Die Eindeutigkeit wird ausgeixt

Donnerstag, 13.06.2019

Ein Sammelband geht der Verschränkung von Partikularität und Universalismus, Machtkritik und den Spuren der Shoah im „X-Men“-Universum nach

Diskussion

Erstmals widmet sich eine deutschsprachige Publikation dem „X-Men“-Universum. Der Sammelband „Put the X in PolitiX“ entdeckt in den Geschichten über die Mutanten profunde Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Themen. Hinter dem Superhelden-Spektakel scheint die Dialektik von Selbstermächtigung und Eingliederung in die Gesellschaft auf, aber auch Fragen nach dem Umgang mit dem Fremden sowie eine komplexe Machtkritik.


Es seien „ganz gewöhnliche Filme“, schreibt der österreichische Filmwissenschaftler Drehli Robnik über die „X-Men“-Filme, und damit auch ganz gewöhnliche Fan-Vehikel. Aus Franchise werde „Fan Scheiß“. Zugleich führt Robnik aber auch aus, dass es in dieser Fantasy-Reihe mehr zu entdecken gebe und eine gründliche Analyse lohne. Es gehe in den Filmen um Beziehungen zwischen heroischer Überhöhung und Solidarität, aber auch um den dialektischen Konflikt zwischen individueller Tat und Gruppe.

Diese Gedanken finden sich in der Einleitung des von Robnik herausgegebenen Sammelbandes Put the X in PolitiX, der ersten deutschsprachigen Buchveröffentlichung zur „X-Men“-Reihe, eine inhaltlich überaus anregende Publikation, die nur durch aufdringliches Gendern und einen gelegentlich abgehobenen Wissenschaftsjargon verkompliziert wird.

Der Umgang mit dem Anderen und Fremden

Die X-Men sind keine gewöhnlichen Superhelden. Sie sind „Mutanten“, also normale Menschen mit entsprechenden Schwächen, aber auch sehr individuellen Sonderbegabungen. Es ist das eigentliche Thema der „X-Men“, wie Lebewesen mit denen umgehen, die sie als „anders“ oder „fremd“ charakterisieren und ausgrenzen wollen. Und wie diese Wesen umgekehrt sich selbst sehen, wie sie mit ihren besonderen Gaben umgehen, sie steuern und kontrollieren. Denn ihre Fähigkeiten sind Chance und Gefahr zugleich. So kann man „X-Men“-Filme nicht sehen, ohne fortwährend auf die Debatten um „Otherness“, Migranten, Sexismus und Gender gestoßen zu werden. „X-Men“ sind eine populärmythologische Verbrämung der Diskurse um Selbstermächtigung („Empowerment“) von Außenseitern, um Heterogenität und Ausgrenzung.

Die fünf filmwissenschaftlichen Aufsätze des Bandes, der auf eine Tagung im November 2017 in Wien zurückgeht, vertiefen einige Aspekte. Direkt ins Zentrum der Filmreihe zielt der Aufsatz von Tobias Ebbrecht-Hartmann, der den „visuellen Erinnerungen an den Holocaust im ‚X-Men‘-Universum“ nachgeht. Schlüssig zeigt der Autor, wie die Shoah in beiden Trilogien das unhintergehbare Fundament der Handlung bildet und die Motivationen zentraler Figuren begründet.

Magneto und Xavier: Zwei Seiten einer Medaille

So wird Magneto in der ersten Szene des ersten Films (2000) als Insasse eines deutschen Konzentrationslagers eingeführt. Die Frage, ob er erst durch das Trauma der Shoah zum Mutanten wurde, oder ob er schon als solcher geboren und deshalb ausgegrenzt und zum Opfer wurde, kann man direkt in jüdische Debatten über vermeintliche „Andersartigkeit“ oder „Besonderheit“ übersetzen.

Die beiden zentralen Charaktere Magneto und Xavier seien wie „zwei Seiten einer Medaille“ aufeinander bezogen. Der eine ist die Nemesis des anderen. Sie repräsentierten die „Verschlungenheit von zwei Formen der Weltwahrnehmung“: Partikularität und Universalität. Ihr Verhältnis sei gleichzeitig geprägt von „Koexistenz und der permanenten, auch konflikthaften Aushandlung dieses dialektischen Verhältnisses“. Ebbrecht-Hartmann eröffnet mit seinem luziden Gedankengang neue Wege, um über den „X-Men“-Stoff nachzudenken.

Zwei Seiten derselben Medaille?: Professor Xavier und Magneto
Zwei Seiten derselben Medaille?: Professor Xavier und Magneto

Ebenfalls sehr anregend ist Ulrike Wirths Essay über das Verhältnis zwischen (naturwissenschaftlicher) Evolution und (sozialpolitischer) Revolution. Herausgeber Drehli Robnik verschränkt Politik und Geschichte und zeigt, wie in der „X-Men“-Reihe um „Respekt“ und „Stolz“ gerungen wird.

Eine Spannung, die die Filme – willentlich? – durchzieht, ist die zwischen freiheitlichem Engagement und liberaler Markthörigkeit. Beides ist nicht immer klar zu unterscheiden. Die Mutanten dieses Universums sind plural, offen, multikulti; sie fungieren als eine weiße Fläche für alle Formen von Projektion. In ihrer Diversität, die man auch X-Beliebigkeit nennen könnte, wenden sie sich an alle, die sich in der postmodernen Gesellschaft ausgegrenzt und unterdrückt fühlen. Mit anderen Worten: an die Mehrheit.

Die X-Men stehen für Anerkennung von Kontingenz und Unbestimmtheit, aber auch für eine neue Unübersichtlichkeit in der Politik. In puritanischen Zeiten verwirrt das X. Denn es ist das Gegenteil von Reinigung und Purifizierung, auch jener, die im Ideal multikultureller Identitätsvielfalt daherkommt. Die Eindeutigkeit wird ausgeixt.



Put the X in PolitiX. Machtkritik und Allianzdenken mit den X-Men-Filmen. Herausgegeben von Drehli Robnik. Neofelis Verlag, Berlin 2019. 122 S., 21 schwarz-weiße und farbige Abbildungen. 16 EUR.


Fotos: Twentieth Century Fox, Neofelis Verlag

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