Die Griechen & Wir

Donnerstag, 05.09.2019

Der Filmemacher Harald Bergmann hat mit einer „minoischen Trilogie“ begonnen; der erste Film von „Vorzeit" mit dem Titel „Eloge auf Griechenland“ ist bereits beendet

Diskussion

Der Filmemacher Harald Bergmann hat mit einer „minoischen Trilogie“ begonnen; der erste Film von Vorzeit" mit dem Titel „Eloge auf Griechenland" ist bereits beendet. Ursprünglich sollte es darin um die Frühzeit des Landes und die Hochkultur der Minoer gehen; vor Ort entschied sich der Filmemacher jedoch, den Blick auf das gegenwärtige, krisengebeutelte Griechenland zu weiten.


Der griechische Musiker und Poet Psarantonis spielt die Lyra. Die Kamera folgt einem steinigen Weg auf der Insel Kreta; eine archaische Landschaft in Brauntönen, weite Ebenen und ein wolkiger Himmel. Oberhalb der Nida-Hochebene schwebt die Kamera aus der Höhe über Schneefelder tief in die Zeushöhle am Berg Ida. Der griechischen Mythologie zufolge wurde Zeus in dieser Höhle auf Kreta aufgezogen.

Das sind die ersten Bilder von Harald Bergmanns sehr persönlichem Filmessay „Vorzeit“. Ursprünglich wollte Bergmann über die Hochkultur der Minoer erzählen, die es lange vor den Griechen gab, und ihre bunten Kunstwerke der Kreise, Kurven und Spiralen zeigen. Aber dann kam alles anders.

Blick auf die brutale Gegenwart

Mit einem harten Schnitt verlässt er die Welt der frühen Kultur. Wir sind in der Gegenwart, in Athen, in der brutalen Wirklichkeit der Griechen angekommen; dem Land droht eine Staatspleite. Europäische Kommission, Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds schnüren Rettungspakete und stellen Bedingungen. Unter anderem soll der Staatsbesitz privatisiert und das Rentensystem reformiert werden. Europäische Medien schüren Ressentiments gegen die „faulen“ Griechen.

Das ist kein guter Zeitpunkt für einen Film, der sich für Griechenland ausspricht. Diese Erfahrung musste Harald Bergmann machen. Keine Fernsehanstalt wollte sich an der Produktion beteiligen, und so machte sich der Filmemacher allein auf den Weg. Mit Pocketkameras hielt er das öffentliche Leben auf Kreta und Kythira, in der Ägäis, dem südlichen Peloponnes und Athen in tausenden Fotos fest. „Ich wollte durch meinen individuellen, persönlichen Blick, wie ich die Landschaft sehe, wie ich die Leute erlebe, was meine Erfahrungen und Erinnerungen sind, eine andere Sicht auf Griechenland ermöglichen.“ Das Bundeskultusministerium und das Medienboard Berlin-Brandenburg unterstützten schließlich mit kleinen Summen das Projekt, und so konnte ein Film entstehen, dessen bescheidene Produktionsbedingungen einen ganz besonderen Stil kreieren. Alles, die Kamera, die Fotos, die Befragung der Menschen, die Regie, der Schnitt ist in einer Hand; der wirklich private Blick macht die Besonderheit dieses Films aus.

Die Seele der europäischen Gesellschaft stirbt

Aus den Fotos komponierte Harald Bergmann im Flackerstil des New American Cinema Einzelbildmontagen, rhythmische Bildfolgen in verschiedenen Tempi, die durch Musik akzentuiert werden. Sie stehen in einem experimentellen Kontrast zu den gefilmten Landschaftsaufnahmen und den vielen Gesprächen, die Bergmann geführt hat, mit Griechen und Deutschen, mit Deutschen, die in Griechenland leben, und Griechen, die in Deutschland leben.

Was sagen diese Leute? Die intellektuell Argumentierenden sprechen davon, dass die Seele der europäischen Gesellschaft stirbt, dass Griechenland der erste große Sündenfall für die Zerstörung der europäischen Idee war, dass die Wachstumswirtschaft die Kultur zerstört und die Deutschen die Vorreiter dieses Evangeliums geworden sind.

Trotz und Selbstbewusstsein spricht aus den Antworten vieler alter und junger Männer und Frauen. Die achtzigjährige Olga: „Was wir von Griechenland lernen können, ist Gastfreundschaft, sich gegenseitig respektieren, voneinander lernen, Liebe geben ohne Geld.“ Andere: Wir lassen uns von der Krise nicht zerstören. Geld ist nicht das Wichtigste im Leben. Glücklich zu leben, ist wichtiger. Sie können den griechischen Geist nicht zerstören. Der griechische Weg ist es, zu helfen, nicht zu zerstören. Ein Taxifahrer: Alles wird gut ausgehen.

Woher kommt diese Widerstandskraft?

Worum geht es? Ja, es geht Harald Bergmann um das Loben in einer Zeit der schnellen Verurteilung eines ganzen Volkes. „Vorzeit“ ist ein außergewöhnlicher und nachdenklicher Beitrag im Diskurs über Griechenland, weil er andere Perspektiven zeigt und den Klischees widerspricht, die zum Standard beim Blick auf Griechenland geworden sind.

Der Lyra-Musiker Psarantonis ist für Bergmann ein Bindeglied zur minoischen Kultur.
Der Lyra-Musiker Psarantonis ist für Bergmann ein Bindeglied zur minoischen Kultur.

Es geht ihm (dem Kameramann und Regisseur) auch um das besondere Licht in diesem Land, das er in seinen Bildern eingefangen hat. Sein Film feiert die Schönheit Griechenlands und das Selbstbewusstsein seiner Bewohner. „Ich muss herausfinden“, fragt er sich am Ende, „was das alles bedeutet. Woher kommt diese Widerstandskraft? Wo hat sie ihren Ursprung?“

In den weiteren Teilen seiner „Minoischen Trilogie“ wird sich Bergmann der minoischen Kultur zuwenden und sie in Beziehung zum Heute setzen. Das kann spannend werden.


Weitere Informationen zu „Vorzeit“ finden sich auf der Website von Harald Bergmann.

Fotos: Harald Bergmann

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