Irrsinn und Verdrängung

Montag, 07.10.2019

Ein Gespräch mit dem Kurator Christoph Huber zum "Giallo", einem italienischen Subgenre des Thrillers

Diskussion

Vom 30. August bis 24. Oktober 2019 taucht das Österreichische Filmmuseum in Wien ein in Italiens Thriller-Moderne (zum Überblick der Reihe). In einer weltweit nie dagewesenen Fülle und historischen Übersicht werden Giallo-Filme gezeigt. Kurator Christoph Huber äußert sich im Gespräch zu Schlagworten, Vorurteilen und Geheimnissen des Genres. Dabei zeigt sich, dass es im Giallo immer um das geht, was gerade nicht an der Oberfläche erscheint.


Zur Präsenz, Ästhetik und Bedeutung des Blutes im Giallo:

Der bekannteste Vertreter des Giallo ist natürlich Dario Argento, der unter anderem ein Virtuose in der Gestaltung blutiger Mordszenen ist. Viele andere haben das in ihren Filmen auch gemacht. Ich glaube, dass sich dieser Aspekt des Blutes so in den Vordergrund drängt, hat damit zu tun, dass sich dieses Genre immer wieder völlig von den Handlungen befreit und in einer puren Idee von Kino schwelgt. Diese Set-Pieces, die dann rund um Morde, Blut und Farben gebaut werden, sind wie Sequenzen aus Avantgardefilmen. Das brennt sich viel mehr ins Gedächtnis, als wenn es Blut in einem narrativen Zusammenhang zu sehen gibt. Aber natürlich geht es nicht nur um Blut. Das ist auch ein Grund für diese Retrospektive, denn es gibt viele Beispiele aus dem Genre, die sich nahe am Kunstfilm dieser Zeit bewegen. Darin sehe ich einen der interessantesten Aspekte am Giallo.

Es gibt diesen stilistischen Aufbruch in die Moderne in den 1960er-Jahren, man denkt da gleich an Kunstfilmer wie Michelangelo Antonioni oder Elio Petri, die neue Erzählformen entwickeln. Der Giallo ist ein populäres Genre, das diese Entwicklungen aufsaugt. Da werden kommerzielle Elemente wie Blut und Erotik mit einer immensen Freiheit in der Gestaltung vermischt. Ein Film wie Das verfluchte Haus von Elio Petri ist eigentlich ein Grenzfall. Von der Handlung her ist das kein reiner Giallo, aber seine Stilisierungen sind genau die, die Giallo-Regisseure wie Francesco Barilli oder Giulio Questi Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre umsetzen. Das sind Filmemacher, die gerne Kunst machen würden, aber eben nur kommerzielles Kino finanziert bekommen. Ein Film wie Frauen bis zum Wahnsinn gequält von Luciano Ercoli besitzt zwar eine Krimihandlung und eine starke erotisch-sexuelle Aufladung, aber man könnte auch denken, dass das ein noch unbekannter Petri-Film ist.

"Das verfluchte Haus" (1967)
"Das verfluchte Haus" (1967)

Zur Moderne und zum Modernen im Giallo:

Ein sehr passender Vergleich, mit dem sich leider nie jemand wirklich beschäftigt hat, ist meiner Meinung nach der zwischen Film noir und Giallo. Das sind verwandte Genres. Wenn man beide eng definiert, dann sind das Krimis. Krimis, die eine ganz bestimmte zeitliche Periode ausdrücken. Beim Noir das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Traumata der Nachkriegszeit, beim Giallo die Zeit rund um 1968 und das folgende Scheitern der Revolution. Das macht die Atmosphäre des Genres aus.

1968 hat der Aufbruch in die Moderne schon stattgefunden

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto
Kommentar verfassen

Kommentieren