Die Architektur der Seele

Freitag, 08.11.2019

DOK Leipzig: „Exemplary Behaviour“ über das Wesen von Gefangensein gewinnt die Goldene Taube und den Preis der interreligiösen Jury

Diskussion

Die Augen eines Mannes in Großaufnahme. Von dort ein Schnitt auf eine labyrinthische Gebäudelandschaft, die sich im Kreise dreht. Ein architektonischer Komplex, einschüchternd mächtig und in seiner Struktur verschachtelt, der in diesem Moment zur Projektion einer Traumatisierung wird. Dies ist nur eine Modellanlage, von der der Film danach auf eine reale Gebäudefassade schneidet, an der die Kamera langsam entlanggleitet. Vergitterte Fenster, unter denen Nummern stehen, reihen sich in kurzen Abständen aneinander. Am Ende der Fahrt stößt die Kamera auf Stacheldraht, was zum abrupten Abbruch führt. Eine vermauerte Gefängniswelt, gespiegelt in den Augen eines Strafgefangenen, der hier für immer eingeschlossen ist.

Der litauische Film „Exemplary Behaviour“ (Pavyzdingas elgesys) ist in mehrfacher Hinsicht ein Film über Architektur. Doch er umkreist nicht nur ein Außen, er dringt tiefer ein, um etwas Inneres zu erforschen. Dabei geht es ihm nicht nur um den „Lebensraum“ Gefängnis als einem Ort, an dem von Leben kaum die Rede sein kann. Am Ende geht es ihm um ein Gefangensein schlechthin als einen Zustand innerer Stagnation in einer Schattenwelt, die eine metaphysische Dimension in sich birgt. Ein dauerhaftes Warten auf Erlösung lastet schwer auf denen, die hier im Limbus innerer Einsamkeit verharren und sich nur an die Hoffnung klammern, durch vorbildliches Verhalten Gnade zu erlangen, um aus dem Schattenreich sozialer Ausgrenzung zurückzukehren in die Welt der Lebenden – ohne die Sicherheit, dass das je geschehen wird.

Ein Ort der Trostlosigkeit aus der Innensicht

Protagonisten des Films sind drei Gefangene und ein Philosoph, der diesen Zustand immerwährenden Gefangenseins reflektiert. Er hat selbst mehrere Jahre im Gefängnis gesessen und kennt damit das Existenzgefühl an diesem Ort der Trostlosigkeit aus der Innensicht. Zwei der Gefangenen sind wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Einer der beiden heiratet während seiner Haft eine Strafgefangene aus dem entfernt gelegenen Frauengefängnis, der er gelegentlich reguliert begegnen darf. Auch diese spärlichen Momente zwischenmenschlicher Begegnung sind ohne Freiheit.

Es ist eine persönlich motivierte Reise in die Schattenwelt, die Regisseur Audrius Mickevicius unternimmt, um sich selbst ein Bild zu machen und zu verstehen, ob Vergebung möglich ist. Sein eigener Bruder war das Opfer eines brutalen Mordes geworden. Einer der beiden Täter wurde nie verurteilt, der andere wegen guter Führung frühzeitig entlassen. Die Verbitterung darüber und die Weigerung zu vergeben stehen am Anfang einer Reise, die immer mehr zu einer Meditation wird über Schuld und Sühne. Ein Gefangener ist Mickevicius nämlich selbst, der sich befreien muss von Rachegefühlen, die auch ihn zum Mörder werden lassen könnten. Sein Weg in die Bereitschaft zu vergeben führt am Ende zu seiner eigenen Rehabilitation. Das vorbildliche Verhalten, von dem der Filmtitel spricht, schließt auch den Regisseur mit ein, der hier zum Frieden mit sich selber findet.

Das Vermächtnis von Audrius Mickevicius

Audrius Mickevicius hat diesen Film nicht überlebt, Nerijus Milerius hat den Film zu Ende geführt. Milerius ist Philosophie-Professor an der Universität von Vilnius mit Schwerpunkt Religion im Film, und Mickevicius war Professor für Photographie und Medienkunst an der Kunstakademie von Vilnius. Studiert hat Mickevicius Architektur, was in diesem, seinem letzten Film deutlich zum Tragen kommt. „Exemplary Behaviour“ ist jetzt zu seinem Vermächtnis geworden.

Der kinematographischen Meisterschaft und philosophischen Tiefe dieses Films haben beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig drei Jurys ihren Respekt gezollt. Für den Preis der internationalen Filmkritik bedankte sich Milerius bescheiden, das sei nicht zu erwarten gewesen. Ausgesprochen glücklich zeigte er sich danach über den Preis der interreligiösen Jury, weil er „Exemplary Behaviour“ selbst als einen religiösen Film versteht. Zuletzt standen er und Produzentin Rasa Miskinyte sprachlos, aber tief bewegt zusammen auf der Bühne, als sie auch noch die Goldene Taube und damit den Hauptpreis des Festivals erhielten.


Foto: DOK Leipzig 2019

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