Die Fragilität der Gesellschaft

Montag, 01.07.2019

Fritz-Gerlich-Preise 2019

Diskussion

Der Fritz-Gerlich-Preis 2019 geht an dem Dokumentarfilm „What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ von Roberto Minervini, der den psychischen Folgen von Polizeigewalt und Rassenhass unter Afroamerikanern in New Orleans nachspürt.


Die Angst stecke in der DNA der Afroamerikaner, heißt es in „What You Gonna Do When the World’s on Fire?“. In jedem Fall ist die Furcht vor Hassverbrechen und Polizeigewalt der gemeinsame Faktor im Dasein der schwarzen Einwohner von New Orleans, die der italienische Regisseur Roberto Minervini in seinem Dokumentarfilm porträtiert. Der Film führt eindringlich vor Augen, wie instabil das zivilisatorische Fundament einer Gesellschaft ist und wie rasch es beseitigt werden kann.

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Die Jury lobte an dem Film die „Eindringlichkeit, mit der der Film die Verletzlichkeit des Einzelnen, die Fragilität unseres Lebens und unserer Gesellschaft und die Bedrohung der Menschenwürde vor Augen führt“. Auch wenn „What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ die Verhältnisse in den US-Südstaaten nicht als reine Hölle präsentiert, sondern durchaus auch von den Lösungsstrategien der Betroffenen handelt, greift er erschreckende Rückfälle in eine überwunden geglaubte Zeit auf: tödliche Schüsse von Polizisten auf junge Schwarze, Lynchmorde wie zu Hochzeiten des Ku Klux Klan.

"What you gonna do when the World's On Fire?"
"What You Gonna Do When the World's on Fire?"

Sensible Schwarz-Weiß-Bilder

Der in den USA ausgebildete und arbeitende Filmemacher Roberto Minervini beobachtet ohne zu werten die Folgen dieser Ereignisse, die Vorsichtsmaßnahmen und Ängste seiner Protagonisten, die er in ihrem Alltag begleitet und deren Schicksale er in sensiblen Schwarz-weiß-Bildern transportiert.

Der Filmemacher porträtiert drei Gruppen von Menschen, die in sehr unterschiedlicher Weise auf die Bedrohung durch Hass und Polizeigewalt reagieren. Für die Mitglieder der selbsternannten „New Black Panther Party“ kommt nur radikaler Widerstand in Frage, den sie bei ihren Zusammenkünften im öffentlichen Raum lauthals skandieren. Dabei recken sie am Rand einer Straße die Fäuste oder suchen dort nach Augenzeugen von Lynchmorden, wo die Polizei nur Karten verteilt, statt Fragen zu stellen.

Einmal gehen die „Panther“ unter ihrer Anführerin Krystal Muhammad auch in offene Konfrontation mit dem Gouverneur von Mississippi, dem sie fehlenden Einsatz für das Leben der Afroamerikaner vorwerfen. Als einige von ihnen in ein Handgemenge mit der Polizei geraten und verhaftet werden, dürfen sie sich einmal mehr in ihrer Wut über die Zustände bestätigt fühlen. Sie wollen ihre Kraft aus der Ungerechtigkeit ziehen, um die Schwarzen weiter für ihren Kampf zu mobilisieren.

Attacken in der Schule

Während sich Minervini hier direkt ins Herz der skandalösen Zustände begibt, bieten die beiden anderen Teile des Films indirekte, auch intimere Einblicke in ein Leben zwischen Furcht, Ratlosigkeit und trotzigem Weitermachen. In der Barbesitzerin Judy Hill findet der Film eine sehr eloquente Hauptfigur, die in ihrer Bar zum Mittelpunkt von Diskussionen über die Polizeigewalt wird und nebenbei dafür kämpft, dass ihre betagte Mutter nicht in ein Heim muss.

Auch als sie die Bar aus Geldnot aufgeben muss, geht die selbstbewusste Frau ihren Weg entschlossen weiter. Eine Unsicherheit offenbart sie nur, wenn sie auf ihre Kindheit zurückblickt, als regelmäßige Attacken in der Schule ihr ein normales Lernen unmöglich machten.

Von solchen Angriffen wissen auch die beiden Brüder Ronaldo und Titus zu berichten. Die bedrohte Lage führt dazu, dass ihre Mutter ihnen mehr als einmal einschärfen muss, draußen vorsichtig zu sein und vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu kommen. Auch wenn sie erst 9 und 14 Jahre alt sind, wissen beide schon um die Nachteile, die ihnen durch ihre Hautfarbe erwachsen können, auch wenn sie sich die meiste Zeit genau wie andere Jungen ihres Alters verhalten.

Der Drang, einfach abzuhauen

Ihre Ausflüge mit dem Fahrrad ans Meer oder zu den Bahngleisen verraten eine Tendenz zu Ängsten, die nicht mit normaler kindlicher Scheu erklärt werden können. Als Titus sich einmal in einem Reifenstapel versteckt, ist sein älterer Bruder rasch an den Punkt, wo sich Panik in die neugierige Suche schleicht; beim Anblick von Güterzügen packt ihn immer wieder der Drang, einfach nach Florida abzuhauen.

Besonders an den beiden Brüdern zeigt sich, dass Robert Minervini die Lebensumstände der Afroamerikaner zwar nicht mit großem Optimismus, aber doch nicht ohne Hoffnung betrachtet. Eindringlich legt sein Film von dem Willen Zeugnis ab, sich nicht der Furcht zu ergeben, sondern weiterzuleben und dem Hass nicht das Feld zu überlassen.


Hinweis:

Ausführliche Informationen zum Fritz-Gerlich-Preis und seinen früheren Preisträgern finden sich auf der Website fritz-gerlich-filmpreis.de



Fotos: Filmfest München

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