© DEFA-Stiftung/Jürgen Böttcher

Schnipsel #10: Bildinformation

Mittwoch, 15.01.2020

Beim Filmerbe wird mangels Alternativen oft auch visuell kaum ansprechendes Bildmaterial herangezogen, wie aktuell die Datenbank des einstigen DDR-Verleihs Progress zeigt.

Diskussion

Die Beschäftigung mit dem Filmerbe heißt oft, mangels Alternativen auch visuell kaum ansprechendes Bildmaterial für eine Digitalisierung heranzuziehen, insbesondere geschieht das bei historischen Archivbildern. Eine Goldgrube in dieser Hinsicht ist die Datenbank des einstigen DDR-Verleihs Progress, die sukzessive Archivbestände aus der DDR öffentlich zugänglich macht.


In Sachen Bildqualität hat die Digitalisierung eine Art Zweiklassengesellschaft hervorgebracht. Auf der einen Seite gibt es die Fortschrittserzählung vom immer schärfer werdenden, weil immer höher aufgelösten Bild, die auch im Filmerbe-Diskurs Wirkung zeigt; das körnige Bild der analogen Projektion gilt für debattenferne Entscheider bereitwillig als defizitär.

Und auf der anderen, der Nachtseite der strahlend-klaren HD-Aufnahmen, herrscht – qualitativ gesprochen – ein Sumpf. Weil in der Digitalisierung die Frage nach dem Speichermedium radikal runterskelettiert ist auf unterschiedlich große Datenpakete, und weil Distribution nur eine Frage der Zeit ist, also abhängig von der Schnelligkeit der Internetverbindung, ist als Bewegtbild auf welchem Screen auch immer sehr viel ästhetisch tolerierbar. Solange der Film nur irgendwie verdateit ist, als File vorliegt. Das Digitalisat noch der miesesten VHS-Kopie eines sonst nicht aufzutreibenden Films kann sich als Sichtungskopie dagegen heute munter durch die Netzwerke verbreiten. Oder gar auf Filmfestivals laufen – bei dem von Pjöngjang in Nordkorea, wo mitunter Sichtungskopien mit Timecode und Wasserzeichen zu sehen sind, aus Ahnungslosigkeit und Weltferne, beim Nürnberger Hofbauer-Kongress als Mittel der Wahl („Videoknüppel“), um Raritäten ins Programm drücken zu können.

Neu im Netz: Die Datenbank von Progress-Film

In diesem Sinne ließe sich sagen: Wessen Interesse allein der schieren Bildinformation gilt, kann die Datenbank von Progress-Film durchforsten wie andere Netflix. Kann ungeschnittenes Fernsehmaterial in geringer Qualität, mit Timecode und Progress-Logo, über die gerade ihr 40-jähriges Bestehen feiernden Grünen von 1993 in Berlin anschauen, in dem Marianne Birthler bereits Medienprofi genug ist, um zu wissen, dass man sich bei einem Interview nicht an die eigene Nase fassen sollte und deshalb noch einmal neu ansetzt. Oder eine Folge der Wochenschau Der Augenzeuge, die die Vereinigung Ägyptens und Syriens zur Vereinigten Arabischen Republik durch Abstimmung am 21. Februar 1958 vermeldet.

Seit Herbst 2019 ist die Datenbank online und gedacht natürlich für andere Zwecke. Die Rechte an dem Namen des einstigen DDR-Verleihs Progress trägt die Produktionsfirma Looksfilm von Gunnar Dedio, im Auftrag der Defa-Stiftung soll hier das DDR-Filmerbe inklusive später zugewachsener Archivstöcke (so erklärt sich das Fernsehmaterial aus den 1990er-Jahren) vermarktet werden durch Lizenzierung. Die reicht von der Vorführung von Filmen bis zu Ausschnitten für Dokumentationen.

3.600 Beiträge umfasst das Online-Archiv bislang, 10.000 sollen es einmal werden, und dass die Assoziation mit Streamingdiensten nicht ganz fern liegt, bestätigt Dedio im Gespräch. Die Website ist noch in der Betaphase, für die Benutzerfreundlichkeit soll eine Plattform entstehen, die den Erwartungen von Menschen entspricht, die sich Filme bei Amazon Prime anschauen oder Unterkünfte über Airbnb buchen – auch wenn die Datenbank an ein Fachpublikum adressiert ist.

Durchsuchbares Material

Digitalisierung des teils analogen, teils auf Videoformaten vorliegenden Ausgangsmaterials heißt hier vor allem, die Metadaten zugängig zu machen. Denn ohne Angaben darüber, was in welchem Beitrag mit oder von wem verhandelt und erzählt wird, wäre die Bereitstellung der Filme nutzlos. Das Material muss durchsuchbar sein.

Auch wenn bei Looksfilm knapp 40 Leute arbeiten – zeitlich und damit ökonomisch ist die Archivierung von solchen Mengen Materials nur mit Hilfe von intelligenter Software und KI-Applikationen machbar. Die versehen die Datenpakete, die die Endverbraucherin noch Film nennt, automatisch mit Stichworten, Tags, damit das historische Footage wieder in die heutige Bewegtbild-Zirkulation eingespeist werden kann. Wieder auffindbar ist.

Für Dedio verbindet sich mit diesem Geschäft auch ein politisches Ansinnen. Die Schieflagen im innerdeutschen Diskurs haben auch damit zu tun, wer Geschichte schreibt. Wenn die Filme dominieren, die im Westen über DDR, 1989 und Wiedervereinigung gedreht wurden, verlängert sich das dort geprägte Bild in den Diskurs. Der Vorsprung in der Erschließung des westdeutschen Materials hat so gesehen also ganz konkrete gesellschaftliche Auswirkungen. Die Progress-Datenbank soll nun die Perspektiven auf die Geschichte verbreitern.


Foto aus „Die Mauer“: DEFA-Stiftung/Jürgen Böttcher


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