Visions of Iran

Donnerstag, 30.05.2019

Das Kölner Filmfestival präsentiert einen Überblick über das aktuelle iranische Filmschaffen

Diskussion

Im Iran entstehen jedes Jahr mehr als 100 Filme, von denen kaum je einer in die deutschen Kinos gelangt. Dem will das Kölner Festival „Visions of Iran“ (30.5.-2.6.) ein wenig Abhilfe schaffen, indem es eine interessante Auswahl aktueller iranische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zeigt, darunter auch Komödien, Action- und Kriegsfilme.

Shakur und seine Brüder dominieren in „Sheeple“ („Schafsmenschen“) von Houman Seyyedi mit einem Meth-Labor das Niemandsland einer Teheraner Vorstadt. Shakur ist der „Schäfer“, der seine Familie und die Angehörigen seiner Bande mit allem versorgt, was sie zum Leben brauchen. Sein Bruder Shahin folgt ihm gehorsam, fühlt sich aber zurückgesetzt, weil er bei Aufträgen nie zum Zug kommt. Offen zu rebellieren traut er sich aber nicht.

Vergänglicher Traum: "Sheeple"
Vergänglicher Traum: "Sheeple"

Als die Schwester der beiden Brüder von einem potenziellen Heiratsanwärter versetzt wird, konfrontiert Shahin den jungen Mann und erfährt von einem „unzüchtigen“ Video der Schwester, in dem diese einem fremden Mann ihre Haare enthüllt. Auf der Suche nach dem Ursprung des Videos entfesselt Shahin einen Bandenkrieg. Shakur lässt die Schwester als Reaktion auf das Video erdrosseln; die überlebt knapp und flieht. Dafür macht die Polizei eine Razzia im Labor, und Shakur landet im Gefängnis. Mit einem Mal scheint Shahins Zeit gekommen. Das Schaf versucht sich als Schäfer.

„Sheeple“ ist ein spannender Film über Zugehörigkeit und Autoritätsverhältnisse. Freiheit und Enge liegen hier unerwartet nahe beieinander, wenn Shahin sich von seinem übermächtigen Bruder emanzipiert und das kriminelle System zum Wanken bringt. Regisseur Seyyedi hält „Sheeple“ visuell eher kunterbunt und leicht überdreht, was den Film bisweilen ins „Arthousige“ abgleiten lässt, doch dank der Schauspieler gerät die Inszenierung nie aus der Balance.


Zur Eröffnung läuft „16 Frauen“

„Sheeple“ läuft in der aktuellen Ausgabe des Kölner Festivals „Visions of Iran“ (30. Mai bis 2. Juni). Der Film ist nur eine der vielen Überraschungen, die man dort entdecken kann. Das Festival vermittelt einen Überblick übers iranische Kino, wobei der Schwerpunkt auf unabhängigen Produktionen liegt. Neben Spielfilmen steht auch eine Auswahl von Dokumentarfilmen auf dem Programm, plus eine reichhaltige Auswahl an Kurzfilmen. Zur Eröffnung läuft „16 Frauen“ von Regisseurin Bahar Ebrahim, die in Deutschland lebt. Das Gruppenporträt über weibliche Lebensrealitäten im Iran zeigt Frauen unterschiedlicher Generationen beim Nachdenken über die Grenzen des Möglichen, über versäumte Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten.

Eröffnet das Festival: "16 Frauen" von Bahar Ebrahim
Eröffnet das Festival: "16 Frauen" von Bahar Ebrahim

Die bei „Visions of Iran“ präsentierten Dokumentarfilme sind in der Regel unmittelbar politisch. So spürt Mohammad Ehsani in „Karoon“ am Beispiel des titelgebenden Flusses den Umweltveränderungen und der wachsenden Wasserknappheit im Iran nach. Manche der Vorgänge, bei denen Wasser für Industriebetriebe abgezapft wird, erinnern an den Spielfilm „A Man of Integrity“ von Mohammad Rasoulof, der jüngst in den deutschen Kinos gestartet ist. Die Dürre und die verdreckten Schlammablagerungen hinterlassen ein erschütterndes Bild.

In „Song of God“ begibt sich Aref Mohammadi auf den Spuren des Musikinstruments Tanbur auf eine Reise, die ihn zu dessen Wurzeln in der Religion der Yarsani und mitten ins iranisch-kurdische Grenzgebiet führt. Maryam Sepehri widmet dem Filmwissenschaftler Hamid Naficy unter dem etwas sperrigen Titel „Mouth Harp in Minor Key – Hamid Naficy in/on Exile“ ein Porträt. Höhepunkte des Films sind Sepehris Besuche bei Naficys Familie in Isfahan. Im Wechselspiel mit Interviews wird eine Wissensgeschichte des iranischen Exils und der Verluste nachgezeichnet, welche die politischen Umbrüche der letzten 50 Jahre im intellektuellen Leben des Landes hinterlassen haben. Angesichts des Themas schaut man über etwas prätentiös geratene Passagen hinweg.


Melancholisch-leichte Erkundungen

Filmästhetisch bilden die Spielfilme den Kern des „Visions of Iran“-Festivals. Voller guter Intentionen wälzt sich der Protagonist in „Reza“ von Alireza Motamedi aus dem Bett und kleidet sich ausgehfertig an – nur um es sich kurz darauf anders zu überlegen und sich darauf zu beschränken, vom Bett aufs Wohnzimmersofa zu wechseln. Am Ende aber schält er sich doch noch aus der Decke, um sich mit seiner Noch-Ehefrau Fati zu treffen und die Scheidung einzureichen.

„Reza“ ist eine wunderbar leichte und doch melancholische Beobachtung eines Paares, das sich trotz Scheidung weiterhin umkreist. Nach islamischem Recht haben die beiden drei Monate Zeit, um es auf Wunsch noch einmal zu versuchen. Reza beginnt sich umzusehen, welche Art von neuem Leben er führen will. Er liebäugelt mit einer früheren Liebschaft, freundet sich mit einer Kellnerin an und beginnt eine Geschichte über einen alten Mann zu schreiben, der auf einer Pilgerfahrt zum Sterben zurückgelassen wird, dann aber nicht das Zeitliche segnet. Der Debütfilm ist nicht nur exzellent geschrieben, sondern sein Bildgestalter Ali Tabrizi hat hervorragende, mitunter umwerfend schöne Bilder gefunden, die vor allem angesichts der iranischen Natur zur Hochform auflaufen – allerdings nicht ohne kleine Brechungen.


„Orange Days“ von Arash Lahooti beginnt mit Regen. Mit dicken Tropfen, die aufs Wellblechdach einer Lagerhalle trommeln, während etwas künstliches Licht durch einen Schlitz unter dem Tor hervordringt. Schritte nähern sich, das Tor wird geöffnet. Auftritt der Protagonistin. Die Mittvierzigerin Aban organisiert Erntearbeiterinnen für die Orangenernte im Norden des Iran. Die Kleinunternehmerin verschafft sich mit Härte Respekt in der Männerdomäne des Orangenanbaus. Aban verdient das Geld, während ihr Mann Majid in seiner etwas unausgegorenen Fischzucht vor sich hin werkelt. Bei der Vergabe eines Großauftrags sticht Aban ihren Konkurrenten Kazem aus und sichert sich die Ernte des größten Orangenhains. Doch die Härte, die bei der Arbeit notwendig ist, steht ihr im Umgang mit Majid bisweilen im Weg.

Ein hartes Leben: "Orange Days"
Ein hartes Leben: "Orange Days"

Das Spielfilmdebüt von Arash Lahooti begeistert mit der präzisen Darstellung der Arbeit im Orangenhain. Der Film macht aber ähnlich wie „Reza“ und „Sheeple“aucheinmal mehr deutlich, was für großartige Schauspielerinnen und Schauspieler das iranische Kino bevölkern. Hediyeh Tehrani, die als Aban unter Männern kraftvoll agiert, Alireza Motamedi, der in „Reza“ als sein eigener Protagonist auftritt, und Navid Mohammadzadeh als bisweilen etwas schlicht gestrickter Shahin in „Sheeple“ sind nur prominente Beispiele aus einer langen Reihe grandioser Akteure.


Nahezu unbekannt: Iranische Kriegsfilme

In den letzten Jahren gab es bei „Visions of Iran“ auch Ausflüge ins Mainstreamkino des Landes. So liefen 2017 beispielsweise die knallige Komödie „Italia, Italia“ von Kaveh Sabbaghzadeh und das Drama „Daughter“ von Reza Mirkarimi. Das Angebot ist riesig; die iranische Filmindustrie produziert jedes Jahr etwa 100 Filme aus allen Sparten. Neben Komödien erfreuen sich thrillerartige Dramen großer Beliebtheit. Rasoulofs „A Man of Integrity“ ist ein Beispiel dafür, ein anderes „Negar“ von Rambod Javan, in dem eine junge Frau der Polizei nicht glauben will, als diese den Tod ihres Vaters als Selbstmord betrachtet. Die Titelfigur Negar beginnt deshalb auf eigene Faust zu ermitteln, wobei die Inszenierung die Actionsequenzen allerdings bisweilen etwas überzieht.

Eine im Ausland nahezu unsichtbare Tradition ist der iranische Kriegs- und Actionfilm. Auch wenn man sich mit vielen dieser Filme ideologisch nicht gemein machen möchte, sind sie als Dokumente des iranischen Selbstverständnisses von großer Bedeutung. „The Lost Strait“ von Bahram Tavakoli handelt von den letzten Tagen des iranisch-irakischen Kriegs im Sommer 1988. Eine iranische Einheit ist schon auf dem Weg nach Hause, als die irakische Armee mit einem Chemiewaffeneinsatz die Front durchbricht, und die Einheit zurückbeordert wird. Der Film verwendet viel Aufmerksamkeit darauf, das Leid der Bevölkerung unter den irakischen Angriffen zu zeigen. Der zeitgenössisch lange umstrittene irakische Chemiewaffeneinsatz wird ausführlich skandalisiert. Militärischer Heldenmut interessiert dagegen deutlich weniger.

"The Lost Strait" von Bahram Tavakoli
"The Lost Strait" von Bahram Tavakoli

„The Lost Strait“ ist nicht ohne Schwächen. Tavakoli mangelt es an inszenatorischem Vermögen, um die Geschichte inmitten all der Kampfszenen zusammenzuhalten, was bei einem solchen Film eine zentrale Herausforderung ist. Im Iran hatte der Film dennoch Erfolg; beim Fajr Film Festival in Teheran gewann „The Lost Strait“ sogar einige Hauptpreise.


Eine klassische Heldengeschichte

Ebrahim Hatamikia dreht seit 1986 kontinuierlich Kriegs- und Actionfilme, die zu den wichtigsten populären Arbeiten der jüngeren iranischen Geschichte zählen. In „Damascus Time“ (2018) wendet sich Hatamikia in Gestalt eines Actionspektakels dem Krieg mit dem „Islamischen Staat“ zu. „Damascus Time“ beginnt wie ein klassischer Actionfilm aus dem Hollywood der 1980er-Jahre. Ali, ein hervorragender Pilot, will sich aus der iranischen Luftwaffe zurückzuziehen, um mit Frau und Kind in Ruhe zu leben. Dann aber wird bekannt, dass Palmyra kurz davor steht, vom IS erobert zu werden. Mit einer letzten Frachtmaschine sollen Verletzte ausgeflogen werden, wofür es einen tollkühnen Piloten braucht. Es melden sich zwei: Ali und sein Vater. Ihnen gelingt es, die Maschine im letzten Augenblick in die Luft zu bringen (ein klarer Fall für einen Flug durch eine Feuerwolke), während die IS-Truppen sich schon auf der Startbahn vorankämpfen. Während des Flugs geht jedoch ziemlich viel schief, weshalb Ali bis zum Finale eine Reihe von Heldentaten vollbringen muss. Angesichts der langjährigen Erfahrung von Hatamikia mit Kriegs- und Actionfilmen wundert man sich allerdings, wie sehr die Handlung dramaturgisch holpert.

„Damascus Time“ ist einer der ersten Actionfilme über den Syrienkrieg. Die Inszenierung streicht bei der Darstellung der iranischen Beteiligung an diesem Krieg das humanitäre Engagement heraus. Anders als in Wu Jings chinesischem Blockbuster „Wolf Warrior 2“ dient der humanitäre Einsatz hier jedoch nicht als Vorwand für Kraftdemonstrationen, sondern eher als Sprungbrett für eine klassische Heldenerzählung.

"Damascus Time" von Ebrahim Hatamikia
"Damascus Time" von Ebrahim Hatamikia

Man wünscht sich ein stärkeres Interesse für den iranischen Film in Deutschland. Hierzulande schaffen es hauptsächlich klassische iranische Autorenfilme ins Kino. Dabei gäbe es in den anderen Werken der reichen und vielfältigen iranischen Filmlandschaft unzählige Entdeckungen zu machen. Das Desinteresse für Filme aus dieser Region überrascht angesichts der aktuellen Länderverteilung von Kinofilmen in den deutschen Kinos nicht, ist aber dennoch sehr bedauerlich. Umso erfreulicher, dass „Visions of Iran“ jetzt schon im siebten Jahr wenigstens einen kleinen, dafür aber gut ausgewählten Überblick über das aktuelle Filmgeschehen im Iran präsentiert.


Hinweis

Visions of Iran. 30. Mai bis 2. Juni. Spielort: Filmforum im Museum Ludwig, Köln. Auf der Webseite www.iranian-filmfestival.com finden sich alle wichtigen Informationen über Termine, Karten und weitere Details.


Fotos: "Sheeple" (oben); alle Rechte: Visions of Iran

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