Die Nacht der lebenden Toten

Donnerstag, 12.12.2019

Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) ist ebenso wie das „Kuratorium des jungen deutschen Films“ oder die Murnau Stiftung eine filmkulturelle Institution, deren Bedeutung ständig weiter schrumpft

Diskussion

Seit bald 70 Jahren prädiziert die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) Kinofilme als „wertvoll“ oder „besonders wertvoll“, angeblich unabhängig, aber doch stets im Spannungsfeld wirtschaftlicher oder politischer Interessen. Dem schleichenden Bedeutungsschwund begegnet die FBW ähnlich wie andere filmkulturelle Institutionen im Umfeld des Biebricher Schlosses: durch Tricks und geschicktes Networking.


Alle zehn Jahre, spätestens zu Jubiläen, tauchen in den Medien kritische Würdigungen der Filmbewertungsstelle (FBW) im Wiesbadener Schloss Biebrich auf. Die Aufregung über die fast 70-jährige Einrichtung samt ihren zum Teil kuriosen Entscheidungen hat sich über die Jahre jedoch gelegt, vielleicht auch, weil man die Schlossherrschaft schlichtweg vergessen oder als Relikt ewiger Wiederkehr hinzunehmen gelernt hat. In einer Zeit, in der ständig alles unter Effizienzdruck gesetzt und in Frage gestellt wird, hat man hier jede Anfeindung, jede Sinnfrage unerschrocken überstanden.

Die FBW schreibt die Bestimmung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda fort, am Film etwas bewerten zu wollen, das „staatspolitisch wertvoll“ sei und einem „Kulturwert für das Erleben deutscher Volksgenossen“ entspreche; das klingt in der Rede vom „Kulturgut“ Film in der „Verwaltungsvereinbarung“ der FBW nach. Zwar spricht man von „hohem inhaltlichem, künstlerischem oder kulturellem Wert“, der für ein Prädikat maßgebend sei; abgenommen aber hat das der FBW wohl noch nie jemand, sei es mit Blick auf deren Prüfpraxis, sei es mit Blick auf die teils unbeholfene, teils schauerliche Urteilsprosa, die Filme sprachlich exekutiert, etwa mit dem Argument, sie seien „eindeutig erziehungsabträglich“, so 1983 bei Manfred Stelzers „Die Schwarzfahrer“.


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Durchgesetzt hat sich das Bild einer Einrichtung, die nicht recht auf dem Stand der Dinge ist, geschweige denn Neues zu würdigen weiß. Klaus Hebecker äußerte schon 1961 in den „Nürnberger Nachrichten“ die Befürchtung, hier werde die „Förderung mittelmäßiger und schlechter Filme und die Degradierung des Mutigen“ betrieben. Die Beispiele aus den folgenden Jahrzehnten scheinen ihm Recht zu geben: Filme von Herbert Achternbusch, Pier Paolo Pasolini, Edgar Reitz oder Straub/Huillet gingen leer aus, erfolgreich waren „Die Trapp-Familie“, „Der Förster vom Silberwald“ oder „Rambo III“, dessen Prädikat einen öffentlichen Sturm der Entrüstung in Feuilletons auslöste.

Von der FBW mit einem Prädikat geadelt: "Rambo III"
Von der FBW mit dem Prädikat "wertvoll" geadelt: "Rambo III"

Der damalige Verwaltungschef der FBW, Gerd Albrecht, begab sich 1988 im „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“ auf das dünne Eis öffentlicher Einlassung zur inhaltlichen Legitimierung einer unabhängigen Entscheidung, die er selbst gar nicht zu verantworten hatte und die in einer anderen Konstellation im Gremium auch hätte anders ausfallen können.


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