Alles hat zwei Seiten

Dienstag, 01.10.2019

Ein Gespräch mit dem österreichischen Schauspieler Tobias Moretti über seine Rolle als Maler Max Ludwig Nansen in der Siegfried-Lenz-Verfilmung „Deutschstunde“

Diskussion

Der österreichische Schauspieler Tobias Moretti kann alles spielen. Unter der Regie von Christian Schwochow agiert er jetzt in „Deutschstunde“ (ab Donnerstag im Kino; zur FILMDIENST-Kritik) als expressionistischer Künstler Max Ludwig Nansen, der während der Nazi-Zeit nicht mehr malen darf. Seine Kunst gilt als „entartet“. Ein Gespräch über Pflicht, falsche Assoziationen zu Emil Nolde, weibliche Radikalität und die Lust an Theater und Film.


Was ging Ihnen nach der Lektüre des Drehbuchs durch den Kopf?

Tobias Moretti: Zuerst habe ich mir gedacht, das wird schwierig mit einer Verfilmung, weil ich den Roman von Siegfried Lenz in der Schule lesen musste. Man hat sich angesichts der Länge des Romans so durchgeschwindelt. Ich fand die Nachkriegsliteratur, die wir in den 1980er-Jahren gelesen haben, recht mühsam. Deshalb habe ich mich gefragt, wieso Christian Schwochow ausgerechnet diese Geschichte über Opportunismus und Konformismus angehen will? Aber als ich das Drehbuch von Heide Schwochow gelesen hatte, war ich begeistert, wie sich der Kern wie ein roter Faden durchzog. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Nach der Lektüre des Drehbuchs wusste ich, dass da ein Gemälde entsteht. Ein unglaublich reiches Gemälde, mit einer außergewöhnlichen Bildsprache, das Hintergründe aufzeigt und trotzdem eine Reflexion auf das Hier und Heute ist, eine moderne Geschichte.

Interessant scheint mir der Widerspruch zwischen Pflichterfüllung und individueller Verantwortung. War dieser Gegensatz damals stärker ausgeprägt oder erleben wir heute etwas Ähnliches?

Moretti: Das kommt darauf an, welche Figur man beleuchtet. Jeder Einzelne hat durch sein Wesen, seine Apathie oder Handlungskonsequenz einen völlig anderen Zugang und einen anderen Zugriff auf das eigene Schicksal. Der Polizist Jepsen hängt einem völlig anderen Pflichtbegriff an als die anderen. Ich als Max Nansen denke mir, dass da doch noch etwas im Wesen von Jens Ole Jepsen sein muss. Der Mensch in seiner Systemimmanenz, seinem Opportunismus, aber auch in seinem sich Anheimgeben in die Konstellationen des Ganzen, ist irgendwo auch feige. Eigentlich also ein Kleinbürgerschicksal.

Wie kann man sich erklären, dass der Polizist auch nach dem Krieg Nazi blieb und seine Haltung nicht ändert?

Moretti: Das kann Trotz sein. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass sich bestimmte Wesenszüge über Generationen immer wiederholen. So sind wir auch heute noch zum Teil im 19. Jahrhundert verhaftet.

Kontrahenten: Ulrich Noethen (l.) als Polizist Jepsen und Tobias Moretti (r.) als Maler Nansen
Kontrahenten: Ulrich Noethen (l.) als Polizist Jepsen und Tobias Moretti (r.) als Maler Nansen

Das hört sich aber nicht sehr gut an.

Moretti: Einerseits gebe ich Ihnen Recht. Andererseits können wir wahrscheinlich auch froh sein, dass der Restbestand einer Gesellschaftskultur noch vorhanden ist. Noch weniger gut hört es sich an, wenn ich die Welt mit ihrer globalen neuen Kultur betrachte, unabhängig, ob ich dabei an die neuen Medien oder die Ausfransungen der Demokratie denke. Da weiß ich nicht, was als Kulturform die bessere ist. Natürlich hätte man sich gewünscht, dass das 20. Jahrhundert nicht von den beiden Weltenbränden und deren Konsequenzen geprägt worden wäre. Man würde sich auch wünschen, dass man aus diesem Grauen irgendetwas gelernt hat, zum Beispiel nicht systemimmanent zu funktionieren. Das ist ein Faktum der Extreme. Insofern hat der Film für mich eine sehr moderne Zuordnung.

Heute sprechen wir von Werteverlust, kritisieren aber gleichzeitig die Werte von damals…

Moretti: Die verrufene Pflicht, heute Inbegriff des Negativen, hat ja auch eine positive Seite, beispielsweise bei der Selbstdisziplin. Ich erinnere mich an eine sehr unangenehme Pflicht, das Lernen von Klavier, Orgel und anderen Instrumenten. Heute kann ich die spielen. Im Nachhinein ist es natürlich leicht zu sagen, dass das eine Pflichterfüllung war, weil dies für meine Eltern eine Form von Kultur bedeutete, die uns über uns selbst nachdenken und zu besseren Menschen werden lässt. Kultur ist immer Spiegel der Gesellschaft. Wenn die nur noch ausfranst und flapsig ist, was bleibt da noch an Schnittmenge oder Essenz? Insofern hat alles zwei Seiten.

Bei Erscheinen von „Deutschstunde“ im Jahr 1968 wurde Siegfried Lenz eine Verherrlichung des Malers Emil Nolde vorgeworfen. Könnte dieser Vorwurf auch den Film treffen?

Moretti: Schon Lenz hat darauf hingewiesen, dass es sich nicht um Nolde handelt. Zu den Vertretern des deutschen Expressionismus zählten ja auch Maler wie Ernst Ludwig Kirchner oder Max Pechstein. Auch im Film geht es nicht um Emil Nolde, sondern um den Prototyp eines Menschen, der in seiner Fantasie und seiner Kunst durch die Außenwirkungen eines Systems beschnitten wurde.

Im Kanzleramt wurden Nolde-Bilder wegen des Antisemitismus des Künstlers abgehängt. Es gab Diskussionen um Nolde-Ausstellungen, deren Besucher in die Nähe von Nazis und Antisemiten gerückt wurden…

Moretti: Das ist mir eigentlich komplett egal, weil Nolde nichts mit dem Film zu tun hat. Ich spiele keinen Nolde, ich spiele den Max Ludwig Nansen. Ich halte es für lächerlich und auch für dumm, Besucher der Ausstellung als Nazis zu bezeichnen. Diejenigen, die sich jetzt als Moralisten aufführen und Kritik üben, sind keinen Deut besser als die Leute damals, weil sie sich genau danach richten, was man jetzt gerade denkt. Die wären damals wahrscheinlich genau in die andere Richtung marschiert. Das ist sozusagen der Kleinbürgeropportunismus, die Kleinbürgerperspektive.

Es ist interessant, dass Johanna Wokalek als Nansens Ehefrau Ditte viel mehr Widerstand zeigt als ihr Mann.

Moretti: Die weibliche Radikalität ist um einiges stärker ausgeprägt als die männliche und geht in zwei Richtungen: die eine richtet sich gegen sich selbst in einer Art Pflichterfüllung und Anpassung, die andere tendiert nach außen und manifestiert sich im Widerstand. In beiden Fällen sind die weiblichen Radikalismen immer stärker als die männlichen.

Frauen sind radikaler: Johanna Wokaleck als Ehefrau Ditte
Frauen sind radikaler: Johanna Wokalek als Ehefrau Ditte

Sie als Schauspieler sind gut im Geschäft und standen in den letzten Jahren für unterschiedlichste Filme vor der Kamera. Etwa in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ von Oskar Roehler, „Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska, „Ein verborgenes Leben“ von Terrence Malick oder an der Seite von Til Schweiger in „1 ½ Ritter“. Lassen Sie sich bei der Auswahl vom Lustprinzip leiten oder folgen sie bestimmten Kriterien?

Moretti: Ich folge keinem Prinzip. Plötzlich gibt es eine interessante Konstellation, und man denkt sich, das muss ich machen. Mit Josef Hader oder Andreas Prochaska wollte ich immer schon arbeiten. Manchmal kommt das richtige Projekt im richtigen Augenblick, manchmal auch nicht. Meistens geht es aber gut.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, nach der Krimi-Serie „Kommissar Rex“ so eine fulminante Karriere hinzulegen?

Moretti: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Für mich war immer klar, dass das eine kleine Station ist. So wie am Theater. Ein Stück folgt auf das nächste, auf „Richard II.“ dann vielleicht der „Faust“. Jeder Film und jedes Theaterstück markiert eine Station.

Sie haben „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ mit Tom Cruise abgesagt. War das eine schwere Entscheidung?

Moretti: Das Projekt habe ich abgelehnt, weil ich Hitler vorher schon gespielt hatte. Nur weil die Amis daherkommen, ist das für mich kein Grund. Die Hitlerfigur wurde mit Heinrich Breloer in „Speer und Er“ minutiös erarbeitet und war mehr als gelungen. Warum hätte ich diese Figur in einem Actionfilm noch einmal plakativer und wenig differenziert darstellen sollen? Hollywood-Ambitionen sind mir fremd; dieses Kalkül kenne ich nicht.

Sie haben aber auch bei François Ozon und „Frantz“ abgesagt.

Moretti: Das tut mir heute leid, weil ich Ozon als Regisseur sehr schätze. Aber die Dreharbeiten lagen vor den Proben zur „Dreigroschenoper“ im Theater an der Wien, wo ich mich als Mackie Messer neben Operngrößen wie Florian Boesch, Angelika Kirchschlager, Anne Sofie von Otter behaupten musste. Das habe ich unglaublich ernst genommen. Dass es zeitlich am Ende doch geklappt hätte, wusste ich vorweg nicht. Im Nachhinein ist man dann immer klüger.

Gibt es eine Rolle, die Sie nicht spielen würden?

Moretti: Fiktive Figuren müssen eine bestimmte Breite in ihrem Wesen haben. So wie es ein Gut und Böse gibt, eine Passivität und eine Aktivität, so gibt es auch eine Nachvollziehbarkeit des Charakters. Bei einem Kindsmörder würde ich an Grenzen stoßen. Ich will einem solchen Verhalten auch keinen Erklärungsraum geben, weil es für mich dafür keine Erklärung gibt. Deshalb wäre so eine Rolle, die ich übrigens schon zwei Mal abgelehnt habe, nicht machbar, es sei denn, man könnte diese Erklärungslosigkeit darstellen: dass es im menschlichen Leben und in der Geschichte Dinge gibt, die nicht wieder gutzumachen und die durch keine psychologische Instanz entschuldbar sind. Mit einem vorsätzlichen Kindsmord verwirkt einer sein Recht auf eine gesellschaftliche Existenz.

Seit 2017 stehen Sie als „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne. Eine fordernde Rolle, die Sie mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um, irgendwann dieser Welt selbst Adieu zu sagen?

Moretti: Ich mache mir eigentlich bei jeder Vorstellung Gedanken darüber. Diese Rolle macht etwas mit einem. Aber in Wirklichkeit ist es dann ja wohl doch anders, als man es sich zusammenkonstruiert. Es ist da eine Gegenwärtigkeit dieses Umstands des jederzeit möglichen Abschieds. Manchmal denkt man allerdings auch nur ans Spielen.

Peter Lohmeyer (l.) als Tod und Tobias Moretti (r.) als Jedermann
Peter Lohmeyer (l.) als Tod und Tobias Moretti (r.) als Jedermann

Sie gehen als Ensemblemitglied unter Martin Kušej ans Wiener Burgtheater. Hat das Theater jetzt Priorität vor Filmprojekten?

Moretti: Das würde ich so nicht sagen. Es kommt auf das Projekt an. Ein Filmprojekt kann ebenso ein spannendes und künstlerisches Zukunftsprojekt sein wie ein Theaterstück. Es kommt immer auf die Herausforderung an.


Fotos: Wild Bunch/Salzburger Festspiele/Matthias Horn

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