Auf Leoparden-Jagd

Montag, 05.08.2019

Das 72. Filmfestival von Locarno (7.-17.8.2019) ist das erste unter der künstlerischen Leitung der Französin Lili Hinstin

Diskussion

Das 72. Filmfestival von Locarno (7.-17.8.2019) ist das erste unter der künstlerischen Leitung der Französin Lili Hinstin. Doch obwohl die neue Direktorin fast die ganze Auswahlkommission ausgewechselt hat, zeugt das Programm vor allem von Kontinuität und setzt auf starke Visionen von Autor*Innen. Ob die Filme des internationalen Wettbewerbs derart „Schranken überwindend“ sind, wie sie angekündigt werden, wird sich zeigen.

Mit der Französin Lili Hinstin steht in der über 70-jährigen Geschichte des Filmfestivals von Locarno zum zweiten Mal eine Frau an der Spitze des Schweizer Festivals; von 2000 bis 2004 bekleidete das Amt die Italienerin Irene Bignardi. Die 1977 in Paris geborene Hinstin ist studierte Kulturmanagerin und leitete von 2013 bis 2018 das Internationale Filmfestival Entrevues Belfort; bei ihren ersten Auftritten in der neuen Position gibt sie sich als Intellektuelle mit Herz fürs – auch mal Schranken überschreitende – Arthouse-Kino und vermeintlich klaren Vorstellungen, die sich näher betrachtet allerdings als derart kontradiktorisch erweisen, dass letztlich wieder alles offen ist. Was sich in der (schriftlichen) Vorankündigung zum ersten Hinstin-Programm in Locarno so liest: „Ich hoffe, dass ich Ihnen als (…) künstlerische Leiterin eine Linie vorstellen kann, die zwar klar und präzise umrissen, aber dennoch eklektisch ist, die allen Genres, Kontingenten und Ausdrucksformen offensteht. Locarno 72 baut auf der Tradition des Festivals auf, steht aber im Zeichen des Sich-Entfernens. Bild-Zeit, Bild-Bewegung, ganz im Sinne der berühmten Formel von Gilles Deleuze: Ein Festival zeichnet sich schon immer durch Zeit und Bewegung aus, es rückt von der Norm oder besser von allen Normen ab, entfernt sich von ihnen. Das Locarno Film Festival auf jeden Fall außerhalb jeder Norm…“.

Die neue Direktorin & die Festival-Heimat Schweiz

Man wird sich an Solches gewöhnen müssen. Auch daran, dass Hinstin nach ihrer Wahl im August 2018 bekräftigte, um den Stellenwert des Schweizer Films in und für Locarno zu wissen, jüngst nun aber verlauten ließ, dass sie auch bei Schweizer Produktionen strenge Regeln anwenden werde. Gezeigt werden soll, was qualitativ überzeugt und Hinstin gefällt. Helvetiens Filmbranche hat das mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen; und es scheinen im Locarno-Programm von 2019 tatsächlich weniger Schweizer Produktionen als sonst zu stehen.

Was nun selbstverständlich nicht heißt, dass im 72. Festival Locarno nicht doch einige Schweizer Filme zu sehen sind. Im „Concorso internazionale“, dem internationalen Wettbewerb, steht zum Beispiel „O Fim do Mundo“ von Basil Da Cunha in den Startlöchern ums Leoparden-Rennen; im Neben-Wettbewerb, dem „Concorso cineasti del presente“, läuft unter anderem „Love Me Tender“ von Klaudia Reynicke, gemäß Ankündigung ein „surreales feministisches Manifest“. Und auch außer Konkurrenz lassen sich in Locarno einige Schweizer Produktionen entdecken, zum Beispiel „Baghdad in My Shadow“, der in der irakischen Community von London spielende neue Film von Samir (Iraqi Odyssey). In der Kritikerwoche wird David Vogels „Shalom Allah“, ebenfalls eine Schweizer Produktion, seine internationale Premiere feiern: Der Schweizer Filmemacher, der sein Handwerk an der Hochschule für Fernsehen und Film in München erlernt hat, begleitet darin verschiedene Protagonisten, die zum Islam konvertiert sind, was ihn auch zu einer Auseinandersetzung mit seinen eigenen jüdischen Wurzeln führt.

"Baghdad in My Shadow"
"Baghdad in My Shadow"

Deutsches Filmschaffen ist in Locarno 2019 würdig vertreten

Stark vertreten in dieser dem dokumentarischen Filmschaffen gewidmeten Sektion ist dieses Jahr mit zwei Filmen und einer Ko-Produktion auch Deutschland: Gezeigt werden in internationaler Premiere „Murghab“ von M. Saxer, D. Kaziev und M. Elders über den postsozialistischen Alltag in der gleichnamigen Stadt im Pamir-Gebirge in Tadschikistan, „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss um zwei Prostituierte, die in Niedersachsen in einem Wohnwagen ihre Dienste verkaufen, sowie „Another Reality“ über den deutschen Großstadtalltag in der Parallelgesellschaft illegaler Familienclans, inszeniert vom Zürcher Noël Dernesch und dem Deutschen Oliver (Olli) Waldhauer (Istanbul United).

Deutschland ist nicht nur in der Kritikerwoche stark vertreten: Mit insgesamt 27 Filmen und Ko-Produktionen prägt das deutsche Filmschaffen das 72. Filmfestival von Locarno maßgebend mit. Am Freitag, 9. August, feiert in der Abendvorstellung auf der Piazza Grande Patrick Vollraths Thriller „7500“ seine Weltpremiere – der Titel bezieht sich auf die Zahl 7500 als internationaler Luftfahrt-Code für eine Flugzeugentführung; eine der Hauptrollen spielt Hollywoodstar Joseph Gordon-Levitt. Ulrich Köhler und Henner Winckler steigen am Samstag (10.8.) mit „Das freiwillige Jahr“ ein ins Rennen um die Leoparden, ebenfalls bereits am Freitag (9.8.) läuft im Wettbewerb „Cineasti del presente“ Else Kremsers und Levin Peters Dokumentarfilm „Space Dog“ um Laika, die streunende russische Hündin, die als erstes Lebewesen ins All geschickt wurde.

Im Wettbewerb: Ulrich Köhlers "Das freiwillige Jahr"
Im Wettbewerb: Ulrich Köhlers "Das freiwillige Jahr"

Deutschland ist in Locarno72 noch anderweitig präsent: Mit der Filmemacherin Angela Schanelec (Ich war zuhause, aber) und dem Filmkritiker Frédéric Jaeger sitzen sowohl in der Jury des Internationalen Wettbewerbs als auch in der „Jury First Features“ gleich zwei Vertreter der deutschen Filmwelt, am 8. August werden Maren Ade, Janine Jackowki und Jonas Dornbach als Vertretung der deutschen Produktionsfirma Komplizen Film auf der Piazza Grande den „Premio Raimondo Rezzonico“ („Best Independent Producer Award“) in Empfang nehmen.

Diverse Preise & 17 internationale Filme im Wettbewerb

Ehrungen verteilt werden in Locarno 2019 – bevor es am Samstag, 17. August, zur finalen Preisverleihung geht – noch etliche andere. So erhält der Schweizer Filmemacher Fredi M. Murer („Höhenfeuer“, „Vitus“, „Liebe und Zufall“) für sein Lebenswerk den „Pardo alla carriera“, die US-Schauspielerin Hilary Swank („What They Had“, „Million Dollar Baby“) wird mit dem „Leopard Club Award“ als „große Persönlichkeit des Films“ geehrt, John Waters erhält einen „Pardo d’onore“ als „Meister des zeitgenössischen Films“ und der Südkoreaner Song Kang-ho ( „Parasite“) wird mit dem „Excellence Award“ als ein Schauspieler ausgezeichnet, der durch sein Schaffen und sein Talent einen einzigartigen Beitrag zur Filmkultur leistete.

Man wird Lili Hinstin nicht nur an ihren Worten, sondern vor allem am Programm messen. Dieses verspricht mit Filmen aus aller Welt – und einem kleinen Überhang an französischen und italienischen Produktionen – durchaus abwechslungsreich zu werden. So finden sich unter den 17 Beiträgen im Internationalen Wettbewerb mit „Bergmál“ auch ein Beitrag des Isländers Rúnar Rúnarsson, zwei Beiträge aus Asien ( „Hiruk-pikuk si al-kisah“ von Yosep Anggi Noen und „Pa-go“ von Park Jung-bum) und die französisch-südkoreanische Ko-Produktion „Les enfants d’Isadora“ von Damien Manivel. Gespannt sein darf man auch auf „The Last Black Man in San Francisco“ von Joe Talbot, den einzigen Beitrag aus den USA.

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Von Festivalseite als Höhepunkt angekündigt, de facto allerdings etwas zu relativieren ist die Aufführung von Quentin Tarantinos Once Upon A Time in Hollywood am Samstag, 10. August, auf der Piazza: Der Film feierte seine Premiere in Cannes und läuft in der Schweiz und Deutschland ab dem 15. August regulär im Kino, womit die Aufführung auf der Piazza wenig mehr als eine nationale Vorpremiere ist. Was nichts daran ändern wird, dass das ein großer Moment werden dürfte: 8000 Menschen, die unter freiem Himmel zusammen einen Tarantino-Film anschauen, das ist so oder so ein einmaliges Erlebnis. Gespannter sein darf man auf die in Uraufführung gezeigte Komödie „Magari“ von der Engländerin Ginevra Elkann, mit deren über die Weihnachtstage spielender Geschichte um drei Geschwister, die sich sehnlichst wünschen, dass ihre zerstrittenen Eltern wieder zusammenfinden, das 72. Festival von Locarno am 7. August 2019 offiziell starten wird.


Infos und Programm zu Locarno72: www.locarnofestival.ch



Fotos: oben: aus "7500", © Universum Film. © Filmfestival Locarno

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