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„Man bekommt eine Gänsehaut“

Donnerstag, 02.01.2020

Ein Interview mit Joseph Gordon-Levitt zu „7500“

Diskussion

Der 1981 geborene US-amerikanische Darsteller Joseph Gordon-Levitt steht im Zentrum des Echtzeitthrillers „7500“ (Kinostart: 26.12.), dem Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Patrick Vollrath („Oscar“-Nominierung für seinen Kurzfilm „Alles wird gut“). Als Copilot eines Passagierflugzeugs muss Gordon-Levitt verhindern, dass islamistische Attentäter ins Cockpit gelangen. Ein Gespräch mit dem Hollywood-Schauspieler über seinen Weg zu Film, Drehherausforderungen und seine Ambitionen als Regisseur und Produzent.


Wie sind Sie zum Projekt gestoßen? Es ist ja nicht so selbstverständlich, dass ein amerikanischer Schauspieler in einer deutsch-österreichischen Produktion mitwirkt.

Joseph Gordon-Levitt: Ich habe eine lange Auszeit vom Schauspielen genommen, als ich Vater wurde. Ich wusste, wenn ich wieder einen Job annehmen würde, muss es etwas sein, das für mich etwas ernsthaft Inspirierendes hat. Es sollte nicht einfach ein weiterer Job werden. Ich war also sehr anspruchsvoll bei der Auswahl. (überlegt sehr lange) Als ich dann das Drehbuch für „7500“ las, war ich sofort gefesselt. Das Drehbuch war von Patrick Vollrath und seinem Co-Autoren Senad Halilbasic sehr gut geschrieben, man bekommt eine Gänsehaut. Ich habe dann Patricks Kurzfilm gesehen und wusste (auf Deutsch): Alles wird gut! Es war ungemein kraftvoll und ehrlich. Und dann haben wir über die Herangehensweise gesprochen. Für Patrick ist das Script ein Sprungbrett, und dann ist da diese ungemein packende Geschichte. All das ging aus seinem Kurzfilm hervor. Ich konnte also sicher sein, dass daraus nicht nur ein guter Kinofilm werden würde, sondern dass es auch eine kreative Herausforderung sein würde, daran mitzuwirken – mehr als alles, was ich zuvor gemacht hatte. Danach hatte ich gesucht.

Wie haben Sie sich auf den Dreh vorbereitet? Haben Sie an einem Simulator trainiert?

Gordon-Levitt: Ja – wir haben uns ausführlich vorbereitet. Es ging vor allem um technische Details. Patrick Vollrath ging es vor allem um den Realismus des Films, und dazu gehörte auch, dass alle technischen Details stimmen mussten. Der Schauspieler des Captains, Carlo Kitzlinger, hat sogar als richtiger, professioneller Pilot jahrelang für die Lufthansa gearbeitet. Er war mein Lehrer und erklärte mir alles über das Flugzeug, sogar Sachen, die ich nicht wissen musste, zum Beispiel die Geheimnisse der Aerodynamik. Er übte mit mir wieder und immer wieder die Checkliste der Routinen, die man vor einem Flug beachten muss, all diese Details, um die sich Piloten kümmern müssen, bevor es überhaupt losgeht. Wir wollten, dass diese Dinge „richtig“ sind. Dann ist da auch noch die besondere Art und Weise, wie Piloten miteinander kommunizieren, all dieses technische Vokabular. Ich konnte also nicht nur mit einem Experten sprechen – es war auch ein Experte mit mir am Set.

Know-how vom Profi: Carlo Kitzlinger mit Joseph Gordon-Levitt
Know-how vom Profi: Carlo Kitzlinger mit Joseph Gordon-Levitt

Sie haben in sehr langen Einstellungen gedreht, teilweise bis zu 40 Minuten. Ist das für Sie als Schauspieler besser als kurze Schnitte?

Gordon-Levitt: „Besser“ ist vielleicht ein zu starkes Wort. Für mich hat es aber gut funktioniert und es entspricht dem Stil des Regisseurs. Auch wenn es ein wenig übertrieben klingt: Es war die herausforderndste Sache, die ich je gemacht habe. Das hängt mit dieser Kombination aus brutaler, tragischer Geschichte, die wir erzählen, und dem realistischen Dreh, den ich gerade beschrieben habe, zusammen. Die Kamera vierzig Minuten lang laufen zu lassen und sich dieser Situation einfach auszusetzen – das ist ein großer emotionaler Schmerz. Das habe ich so bei anderen Projekten noch nie erlebt.

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Wie haben Sie sich so einer Szene genähert? Haben Sie viel geprobt?

Gordon-Levitt: Wir haben überhaupt nicht geprobt, abgesehen von den technischen Fragen, über die ich vorhin sprach. Es gab natürlich einige Kampfszenen, die choreographiert werden mussten, um diesbezüglich sicher zu sein. Es soll ja niemand verletzt werden. Es ging eher darum zu wissen, wohin eine Szene führen würde. Wir haben also viel darüber gesprochen, was im Script stand. Meistens haben wir es passieren lassen. Für gewöhnlich lässt man sich beim Schauspiel so viel, wie man kann, auf die Rolle ein; aber man behält ein zusätzliches Bewusstsein über das Handwerk, mit dem man etwas tut. Ich weiß, wo die Kamera ist. Ich muss eine Markierung am Boden treffen. Das Licht ist dort. Ich muss also aufpassen, dass ich nicht in den Schatten gerate. Ich muss meinen Text können. Das alles ist Teil des Filmschauspiels: fähig sein, sich emotional fallen zu lassen und gleichzeitig diese vielen technischen Kleinigkeiten zu beachten. Bei „7500“ haben wir das so nicht gemacht. Wir wussten, dass wir so lange arbeiten mussten, wie es nötig war. Das ist nicht einfach eine Szene – es passiert einfach.

Emotionale Tour de Force auf engem Raum
Emotionale Tour de Force auf engem Raum als inszenatorische und darstellerische Herausforderung

Wie viele Takes haben Sie von dieser langen Einstellung machen müssen?

Gordon-Levitt: Nur wenige.

Gibt es etwas in der Biographie Ihrer Figur, über das nicht gesprochen wird, das aber trotzdem wichtig ist für den Konflikt des Films?

Gordon-Levitt: Eine interessante Frage. Wir sprachen darüber, wo meine Figur herkommt, warum sie die USA verlassen hat, warum sie in Berlin lebt, warum sie Pilot geworden ist. Es ist aber nicht schlimm, dass diese Dinge im Film nicht ausgesprochen werden, weil sie für die Story nicht so wichtig sind. Es geht darum, dass man einen guten Kopf auf den Schultern trägt, während man spielt.

Der Film spielt mit vielen Ängsten, vor dem Fliegen, vor Terroristen. Vor allem Flugzeuge sind zum Symbol für terroristische Verbrechen geworden. Wie ist da Ihre Haltung?

Gordon-Levitt: Es wird viel über Angst und Terrorismus gesprochen, und oftmals führte diese verstärkte Wahrnehmung zu einer Vergrößerung der Ängste. Unser Film konfrontiert den Zuschauer direkt mit den Ängsten, in dem er etwas vereinfacht, was nicht einfach ist. Es gibt viele Filme über Flugzeugentführungen und Anschläge, und solche Filme sind manchmal simpel gestrickt. Da gibt es den Guten, da gibt es den Bösen. Der Gute muss gegen den Bösen kämpfen und den Tag retten. Solche Filme können viel Spaß machen. Es ist also nicht zwangsläufig etwas falsch mit ihnen. Was ich aber an „7500“ liebe, ist, dass er sehr viel anders ist als diese Filme. Mein Charakter ist zum Beispiel kein Held; und der Terrorist Vedat, dargestellt von dem wunderbaren Schauspieler Omid Memar, ist kein typischer Bösewicht. Sie sind Menschen. Das Herz des Films liegt für mich darin, dass das Publikum am Ende des Films Empathie für diese beiden Menschen zeigt und sie nicht mehr in Gut und Böse einteilt, sie nicht mehr als westlich oder mittelöstlich, als christlich oder muslimisch kategorisiert. All diese Kategorien werden unwichtig, sobald man diese Menschen als Individuen sieht. Das macht diesen Film aus. Darum ist es auch eine positive Geschichte, die in einem Kontext der Ängste erzählt wird.

Keine "Larger than Life"-Heldenfigur: Gordon-Levitt als Copilot Tobias Ellis
Keine "Larger than Life"-Heldenfigur: Gordon-Levitt als Copilot Tobias Ellis

2013 haben Sie bei „Don Jon“ Regie geführt, der Film war auf der „Berlinale“ zu sehen. War das eine Erfahrung, die Sie gerne wiederholen würden?

Gordon-Levitt: Ja, sehr gerne. Ich habe seitdem mit meiner Firma Hitrecord weitere Filme gedreht. Ich liebe die Schauspielerei in Zusammenarbeit mit einem Filmemacher, in der Hoffnung, dass der Regisseur seine Vision erreicht. Ich liebe es aber auch, meine eigene Vision zu haben und ein Team anzuführen, das sie dann erfüllt und sie so zur kollektiven Vision des gesamten Teams wird. Ich fühle mich also sehr glücklich, die Gelegenheit zu haben, beides zu tun. Ich hoffe, dass ich auch zukünftig zweigleisig fahren kann.

Was ist mit Ihrem Film „Wingmen“, der schon lange angekündigt ist, allerdings in der Internet Movie Database seit 2017 kein Update erfahren hat?

Gordon-Levitt: Es ist schon lustig, wie Projekte so die Runde machen, bevor es überhaupt ein offizielles Statement gibt. (wechselt abrupt das Thema) Kürzlich produzierte meine Firma eine Dokumentation namens „Band Together with Logic“, auf die ich sehr stolz bin. Es gibt gewisse Überschneidungen mit „7500“, weil es – trotz unterschiedlicher Themen – um Menschen geht, die unterschiedliche Hintergründe haben und trotzdem zusammenkommen. In „7500“ geht es sehr um unterschiedliche Hintergründe, Orte, Kulturen, die in einem tragischen Moment aufeinandertreffen. In „Band Together“ geht es um Menschen aus aller Welt, die zusammen Musik machen. Verschiedene Filme also, die die Diversität thematisieren

Sie haben auch einen Film für Netflix produziert. Was ändert sich in der Arbeit für so eine Internet-Plattform?

Gordon-Levitt: Die Produktion als solche ist dieselbe, der Verleih ändert sich maßgeblich. Das Schreiben ist auch dasselbe. All die Leute, die an einem Netflix-Film arbeiten, sind dieselben, die früher für Filmstudios gearbeitet haben. Die Situation an sich hat sich allerdings drastisch verändert, mehr und mehr Stoffe werden verwirklicht.

Allerdings ändern sich auch die Sehgewohnheiten. Ich kann „7500“ später bei bestimmten Plattformen auf kleinen Bildschirmen sehen statt auf der großen Kinoleinwand. Ändert das auch für Sie etwas als Filmemacher?

Gordon-Levitt: Der kreative Ausdruck ändert sich, sobald die Technik Fortschritte macht. Sie können Aufzeichnungen von Sokrates finden, der gesagt hat, dass das geschriebene Wort die gesprochene Sprache ruinieren wird. Vielleicht hatte er in einem bestimmten Ausmaß sogar recht. Als das geschriebene Wort erfunden wurde, hat sich viel geändert. Der Film hat das Theater verändert, das Fernsehen hat Filme verändert. Technologie verändert alles, das ist keine Frage von Gut oder Böse. Es geht darum, wie man sie benutzt. Neue Technologie hat die Fähigkeit, nie gesehene menschliche Kreativität zu unterstützen. Ich habe viel Zeit mit meiner Produktionsfirma verbracht, diese Ziele zu verfolgen. Es gibt natürlich auch dunkle Seiten zur Technologie, besonders wenn man das Hauptaugenmerk einiger Online-Plattformen auf das Wirtschaftliche sieht. Das führt zu unerwarteten Extremen. Mache ich mir Sorgen? Ja! Und um ihre Frage zu beantworten: „7500“ wird im nächsten Jahr bei Amazon herauskommen. Das ist wundervoll. Ungemein mehr Menschen werden den Film nämlich sehen, als wenn er nur in Arthouse-Kinos laufen würde. Arthouse-Kinos haben nur Zulauf in ausgewählten Städten, in denen diese Kinos überleben können. Das ist nur ein Teil, ein kleiner Teil der Welt. Bei Amazon kann sich jedermann Zutritt verschaffen, wenn er möchte. Ich bin also hocherfreut, dass dieser Film zu dieser Form der Distribution gefunden hat. Es bedeutet einfach, dass eine große, unterschiedliche Menge von Menschen diesen Film sehen kann.

Sie haben also keine nostalgischen Gefühle über Kinos?

Gordon-Levitt: Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Filmtheater, und hoffe, dass sie weiter existieren werden. Ich liebe aber auch das Theater, Live-Musik, ich liebe es, Bücher zu lesen, ich liebe es, eine gute altmodische Unterhaltung zu führen. Technik ist jetzt 50.000 Jahre alt, und es ist nicht nützlich, das Vergangene zu beklagen und die Vorteile zu übersehen. Es hat immer noch einen großen Wert, wenn Menschen sich an einem Platz versammeln, um einen Film zu schauen. Ich hoffe, ich glaube sogar, so populär das Gucken von Filmen zuhause ist, dass Menschen immer noch weiter ins Kino gehen werden.



Haben Sie Vorbilder?

Gordon-Levitt: Sicher. (überlegt lange) Wen soll ich nennen? Wen ich wirklich bewundere, ist Donald Glover, der ein brillanter Schauspieler ist. Und ein brillanter Musiker, Stand-Up-Comedian, Erfinder der Fernsehserie „Atlanta“. Er drückt sich in einer Vielzahl von Künsten aus. Er drückt sich in packenden und lustigen und empfindsamen Wegen aus. Ich bin bestimmt nicht der einzige, der ihn lobt. Es geht ihm im Moment sehr gut. Es ist wunderbar, einen so anspruchsvollen Künstler zu beobachten, der dazu auch noch viel Erfolg hat.

Sie haben mit „Snowden“ und mit dem Drahtseilartist Philippe Petit in „The Walk“ reale, noch lebende Charaktere für Oliver Stone und Robert Zemeckis gespielt. Sind das Charaktere, die länger bei Ihnen bleiben als fiktionale Charaktere?

Gordon-Levitt: Ich habe immer noch Kontakt mit Mr. Stone und Mr. Petit. Ich fühle mich sehr geehrt, dass Mr. Petit seinen Segen gegeben hat, ihn in einem Film zu verkörpern. Sie sind beide wundervolle und faszinierende Typen. Ich bin glücklich, mit ihnen befreundet zu sein.



Fotos: © Universum

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