Sei genau du selbst, und sonst nichts!

Freitag, 12.07.2019

Im Porträt: Schauspieler Lino Ventura, dessen Geburtstag sich am 14. Juli 2019 zum 100. Mal jährt

Diskussion

Angelo Borrini war 34 Jahre alt, als ihn der Filmregisseur Jacques Becker 1953 entdeckte. Er hatte sein Geld als Organisator von Catcher-Wettkämpfen verdient. Jacques Becker fand, er hat die richtige Visage und bot ihm, der noch nie vor einer Kamera gestanden hatte, in seinem Film „Tochez pas au grisbi“ („Wenn es Nacht wird in Paris“) die Rolle eines kleinen italienischen Ganoven an der Seite von Jean Gabin und Jeanne Moreau an. „Sei genau du selbst, und sonst nichts!“ Das erwartete er von ihm.

Nach diesem Film änderte sich das Leben Angelo Borrinis, der als kleiner Junge mit seiner Mutter von Parma nach Paris gekommen war, als vaterloses Straßenkind aufwuchs, vom Laufburschen über Hilfsbuchhalter eine Karriere als Ringkämpfer begann, einer der besten Catcher Frankreichs wurde und 1950 Europameister im Mittelgewicht. Angelo änderte auch seinen Namen. Er wurde zu Lino Ventura.


Vom Emigrantenkind zum großen Star

10 Jahre später zählte er zu den bekanntesten, populärsten und bestbezahlten französischen Filmschauspielern. Es ging diesem Naturtalent nicht um Filmkunst, und es war kein Zufall, dass sich kein Regisseur der Nouvelle Vague für ihn interessierte; dafür aber die neuen Meister des traditionellen Kinos wie Claude Sautet, Henri Verneuil, Robert Enrico, Claude Lelouch, der grosse Stilist Jean-Pierre Melville und ganz besonders der Autor José Giovanni, der für ihn die Rollen schrieb, die sein Image prägten in Filmen wie „Der Panther wird gehetzt“, „Der zweite Atem“, „Die Abenteurer“, „Der Kommissar und sein Lockvogel“. Sie ließen ihn sein, wie er war, und nutzten seine Präsenz vor der Kamera, seine physische Anwesenheit und die Aura, die sie ausstrahlte. Ob Polizeikommissar oder Gangster, Lino Ventura vermittelte immer den Eindruck, dass dahinter ein Mann steht mit Prinzipien und ausgeprägtem Moralbegriff, solide und wortkarg, autoritär und treu, hart und sentimental.

Leinwanddebüt: "Wenn es Nacht wird in Paris"
Leinwanddebüt: "Wenn es Nacht wird in Paris"

Vom Emigrantenkind zum großen Star des französischen Kinos. Er war 55 Jahre alt und hatte in zwanzig Jahren schon in über fünfzig Filmen meist Hauptrollen gespielt, als ich ihn in seiner Villa in Saint-Cloud bei Paris zu einem Interview traf. Da saß er hinter seinem Louis XV- Schreibtisch, beiger Kaschmir-Blazer, blaues Hemd, dunkle Krawatte, war sehr freundlich – und misstrauisch. Cinéasten und Filmkritiker waren ihm suspekt. Da kann es leicht Missverständnisse geben und man muss auf der Hut sein. Es ging ihm darum, ein paar Dinge klarzustellen. „Ich halte mich nicht für einen Schauspieler“, informierte er ohne falsche Bescheidenheit. „Ein Schauspieler, das ist für mich jemand, der heute einen Liebhaber spielt, der mit Blumen in der Hand einer Dame seine Liebe erklärt und morgen ein heldenhafter Ritter ist. Das kann ich nicht. Dafür muss man eine Ausbildung haben.“


Das Hochziehen einer Augenbraue

Das kann man in der Tat nicht lernen, diese kleinen Gesten, die das Markenzeichen von Lino Ventura sind, die mehr sagen, als viele Worte: das Hochziehen einer Augenbraue, das Zucken eines Gesichtsmuskels, das Zusammenpressen der kantigen Lippen und die Haltung seines massiven Kopfes, leicht zur Seite geneigt, angespannt, konzentriert, überall Gefahr witternd. Und diesen skeptischen Blick des sozialen Außenseiters, den er gern verkörperte, der im Kampf gegen die Autoritäten meist den kürzeren zieht, ohne dabei seine Würde zu verlieren. „Das sind für mich richtige Männer. Ich meine damit, dass es nicht lohnt, viel zu reden. Ich rede nie viel im Film.“

Es gibt da diese merkwürdige Diskrepanz zwischen dem bürgerlichen Leben, das Lino Ventura kultivierte, und den Rollen, die er im Kino mit Vorliebe spielte: die Außenseiter, die Loser. Da ist die Villa über Paris, der Mercedes vor der Tür, das gepflegte Essen mit Freunden, der exquisite Weinkeller, die dezente Eleganz seiner Kleidung; die Insignien des Mannes, der es zu etwas gebracht hat. Und da ist Gu, der Gangster und skrupellose Killer in „Der zweite Atem“, der unabsichtlich einen Komplizen verrät und dafür mit seinem Leben bezahlt. Oder der Polizeikommissar Leonetti, der einen flüchtigen minderjährigen Kriminellen emotionslos abknallt, dem später übel mitgespielt wird, der aber trotzdem seinen Auftrag erfüllt, einen Kronzeugen zu finden („Der Kommissar und sein Lockvogel“), und dann am Ende von einem Mafiakiller umgebracht wird. Da ist Roland, der Automechaniker, der das Abenteuer liebt („Die Abenteurer“), einen großen Coup landet, doch dabei die Freundin und seinen besten Freund verliert. Alles Verlierer, ja, aber wie sie verlieren, das hat Größe.

Lino Ventura in "Armee im Schatten"
Lino Ventura in "Armee im Schatten"

Freundschaft & die Frauen

Die Freundschaft ist eine Sache, die Lino Ventura sehr am Herzen lag. Darüber redete er gerne. Lieber als über Regisseure und deren Inszenierungsstil. In einem Team von Freunden zu arbeiten, das war für ihn das Geheimnis eines guten Films. Viele seiner Regisseure sind seine Freunde geworden, der Regisseur seiner vielleicht besten Filme nicht. Jean-Pierre Melville, mit dem er 1966 „Der zweite Atem“ und 1969 „Armee im Schatten“ machte, passte nicht so recht in seine bürgerliche Welt. „Er konnte die Manien des Regisseurs nicht mehr ertragen, dessen schwarze Brille, den Stetson-Filzhut, der die Glatze verbergen sollte, die Angewohnheit, im Dunkeln zu leben, am hellichten Tag die Vorhänge zuzuziehen“, schrieb Linos Frau Odette, mit der er 45 Jahre verheiratet war, in ihrer Lino-Biographie.

Lino und die Frauen – Odette musste sich keine Sorgen machen, auch nicht, als ihr Mann 1971 in Mexiko mit dem damaligen Sexsymbol Brigitte BardotDie Rum-Boulevard“ drehte. Die beiden verstanden sich nicht besonders gut, und Lino Ventura verließ sogar eine Pressekonferenz, weil sich die Journalisten zu sehr für Bardots Privatleben interessierten und weniger für den gemeinsamen Film. Intimitäten in Filmszenen lehnte Lino ab. Es gibt Fans, die alle seine 73 Spielfilme gesehen haben und sich nur an zwei Filme erinnern, in denen er eine Frau geküsst hat, Angie Dickinson in „Mann in Wut“ und Marie Dubois in „Die großen Schnauzen“. Ohne ihn danach gefragt zu haben, überraschte mich Lino Ventura mit einem Statement: „Ich habe meine ganz persönliche Meinung zum Film. Ich bin absolut gegen Filme, die unter dem Deckmantel der Kunst entstehen und nichts anderes als Pornographie sind. Man nennt das Erotik, aber das ist falsch, denn um einen erotischen Film zu machen muß man äußerst intelligent und kultiviert sein. Zwischen der Erotik und der Pornographie klafft ein tiefer Graben. Mich interessiert diese Art von Filmen nicht. Ich habe es nie gemacht und werde es nie tun.“


A Men’s Man

Lino Ventura liebte das , was er „Männerfilme“ nannte. Damit gemeint waren Filme, die mit Freundschaft zu tun hatten, mit Einsamkeit, Verrat, Ehre, Tod. Diese Mischung ist die französische Version eines Kinos, mit dem der Filmfan Ventura groß geworden war, dem amerikanischen Kino von Spencer Tracy, Gary Cooper, Humphrey Bogart, Henry Fonda.

Einen ganz untypischen Ventura- aber doch auch Männerfilm, drehte Edouard Molinari 1973. Eine verblüffende Kombination: Lino, der sentimental Bourgeois, als Profikiller und der Chansonier Jacques Brel, der sentimental Anarchist (Les bourgeois c’est comme les cochons), als lebensmüder Hemdenvertreter. „L’Emmerdeur“ („Die Filzlaus“), das ist ein sehr witziger, tragikomischer Film noir (Kamera Raoul Coutard), voller grotesker Situationen, und Lino zeigt, dass man auch mit reduzierter Mimik komisch sein kann; eine reizvolle Facette seines darstellerischen Talents.

Der 22. Oktober 1987 begann wie viele andere Tage im Leben des Lino Ventura. Er war gegen acht Uhr aufgewacht, ließ den Blick über das im Morgendunst liegende Stadtpanorama von Paris schweifen, frühstückte mit seiner Frau, verabredete sich mit dem befreundeten Künstler César zum Mittagessen, traf am Nachmittag einen Produzenten, und am Abend saß er mit ein paar Freunden bei einem ruhigen Abendessen zu Tisch. Ein plötzliches Unwohlsein ließ ihn die Tafel verlassen. Ein Rettungswagen brachte ihn in die Klinik des Val-d’-Or. Dort starb er unerwartet früh im Alter von 68 Jahren.


Heimkinotipp

Sowohl Lino Venturas Leinwanddebüt "Wenn es Nacht wird in Paris" als auch einer seiner stärksten Auftritte in "Armee im Schatten" sind bei Studiocanal als DVD/BD erschienen.



Fotos: oben: aus "Der Clan der Sizilianer, © Fox. Andere Foto: © Studiocanal.


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