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Ein Boss des eigenen Elends

Montag, 03.02.2020

Ein Interview mit Ken Loach zu „Sorry We Missed You“

Diskussion

Auch nach über 50 Jahren als Regisseur findet der Brite Ken Loach in der Gesellschaft noch immer so viel Ungerechtigkeit vor, dass er sie in Spielfilmen thematisieren muss. In seinem neuen Film „Sorry We Missed You“ (seit 30.1. im Kino, zur Kritik) greift er das Schicksal einer Arbeiterfamilie aus Newcastle auf, die durch den neuen Job des Vaters als Paketbote an den Rand ihrer Belastbarkeit getrieben wird. Ein Gespräch über Ärger als Grundlage von Geschichten, die Bedeutung der Sprache für den freien Markt und die Arbeit mit Laiendarstellern.


Was war der Ausgangspunkt für Ihren neuen Film?

Ken Loach: Nun, diese Arbeitsbedingungen machen einen wirklich ärgerlich, weil sie so ungerecht sind. Die Art und Weise, wie sich die Arbeit verändert hat, ist ungerecht. Früher besaßen die Menschen einen Job, der sicher war, mit Kündigungsschutz und Gehältern, die ausreichten, um eine Familie zu ernähren. Das hat sich entscheidend verändert. Arbeit ist prekär geworden. Es gibt keine Garantie mehr, ob man morgen noch einen Job hat oder nicht. Die Gehälter sind gesunken, und man weiß nicht mehr, ob man in der nächsten Woche noch dasselbe verdient. Das nutzt nur dem Arbeitgeber, weil die Arbeitskosten geringer werden. Für die Arbeiter ist es schlecht, weil es keine Sicherheit mehr gibt. Sie können ihr Leben nicht mehr planen. In unserem Land brauchen viele Menschen finanzielle Hilfe vom Staat, weil sie nicht genug zum Leben haben.

Im Unterschied zu Ihrem Film „Ich, Daniel Blake“ (2016) kommt der Ärger aber sehr viel leiser daher.

Loach: Das liegt vielleicht daran, dass wir die Geschichte um eine Familie herum zentriert haben. Es geht um eine Familie, die in Not gerät. Sie wehren sich, sie tun ihr Bestes. Doch die Situation, in die sie hineingeraten sind, bedeutet, dass die Eltern abends erschöpft nach Hause kommen. Am Ende ist der Vater ein Gefangener in seinem eigenen Lastwagen. Wir wollten eine Geschichte erzählen, die vielen Menschen zustößt. Es ist keine extreme Geschichte. Wir hätten zum Beispiel die wahre Geschichte eines Mannes erzählen können, der seine Krankenhaustermine verpasst hat. Er war Diabetiker und hat alle Termine versäumt. Es wäre alles in Ordnung gekommen, wenn er nicht den ganzen Tag für seine Firma hätte fahren müssen. Er ging nicht ins Krankenhaus und starb mit 53 Jahren. Es gab Fälle wie diesen. Aber wir dachten, wenn wir so einen außergewöhnlichen Fall nehmen, dann würden die Leute sagen: „Das ist ein extremer Fall, eine Ausnahme. So etwas passiert mir nicht.“ Doch was wir jetzt beschreiben, passiert Millionen von Familien! Darüber kann man wirklich ärgerlich werden.

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Glauben Sie, dass ein Plan dahintersteckt, um die Mächtigen an der Macht zu halten?

Loach: Der freie Markt hat sich so entwickelt. Die Belohnung für diejenigen, die die Kontrolle haben, ist groß – sie erhalten Millionen. Millionen! Die Zahl der Armen aber steigt im gleichen Maße. In Großbritannien leben 14 Millionen Menschen in Armut, darunter vier Millionen Kinder. 1,5 Millionen Menschen sind völlig mittellos, sie haben nicht die Möglichkeit, sich Lebensmittel oder ein Dach über dem Kopf zu leisten. Letztes Jahr wurden über zwei Millionen Lebensmitteltaschen von Wohltätigkeitsorganisationen verteilt, eine halbe Million davon allein für Kinder. Sie hätten sonst nichts zu essen. Die Mittelschicht ist davon auch betroffen. Wohlhabendere Familien haben Telefon und Internet – sie sind plötzlich rund um die Uhr für ihren Arbeitgeber erreichbar. Die neuen Technologien halten uns auf Abruf.


Sie sind über 80 Jahre alt und machen schon seit mehr als 50 Jahren Filme. Wo nehmen Sie noch immer diese Energie her?

Loach: Vielen Dank, dass Sie mich an mein Alter erinnern! Ich hätte sonst vergessen, dass ich schon 83 bin. Es gibt so viele Geschichten zu erzählen. Ich sage Ihnen, wo das herkommt: Jeden Morgen wache ich auf und höre im Radio die BBC. Die Berichterstattung zum Vorteil des rechten Flügels ist dort so groß, dass man sich schon bei der ersten Tasse Tee zu ärgern beginnt. Das treibt mich zur Arbeit an. Um wieder ernster zu werden: Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, und ich habe das Glück, mit einem wundervollen Autor zusammenzuarbeiten: Paul Laverty. Wir arbeiten jetzt schon seit einem Vierteljahrhundert zusammen, und seine Energie trägt viel dazu bei.

Das ist eine wirklich lange Zeit, die Sie sich schon kennen. Wie arbeiten Sie konkret zusammen?

Loach: Paul lebt in Schottland, und ich in England. Wir schicken uns regelmäßig Mails und telefonieren viel, sehen uns aber auch relativ häufig. So führen wir unsere Unterhaltungen fort, bei denen wir ständig auf neue Gedanken kommen; die Idee über Arbeit und ihre Veränderungen ist über einen langen Zeitraum gewachsen. Paul hat dann recherchiert. Ich helfe ihm ein bisschen, und dann reden wir darüber, was für einen Film wir machen wollen. Er skizziert einige Charaktere, dann reden wir wieder darüber – bis wir über die Essenz der Sache sprechen. Anschließend schreibt Paul eine Storyline, und so nimmt der Film nach und nach Gestalt an. Wir reden in jeder Phase, aber Paul ist derjenige mit dem Stift in der Hand und schreibt alles auf, und dann geht es los.

Interessant ist auch die Art und Weise, wie der Vorgesetzte von Ricky, dem Protagonisten von „Sorry We Missed You“, spricht, diese modernen Vokabeln, die jeden Sachverhalt als positiv verkaufen. Stammt das von Paul Laverty?

Loach: Ja, die Sprache ist sehr wichtig. Paul hat diese Art, sich auszudrücken, in der Werbung für diese Jobs gefunden. „Sie werden ein Entrepreneur“, „Sie werden der Meister Ihres Schicksals“, „Sie sind ein Krieger der Straße“. Das ist eine Sprache, die die Gewinner von den Verlierern unterscheiden soll. Diese ganze Verherrlichung des Unternehmertums – in England gibt es Fernseh-Programme, die die Idee promoten, dass jeder sein eigener Boss sein könnte. Das ist natürlich eine Lüge. Der Kampf um Worte ist sehr interessant und wichtig. Sollen sie doch einfach die Wahrheit sagen und nicht alles hinter diesen Euphemismen verstecken! Die Sprache behauptet das Gegenteil von dem, was wirklich passiert.


Wie ist das zu erklären?

Loach: Man muss auf die Medien schauen, auf die BBC und ihre Sendungen, auf das öffentliche Bewusstsein. Die Idee des Kapitalismus ist immer noch sehr stark, obwohl die Struktur selbst sehr schwach ist. Immer mehr Firmen machen Pleite. Erst vor kurzem ist Englands größte Reiseagentur, Thomas Cook, zusammengebrochen. Das System ist nach innen hin sehr zerbrechlich. Die Idee dahinter aber, der freie Markt, ist sehr stark. Das wäre eine Aufgabe für eine linke Regierung, darauf hinzuweisen, dass dies alles Propaganda ist. Dies ist die Realität. Wie ändern wir das in jedermanns Interesse? Das ist ein großer Kampf.

Darin liegt aber auch eine große Ironie. Ricky will sein eigener Boss sein, zumal er mit anderen schlecht zusammenarbeitet. Stattdessen wird er nur noch abhängiger…

Loach: Ja, Sie haben recht, das ist pure Ironie. Er glaubt anfangs der Propaganda. Wie so viele! Die Konservativen sind bei Umfragen immer noch vorne. Sie haben die Gesellschaft so intensiv durchdrungen, dass man sie nur schwer wieder abschütteln kann.

Stammt diese Idee des „eigenen Bosses“ noch aus Zeiten von Margaret Thatcher oder Tony Blair?

Loach: Die Ausbeutung von Arbeitern hat verschiedene Phasen durchlaufen. In früheren Zeiten wurde das Fließband erfunden, wo jedermann an einem bestimmten Punkt der Produktion eine andere Aufgabe hatte. Die Arbeitgeber wollten, dass dieses Fließband sich schneller bewegt. Die Arbeiter aber wollten (und konnten) nicht so schnell arbeiten. Das war das eigentliche Schlachtfeld. Dann machten die Arbeitergeber Zugeständnisse: Acht-Stunden-Tag, 40-Stunden-Woche, das war das nächste Schlachtfeld. Um mehr Profit zu erzielen, gab es einen Kampf gegen die Gewerkschaften, die Arbeitslosigkeit stieg, die alten Fabriken wurden geschlossen. Arbeiter wurden verletzlicher. Im Wettbewerb gegen andere Firmen mussten sie dann die Arbeitskosten senken. Wie machen sie das? Sie finden Wege, den Acht-Stunden-Tag oder die 40-Stunden-Woche zu unterwandern. Sie stellen Arbeiter an, die sie wie einen Schalter an- und ausmachen können. Es gibt keinen bezahlten Urlaub mehr, keine Krankentage, keine Versicherung. Es gibt keine garantierte Anzahl von Arbeitsstunden. Es gibt keine Verpflichtung mehr gegenüber dem Arbeiter. So wird Arbeit billig, aber auch prekär. Der Mindestlohn wird unterlaufen, wenn sie nur 20 Stunden arbeiten. Davon können sie nicht leben. Die Art und Weise der Ausbeutung hat sich geändert.


Es gibt im Film einen sehr zärtlichen Moment, wenn Rickys Frau, die sich aufopfernd um andere Leute kümmert, von einer Klientin gefragt wird, ob sie ihr das Haar bürsten dürfe. Ist das als Trost für den Zuschauer gemeint?

Loach: So haben wir das nicht gesehen. Es ist aber nett, dass Sie es erwähnen. Es ist das, was wir vorgefunden haben. Die Gesellschaft hat zwei Gesichter. Sie zeigt auch, wie wir sind, als Menschen, als Nachbarn, als mitfühlende Menschen. Das ist ja eigentlich das Normale, dass ein Nachbar, wenn es ihm schlecht geht, Hilfe erhält. Darauf beziehen wir uns. Wir haben festgestellt, dass die Pflegekräfte – übrigens nicht alles Frauen, es gibt auch einige Männer darunter – mitfühlende, generöse Menschen sind und mehr Arbeitszeit investierten, als sie entlohnt bekommen. Es war ihnen 20 Minuten erlaubt, um einen alten Menschen aus dem Bett zu hieven, ihm Frühstück zu machen, ihn zu waschen und ihm Medizin zu geben. Das schafft man aber unmöglich in dieser Zeit. So mussten sie häufig einfach länger arbeiten. Die Bezahlung ist aber für 20 Minuten kalkuliert. Die Fahrzeit von einem Patienten zum anderen wird gar nicht bezahlt. So erhalten sie von einer Stunde nur ein Drittel bezahlt – bei einem Stundenlohn von 8,50 Pfund. Mit anderen Worten: Sie erhalten drei Pfund für eine Stunde Arbeit. Das ändert allerdings nichts an ihrer Großmütigkeit, weil sie eine Beziehung mit einer anderen Person haben. Sie können sich nicht einfach abwenden. Man kann eine alte Frau nicht halbangezogen dasitzen lassen. Das ist eine schwierige Situation. Der Arbeitgeber beutet sie aus, wohl wissend, dass sie ihre Patienten niemals im Stich lassen würden.

Es gibt aber auch lustige Situationen, etwa wenn Ricky sich mit einem Kunden über Fußball streitet. Die Situation ist desaströs, aber Sie lassen uns trotzdem lachen…

Loach: Jeder interessiert sich für Fußball. Die Menschen sind einfach leidenschaftlich, was Fußball angeht. Es gibt stets Witze von Fans verschiedener Mannschaften, und einige Jokes halten sich jahrelang. Die meisten Fußballer von Manchester United leben gar nicht in Manchester, das wird dem Verein immer entgegengehalten. Es gibt so viele Geschichten über Fußball – das ist das, was uns am Leben erhält.

Es gibt ein berühmtes Zitat aus der britischen Popgeschichte: „Anger isn’t energy“. Damit stimmen Sie nicht überein?

Loach: Wut kann gefährlich sein. Der Moment, in dem Wut von der Rechten ausgenutzt wird. Nicht die Wut gegen das System, sondern gegen den Nachbarn, der anders aussieht, weil er aus einem anderen Land kommt. Das ist die große Gefahr, dass Wut nicht konstruktiv, sondern destruktiv ist. Das wiederum hängt von der politischen Führung ab.


Sie gewinnen Ihren Schauspielern eindrucksvolle naturalistische Darstellungen ab. Wie arbeiten Sie mit ihnen?

Loach: Neben dem Drehbuch ist es das Wichtigste, dass es durch die Darsteller zum Leben erweckt wird. Die Suche nach den richtigen Darstellern nimmt dabei viel Zeit in Anspruch. Kris Hitchen hat mal als Schauspieler begonnen, aber vor allem als Klempner gearbeitet. Und er besaß einen Lieferwagen. Debbie Honeywood arbeitet als Assistenzlehrerin mit Kindern, die Lernschwierigkeiten haben; sie hatte nur wenig Schauspielerfahrung. Die beiden Kinder kommen aus Schulen vor Ort. Sie zu finden war ein langer Prozess, aber sie waren beide toll, und es war gut mit ihnen zu arbeiten. Man führt sie einfach von Anfang bis Ende durch die Geschichte, und wenn es eine Überraschung gibt, dann ist sie einfach da. Niemand im Film wusste, dass das kleine Mädchen die Schlüssel genommen hat. Als sie ihnen das erzählte, war das eine echte Überraschung. Das war schon gefährlich, denn wir wussten nicht, was geschehen würde, insbesondere wie Kris das aufnehmen würde. Als er im Pub den Telefonanruf erhielt, dachte er, er würde zurückgehen und sagen: „Tut mir leid, es wird nicht wieder geschehen.“ Er hatte keine Ahnung, dass sie das sagen würde. Ich denke, das ruft eine große Emotion hervor, denn sie hatte es geheim gehalten. Wir haben gefilmt, wie sie die Schlüssel wegnahm, und ich habe ihr gesagt: „Das ist unser Geheimnis. Erzähl niemandem davon.“ Sie fragte immer: „Wann kann ich es sagen?“, und ich musste antworten: „Jetzt nicht“. In der Szene fingen sowohl sie als auch Kris an zu weinen, das hatte ich nicht gewusst. Aber es schafft eine bestimmte Art von Energie. Wenn man eine Lesung macht, dann ist das sechs Wochen später beim Dreh nicht mehr von Interesse. Aber es ist ein Risiko, so zu inszenieren.

Wie viele Leute haben Sie zum Vorsprechen kommen lassen?

Loach: Hunderte. Ich arbeite mit einer Casting-Direktorin, die dieselben Ideen hat wie ich. Wir beginnen damit, dass wir uns zusammen Leute anschauen. Dann arbeitet man heraus, was gebraucht wird. Die Listen werden kürzer, wir sehen sie sieben Mal, in verschiedenen Situationen, wir machen kleine Improvisationen.

Sie arbeiten mit nichtprofessionellen Darstellern. Wie schwer ist es, den Menschen zu sagen, dass sie die Rolle nicht bekommen haben?

Loach: Jeder weiß, dass es auch noch andere Bewerber gibt. Wenn sie so weit gekommen sind, kann man ihnen sagen, dass sie wirklich gut sind; das sollte ihnen ein gutes, starkes Gefühl geben.


Sie haben viele bedeutende Preise gewonnen, aber auch gesagt, dass Film die Wirklichkeit nicht verändert. Was hält das Filmemachen in der Zukunft für Sie noch bereit?

Loach: Ich weiß nicht, ob ich noch einen weiteren Film drehen werde. Das ist wie beim Fußball – man nimmt jedes Spiel, wie es kommt. Es gibt viel zu tun, aber ob ich das tun kann, weiß ich nicht.

Wie wichtig ist Newcastle für den Film?

Loach: Es ist ein guter Ort, um dort zu arbeiten. Die Geschichte könnte überall spielen, aber Newcastle ist gut, weil dort die alten Industrien wie Kohle, Stahl und Schiffbau verschwunden sind. Es gibt eine lange Tradition von Arbeitskämpfen, der Dialekt ist sehr stark, die Sprache ist komisch, sie haben eine Fußballmannschaft, Newcastle United, die jeder unterstützt. Die Stadt besitzt eine sehr reiche Kultur: die Sprache, die Architektur und die Landschaft.


Fotos: NFP

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