Der Wittstock-Zyklus

Freitag, 08.11.2019

Volker Koepps dokumentarische Langzeitbeobachtung von Arbeiterinnen eines ostdeutschen Textilwerks & ihrem Schicksal nach der Wende als DVD-Sonderausgabe

Diskussion

Es zog ihn immer wieder zurück zu Renate, Edith und Elsbeth alias Stupsi, den Filmemacher Volker Koepp. 1975 waren die drei noch Mädchen in Wittstock, drei der jungen Arbeiterinnen, die in dem damals neu errichteten Obertrikotagewerk „Ernst Lück“ in der brandenburgischen Kleinstadt arbeiteten, dessen Belegschaft zu ca. 80 Prozent aus Frauen bestand. Volker Koepp gab ihnen und ihren Kolleginnen den Raum, um über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Enttäuschungen zu reden – und er kehrte über Jahre hinweg immer wieder zu ihnen zurück, woraus sich im Lauf der Zeit der sogenannte „Wittstock-Zyklus“ formte, der nun zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung beim Label absolutMedien in einer DVD-Sonderausgabe erschienen ist.

Zwischen dem ersten Film und dem Abschluss des Projekts, Wittstock, Wittstock (1997) liegen gut zwanzig Jahre – und die Wiedervereinigung als große Zäsur auch in den Biografien von Koepps Protagonistinnen. Was als sensible Studie über weibliches Selbstbewusstsein und Basisdemokratie in der DDR begann, wurde ein vielschichtiges Porträt vom Wachsen und Wandel eines industriellen Großgebietes in der DDR und auch ein leise-kritisches Dokument ihrer systemischen Erstarrung, und es formte sich in den späteren Nachwende-Filmen (neben „Wittstock, Wittstock“ ist das Neues in Wittstock von 1992) auch zur vielsagenden Detailstudie der Konsequenzen der Wiedervereinigung und der wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen in Ostdeutschland.

Zu „Wittstock, Wittstock“, dem poetisch-realistischen Abschluss der Reihe, schrieb Rainer Rother: „Fast alles hat sich geändert in Wittstock, darin gleicht der Ort anderen der ehemaligen DDR. Aber Elsbeths Lächeln ist nur fast unmerklich verändert, wie auch Renates direkte Art und Ediths Realismus. Vieles haben die Frauen verloren, die Arbeit, die gesellschaftliche Anerkennung, nicht aber ihren Selbstrespekt, nicht ihre Sicherheit. Die Schranken, die sie früher gespürt haben, wünschen sie sich nicht zurück. Auf die Frage nach den schönsten Momenten ihres Lebens antwortet Renate: die Augenblicke, wo ein neuer Abschnitt des Lebens begann, das Kinderkriegen – und dass sie endlich die Verwandten aus dem Westen kennenlernen konnte. All diese Lebensläufe sind in der Schwebe, die Ungewissheit ist fast greifbar. Es gibt kein Ende, in dem diese Geschichten restlos aufgehen würden, sie sind so unabgeschlossen wie die Wende selbst.“


Volker Koepp – der Wittstock-Zyklus“. Anbieter: absolutMedien. VÖ: 8.11.2019

Sieben Filme von 1975 bis 1997. 2 DVDs, s/w, 393 Min. Sonderpreis: € 14,90

DVD 1: Mädchen in Wittstock (1975)/Wieder in Wittstock (1976)/Wittstock III (1978)/Leben und Weben (1981)/Leben in Wittstock (1984)

DVD 2: Neues in Wittstock (1992)/Wittstock, Wittstock (1997)

Das Booklet umfasst neben einer Kurzbiografie von Volker Koepp und Informationen zu den Filmen ein längeres Essay von Stefan Reinecke („Bilder wie eine Flaschenpost – Annäherungen an die Wittstock-Filme von Volker Koepp“), einen Text zu den Wittstock-Filmen von Peter W. Jansen aus seinem Buch „Die Filme des Volker Koepp“ und ein Interview-Statement von Volker Koepp.



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