Eine komplexe Frau: Jeanne Moreau

Mittwoch, 11.12.2019

Die glänzend kompilierte Biografie von Jens Rosteck zeichnet den Werdegang der französischen Schauspielerin nach

Diskussion

Eine glänzend kompilierte Biografie zeichnet den Werdegang der französischen Schauspielerin nach, die alles, was als selbstverständlich zu gelten schien, radikal in Frage stellte.


Zwei Jahre nach dem Tod der Grande Dame des europäischen Kinos versucht sich Jens Rosteck, ein promovierter Musikwissenschaftler und Biograf von Lotte Lenya, Oscar Wilde oder Édith Piaf, an einer biografischen Annäherung an Jeanne Moreau. Dass das Buch mit Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ beginnt, liegt auf der Hand, handelt es sich doch um einen Klassiker, „in dem aus heiterem Himmel vieles“, wie Rosteck schreibt, „was bis dahin im europäischen Genre-Kino maßstabsetzend war und wie selbstverständlich zu gelten schien, radikal in Frage gestellt wurde“.

Jeanne Moreau in "Fahrstuhl zum Schaffott"
Jeanne Moreau in "Fahrstuhl zum Schafott" (1957)

Nicht zuletzt die „schwerelose“ Spielweise der noch nicht zum Weltstar gereiften Hauptdarstellerin, deren unnahbares Gesicht fortan mit der Nouvelle Vague konnotiert wurde, trug zu dem Eindruck bei, einer atmosphärischen Elegie beizuwohnen und nicht einem standardisierten Kriminalfilm. Malle bewunderte ihren Mut, die Konventionen zu ignorieren: „Ich nahm sie so, wie sie war. Und ich zeigte das, was faszinierend an ihr war. Sie konnte von unglaublicher Schönheit sein. Aber in der nächsten Einstellung, im nächsten Augenblick veränderte sie sich vollständig. Sie besaß dabei eine Wahrhaftigkeit. Sie war eine komplexe Frau – und plötzlich war sie für alle eine Offenbarung.“


Alle meint alle

„Alle“ hieß im Fall von Jeanne Moreau: Orson Welles, François Truffaut, Luis Buñuel, Michelangelo Antonioni, Rainer Werner Fassbinder, François Ozon und viele andere, die ihrem ausgeprägten Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang verfielen.

Rosteck bewegt sich ebenso sicher durch die Kindheit wie durch die Anfangsjahre der auch auf dem Theater erfolgreichen Mimin, arbeitet sich durch die 20 „Machwerke“ ihrer Frühphase hindurch, würdigt ausführlich Moreaus mehrfache Kollaborationen mit Autorenfilmern und auch die Freundschaft mit Marguerite Duras.

Jeanne Moreau (l.) und Brigitte Bardot in "Viva Maria!" (1965)
Brigitte Bardot und Jeanne Moreau  in "Viva Maria!" (1965)

Über die Zahl der Liebhaber und Ehemänner, darunter Pierre Cardin und William Friedkin, verliert man bald den Überblick. Dafür bekommt man Einblicke in private Notizen und verschlingt unzählige Zitate aus ihren Interviews, flankiert von den jeweiligen gesellschaftlichen Umbrüchen, die auf das Denken und die Karriere der Ausnahmeinterpretin einwirkten.


Ein Buch für anspruchsvolle Verehrer

Ihre eigenen Regiearbeiten kommen zwar etwas kurz, doch am Ende der spannenden Lektüre bleibt eine wohldosierte Ausbeute zurück, getragen von Detaildichte und einer eingängig einordnenden Sprache, die selbst anspruchsvolle Moreau-Verehrer überzeugt.


Hinweis:

Die Verwegene. Jeanne Moreau: Die Biographie. Von Jens Rosteck. Aufbau Verlag, Berlin 2019, 396 S., 24 EUR.


Fotos: © Aufbau Verlag


Kommentar verfassen

Kommentieren