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Der Jahrhundertmann

Donnerstag, 06.02.2020

Nachruf auf den US-Schauspieler Kirk Douglas (9.12.1916-5.2.2020)

Diskussion

Der am 5. Februar im Alter von 103 Jahren gestorbene US-Schauspieler Kirk Douglas war ein vitaler, an allen Aspekten des Filmschaffens interessierter Künstler, der auch schon im Studiosystem seine eigenen Wege ging und bald als Co-Produzent tätig wurde. Ein Kämpfer, der im hohen Alter nach einem Schlaganfall nochmals sprechen lernte und versöhnt auf sein Leben und seine Karriere zurückblickte.


Heerscharen von Legenden gibt es über die lockere und oberflächliche Haltung von Hollywood-Stars, die entweder überhaupt keinen Blick in ihre Skripte geworfen, ausschließlich ihre eigenen Zeilen gelesen oder nur herausgesucht haben, welche Kostüme sie tragen würden. Doch keine Legende ohne ihr Gegenteil: Wenn jemand dem Vorurteil des desinteressierten Schauspielers in keinster Weise entsprach, so war es Kirk Douglas, dessen Drang nach Beteiligung am gesamten filmischen Entstehungsprozess gleichfalls legendenhaften Charakter annahm.

David Miller, der Regisseur des melancholischen Post-Westerns „Einsam sind die Tapferen (1961), den Douglas als seinen liebsten Film bezeichnete, erinnerte sich, dass sein Star nicht nur alle Dialoge des Drehbuchs genau gelesen hatte, sondern auch sämtliche Regieanweisungen – mit der für Miller nicht erfreulichen Folge, dass Douglas auch über jedes Detail diskutieren wollte. Das Verhältnis war dementsprechend angespannt, was Kirk Douglas als Fußnote seiner guten Erinnerung an den Film auch zugab: „Die beste Beziehung in dem Film hatte ich zu meinem Pferd Whisky. Von ihm kam keine Widerrede.“


Der Ruf eines intelligenten Schauspielers eilte ihm voraus

Was David Miller als seltenen Fall eines Schauspielers mit „Intelligenz“ bezeichnete, fiel nicht erst ihm auf, sondern begleitete die Wahrnehmung von Kirk Douglas seit seinen Anfangstagen in Hollywood. Sogar mit Stanley Kubrick, seinerseits ein Filmschaffender von nicht geringem Selbstbewusstsein, lieferte sich Douglas heftige Dispute bei ihren beiden gemeinsamen Filmen: der ehrgeizige Antikriegsfilm „Wege zum Ruhm“ (1957), bei dem sich der Schauspieler für den noch nicht mal 30-jährigen Regisseur ausgesprochen hatte, weil ihn Kubricks „The Killing“ beeindruckt hatte, und „Spartacus“ (1960), bei dem Kubrick auf Douglas’ Bitte hin Anthony Mann ersetzte, der nach einer Woche ausgestiegen war.

In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs: "Wege zum Ruhm"
In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs: "Wege zum Ruhm"

Kirk Douglas war beide Male auch einer der Produzenten, eine Zusatzaufgabe, die ihm bei seinem Hang zur Kontrolle quasi natürlich zugewachsen war. Schon 1952 hatte er für Vincente Minnelli in „Stadt der Illusionen“ einen Hollywood-Produzenten gespielt, der mit Einfallsreichtum und Sturheit zum Meister seiner Zunft aufsteigt und dabei im Zweifel auch seine engsten Vertrauten ausbeutet. Am Ende hat er zwar Ruhm und Reichtum erlangt, doch seine früheren Freunde – dank ihm alle ebenfalls sehr erfolgreich in ihren Berufen – haben sich von ihm losgesagt und lehnen eine erneute Zusammenarbeit ab. Einsam sind die Tapferen, wobei die Betonung hier auf „einsam“ liegt.


Ein Kämpfer, der keinerlei Rücksicht nimmt

Die Aggressivität seiner Figuren beziehungsweise seines eigenen Charakters – wie bei vielen Stars ohne echte Trennschärfe – führte Kirk Douglas stets auf seine Herkunft zurück: die Geburt als Sohn russischer Einwanderer, die Armut in der Kindheit, einen trinkenden Vater, der als Lumpensammler arbeitete, das Gefühl, als Jude doppelt so viel leisten zu müssen wie andere.

Schon seine ersten Filmauftritte griffen diese Grundaggression konstruktiv auf, indem sie Douglas als ewig Kämpfenden zeigten, der auf andere keinerlei Rücksicht nahm. Oft ist der mit 1,75 Metern nur mittelgroße Darsteller in leicht schiefer, lauernder Haltung zu sehen, die Schultern gesenkt und die Fäuste noch unten am Körper, den Kopf mit der hochgefönten Frisur jedoch hochgereckt, was dank seines markanten, ebenfalls nach oben weisenden Kinns eine noch größere Arroganz ausstrahlt, die Zähne leicht gebleckt.

„Er lächelt niemals richtig“, heißt es in „Zwischen Frauen und Seilen“ (1949) über den Boxer, den Kirk Douglas spielt: Ein Faustkämpfer, der außerhalb des Rings noch mehr auf der Hut zu sein scheint, weil diese Welt nicht den Ring-Regeln unterworfen ist und Angriffe auf unerwartete Weise kommen können. In jedem Boxkampf gelten seine Schläge auch einem Schicksal, das ihn als Benachteiligten auf die Welt kommen ließ und dem er es heimzahlen will. Als er sich im kalten Zorn von seiner Freundin (Marilyn Maxwell) trennt, führt er auch ihr die Faust ans Kinn: „Du hast mich einmal fallen gelassen – jetzt lasse ich dich fallen!“

Als von der Zeit überholter Cowboy in "Einsam sind die Tapferen".
Als von der Zeit überholter Cowboy in "Einsam sind die Tapferen".

In Kirk Douglas’ Filmen kommt es immer wieder zu solchen Szenen, in denen er mittels eines „I-You“-Antagonismus eine Trennlinie zwischen sich und dem Rest der Welt zieht. In „Reporter des Satans“ (1951) spielt er für Billy Wilder eine seiner zynischsten Rollen, einen Sensationsreporter, der eine Rettungsaktion für einen Verschütteten verzögert, um diese für mehr Schlagzeilen auszuschlachten. Der Medienzirkus läuft so lange, bis der Verunglückte aufgrund der ausbleibenden Hilfe stirbt; der von seinem Leben angeekelte, obendrein schwer verletzte Zeitungsmann schleppt sich in die Redaktion zu einer letzten Konfrontation mit seinem Chef: „Ich bin ein Tausend-Dollar-am-Tag-Mann. Sie können mich umsonst haben!“


Seine Figuren buhlen nicht um Sympathie

Etliche Stufen weniger an Angriffslust, aber nicht weniger insistierend ist Douglas’ Interpretation von Vincent van Gogh in Minnellis „Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft (1956): kein introvertierter, still leidender Künstler, sondern ein von (Selbst-)Qualen verzehrter Geist, den die Ignoranz der Welt und das nicht eintretende Lebensglück in den Wahnsinn treiben. Ein Mann, der keinen Platz für sich sieht und seinem Bruder Theo (James Donald) vorhält: „Du hast in Paris gefunden, was du wolltest. Ich habe nichts gefunden. Nirgendwo.“

Mit John Wayne in der Westernkomödie "Die Gewaltigen" (1966).
Mit John Wayne in der Westernkomödie "Die Gewaltigen" (1966).

Obwohl Kirk Douglas keineswegs auf Schurken festgelegt war und immer wieder Vorbild-Charaktere spielte – Spartacus, den wohlmeinenden Oberst in „Wege zum Ruhm“, den (Banjo spielenden und singenden!) Walfänger Ned Land in „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) –, hielten seine Figuren etwas auf Distanz. Vor allem in seinen frühen Rollen buhlt er kaum um Sympathie, oft stößt er vor den Kopf.

Dennoch zieht seine bebende Körperlichkeit den Blick auf sich, weckt seine Vitalität Neugier auf den nächsten Ausbruch, dessen Gründe man oft sogar nachvollziehen kann. Schließlich ist es immer wieder die Gesellschaft um ihm herum, die ihm das Leben auch da schwermacht, wo seine Figuren die besten Absichten haben. In „Einsam sind die Tapferen“ versucht der von Douglas gespielte Cowboy Jack Burns in einer Bar die Pöbeleien eines einarmigen Mannes zu ignorieren; als es doch zum Zweikampf kommt, den er vermeiden wollte, legt er eine Hand auf den Rücken, um für Chancengleichheit zu sorgen – eine Fairness, die ihm keiner der Anwesenden zugutehält.

In der Komödie „Ein Brief an drei Frauen“ (1949) trifft es seine Figur sogar noch härter: Ausgerechnet an seinem Geburtstag hat seine Frau (Ann Sothern), eine Autorin für Radio-Seifenopern, ihre Chefin (Florence Bates) zum Essen eingeladen, die eine seiner wertvollen Schallplatten erst geringschätzt und dann kaputtmacht, um ihn anschließend zu zwingen, ein besonders schnulziges Radioprogramm zu hören. Kirk Douglas offenbart hier mit der gezügelten Wut eine interessante Nuance seiner üblichen Leinwand-Persona, die sich am Ende des Abends in einer standesgemäßen Zornesrede nicht nur auf die ignorante Besucherin, sondern auf die allgemeine Seichtigkeit der Unterhaltungsindustrie Bahn bricht.

Ungewohnt, aber sehr effektvoll als getriebener Vincent Van Gogh in "Ein Leben in Leidenschaft".
Ungewohnt, aber sehr effektvoll als getriebener Vincent Van Gogh in "Ein Leben in Leidenschaft".


Herr seiner selbst

Der Wunsch, sich nicht dem anspruchslosen Entertainment unterzuordnen, war von der Persönlichkeit Kirk Douglas nie wegzudenken. Auch wenn er zu einer Zeit in Hollywood wirkte, als das Studiosystem noch weitgehend intakt war, ließ er früh seinen Willen erkennen, sich seine Rollen bewusst auszusuchen. Als er sich doch auf einen Studio-Vertrag einließ, der ihm eine bestimmte Zahl von Filmen vorschrieb, trat er ohne Gage in einem mittelmäßigen Western auf, nur um wieder aus dem Vertrag herauszukommen.

Zu seiner jüdischen Herkunft hatte er zeitweise ein ambivalentes Verhältnis, doch künden seine Filmauftritte in jüdischen Rollen von „Der Gehetzte“ (1953) über „Der Schatten des Giganten“ (1965) bis „Erinnerungen einer Liebe“ (1982) vom steten Bewusstsein seiner Wurzeln, zu denen er in den 1990er-Jahren auch als praktizierender Jude wieder zurückkehrte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kirk Douglas wenige Jahre zuvor einen Hubschrauberabsturz überlebt und nach einem Schlaganfall neu sprechen gelernt. Indem er von dessen Folgen gezeichnet noch mehrmals vor die Kamera trat (etwa 2003 in „Es bleibt in der Familie“ zusammen mit seinem Sohn Michael Douglas und seinem Enkel Cameron Douglas) und seine Wahrnehmung des Schlaganfalls auch im Buch „My Stroke of Luck“ niederschrieb, erwies er sich auch im hohen Alter als rege und an der Gesellschaft hochinteressiert.

Mit Sohn Michael in "Es bleibt in der Familie".
Mit Sohn Michael in "Es bleibt in der Familie".

Beginnend mit seiner Autobiografie „The Ragman’s Son“ (1988) schrieb Kirk Douglas bis 2014 insgesamt zehn Bücher; zudem führte er einen Blog auf der Website der „Huffington Post“, wo er noch wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag Ende 2016 auf sein Leben zurückblickte und eine versöhnliche Bilanz zog: „Je länger ich gelebt habe, umso weniger bin ich von der Unvermeidlichkeit des Wandels überrascht, und freue mich, dass so viele der Wandel, die ich erlebt habe, gut gewesen sind.“ Am 5. Februar 2020 starb der Jahrhundertmann Kirk Douglas in Beverly Hills.


Fotos: Fox/MGM, Koch, Universal, MGM, Buena Vista

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