Filmklassiker: Das Wunder von Mailand

Donnerstag, 14.11.2019

Mit seinem märchenhaften Meisterwerk verband Vittorio de Sica 1950 den neorealistischen Stil mit fantastischen Elementen.

Diskussion

Mailand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der kleine Totò verliert seine Mutter Lolotta und landet im Waisenhaus. Erst mit 18 Jahren wird er dort wieder entlassen und kommt in einer ärmlichen Barackensiedlung an der Stadtperipherie unter, nachdem ein Obdachloser sein einziges Besitzgut, eine leere, angeranzte Ledertasche, gestohlen hat. An dem neuen Ort erwirbt sich der stets mit einem Lächeln auftretende Mann (Francesco Golisano) alsbald den Ruf „Totò, der Gute“: Immer freundlich, empathisch und von einem unerschütterlichen Optimismus getragen, schlichtet er vielfach Streitereien zwischen den Bewohnern und glänzt zunehmend in der Rolle des zentralen Organisators: als volksnaher Ersatzbürgermeister innerhalb einer skurrilen Outsider-Kommune.

Im Zuge eines ausgelassenen Volksfests, das die Barackengemeinschaft mit viel Herzblut aus dem Nichts auf die Beine stellt, stößt einer der Bewohner unerwartet auf eine Erdölquelle, was prompt den superreichen Grundstücksbesitzer Mobbi (Guglielmo Barnabò) auf den Plan ruft. Der will die Armen schnellstmöglich aus ihren Verschlägen vertreiben, weil er schon das nächste große Geschäft wittert.

Opernarien statt gebrüllter Befehle

In dieser Notsituation schickt Totòs verstorbene Mutter ihrem Sohn eine weiße Taube aus dem Jenseits, die nicht nur Frieden bringen soll, sondern obendrein über spezielle Zauberkräfte verfügt – sie erfüllt ihrem neuen Besitzer von einem Moment auf den anderen jeden Wunsch. Mit ihrer Hilfe kann Totò die Quartiersräumung zunächst verhindern, indem er den kommandierenden Offizier seiner Stimme beraubt und ihn Opernarien singen lässt, statt Befehle zu brüllen, was zu den skurrilsten Szenen von Vittorio de Sicas „Das Wunder von Mailand“ (1950) gehört.

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Doch bald holt ein Engel die zum Missbrauch verführende Wundertaube wieder ab, weil derallzu gutmütige Totò wirklich jeden Nonsenswunsch in Erfüllung gehen lässt. Danach haben Mobbi und die Polizei leichtes Spiel: Die Baracken werden aufgelöst und ihre Bewohner Richtung Stadtzentrum abtransportiert, wo sich das titelgebende Wunder ereignet. Lolotta schickt ein zweites Mal ihre Zaubertaube, mit deren Hilfe die Polizeiautos vor dem Mailänder Dom in einer hyperrealistisch inszenierten Szene auseinanderklappen und die Armen mit den Besen der Straßenfeger schnurstracks Richtung Himmel davonfliegen.



Neorealistische Parabel im Märchenstil

Vittorio de Sica und sein Stammautor Cesare Zavattini hatten mit ihren vorherigen zwei Filmen „Schuhputzer“ (1946) und „Fahrraddiebe“ (1948) filmgeschichtliche Ausrufezeichen gesetzt, das Duo berühmt gemacht und den Neorealismus mitgeprägt; „Miracolo a Milano“ gestalteten die zwei als Parabel im Märchenstil, die von einem tiefen Humanismus durchdrungen ist und sich als weltweiter Triumph entpuppte. „Mit ,Miracolo a Milano‘ wollten wir den Neorealismus ein weiteres Mal modifizieren und ihn von seinen bereits historisch gewordenen Fesseln befreien“, äußerte sich de Sica im Rückblick. „Ein Märchen darf die Realität nicht missachten“, lautete das Grundmotto für die Dreharbeiten. Deshalb verschwiegen de Sica und Zavattini keineswegs die prekären Lebensbedingungen im Nachkriegsitalien, die sich ähnlich wie in der Bundesrepublik erst ab Mitte der 1950er-Jahre, auch durch die tatkräftige Hilfe der US-Amerikaner, in ein (Wirtschafts-)Wunder wandelten.

Ein viel zu guter Mensch

Mit der Figur des liebenswürdig-naivenTotò entstand eine der eindrücklichsten Leinwandgestalten der 1950er-Jahre. Im schroffen Gegensatz zu seinem nicht selten feindseligen Umfeld ist Totò „ein viel zu guter Mensch, mit einem übergroßen Herzen“, sagt Cesare Zavattini im umfangreichen Bonusmaterial der Blu-ray-Ausgabe von „Das Wunder von Mailand“.

De Sicas humorvoll-raffinierte, aber nicht selten auch scharfzüngig-hintersinnige Regie, die um die Verlockungen der conditio humana innerhalb einer beschwerlichen Existenz kreisen, fokussiert nahezu ausschließlich auf diese Erlösergestalt voller Anmut und Würde. Totò fühlt so intensiv mit seinen Leidensgenossen, dass er in einer bizarren, beinahe ins Groteske gleitenden Szene unwillkürlich selbst zu hinken beginnt, weil ihm just ein Hinkender entgegenkommt.



In vielen kleinen Szenen spielt de Sica gekonnt auf der emotionalen Klaviatur des Menschlichen-Allzumenschlichen. Gleichzeitig lässt sich der magisch grundierte und jetzt digital brillant restaurierte Film aber auch als kluge Metapher auf das postfaschistische Italien und die junge Demokratie deuten, die sich zu Beginn der 1950er-Jahre gesellschaftspolitisch zwischen steigendem Konsumverhalten und erodierender Solidarität neu ausbalancieren musste.

Ein Revuetänzer & Operettensänger

Das zeigt sich ebenfalls in einer der bekanntesten Szenen, wenn das Treiben in der Armensiedlung frühmorgens zu neuem Leben erwacht und die spärlichen Sonnenstrahlen immer nur für Augenblicke kreisförmige Segmente am Boden bescheinen, so dass die in Lumpen gekleideten Menschen schlagartig losrennen, um wenigstens partiell etwas Wärme zu erhaschen, während im Hintergrund ein neuer D-Zug vorbeirauscht, der für neu erwachten Nationalstolz, den aufkommenden Luxus und bürgerliche Behaglichkeit steht, die selbstredend zunächst nur der Oberschicht sowie den alten Eliten des Landes vorbehalten sind.



Diese Sequenz bündelt nahezu alle Talente de Sicas, der seine lange Karriere nicht zufällig als Revuetänzer, Boulevardschauspieler und Operettensänger begann. Timing, Witz, Satire und Ironie reichen sich hier die Hand, ohne in Sentimentalität oder Oberlehrerhaftigkeit abzudriften. Auch de Sicas gesellschaftspolitischer Impetus als Neorealist wird hier greifbar: Ohne das soziale Elend zu beschönigen oder den Figuren ihre Würde zu rauben, zelebriert de Sica in diesem poetisch-magischen Kinomoment ein Loblied auf Gutherzigkeit und Humanität voller Grandezza und Stilbewusstsein.

Im Geiste Brecht’scher Verfremdungstechniken und mit klarer politischer Kante gelang dem Chaplin- und Tati-Verehrer de Sica mit „Wunder von Mailand“ ein Meilenstein, der in der Schilderung gesellschaftlicher Dialektik hochaktuell geblieben ist.


Diskografische Informationen

Das Wunder von Mailand. Italien 1950. Vittorio de Sica. Mit Emma Gramatica, Francesco Golisano. 95 Min. FSK: ab 12. Anbieter: Pidax.

Die Blu-ray-Ausgabe enthält umfangreiches Bonusmaterial (u.a. mit einem Porträt de Sicas, einer Dokumentation über seine Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Cesare Zavattini und vielen Erinnerungen von Zeitgenossen).

Vittorio de Sicas „Die Schuhputzer“ (1946) ist im Februar 2019 bei Pidax Film als DVD erschienen, „Fahrraddiebe“ (1948) im November 2018 als DVD und Blu-ray.


Fotos: Pidax

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