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Zum Tode von Ivan Passer

Montag, 20.01.2020

Ein Nachruf auf den tschechischen Regisseur (10.7.1933-9.1.2020)

Diskussion

Der Filmemacher Ivan Passer war einer der Protagonisten der tschechischen Neuen Welle in den 1960er-Jahren, der mit Humor und dokumentarischer Genauigkeit der sozialistischen Realität einen Spiegel vorhielt. Gemeinsam mit seinem Freund Miloš Forman verließ er die Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und ging in die USA. Auch dort blieb er ein unvorhersehbarer Regisseur, der sich mit höchst unterschiedlichen Filmen hervortat.


In seinem Erinnerungsbuch „Rückblende“ schreibt Regisseur Miloš Forman von seiner Schulzeit im Schloss Poděbrady, das gleich nach dem Zweiten Weltkrieg von der tschechischen Regierung als reines Jungeninternat eingerichtet worden war, nach dem Vorbild der staatlichen Schulen in England. Die Jungen dort gingen, wie später Harry Potter, teils merkwürdigen Freizeitbeschäftigungen nach. Zum Beispiel jenem „Kappenspiel“, dessen Sinn darin bestand, seine Mütze gegen eine Backsteinwand zu drücken und sie ohne Hilfe der Hände, nur mit Kopf, Schultern oder Rücken, so lange wie möglich dort festzuhalten. Bei einem dieser Wettstreite stieß Forman auf einen ebenbürtigen Rivalen. Keiner wollte das Spiel verlieren, und um die aufkommende Langeweile zu vertreiben, fingen beide an zu schwatzen. „Der schwach gebaute Junge mit wachen Augen“, so Forman über seinen Mitschüler, „war der beste Erzähler, der mir je begegnet war. Er war schlagfertig, sarkastisch, ihm entging nichts.“

Der Junge hieß Ivan Passer und wurde bald Formans Freund. Geboren 1933 als Sohn einer jüdisch-katholischen Familie in Prag, hatte er miterleben müssen, wie die deutschen Besatzer seine Eltern in ein Arbeitslager schickten. Das Paar überlebte, trennte sich aber nach dem Krieg; der Sohn blieb beim Vater, hatte nach der Schulzeit allerlei Jobs und studierte schließlich, zwischen 1955 und 1958, an der Prager Film- und Fernsehfakultät FAMU. In einem für das tschechische Fernsehen 2009 gedrehten Interview berichtete Passer, dass er die FAMU verlassen musste, weil herausgekommen war, dass er die Abschlussnoten seines Schulzeugnisses aufgehübscht hatte, um überhaupt aufgenommen zu werden. Miloš Forman holte ihn dann ans berühmteste Theater Prags, die Laterna Magica. Dort leitete Passer „unsere komplizierte Technik mit seiner üblichen Virtuosität“, die er wenig später auch in erste Drehbücher einbrachte.

Ivan Passers Spielfilm-Regiedebüt: "Intime Beleuchtung"
Ivan Passers Spielfilm-Regiedebüt: "Intime Beleuchtung"

Komödien an der Zensur vorbei

Forman und Passer waren sich zu Beginn der 1960er-Jahre darüber einig, „dass Komödien leichter an der Zensur vorbei geschmuggelt werden könnten und dass sie am besten mit Laiendarstellern an realen Schauplätzen drehen sollten“ (Andreas Rauscher). Und genau so geschah es: Gemeinsam erarbeiteten beide die dokumentarischen Filme „Wettbewerb“ (Konkurs, 1963) über Kandidatinnen für einen Sängerwettstreit und „Wenn’s keine Musikanten gäbe“ (1963) über einen sonntäglichen Wettkampf zweier Blaskapellen. Die Stilprinzipien des Cinéma vérité vereinigten sich schon hier mit typisch tschechischem Schalk und Humor. Danach schrieb Passer auch an den Drehbüchern von Formans Der schwarze Peter (1963), Die Liebe einer Blondine (1965) und Der Feuerwehrball (1968) mit, wiederum Alltagsgeschichten, frech, melancholisch, anarchisch und völlig frei vom ideologischen Ballast der Post-Stalin-Zeit.

Als sich die jungen Regisseure der tschechischen Neuen Welle 1964/65 zusammenfanden, um einen Omnibusfilm nach Erzählungen ihres wichtigsten Inspirators und väterlichen Freundes, des Dichters Bohumil Hrabal (1914–1997) zu drehen, war selbstverständlich auch Ivan Passer mit von der Partie. Doch sein Kurzfilm „Ein fader Nachmittag“ (1964) wurde dann doch nicht in diese episodischen „Perlen am Meeresgrund“ aufgenommen, sondern gesondert gezeigt: ein skurril pointiertes Kammerspiel, das sich in einer Gaststätte vollzog, in der sich Vertreter zweier Generationen aneinander rieben. Ein eher leiser Film zwischen Ironie und Traurigkeit.

Bereits ein Jahr später gelang Passer sein erstes Meisterstück: Intime Beleuchtung, in dem ein Mann mit seiner Freundin einen früheren Mitschüler in dessen Villa am Rande der Stadt besucht. Die Chronik weniger Tage, hinter deren pittoresker Oberfläche, wie Ulrich Gregor schreibt, sich Leere, Abstumpfung, Selbstzufriedenheit, Beschränktheit zeigen: „Das war vielleicht das beste Werk des tschechoslowakischen Intimrealismus.“ Ein tschechischer Kritiker urteilte, hier sei das ureigene Wesen des modernen Kleinbürgertums in seiner ganzen Nacktheit ausgebreitet worden, ein Film „über die Leere einer Gesellschaft, deren Lebensziel sich auf der Jagd nach Befriedigung der eigenen Konsuminteressen verflüchtigt“ (Jan Zalman). Alles andere als ein Vorzeigefilm für den „realen Sozialismus“.

Gemeinsam mit Miloš Forman entstanden: Die Satire "Der Feuerwehrball"
Gemeinsam mit Miloš Forman entstanden: Die Satire "Der Feuerwehrball"

Auswanderung in die USA

Miloš Forman charakterisierte Ivan Passer als einen Menschen, der „nie durch Drohungen zu etwas zu bewegen war. Er ignorierte sie. Er führte sein Leben strikt nach seinen Regeln.“ So verwundert es kaum, dass Passer 1969, nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei, als einer der ersten beschloss, der neuen politischen Eiszeit zu entfliehen und sein Glück im Ausland zu suchen. Gemeinsam mit Forman ging er über Frankreich in die USA. 1981, als sein Vater im Sterben lag, durfte er mit einem Fünf-Tage-Visum noch einmal in die Heimat einreisen und nutzte die Gelegenheit, die Flucht seines Sohnes, der ebenfalls Ivan heißt, in die Wege zu leiten. Diese Flucht gelang auf abenteuerliche Weise.

Seine in den USA gedrehten Filme gerieten sehr disparat. In Pforte zur Hölle (1971) mit George Segal in der Hauptrolle profitierte Passer noch von seinen Komödienerfahrungen. Der Held, ein Friseur, finanzierte sich seine Heroinsucht mit kleinen Gaunereien und als Informant der Polizei: ein Film, der dem Alltag New Yorker Underdogs ziemlich genau auf der Spur war. Frankensteins Spukschloss (1975), gedreht in der Bundesrepublik mit US-amerikanischem Geld, erwies sich dagegen als veritabler Flop: Die satirischen Angriffe auf falsche Glücksversprechen in der Finanzwelt waren vordergründig und poltrig.

Einstand in den USA: "Pforte zur Hölle"
Einstand in den USA: "Pforte zur Hölle"

Ein pessimistischer Film mit unterschätzten Qualitäten

Sein vielleicht bester Film gelang ihm 1981: Cutter’s Way – Keine Gnade porträtiert einen Vietnam-Veteran, der schwer lädiert aus dem Krieg heimkehrt und einen Rachefeldzug gegen einen Ölmagnaten startet, der eine junge Frau ermordet haben könnte. Der Pessimismus dieses Films und die vieldeutig auslegbaren Handlungspartikel kamen beim amerikanischen Publikum eher nicht an; erst nach einem Neustart wurden zumindest Festivals und Kritiker auf die Qualitäten von „Cutter’s Way“ aufmerksam. Passer resümierte, dass die Filmfirma United Artists diesen „zu Unrecht fast vergessenen Meilenstein des Neo Noirs“ (Film Noir) durch eine falsche Verleih- und Werbestrategie zu Grabe getragen habe: „Man kann einen Film genauso töten wie einen Menschen.“

Der düsteren Charakterstudie folgten in den Jahren danach so unterschiedliche Arbeiten wie die Komödie Der Professor oder Wie ich meine Frau wiedererweckte (1985), das an Originalschauplätzen in Moskau inszenierte Biopic „Stalin“ (1992), die Robert-Louis-Stevenson-Verfilmung David Balfour: Zwischen Freiheit und Tod (1995) und zuletzt das in Kasachstan gedrehte, ebenso monumentale wie patriotisch fragwürdige Historienepos Nomad– The Warrior (2005).

Ein illusionsloses Gesellschaftsdrama: "Cutter's Way"
Ein illusionsloses Gesellschaftsdrama: "Cutter's Way"

Vier Meilensteine des modernen Kinos

Passers Filmografie lässt sich in kein Schema pressen. Sie ist durch Zufälligkeiten gekennzeichnet, auch durch Irrtümer. Mit seinen Stoffen kam er manchmal zu früh, andere waren von vornherein unausgegoren oder reine Auftragsprodukte. Doch sogar, wenn nur „Ein fader Nachmittag“ und „Intime Beleuchtung“, „Pforte zur Hölle“ und „Cutter’s Way“ bleiben: Es sind vier Meilensteine des modernen Kinos. Ivan Passer starb als einer der letzten Altmeister der tschechischen Neuen Welle 86-jährig in Reno in Nevada an einer Lungenerkrankung.


Fotos: Wikimedia, Progress, Endless Classics, MGM, Warner Home


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