte sie ein besonderes Verhältnis. Als ich ihr einmal ein karges Diplom als Preis der deutschen Filmkritik überreichen durfte, meinte sie augenzwinkernd: „Ich freu mich sehr, aber Filmpreise müssen so sein, dass man damit jemanden erschlagen kann. Mit dem Oscar geht das.“ So war sie und zeigte auch bei der Rollenwahl Charakter. Sie überzeugte 2004 in der Komödie Alles auf Zucker! von Dani Levy. Ebenso wenig schreckte sie vor einem ambivalenten Drama wie Vivere von Angelina Maccarone zurück und verwandelte 2008 in Kirschblüten – Hanami von Doris Dörrie ihren Part in einen zutiefst bewegenden Auftritt. In Dörries Fortsetzung des Films, Kirschblüten & Dämonen, der im Augenblick noch im Kino zu sehen ist, tritt sie nur noch als Geist aus der Vergangenheit in Erscheinung.

Mit Henry Hübchen in "Alles auf Zucker!"
Mit Henry Hübchen in "Alles auf Zucker!"

Bis zuletzt hat die schwer an Krebs erkrankte Schauspielerin gedreht, ausgerechnet in der Rolle einer krebskranken Frau in einem Fernsehfilm des österreichischen Regisseur Richard Huber. Der geplante Titel des Films bekommt nun eine neue Bedeutung. Er lautet: „Lang lebe die Königin“. Einen solchen Platz wird Hannelore Elsner in unseren Herzen als einzigartige Ikone des deutschen Films mit Eigensinn und Charakter immer einnehmen.


Fotos: Constantin, ZDF, Universum, Warner

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